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Guy de Maupassant: Das Haus - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDas Haus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGesammelte Werke
volume4
printrun10. Tausend
year1921
firstpub1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidfe7b1b20
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Simons Vater

Es hatte eben Mittag geschlagen. Die Thür der Schule sprang auf und die Jungen stürzten auf die Straße, indem sie einander stießen, um schneller hinaus zu kommen. Aber statt sich zu verteilen und zum Essen nach Haus zu gehen, wie sonst, blieben sie nach ein paar Schritten stehen, bildeten Gruppen und flüsterten mit einander.

An diesem Morgen war nämlich Simon, der Sohn der Blanchotte, zum erstenmal in die Schule gegangen. Alle hatten zu Haus schon von der Blanchotte reden hören, aber obgleich sie sonst wohl gelitten war, ließen ihr die Mütter doch unter sich eine Art von verächtlichem Mitleid angedeihen. So sahen auch die Kinder auf sie herab, obgleich sie nicht recht wußten, warum.

Simon aber kannten sie nicht. Er kam nie heraus, nie trieb er sich mit ihnen umher auf der Straße oder am Flusse. Deshalb hatten sie ihn nicht besonders gern. Und als ein vierzehn- oder fünfzehnjähriger Bengel, der genau Bescheid zu wissen schien, ein Auge zukniff und sagte: »Wißt ihr, Simon – na – der hat nämlich keinen Vater,« so hatten sie das mit einer gewissen Freude, in die sich großes Staunen mischte, aufgenommen, und nun ging das Wort von einem zum andern.

Jetzt erschien auch der Sohn der Blanchotte auf der Schwelle der Schule.

Er war sieben oder acht Jahre alt, ein bißchen bleich, ging sehr reinlich gekleidet, und hatte etwas Verlegenes, fast Linkisches in seinem Benehmen.

Er wollte nach Hause zur Mutter gehen. Da näherten sich ihm die fortwährend noch mit einander tuschelnden Gruppen seiner Kameraden, starrten ihn mit dem tückischen und grausamen Blick von Kindern, die etwas Böses im Schilde führen, an, umringten ihn allmählich von allen Seiten, und schlossen ihn schließlich ganz ein. Er blieb mitten unter ihnen stehen, erstaunt, verlegen und wußte nicht, was das eigentlich bedeuten sollte. Nun fragte ihn der Bengel, der die Nachricht überbracht und den der Erfolg, den er damit bei den anderen gehabt, noch weiter anspornte:

– Du, wie heißt Du denn?

Er antwortete:

– Simon.

– Was, Simon? – fragte der andere.

Das Kind antwortete verlegen:

– Simon.

Da rief ihn der Bengel an:

– Simon? Das ist gar nichts, das ist kein Name, Simon!

Und da antwortete er, nahe am Weinen, dritten Mal:

– Ich heiße Simon.

Die Rangen fingen an zu lachen und der große Bengel sagte triumphierend noch lauter:

– Seht ihr, daß er keinen Vater hat!

Jetzt trat völlige Stille ein. Die Kinder waren ganz erschrocken über dieses Außergewöhnliche, diese Unmöglichkeit, daß ein Junge keinen Vater haben sollte. Sie sahen ihn wie ein Wundertier, wie ein übernatürliches Wesen an, und in ihnen stieg dieselbe bis dahin noch wesenlose Mißachtung gegen ihn auf, wie sie ihre Mütter der Blanchotte gegenüber zur Schau trugen.

Simon aber hatte sich an einen Baum gelehnt, um nicht umzufallen. Niedergeschmettert, als wäre ihm ein nie wieder gut zu machendes Unglück widerfahren, blieb er dort stehen, wollte gern erwidern, aber konnte keine Antwort finden, um die furchtbare Thatsache zu bestreiten, daß er keinen Vater habe. Endlich sagte er mit bleichem Gesicht aufs Geratewohl:

– Doch, ich habe einen!

– Wo ist er denn? – fragte der Bengel.

Simon schwieg. Er wußte es nicht. Die Kinder lachten durcheinander und diese Bauernjungen, die dem Tiere fast näher standen als dem Menschen, empfanden dasselbe Bedürfnis der Grausamkeit, etwa wie die Hühner im Hühnerhof, wenn sie sich alle auf ein krankes Huhn stürzen. Simon sagte plötzlich zu einem kleinen Nachbarsjungen, dem Sohne einer Witwe, den er immer, wie sich selbst, allein mit seiner Mutter gesehen:

– Du, Du hast doch auch keinen Vater.

– Doch! antwortete der andere. Ich habe einen.

– Wo ist er denn? – fragte Simon.

Mit großem Stolz erklärte der andere:

– Er ist tot. Mein Vater ist auf dem Kirchhof.

Ein Gemurmel allgemeiner Billigung durchlief die Rangen, als ob die Thatsache, daß der andere einen toten Vater auf dem Kirchhof hätte, ihrem Kameraden den Sieg verliehe. Und diese Bengel, deren Väter meistens von schlechtem Charakter waren, Trunkenbolde, Diebe, Leute, die ihre Frau schlecht behandelten, fingen nun an, den kleinen Simon zu schubsen und immer mehr zu bedrängen, als ob sie, die legitimen Söhne, den da, der ohne Segen der Kirche geboren, erdrücken wollten.

Da streckte plötzlich einer der Bengel, der neben Simon stand, ihm höhnisch die Zunge heraus und rief:

– Keinen Vater! Keinen Vater!

Simon fuhr ihm mit beiden Händen in die Haare, gab ihm ein paar Fußtritte, und biß ihn wütend in die Backe. Sofort entstand eine große Prügelei, die beiden Streitenden wurden getrennt und Simon von allen Seiten gehauen, geprügelt, zu Boden geworfen von der Menge der vor Freude brüllenden Straßenjungen. Als er aufstand und mechanisch mit der Hand seinen kleinen bestaubten Rock reinigte, rief ihm jemand zu:

– Klatsche's doch Deinem Vater!

Da stieg in des kleinen Simon Herzen eine furchtbare Bitterkeit auf. Sie waren stärker als er, sie hatten ihn geprügelt, und dabei konnte er ihnen nicht widersprechen, denn er fühlte wohl, daß es so war, daß er keinen Vater hatte. Er nahm allen Stolz zusammen und suchte ein paar Sekunden gegen die Thränen, die ihm in die Augen traten, anzukämpfen. Es war ihm wie zum Ersticken, und dann fing er plötzlich an, zu weinen und schluchzte, daß es ihn nur so schüttelte.

Da überkam seine Feinde ein wütender Jubel, sie packten sich bei der Hand wie die Wilden bei ihren fürcherlichen Freudenfesten, und fingen an im Kreise um ihn hemm zu tanzen, indem sie im Chor brüllten:

– Keinen Vater! Keinen Vater!

Aber Simon hörte plötzlich auf zu schluchzen. Eine rasende Wut überkam ihn. Steine lagen am Boden, er hob sie auf und schleuderte sie mit aller Kraft gegen seine Beleidiger. Zwei oder drei wurden getroffen und rissen brüllend aus. Er machte einen so fürchterlichen Eindruck, daß die andern eine Panik ergriff, und feige, wie es die Menge einem einzelnen Rasenden gegenüber stets zu sein pflegt, zerstreuten sie sich nach allen Seiten und entflohn.

Der kleine Junge, der keinen Vater hatte, blieb allein. Er rannte durch die Felder, denn ihm war plötzlich ein großer Entschluß gekommen: er wollte sich im Fluß ertränken.

Er erinnerte sich, daß vor acht Tagen ein armer Teufel von Bettler sich ins Wasser gestürzt, weil er kein Geld mehr hatte. Simon war dabei gewesen, wie man ihn herauszog. Der Anblick des Unglücklichen, der sehr bejammernswert, schmutzig und häßlich ausgesehen, hatte ihn ergriffen durch sein ruhiges Gesicht mit den bleichen Wangen, dem langen nassen Bart und den offenen starren Augen. Man hatte ringsumher gesagt: »Er ist tot.«

Jemand hatte hinzugefügt: »Jetzt ist er glücklich.«

Weil er keinen Vater hatte, wollte Simon sich ertränken, wie jener Unglückliche, der kein Geld gehabt.

Er kam bis ans Wasser und sah zu, wie es dahin floß. Ein paar Fische spielten in der Flut und schossen in dem klaren Strome hin und her. Manchmal schnappten sie an der Oberstäche nach ein paar Fliegen, die über den Wasserspiegel schwirrten. Der kleine Simon hörte auf zu weinen, um ihnen zuzusehen, weil ihm das großen Spaß machte. Aber ab und zu, wie wohl, nachdem sich der Sturm gelegt, noch einzelne Windstöße daher fegen, daß die Bäume ächzen und stöhnen, kam ihm wieder mit fürchterlicher Bitterkeit der Gedanke:

– Ich will mich ertränken, weil ich keinen Vater habe.

Es war warm und mild, die Sonne lag behaglich auf dem Grün des Grases, das Wasser glänzte wie ein Spiegel. Und Simon fühlte sich ein paar Augenblicke lang wieder glücklich. Eine Art Erschlaffung nach den Thränen überkam ihn, und er hatte Lust, sich in der Wärme ins Gras hinzustrecken und zu schlafen.

Ein kleiner grüner Frosch hüpfte ihm zu Füßen. Er suchte, ihn zu erhaschen, er entsprang. Er verfolgte ihn wieder und konnte ihn dreimal nicht bekommen. Endlich packte er ihn an den Hinterbeinen und lachte, als er die Anstrengungen des Thierchens sah, ihm zu entfliehen. Es zog sich zusammen und schnellte dann plötzlich auf, die Beine streckend während er, das runde goldgeränderte Auge weit offen, die Vorderpfötchen bewegte wie ein paar Hände. Das erinnerte ihn an ein Spielzeug, ein hölzerne Schere, auf der vorn zwei kleine Soldaten standen, die vorschnellten, wenn man die Arme der Schere schloß. Da dachte er an zuhaus, an seine Mutter, ward traurig und fing wieder an zu weinen. Ein Schauer lief ihm über den Leib. Er kniete hin und sagte sein Abendgebet her wie vor dem Einschlafen. Aber er brachte es nicht zu Ende, denn er mußte wieder heftig weinen. Er dachte an nichts mehr, er sah nichts mehr um sich herum, er weinte nur.

Plötzlich legte sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter und eine kräftige Stimme fragte:

– Na, kleiner Mann, was ist Dir denn passiert?

Simon drehte sich um. Ein großer Arbeiter mit schwarzem Bart und gelocktem Haar sah ihn gutmütig an. Er antwortete, Thränen in den Augen:

– Sie haben mich gehauen, weil ich, ich – keinen – keinen – Vater habe.

– Was, sagte lächelnd der Mann, jeder hat doch einen Vater.

Das Kind antwortete unter erneutem Schluchzen, mit Mühe und Not:

– Ich – ich habe keinen.

Da wurde der Arbeiter ernst. Er hatte den Sohn der Blanchotte erkannt und obgleich er noch nicht lange in der Gegend war, kannte er doch so ungefähr ihre Geschichte und sagte nun:

– Na, beruhige Dich man, mein Junge! Komm, wir wollen zur Mama gehen, Du wirst schon einen Vater bekommen.

Sie machten sich auf den Weg, der Große hielt den Kleinen bei der Hand, und der Mann lächelte wieder. Er war gar nicht böse, zur Blanchotte zu gehen, die, wie man behauptete, eines der schönsten Mädchen der Gegend war. Vielleicht dachte er im Grunde seines Herzens: warum soll eine, die einmal einen Fehltritt gethan hat, nicht wieder einen thun.

Sie kamen an ein kleines weißes, reinliches Häuschen. Das Kind sagte:

– Da ist es, – und rief:

– Mama!

Eine Frau erschien. Und der Arbeiter hörte plötzlich auf zu lächeln, denn er merkte gleich, dieses bleiche, große Mädchen, das mit ernster Miene unter der Thüre stehen blieb, als wollte es jedem Manne verbieten, das Haus zu betreten, in dem sie schon einmal durch einen andern verraten worden, verstand offenbar keinen Spaß. Er wurde etwas verlegen und sagte, die Mütze in der Hand:

– Da bringe ich Ihnen Ihren kleinen Jungen wieder. Er hatte sich am Fluß da unten verirrt.

Aber Simon fiel seiner Mutter um den Hals und rief, während er wieder zu weinen begann:

– Nein, Mama, ich habe mich ertränken wollen, weil mich die andern gehauen haben– weil sie mich geprügelt haben – weil ich keinen Vater habe.

Die junge Mutter wurde blutrot. Das traf sie tief. Heftig küßte sie ihr Kind und die Thränen schossen ihr über die Wangen. Der Mann ward ganz bewegt und blieb stehen. Er fand sich nicht wieder fort. Aber Simon lief auf ihn zu und fragte ihn:

– Willst Du mein Vater sein?

Einen Augenblick war große Stille. Die Blanchotte blieb stumm, schämte sich und lehnte, beide Hände auf das Herz gepreßt, an der Wand. Da das Kind sah, daß es keine Antwort bekam, fing es wieder an:

– Wenn Sie nicht wollen, gehe ich wieder ans Wasser, um mich zu ertränken.

Der Arbeiter faßte die Sache von der scherzhaften Seite und antwortete lachend:

– Nu was denn, ich will ja.

Da fragte das Kind:

– Wie heißt Du denn, damit ich's den andern sagen kann, wenn sie Deinen Namen wissen wollen.

– Philipp, – antwortete der Mann.

Simon schwieg eine Sekunde, um sich den Namen gut zu merken. Dann streckte er ihm ganz getröstet die Arme entgegen mit den Worten:

– Gut, Philipp, Du bist mein Vater.

Der Arbeiter hob ihn von der Erde empor, küßte ihn auf beide Wangen, dann eilte er mit großen Schritten davon.

Als das Kind am nächsten Tage in die Schule kam, wurde es mit höhnischem Lachen empfangen. Und als die Stunden beendigt und der große Bengel wieder mit ihm anbinden wollte, warf ihm Simon die Worte an den Kopf, als ob es ein Stein gewesen wäre:

– Mein Vater heißt Philipp.

Von allen Seiten klang höhnisches Gelächter.

– Philipp! Was für ein Philipp? Welcher Philipp? Was ist denn das für ein Philipp? Wo hast Du denn Deinen Philipp her?

Simon antwortete nichts. Sein Glaube war unerschütterlich. Er suchte sie mit dem Blicke zu durchbohren, bereit, sich lieber wieder schinden zu lassen, als vor ihnen zu fliehen. Der Schullehrer befreite ihn von den andern und er rannte zu seiner Mutter zurück.

Drei Monate lang ging der große Arbeiter Philipp oft am Hause der Blanchotte vorbei, und manchmal, wenn sie nähend am Fenster saß, wagte er es, sie anzureden. Sie antwortete höflich, blieb immer ernst, scherzte nie und ließ ihn niemals herein. Da er aber doch ein wenig eitel war, wie alle Männer, bildete er sich ein, sie wäre, wenn sie mit ihm sprach, etwas röter als gewöhnlich.

Aber ein verlorener Ruf ist schwer wieder herzustellen und bleibt immer ein so gebrechliches Ding, daß man trotz der scheuen Zurückhaltung der Blanchotte, doch schon über die beiden sprach.

Simon aber liebte seinen neuen Vater von Herzen und ging mit ihm fast jeden Abend, wenn das Tagwerk zu Ende war, spazieren. Regelmäßig ging er zur Schule und benahm sich sehr würdevoll unter seinen Kameraden, indem er ihnen niemals antwortete.

Aber eines Tages sagte ihm doch der Bengel, der ihn zuerst angegriffen hatte:

– Du hast gesohlt, Du hast keinen Vater, der Philipp heißt.

– Warum? – fragte Simon erregt.

Der Bengel rieb sich die Hände: – Weil – wenn Du einen hättest, müßte er der Mann von Deiner Mutter sein.

Simon wurde angesichts der Wahrheit dieser Worte etwas verlegen, aber er antwortete trotzdem:

– Er ist doch mein Vater.

Da sagte der Bengel lachend:

– Das ist schon möglich, aber er ist nicht ganz Dein Vater.

Der kleine Simon senkte den Kopf und lief nachdenklich zur Schmiede des allen Loizon, wo Philipp arbeitete.

Die Schmiede lag ganz unter Bäumen wie begraben. Es war sehr dunkel dort, nur die große Feuerstelle beschien mit roten Strahlen fünf Schmiedegesellen, die mit nackten Armen unter fürchterlichem Getöse das Eisen auf dem Ambos bearbeiteten. Sie hatten die Augen auf das glühende Eisen gerichtet, das sie hämmerten.

Simon trat unbemerkt ein und zog seinen Freund leise beim Ärmel.

Der drehte sich um. Sofort hörte die Arbeit auf. Die Männer betrachteten aufmerksam den Jungen und in der ungewöhnlichen Stille, klang Simons dünnes Sümmchen:

– Sag mal, Philipp, der Michaude ihr Junge hat mir eben erzählt, daß Du nicht ganz mein Vater bist.

– Warum denn? – fragte der Arbeiter.

Naiv antwortete das Kind:

– Weil Du nicht Mamas Mann bist.

Niemand lachte. Philipp lehnte die Stirn auf den Rücken seiner mächtigen Hände. Sie ruhten auf dem Hammer, den er auf den Ambos stützte. Er sann nach. Seine vier Kameraden blickten ihn an. Zwischen diesen Riesen stand ängstlich der kleine Simon und wartete. Plötzlich sagte einer der Schmiede, als drückte er die Meinung aller andern aus, zu Philipp:

– Die Blanchotte ist doch ein mutiges, tapferes Mädel, ein ordentliches Ding trotz ihres Pechs. Das wär 'ne Frau für 'nen ehrlichen Mann.

– Das ist wahr, – meinten die drei andern.

Der Arbeiter fuhr fort:

– Darf man's dem Mädel weiter so groß anrechnen, wenn sie Geschichten gemacht hat? Der damals hatte ihr die Heirat versprochen, und ich weiß mehr als eine, über die kein Mensch 'n Wort verliert und die genau dasselbe gethan hat.

– Das stimmt! – antwortete der Chor der drei Männer.

Er hub wieder an:

– Was das arme Ding gelitten hat, sich geschunden hat, um ganz allein den Jungen groß zu ziehen, und was die geheult hat! Nun kommt sie gar nicht mehr heraus, bloß noch in die Kirche: nur der liebe Gott weiß es.

– Das ist auch wahr – sagten die andern.

Darauf hörte man nichts weiter als den Blasbalg, der das Feuer anfachte. Philipp bückte sich zu Simon nieder und sprach schnell:

– Sag mal Deiner Mutter, ich wollte heute abend mit ihr reden.

Dann schob er das Kind bei den Schultern hinaus.

Er kehrte zu seiner Arbeit zurück und die fünf Hämmer fielen zu gleicher Zeit auf den Ambos nieder. Bis zur sinkenden Nacht schmiedeten sie so das Eisen. Gewaltig, lustig klangen ihre Hämmer, aber gleich wie die Glocke einer großen Kathedrale an den Festtagen das Gebimmel der übrigen Glocken übertönt, dröhnte Philipps Hammer stärker noch als die der andern und fiel mit lautem Getöse Schlag auf Schlag nieder. Mit glühenden Augen, Funken umsprüht stand der Schmied bei seiner Arbeit da.

Als er an die Thür der Blanchotte klopfte, glitzerten die Sterne am Himmel. Er hatte seine Sonntagsblouse angezogen, ein frisches Hemd und hatte sich rasiert. Das Mädchen erschien auf der Schwelle und sagte traurig zu ihm:

– Das ist nicht hübsch von Ihnen, Herr Philipp, herzukommen, wenn es dunkel ist.

Er wollte antworten, stammelte etwas und blieb dann verlegen vor ihr stehen.

Sie begann von neuem:

– Wissen Sie, ich darf doch nicht wieder ins Gerede kommen!

Da sagte er plötzlich:

– Was thut das, wenn Sie meine Frau werden wollen?

Keine Stimme antwortete ihm, aber es war ihm, als hörte er wie sich im dunklen Zimmer jemand zu Boden warf. Schnell trat er ein, und Simon, der in seinem Bett lag, hörte einen Kuß und ein paar leise Worte seiner Mutter. Dann plötzlich fühlte er, wie ihn sein Freund aufhob und ihn mit seinen mächtigen Armen in der Luft hielt, indem er rief:

– Du kannst Deinen Kameraden sagen, daß Philipp Remy, der Schmied, Dein Vater ist und daß er jeden, der es wagt, Dich anzurühren, bei den Ohren kriegen wird.

Als am nächsten Tag die Schüler alle versammelt waren und die Stunde eben beginnen sollte, stand der kleine Simon auf und sagte, ganz bleich mit zitternden Lippen, aber mit heller Stimme:

– Mein Vater heißt Philipp Remy, der Schmied, und er hat geschworen, daß er jeden, der es wagt, mir etwas zu thun, bei den Ohren kriegen wird.

Diesmal lachte keiner, denn den Philipp Remy, den Schmied, kannte man wohl, und das war ein Vater, ein Vater, auf den alle hätten stolz sein können.

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