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Guy de Maupassant: Das Haus - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDas Haus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGesammelte Werke
volume4
printrun10. Tausend
year1921
firstpub1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidfe7b1b20
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Im Lenz

Wenn die ersten schönen Tage kommen, die Erde erwacht und sich mit neuem Grün überzieht, und die warmen Düfte uns umspielen, wir sie einatmen, sie bis ins Herz zu dringen scheinen, dann kommen über uns unsägliche, unbestimmte Wünsche: die Lust davonzulaufen, irgendwohin auf gut Glück; Abenteuer zu suchen; den Lenz zu genießen.

Da der Winter in diesem Jahr sehr streng gewesen war, so kam dieses Gefühl des Erwachens der Natur im Monat Mai über mich wie eine Trunkenheit, wie der junge Lebenssaft überkräftig in die Zweige strömt.

Eines Morgens, als ich aufwachte, lachte mich durch die Scheiben der große, blaue, sonnenstrahlende Himmel an. Die Kanarienvögel an den Fenstern der Nachbarhäuser schmetterten ihr Lied hinaus. Die Dienstmädchen sangen in allen Etagen, heiterer Lärm klang von der Straße herauf und ich ging aus in glückseliger Stimmung, ich wußte selbst nicht wohin.

Wem man auch begegnete, alle zeigten eine heitere Miene. Ein Hauch von Glück lag überall im hellen warmen Lichte des neuen Frühlings. Es war, als striche ein Liebeshauch über die Stadt, und den Mädchen, die in ihren Morgenkleidern vorübergingen, strahlte aus den Augen etwas wie heimliche Liebe, daß sie liebreizender dahinschritten, und mir wurde, ich weiß nicht wie.

Ich kam ganz von selbst an die Seine. Die Dampfschiffe eilten nach Suresnes und plötzlich überfiel mich die Lust, durch den Wald zu streifen.

Das Verdeck der »Fliege« wimmelte von Passagieren. Denn der erste Sonnenstrahl lockte alles heraus. Es war ein Kommen und Gehen, ein Lachen und Plaudern ohne Ende.

Neben mir saß ein Mädchen, ohne Zweifel eine kleine Arbeiterin, ein entzückender Blondkopf mit Löckchen an den Schläfen. Sie war von ganz pariserischem Liebreiz. Ihre Locken, die förmlich leuchteten, fielen bis zum Halse herab und flatterten im Winde. Im Nacken hatte sie einen feinen leichten Flaum, kaum sichtbar, der einem aber die unwiderstehlichste Lust einflößte, ihn mit tausend Küssen zu bedecken.

Da ich sie fortwährend anblickte, wandte sie den Kopf zu mir. Dann schlug sie plötzlich die Augen nieder. Es zuckte leise um ihren Mund, als wollte sie lächeln, und dabei sah man auch hier einen hellen seidigen Flaum, der in der Sonne goldig schimmerte.

Der ruhige Fluß verbreiterte sich. Die Wärme brütete auf dem Wasser. Hier und da nur klang ein Laut von Leben und Treiben. Meine Nachbarin schlug die Augen auf, und da ich sie unverwandt ansah, lächelte sie diesmal wirklich. Das stand ihr reizend, und in dem scheuen Blick, den sie mir zuwarf, lagen tausend Dinge, die mir bis dahin fremd gewesen. Ich sah in unbekannte Tiefen, sah alle Zärtlichkeit der Liebe, alle Poesie, die das Leben verschönt, alles Glück, nach dem wir immer suchen. Und ein wahnsinniger Wunsch überkam mich: die Arme auszubreiten und sie mit mir fortzuschleppen, um ihr süße Worte der Liebe ins Ohr zu flüstern.

Schon wollte ich den Mund öffnen und sie anreden, als mich jemand auf die Schulter tippte. Ich drehte mich erstaunt um und gewahrte einen recht alltäglich ausschauenden Menschen, weder alt noch jung. Er sah mich mit trauriger Miene an und sprach:

– Ich möchte mit Ihnen reden.

Ich schnitt ein Gesicht. Er bemerkte es ohne Zweifel, denn er fügte hinzu:

– Es ist was sehr Wichtiges.

Ich stand auf und folgte ihm nach der anderen Seite des Schiffes. Da sagte er:

– Wissen Sie, wenn der Winter kommt und es kalt wird, Regen fällt und Schnee, dann rät Ihnen Ihr Arzt täglich: »Sehen Sie zu, daß Sie keine kalten Füße bekommen, erkälten Sie sich nicht, hüten Sie sich vor Schnupfen, Katarrh und Lungenentzündung.« Dann ergreifen Sie allerhand Vorsichtsmaßregeln, tragen eine Unterjacke, einen Winterüberzieher, dicke Stiefel, obgleich Sie das nicht davor schützt, eventuell auch einmal zwei Monate im Bett liegen zu müssen. Aber wenn der Frühling wiederkommt, mit seinen Blättern und Blüten, mit seinen warmen, lauen Lüften, wenn die Felder ihre Düfte ausströmen, das unbestimmte Gefühl Sie überschleicht, eine Sehnsucht, Sie wissen nicht wonach, dann sagt keiner zu Ihnen: »Hüten Sie sich vor der Liebe, die lauert überall, sie wartet auf Sie an allen Ecken und Enden, sie braucht alle Art List und Waffen, alle Niederträchtigkeit hält sie für Sie bereit, hüten Sie sich vor der Liebe!« Hüten Sie sich vor der Liebe! Die ist gefährlicher als Schnupfen, Katarrh und Erkältung, sie vergeht nicht, sie verführt uns alle zu Dummheiten, zu Dummheiten, die nie wieder gut zu machen sind. Ja, ich kann Ihnen sagen, eigentlich müßte die Regierung an allen Mauern große Anzeigen anschlagen lassen mit den Worten: ›Der Frühling kommt, Bürger Frankreichs hütet euch vor der Liebe!‹ Genau so, wie man an die Häuser Zettel hängt: ›Achtung! Frisch gestrichen!‹ Nun, sehen Sie, da die Regierung das nicht thut, trete ich an ihre Stelle und ich sage Ihnen: »Hüten Sie sich vor der Liebe, Sie sind nahe daran, daß sie Sie packt!« Und es ist meine Pflicht, Sie zu warnen, genau so, wie man in Rußland jeden Vorübergehenden warnt, dessen Nase zu erfrieren droht.

Ich blieb erstaunt vor diesem seltsamen Manne stehen, nahm eine gemessene Miene an und sprach:

– Gestatten Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache, daß Sie sich in Dinge mischen, die Sie nichts angehen.

Er machte eine heftige Bewegung und antwortete:

– O, bitte sehr! Bitte sehr! Wenn ich sehe, daß sich jemand irgendwo ertränken will, soll ich ihn einfach ertrinken lassen? Hören Sie mal zu, ich will Ihnen meine Geschichte erzählen und dann werden Sie begreifen, wie ich dazu komme, Ihnen das zu sagen.

Voriges Jahr zur selben Zeit wie jetzt ist's gewesen. Übrigens möchte ich Ihnen vorerst sagen, daß ich Beamter bin im Marineministerium, wo unsere Vorgesetzten, die Kommissare, ihre Federfuchseruniform für so wichtig halten, daß sie uns so grob behandeln wie irgend einen gemeinen Matrosen. Ah, wenn alle Vorgesetzten Zivilbeamte wären, na – aber lassen wir das. Also von meinem Bureau aus sah ich ein kleines Stück blauen Himmels, an dem die Schwalben vorüberstrichen und da überkam mich unter den staubigen Aktenstößen plötzlich geradezu die Lust, zu tanzen.

Mein Freiheitsbedürfnis wuchs dermaßen, daß ich trotz inneren Widerstrebens meinen alten Affen von Chef aufsuchte. Er war ein kleiner, störrischer, mürrischer immer wütender Kerl. Ich meldete mich krank. Er guckte mich an und rief:

– Hören Sie mal, die Krankheit glaube ich Ihnen nicht. Na, aber machen Sie nur, daß Sie fortkommen. Aber glauben Sie nicht, daß ein Bureau bei solchen Beamten bestehen kann.

Ich aber lief davon, der Seine zu. Das Wetter war so schön wie heute und ich nahm die »Fliege«, um nach Saint-Cloud zu fahren. Ah, wissen Sie, mein Chef hätte mir keinen Urlaub geben dürfen.

Mir war's als müßte ich mich recken und strecken im Sonnenschein. Alles liebte ich: das Schiff, den Strom, die Bäume, die Häuser, meine Nachbarn, alles. Mich überkam die Lust, irgend etwas zu umarmen, irgend was, ganz gleich was. Das war die Liebe, die mir ihre erste Falle stellte.

Plötzlich stieg beim Trocadéro ein junges Mädchen ein, mit einem Packet in der Hand, und setzte sich mir gegenüber.

Hübsch war sie, ja; aber 's ist sonderbar, wie viel hübscher man die Frauenzimmer findet, wenn es schönes Wetter ist. Im Lenz, da haben sie alle so etwas Berauschendes, Liebreizendes, etwas ganz Besonderes.

Ich blickte sie an, sie gab mir die Blicke zurück, aber nur ab und zu, wie das Mädchen Sie eben angeguckt hat. Als wir uns eine Weile so in die Augen geschaut, war mir, als kennten wir uns genug, um eine Unterhaltung anzufangen und ich redete sie an. Sie antwortete. Sie war reizend, wirklich reizend und sie nahm mich sofort völlig gefangen.

In Saint-Cloud stieg sie aus. Ich folgte ihr. Sie hatte dort etwas abzuliefern. Als sie wieder erschien, war das Dampffchiff eben abgegangen und ich schritt neben ihr her. Ganz benommen von der balsamischen Luft mußten wir beide seufzen.

Ich sagte zu ihr:

– Ach, wär's jetzt schön im Walde!

Und sie antwortete:

– O ja.

– Wenn wir ein bißchen hingingen – was meinen Sie, Fräulein?

Sie warf mir einen forschenden, flüchtigen Blick zu, als wollte sie abschätzen, was ich wert sei, zögerte einen Augenblick und nahm endlich an. Nun gingen wir Seite an Seite unter den Bäumen. Das Laubdach war noch dünn, das Gras aber schon hoch und dicht, von hellem Grün, wie lackiert, und darauf lag die Sonne, und allerhand kleine Tiere kletterten an den Halmen umher und – liebten sich auch. Überall klang der Gesang der Vögel. Da fing meine Begleiterin an zu laufen, sprang umher, ganz berückt von der Luft und von den ländlichen Düften, und ich rannte hinter ihr drein und sprang wie sie. Ach, manchmal ist man zu dumm.

Dann fing sie an, alle möglichen Liedchen zu trällern, Opern, Arien, das Lied der Musette. O, wie mir das Lied der Musette da zu Herzen ging, ich hätte beinahe geweint. Ach, alle solche Albernheiten steigen uns zu Kopf. Ich warne Sie, gehen Sie nur ja nicht mit einem Mädchen spazieren, das im Freien singt. Vor allen Dingen thun Sie's nicht, wenn sie das Lied der Musette singt.

Bald war sie müde und setzte sich auf eine grüne Anhöhe. Ich nahm zu ihren Füßen Platz und faßte ihre Hand. Ihr kleines Händchen, dessen Fingerspitzen von der Nadel zerstochen waren. Das stimmte mich weich. Ich sagte mir: das sind die heiligen Spuren der Arbeit. O, wissen Sie, was die bedeuten, die heiligen Spuren der Arbeit? Sie reden von den Klatschereien der Nähstube, von geflüsterten Unanständigkeiten, geistiger Befleckung durch schmutzige Worte, von verlorener Unschuld, von all dem albernen Geschwätz, von dem ganzen Elend täglicher Frohn, von jener Beschränktheit, die allen Weibern eigen ist, besonders aber denen, die an den Fingerspitzen die heiligen Spuren der Arbeit tragen.

Dann schauten wir uns lange in die Augen.

O, welche Gewalt übt so ein Frauenblick! Wie er einen verwirrt, sich einschleicht, Besitz ergreift und herrscht! Er scheint so tief zu sein, so viel Versprechungen ruhen darin. Das nennt man: »Bis in die Seele blicken«. Ach, solch ein Unsinn! Wissen Sie, wenn man wirklich in die Seele blicken könnte, würde man vernünftiger sein.

Endlich war ich ganz gefangen, ich wollte sie in die Arme schließen, aber sie sagte:

– Hand von der Butten!

Da kniete ich neben ihr nieder und entdeckte ihr mein Herz. Ich legte ihr alle Zärtlichkeit zu Füßen, von der meine Seele überfloß. Sie war sehr erstaunt darüber, wie ich mich verändert, und blickte mich von der Seite an, als wollte sie sagen: Ah, lieber Freund, das ist's? Na, da werden wir mal sehen.

In der Liebe sind wir immer die dummen Laien und die Frauen sind die gerissenen Geschäftsleute.

Ich hätte sie ohne Zweifel leicht erobern können. Später habe ich meine Dummheit eingesehen; aber was ich suchte, war nicht ein Leib, das war Empfindung, das war etwas Ideales. Ich habe da in Gefühl gemacht, wo ich meine Zeit hätte besser anwenden können.

Sobald sie von meinen Beteuerungen genug hatte, stand sie auf, und wir gingen nach Saint-Cloud zurück. Ich verließ sie erst in Paris. Seit wir uns heimwärts gewandt, sah sie so traurig aus, daß ich sie endlich fragte, was ihr fehle. Sie antwortete:

– Ich denke daran, daß solche Tage im Leben nie wiederkehren. – Mein Herz klopfte zum Zerspringen.

Am nächsten Sonntag sah ich sie wieder, dann am Sonntag darauf und schließlich jeden Sonntag. Ich fuhr mit ihr nach Bougival, Saint-Germain, Maisons- Laffitte, Poissy, überallhin in die Umgebung von Paris, wohin Liebespärchen ihre Ausflüge unternehmen. Die kleine Range that ihrerseits verliebt bis über beide Ohren.

Endlich verlor ich vollkommen den Kopf und drei Monate später heiratete ich sie.

Wissen Sie, das ist nu mal so, man ist Beamter, hat keine Familie, niemand rät einem, man sagt sich, es wäre ganz schön verheiratet zu sein und bums, heiratet man eben die.

Und dann keift sie von früh bis abends, hat von nichts eine Ahnung, versteht nichts, schwatzt ununterbrochen und gröhlt den ganzen Tag das Lied der Musette.

O, dieses furchtbare, lederne Lied der Musette!

Dann zankt sie sich mit dem Kohlenmann, erzählt der Portiersfrau alle Intimitäten ihres Haushaltes, vertraut dem Dienstmädchen des Nachbarn alle Geheimnisse ihrer Ehe an, macht ihren Mann bei den Kaufleuten schlecht und hat den Kopf voll so blödsinniger Geschichten, voll so idiotischer Ideen, so thörichter Ansichten, so wunderlicher Vorurteile, daß man vor Verzweiflung heulen möchte, jedesmal, wenn man mit ihr redet. –

Er schwieg, ein wenig außer Atem, sehr bewegt. Ich sah ihn an, und das Mitleid mit diesem armen, dummen Teufel packte mich und ich wollte ihm eben etwas antworten, als das Dampfschiff hielt. Wir kamen in Saint-Cloud an.

Das junge Mädchen, das mich angelockt, stand auf, um auszusteigen. Sie ging an mir vorüber, warf mir einen Blick zu mit jenem flüchtigen aber verheißungsvollen Lächeln, das einem den Kopf verdrehen kann. Dann trat sie auf die Landungsbrücke.

Ich wollte ihr folgen, aber mein Nachbar packte mich beim Ärmel. Mit heftiger Bewegung machte ich mich los. Da hielt er mich an den Rockschößen fest, riß mich zurück und sagte:

– Sie sollen ihr nicht nachgehen! Nein, Sie sollen nicht aussteigen!

Und er sagte das so laut, daß sich alle Leute umdrehten.

Man lachte um uns herum, und so blieb ich stehen, wütend aber ohne den Mut, mich lächerlich zu machen und Aufsehen zu erregen. Und das Schiff fuhr weiter.

Das junge Ding machte auf der Landungsbrücke Halt und sah mir mit enttäuschter Miene nach, während sich mein Peiniger die Hände rieb und mir ins Ohr flüsterte:

– Hören Sie mal, da habe ich Ihnen aber einen höllischen Dienst geleistet!

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