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Guy de Maupassant: Das Haus - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDas Haus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGesammelte Werke
volume4
printrun10. Tausend
year1921
firstpub1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidfe7b1b20
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Die Landpartie

Seit fünf Monaten hatten sie sich vorgenommen, am Geburtstag der Frau Dufour eine Landpartie in die Umgegend von Paris zu machen. Da alle diese große Unternehmung mit Ungeduld erwarteten, so waren sie an dem Tage schon zeitig aufgestanden.

Herr Dufour hatte vom Milchhändler einen Wagen geborgt und kutschierte selbst. Das zweirädrige Wägelchen sah sehr nett aus. Es hatte ein Verdeck, das auf eisernen Stangen ruhte und Gardinen. Man hatte sie jetzt in die Höhe gezogen, um die Landschaft zu sehen. Nur der hintere Vorhang flatterte wie eine Fahne im Winde. Frau Dufour saß strahlend neben ihrem Mann in einem Kleide von auffallender kirschroter Seide. Hinten hatten die alte Großmutter und ein junges Mädchen Platz genommen. Aus dem Wagen guckte noch das blonde Haar eines jungen Menschen heraus, der sich, weil kein Sitz mehr da war, auf den Boden hingesetzt und von dem man nur den Kopf sah.

Sie waren die Avenue des Champs-Elysées hinuntergefahren durch die Festungswerke am Thor Maillot und betrachteten nun die Landschaft.

Als sie an die Brücke von Neuilly kamen, sagte Herr Dufour:

– Gott sei Dank, jetzt sind wir im Freien!

Und seine Frau fing bei diesen Worten sofort an, die Natur anzuschwärmen.

Beim Rondell von Courbevoie waren sie voll Bewunderung über die Größe des Blickes, der sich vor ihnen aufthat. Weit drüben rechts lag Argenteuil, dessen Kirchturm in die Lüfte ragte, darüber erschienen die Höhenzüge von Sannois und die Mühle von Orgemont; links zeichnete sich vom klaren Morgenhimmel der Aquädukt von Marly ab. In der Ferne sah man die Terrasse von Saint-Germain, während gerade gegenüber am Ende einer Hügelkette frische Erdarbeiten das neue Fort von Cormeilles bezeichneten. Ganz im Hintergrunde, weit hinter jenen Dörfern, erblickte man einen dunklen Strich: den Wald.

Die Sonne fing an, auf den Gesichtern zu brennen. Der Staub flog fortwährend in die Augen und zu beiden Seiten der Straße zog sich ödes, schmutziges, stinkendes Feld hin, das gar kein Ende nahm. Es war, als ob hier die Lepra gewütet und alles bis auf die Häuser abgefressen hatte, denn die Ruinen verfallener und verlassener Gebäude oder kleine Hütten, die nicht fertig geworden, weil die Unternehmer kein Geld mehr gehabt, erhoben ihre vier dächerlosen Wände zum Himmel.

Hier und da ragten aus dem unfruchtbaren Boden mächtige Fabrikschornsteine, die einzigen Bauwerke auf diesen öden Feldern, von denen der Frühlingswind einen Petroleum- und Mergelgestank herüberschickte, in den sich noch andere unangenehmere Düfte mischten.

Endlich waren sie zum zweiten Mal über die Seine gekommen und auf der Brücke kreischten sie vor Freude. Der Fluß strahlte im Licht. Leichter Dunst stieg davon auf, von der Sonne aufgesogen, und alle empfanden eine süße Beruhigung, eine wohlthuende Erfrischung, endlich die reinere Luft zu atmen, die nicht von dem schwarzen Dampf der Fabriken oder dem Gestank der Düngerplätze geschwängert war.

Der Wagen hielt und Herr Dufour las die einladende Inschrift eines Restaurants:

»Restaurant Poulin, frische und gebackene Fische, Gesellschaftszimmer, Park, Schaukeln.«

– Nun, Frau Dufour, Paßt Dir's? Entschluß? Entschluß!

Die Frau las nun ihrerseits:

»Restaurant Poulin, frische und gebackene Fische, Gesellschaftszimmer, Park, Schaukeln.«

Dann betrachtete sie lange Zeit prüfend das Haus. Es war ein hellgestrichenes Landwirtshaus, das hart an der Straße lag. Durch die offene Thür sah man die blinkende Zinnfläche des Schanktisches, vor dem zwei Arbeiter im Sonntagsstaat standen.

Endlich faßte Frau Dufour einen Entschluß und sagte:

– Gut, einverstanden! Sieht ganz anständig aus! Und dann haben wir hier einen schönen Blick.

Der Wagen fuhr in das große baumbepflanzte Grundstück, hinter dem Wirtshaus, das von der Seine nur durch den Treidelweg getrennt war.

Sie stiegen also aus. Der Mann sprang zuerst herab und öffnete die Arme, um seine Frau aufzufangen. Der Tritt des Wagens war so hoch, daß Frau Dufour, als sie ihn mit dem Fuß erreichen wollte, ein Bein sehen ließ, dessen einstige Zartheit heute unter ansehnlicher Dicke verschwand.

Herr Dufour stimmte die Landpartie schon lustig und er kniff seine Frau in die Waden. Dann packte er sie unter die Arme und setzte sie schwerfällig zu Boden wie ein Riesenpacket.

Frau Dufour schüttelte den Staub aus ihrem Seidenkleid und blickte sich um.

Sie war eine Frau von etwa sechsunddreißig Jahren, etwas dick, blühend ausschauend, auf der man gern sein Auge ruhen ließ; sie atmete mühsam wegen ihres zu stark geschnürten Korsetts. Der Druck dieser Maschine trieb ihren wogenden, mächtigen Busen bis unter das Kinn hinauf.

Dann folgte das junge Mädchen. Sie legte die Hand auf die Schulter ihres Vaters und sprang ganz allein zu Boden. Der junge Mann mit dem blonden Haar war ausgestiegen, indem er den Fuß auf das Rad gestellt, und half nun Herrn Dufour, die Großmutter abzuladen.

Dann wurde das Pferd ausgespannt und an einen Baum gebunden. Der Wagen kippte vorn über, die Gabeldeichsel berührte den Boden. Die Männer hatten ihren Rock ausgezogen und wuschen sich in einem Wassereimer die Hände. Dann folgten sie ihren Damen, die sich schon auf die Schaukel gesetzt hatten.

Fräulein Dufour versuchte sich ganz allein stehend zu schaukeln. Aber sie konnte sich keinen genügenden Schwung geben. Sie war ein schönes Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren, groß mit schlanker Taille und breiten Hüften, eines jener Wesen, das einem, wenn man es auf der Straße sieht, sofort auffällt, an das man den ganzen Tag überdenkt. Sie hatte eine dunkle Gesichtsfarbe, große Augen und sehr schwarze Haare. Unter ihrem Kleid zeichneten sich ihre vollen festen Formen ab, die noch mehr hervortraten bei ihren Bemühungen, sich zu schaukeln. Mit hocherhobenen Armen hielt sie die Stricke der Schaukel, sodaß ihre Brust bei jedem Stoß vortrat. Der Wind hatte ihr den Hut entführt, der nun hinter ihr lag. Die Schaukel setzte sich langsam in Bewegung, daß man jedesmal bis zum Knie des Mädchens fein gefesselte Beine gewahrte, und den beiden Männern, die ihr lachend zusahen, war das Fliegen der Röcke bei jedem Schwunge berauschend wie Weindunst.

Frau Dufour saß auf der anderen Schaukel und brummte fortwährend:

– Cyprien, schubse mich doch mal! Schubse mich doch mal.

Endlich ging er hin, krempelte die Hemdsärmel auf, als hätte er eine große, schwere Arbeit zu verrichten, und setzte mit unsäglicher Mühe seine Frau in Bewegung. Sie klammerte sich an den Strick und streckte die Beine gerade aus, um den Boden nicht zu berühren. Und sie empfand ein glückseliges Gefühl bei dem Hin- und Hersausen der Schaukel. Ihre Formen zitterten wie Gallert auf einer Schüssel. Aber als die Stöße immer heftiger wurden, packte sie plötzlich Schwindel und Angst. Jedesmal wenn es abwärts ging, kreischte sie laut, sodaß die Straßenjungen zusammenliefen, deren grinsende Gesichter man nun sah, drüben, auf der anderen Seite der Hecke, die den Garten umgab.

Die Kellnerin war gekommen. Das Frühstück wurde bestellt.

Mit wichtiger Miene sagte Frau Dufour:

– Gebackene Seinefische, ein recht schön zubereitetes Kaninchen, Salat und Dessert!

Ihr Mann fügte hinzu:

– Und dann bringen Sie zwei Liter gewöhnlichen und eine Flasche Bordeaux.

Das junge Mädchen sagte darauf:

– Wir wollen im Garten essen.

Die Großmutter hatte der Anblick der Hauskatze tief gerührt. Sie verfolgte sie schon seit zehn Minuten und bedachte sie mit allen möglichen Schmeichelnamen, Das Tier, das sich im Innern seiner Seele sicher sehr geschmeichelt fühlte durch diese Aufmerksamkeit, blieb immer in der Nähe der guten Frau. Es ließ sich jedoch nicht anfassen, sundern schlich ganz ruhig mit emporgerichtetem Schwanz und gemütlichem Schnurren um die Bäume herum, gegen die es sich rieb.

Der junge Mann mit dem blonden Haar, der überall herumstänkerte, rief plötzlich:

– Donnerwetter! Da sind ja riesig chike Boote.

Man ging hin, um sie anzusehen. Unter einem kleinen hölzernen Schuppen gewahrte man zwei wunderhübsche, fein und peinlich, wie Luxusmöbel gearbeitete Boote. Sie lagen dort nebeneinander wie zwei große, schlanke Mädchen, lang, schmal, leuchtend, daß man sofort Lust bekam, an einem milden Abend oder hellen Sommermorgen damit auf dem Wasser hinzugleiten, die blumenbedeckten Ufer entlang, wo die Bäume ihre Zweige ins Wasser hängen ließen, wo das Schilf ewig zittert und hier und da schnelle Eisvögel wie blaue Blitze dahinhuschen.

Die ganze Familie betrachtete sie mit großer Bewunderung. Herr Dufour sagte gewichtig:

– Ah, ja, die sind schön.

Und er setzte genau ihre Vorzüge auseinander. Er war, wie er sagte, in seinen jungen Jahren auch Boot gefahren. Mit so ein paar Dingern in der Hand – dabei machte er die Bewegung des Ruderns – könne ihm die ganze Welt den Buckel herauf laufen.

Damals, in Joinville, hätte er unterwegs mehr wie einen Engländer geschlagen! Dann machte er seine Witze über das Wort »Damen«, womit man die beiden Gabeln bezeichnet, auf denen die Ruder ruhen, indem er sagte, daß ein Ruderer eben niemals ohne Damen sei. Er renommierte immer mehr und behauptete schließlich, mit so einem Boot könnte er, ohne sich weiter anzustrengen, sechs Meilen in der Stunde zurücklegen.

Die Kellnerin, die am Garteneingang erschienen war, rief:

– Das Essen ist fertig.

Aber leider war der beste Platz, den sich Frau Dufour vorhin schon im Geiste ausgesucht hatte, von zwei jungen Leuten besetzt. Ohne Zweifel waren es die Besitzer der Boote, denn sie trugen Rudereranzüge.

Sie hatten sich auf ihren Stühlen ausgestreckt, sodaß sie fast lagen, waren sonnenverbrannt und trugen nur leichte wechwollene Trikotjacken, aus denen die kräftigen, muskulösen nackten Arme ragten. Es waren zwei große starke Jungens, die sich auch etwas darauf einbildeten und in allen ihren Bewegungen jene elastische Grazie zur Schau trugen, die das Rudern verleiht.

Als sie die Mutter sahen, wechselten sie lächelnd einen Blick und dann einen zweiten, als sie die Tochter gewahrten. Und der eine sagte:

– Wir wollen ihnen doch unsere Plätze anbieten, dann werden wir gleich mit ihnen bekannt.

Sofort stand der andere auf, trat heran, die schwarz und rot gestreifte Mütze in der Hand, und bot ritterlich den Damen den einzigen Platz im Garten an, wohin die Sonne nicht fiel. Unter unendlichen Höflichkeiten nahmen Dufours an. Und damit es einen ländlichen Anstrich haben sollte, schob man Tisch und Stuhl beiseite, und die ganze Familie setzte sich ins Gras.

Die beiden jungen Leute trugen ihren Teller auf einen andern Tisch ein Stück davon und fingen wieder an zu essen. Ihre nackten Arme setzten das junge Mädchen ein wenig in Verlegenheit. Sie that sogar, als wende sie den Kopf ab, um sie nicht zu sehen, während Frau Dufour, die mehr Mut hatte, von einer gewissen weiblichen Neugierde getrieben, die vielleicht auch Verlangen war, sie fortwährend betrachtete, indem sie sie offenbar mit den verborgenen Häßlichkeiten ihres Mannes verglich.

Sie hatte sich mit gekreuzten Beinen, wie die Schneider, im Grase niedergelassen und schüttelte sich fortwährend, weil sie behauptete, es seien ihr Ameisen irgendwo angekrochen. Herr Dufour war schlechter Laune geworden durch die Gegenwart und Liebenswürdigkeit der Fremden. Er suchte unausgesetzt eine bequeme Stellung, die er übrigens nicht fand. Der junge Mann mit den blonden Haaren schlang schweigend wie ein Vielfraß sein Essen hinunter.

Die dicke Dame sagte plötzlich zu einem der beiden Ruderer, weil sie höflich sein wollte wegen der Zuvorkommenheit, die jene gehabt:

– Schönes Wetter heute, nicht wahr?

Er antwortete:

– Ja wohl, gnädige Frau. Kommen Sie oft aufs Land?

– O nur ein oder zweimal jährlich, um Luft zu schnappen. Und Sie?

– Ich übernachte immer hier draußen.

– O, das muß hübsch sein!

– Ja, gewiß, gnädige Frau.

Und nun erzählte er etwas dichterisch ausgeschmückt von seinem täglichen Leben, sodaß im Herzen dieser Stadtmenschen, die sonst kein Grün sahen und immer nach Landpartien dürsteten, jene thörichte Naturverhimmelung aufzusteigen begann, die sie das ganze Jahr hindurch hinter ihrem Ladentisch in Bann hielt.

Das junge Mädchen war ganz bewegt, blickte auf und schaute die Ruderer an. Herr Dufour sprach zum erstenmal:

– Ja, das ist mal ein Leben!

Er fügte hinzu:

– Willst Du noch ein bißchen Karnickel haben, meine Liebe?

– Nein, danke sehr, lieber Freund!

Sie wandte sich wieder zu den jungen Leuten und deutete auf ihre Arme:

– Frieren Sie denn nicht so?

Sie fingen beide an zu lachen und erzählten von wunderbaren körperlichen Leistungen, von Bädern, die sie genommen als sie noch schweißtriefend gewesen, von nächtlichen Fahrten im Nebel. Die Familie hörte ganz entsetzt zu, während sich die Ruderer heftig auf die Brust schlugen, um zu zeigen, wie das klänge.

– O, Sie sehen kräftig aus! – sagte Herr Dufour, der nun gar nicht mehr von der Zeit sprach, wo er die Engländer besiegt hatte.

Das junge Mädchen blickte sie von der Seite an, und der junge Mann mit den blonden Haaren, der sich verschluckt hatte, fing verzweifelt an zu husten, sodaß er das kirschfarbene Kleid der Frau bespie, die wütend ward und Wasser holen ließ, um die Flecken abzuwaschen.

Mit der Zeit wurde die Hitze fürchterlich. Der glitzernde Fluß strahlte Feuergluten aus und die Wirkung des Weines kam hinzu.

Herr Dufour hatte den Schlucken bekommen. Er knöpfte seine Weste und die obersten Hosenknöpfe auf, während seine Frau allmählich, da sie sich zum Ersticken beengt fühlte, ihr Kleid öffnete. Der Lehrling schüttelte sein Flachshaar und leerte ein Glas nach dem andern. Die Großmutter fühlte, daß sie etwas zu viel getrunken hatte und blieb infolgedessen steif und würdevoll sitzen, während man dem jungen Mädchen nichts anmerkte. Ihr Auge wurde lebhafter und ihre dunkle Haut bekam auf den Wangen einen rosigen Schein.

Sie hatten eben den Kaffee getrunken und schlugen vor zu singen. Jeder trug irgend etwas vor. Die andern klatschten wütend Beifall. Darauf erhob man sich mit Mühe. Und während die beiden Frauen schwer atmend dasaßen, fingen die Männer, die vollkommen betrunken waren, an, zu turnen. Mit purpurrotem Gesicht, hingen sie sich ungeschickt wie Mehlsäcke an die Ringe, ohne einen Klimmzug zu Stande bringen zu können. Ihre Hemden drohten jeden Augenblick aus der Hose zu fahren und wie eine Fahne in der Luft herum zu flattern. Während dessen hatten die Ruderer ihre Boote ins Wasser gelassen und kamen höflich zu den Damen, um ihnen eine Fahrt auf der Seine vorzuschlagen, Frau Dufour rief:

– Dufour, bist Du einverstanden, bitte sag es!

Er sah sie mit trunkenem Ausdruck an und begriff eigentlich gar nicht recht, was sie wollte. Da näherte sich ihm der eine Ruderer, zwei Angelruten in der Hand. Bei der Hoffnung, selbst mit eigenen Händen einen Gründling zu fangen, diesem höchsten Ideal einer jeden Krämerseele, leuchteten die matten Augen des Schafskopfes, der nun alles erlaubte, was sie wollten. Er setzte sich mit der Angelrute unter die Brücke in den Schatten und ließ die Beine über dem Wasser baumeln, während sich der junge Mann an seiner Seite hinstreckte und einschlief.

Einer der Ruderer opferte sich und übernahm die Mutter. Während er davon fuhr, rief er noch:

– Zum Wäldchen auf der englischen Insel!

Das andere Boot folgte langsamer. Der Ruderer starrte seine Begleiterin so an, daß er ganz aufgeregt wurde und die innere Bewegung ihm die Kräfte nahm.

Das junge Mädchen saß lässig ihm gegenüber im wohligen Gefühl, auf dem Wasser dahin zu gleiten. Ihr war es, als ob ihr die Gedanken schwänden, als ob eine köstliche Ruhe ihr die Glieder löste. Sie war rot geworden und atmete kurz. Der Wein und die Hitze auf dem Fluß, der unter ihnen strömte, waren ihr so zu Kopf gestiegen, daß ihr schien, als verneigten sich vor ihnen alle Bäume. Da überkam sie ein unbestimmtes Glücksgefühl. Das Blut rann ihr schneller durch die Adern. Aber auch das Zusammensein mit dem jungen Mann auf dem einsamen Strom zwischen menschenleeren Ufern setzte sie in Verlegenheit. Der Ruderer fand sie schön, sein Auge wanderte unausgesetzt wie liebkosend über ihre Gestalt und seine glühenden Wünsche brannten auf ihr wie die Sonnenstrahlen.

Sie konnte kein Wort sprechen und in immer wachsender Erregung betrachtete sie die Landschaft. Endlich gab er sich einen Ruck und fragte, wie sie heiße.

– Henriette, – sagte sie.

– Nein, so was, ich heiße Heinrich.

Der Ton ihrer Stimmen hatte sie wieder beruhigt und sie blickten den Strom hinab. Das andere Boot hatte Halt gemacht als erwartete es sie. Der Rüderer drüben rief:

– Wir treffen euch im Walde wieder. Wir fahren bis Robinson, die gnädige Frau hat Durst.

Dann legte er sich in die Ruder Und flog so schnell davon, daß er bald ihrem Gesichtskreise entschwand.

Von weitem hörte man unbestimmt und ununterbrochen ein dumpfes Getöse, das immer näher kam. Der ganze Fluß schien zu beben, als ob der Lärm aus der Tiefe stiege.

– Was ist das? – fragte sie.

Es war der Sturz des Wassers über den Damm, der an der Spitze der Insel den Fluß durchschnitt. Er fing an zu erklären, als im Tosen des Wasserfalles von weit her eine Vogelstimme klang. Da sagte er:

– O, die Nachtigallen singen während des Tages, also brüten die Weibchen.

Eine Nachtigall! Noch nie hatte sie eine Nachtigall gehört und der Gedanke, ihr zu lauschen, zauberte ihr Vorstellungen süßester Zärtlichkeit ins Herz. Eine Nachtigall, der unsichtbare Zeuge der Liebe Romeos und Juliens, diese Musik, mit der der Himmel die Küsse der Menschen begleitet, dieser Gesang, der den armen kleinen Mädchenherzen als das Ideal romantischer Sehnsucht erscheint.

Sie sollte also die Nachtigall schlagen hören.

– Wir wollen keinen Lärm machen, – sagte ihr Begleiter, – dann können wir in den Wald gehen und uns ganz nahe davon setzen.

Das Boot schien hinzugleiten. Die Insel kam zum Vorschein mit ihren Bäumen, die sich bis an das Ufer zogen. Sie landeten. Das Boot wurde befestigt. Henriette stützte sich auf Heinrichs Arm und sie schritten nebeneinander in das Dickicht.

– Bücken Sie sich! – sagte er.

Sie bückte sich und sie traten durch dichtes Gewirr von Lianen und Schilf in eine für jeden andern unauffindbare kleine Lichtung, deren Zugang man kennen mußte und die der junge Mann lachend sein »Privatgemach« nannte.

Gerade über ihnen saß in den Zweigen eines Baumes, der sich über sie bog, der Vogel und schmetterte sein Lied. Er sang Triller und Roller, dann zogen langgedehnte Töne durch die Luft, die sich im weiten Raume längs des Flusses in der Ebene verloren, auf der schweigend die Hitze brütete.

Sie sprachen aus Furcht, der Vogel möchte davon fliegen, kein Wort. Sie saßen nebeneinander. Langsam legte Heinrich den Arm um Henriettens Leib und zog sie leicht an sich. Ohne böse zu werden, nahm sie die kühne Hand und schob sie jedesmal wieder, sobald sie sich ihr näherte, leise von sich. Aber die Zärtlichkeit setzte sie nicht weiter in Verlegenheit, als ob es etwas ganz Natürliches sei, das sie ebenso natürlich abwehrte.

Glückselig lauschte sie dem Vogel. Sie empfand ein unendliches Glücksbedürfnis; ein jäher Wunsch nach Zärtlichkeit durchschoß sie und über sie kam eine wunderbar poetische Stimmung. Ihre Nerven waren so erregt, ihr ward so weh und weich ums Herz, daß sie weinen mochte, sie wußte nicht warum. Jetzt preßte der junge Mann sie an sich und sie dachte nicht mehr daran, ihm zu wehren.

Plötzlich schwieg die Nachtigall. Von weitem rief eine Summe:

– Henriette!

Et sagte leise zu ihr:

– Antworten Sie nicht, sonst fliegt der Vogel davon.

Und sie dachte auch nicht daran, zu antworten.

So blieben sie einige Zeit. Frau Dufour hatte sich irgendwo hingesetzt, denn man hörte ein unbestimmtes Geräusch, von Zeit zu Zeit einen kleinen Schrei der dicken Dame, die sich wahrscheinlich mit dem anderen Ruderer neckte.

Das junge Mädchen weinte noch immer. Süße Gefühle schlichen sich in ihr Herz, ihr war warm geworden und ein Schauer lief ihr über den Leib. Heinrichs Kopf lehnte an ihrer Schulter und plötzlich küßte er sie auf den Mund. Sie war empört, wollte ihm ausweichen und warf sich hintenüber. Aber er stürzte sich über sie und bedeckte sie mit seinem Leibe. Lange Zeit hindurch suchte er ihre Lippen, die ihm auswichen, dann fand er sie und drückte seinen Mund darauf. Da überkam sie unzähmbare Lust: sie erwiderte seine Küsse und drückte ihn an die Brust. Und ihr ganzer Widerstand sank zusammen, als laste ein zu schweres Gewicht auf ihr.

In der Weite war alles still. Der Vogel begann wieder zu singen, zuerst schmetterte er drei durchdringende Töne hinaus wie einen Liebesschrei, dann fing er nach einem Augenblick Schweigen mit schwächerer Stimme langsam seine Melodien an.

Ein leiser Luftzug wehte daher, daß die Blätter rauschten, und unter den Bäumen tönten zwei glühend tiefe Seufzer zum Gesange der Nachtigall beim leisen Rauschen des Windes.

Da ward der Vogel wie trunken, seine Stimme steigerte sich allmählich gleich einem Feuer, das aufflammt, oder wie hervorbrechende Leidenschaft, und schien den leisen Ton von Küssen unter dem Baume zu begleiten. Dann schwoll das Schmettern aus der Kehle plötzlich bis zur Raserei. Er hielt einen Ton lange aus, dann kamen melodische Triller. Ab und zu ruhte er wieder ein wenig. Zwei oder drei Mal klang leise sein Ton, der kurz abbrach, und dann wieder fing er mächtig an zu singen, sprudelte ganze Tonleitern hervor. Ein Zittern, ein plötzlicher Ruck ging durch den Gesang, ein rasendes Liebeslied, dem ein Schrei des Triumphes folgte.

Plötzlich schwieg er, als unter ihm ein langer Seufzer klang, so tief, als wäre es der letzte Atemshauch eines Sterbenden. Ganz allmählich verlöschte dieser Laut und ging über in ein erlösendes Schluchzen.

Sie waren beide blaß, als sie ihr grünes Lager verließen. Der blaue Himmel erschien ihnen dunkler als zuvor. Für ihre Augen war die glühende Sonne erloschen und sie merkten jetzt die große Einsamkeit, das große Schweigen. Eilig, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich zu berühren, gingen sie nebeneinander her, als wären sie unversöhnliche Feinde geworden, als ob zwischen sie der Ekel getreten sei, der Haß sie überkommen hätte.

Ab und zu rief Henriette:

– Mama!

Unter einem Busch vernahm man Geräusch und Heinrich meinte einen weißen Unterrock zu sehen, der schnell über eine dicke Wade gezogen ward. Dann erschien die enorme Dame, ein wenig verlegen und noch röter als sonst, mit glänzenden Augen und heftig wogender Brust, vielleicht etwas zu nahe neben ihrem Nachbar gehend. Jener mußte wundersame Dinge erlebt haben, denn ein nur mit Mühe unterdrücktes Lächeln glitt über sein Gesicht.

Mit zärtlicher Miene nahm Frau Dufour seinen Arm und sie eilten zu den Booten zurück. Heinrich schritt voraus, stumm neben dem jungen Mädchen und meinte plötzlich hinter sich einen halberstickten Kuß zu hören.

Endlich kamen sie nach Bezons zurück.

Herr Dufour, der wieder nüchtern geworden, war ungeduldig. Der junge Mann mit dem blonden Haar aß noch etwas, ehe sie das Restaurant verließen. Der Wagen stand angespannt im Hof, und die Großmutter, die schon darin saß, war außer sich, weil sie fürchtete, die Dunkelheit möchte sie noch auf der Ebene außerhalb der Stadt überraschen, denn die Umgegend von Paris galt als unsicher.

Man schüttelte sich die Hände und die Dufours fuhren davon.

Die Ruderer riefen:

– Auf Wiedersehen!

Ein Seufzer und eine Thräne gaben Antwort.

Zwei Monate später las Heinrich, als er durch die Rue des Martyrs schritt, über einem Laden:

»Dufour, Kurzwarenhändler«

Er trat ein.

Die dicke Frau stand hinter dem Ladentisch. Sie erkannten sich sofort.

Er machte tausend artige Worte und fragte nach dem Befinden:

– Wie geht's denn Fräulein Henriette?

– Danke, sehr gut. Sie hat sich verheiratet.

– Ah!

Er war sehr erschrocken und bewegt und fuhr fort:

– Mit wem denn?

– O, mit dem jungen Mann, der bei uns war. Wissen Sie, der wird nämlich der Nachfolger im Geschäft.

– Ah so.

Er ging davon, tief traurig, er wußte nicht warum. Frau Dufour rief ihn noch einmal zurück und fragte schüchtern:

– Und Ihr Freund?

– O, dem geht's gut.

– Bitte, grüßen Sie ihn schön, nicht wahr? Und wenn er einmal vorbei kommt, so sagen Sie ihm doch, er solle doch mal bei uns eintreten.

Sie war sehr rot geworden und fügte hinzu:

– Sagen Sie ihm nur, es würde mir sehr große Freude machen.

– Ich werde es nicht vergessen. Adieu!

– Nein, auf Wiedersehen!


Das Jahr darauf kamen Heinrich an einem Sonntag, als es sehr heiß war, alle Einzelheiten dieses Abenteuers plötzlich wieder in den Sinn, und alles stand deutlich vor ihm. Da überkam ihn die Sehnsucht dermaßen, daß er ganz allein zu ihrem »Privatgemach« in den Wald hinausging.

Als er die Stelle betrat, war er ganz erstaunt: Sie war da. Sie saß dort auf dem Rasen mit trauriger Miene, während, ihr zur Seite, wieder in Hemdsärmeln, ihr Gatte, der junge Mann mit dem blonden Haar, im Grase lag und stumpfsinnig schlief wie ein alter Trottel.

Als sie Heinrich erblickte, wurde sie so bleich, daß er meinte, sie würde ohnmächtig werden. Dann fingen sie unbefangen mit einander an zu plaudern, als ob nie etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre.

Aber als er erzählte, daß er diese Stelle hier sehr liebe und oft her käme, Sonntags, um im Grase zu ruhen, daß ihn dann die Erinnerung bedränge, da blickte sie ihm lange Zeit in die Augen und sprach:

– Ich denke jeden Abend daran.

Da erwachte der Herr Gemahl und sagte gähnend:

– Nun, liebes Kind, ich glaube, es ist Zeit, daß wir gehen.

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