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Guy de Maupassant: Das Haus - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDas Haus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGesammelte Werke
volume4
printrun10. Tausend
year1921
firstpub1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidfe7b1b20
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Kirchhofsliebe

Die fünf Freunde waren mit ihrem Diner zu Ende. Es waren fünf Herren aus der Gesellschaft, reiche Leute, in gesetztem Alter, drei davon verheiratet und zwei Junggesellen. Sie kamen monatlich einmal zum Essen zusammen, um Jugenderinnerungen zu feiern und pflegten nach Tisch dann bis zwei Uhr morgens zu schwatzen. Sie waren intime Freunde geblieben, paßten gut zu einander, und diese Tage waren ihnen vielleicht die liebsten ihres Lebens. Man plauderte über alles mögliche, was die Pariser beschäftigt und unterhält. Es ging bei ihnen wie in den meisten Salons zu, man setzte die Lektüre der Morgenzeitung sozusagen fort. Einer der heitersten war Josef de Bardon, ein Junggeselle, der ganz im Pariser Leben aufging. Er war kein eigentlicher Lüdrian, nicht besonders verderbt, aber neugierig, lustig und jung geblieben. Er zählte kaum vierzig Jahre, war Gesellschaftsmensch im weitesten und besten Sinne des Wortes, klug, ohne große Tiefe gerade, wußte mancherlei, ohne wirkliche Kenntnisse, besaß eine rege Auffassungsgabe, ohne eigentliche ernsthafte Vertiefung. Er stellte über seine Abenteuer Beobachtungen an, wie über alles, was er sah, was ihm begegnete, was er auf seinem Lebenswege fand, und wußte davon komische, philosophisch angehauchte Geschichten zu erzählen und scherzhafte Bemerkungen zu machen, die ihm in der Stadt den Ruf besonders geistreich zu sein eingetragen hatten.

Er war der Unterhalter beim Diner. Jedesmal hatte er eine bestimmte Geschichte und man rechnete schon damit. Ohne sich weiter bitten zu lassen, fing er an zu erzählen, dabei rauchte er, die Arme auf den Tisch gestützt, während ein halb geleertes Glas fine champagne vor seinem Teller stand. Ein Geruch von heißem Kaffee und Tabaksrauch war im Zimmer verbreitet und dann schien er vollkommen heimisch zu sein, wie es gewisse Wesen giebt, die man sich nur an bestimmten Punkten und in gewissen Augenblicken denken kann, etwa die Betschwester in der Kirche oder den Goldfisch in seinem Glase.

Er sagte, während er den Rauch der Cigarette leicht von sich blies:

– Vor einiger Zeit ist mir etwas ganz Seltsames begegnet.

Alle schienen beinahe zu gleicher Zeit zu fragen:

– Erzählen Sie –

Und er antwortete:

– Gern. Wie Sie wissen, bummle ich oft in Paris herum, eben wie einer, der die Schaufenster ansieht und gern nette kleine Sächelchen kauft. Ich spähe nach allem, was des Weges kommt, begucke mir die Leute, sehe mir alles an, was vorübergeht und was geschieht.

So gegen Mitte September war wunderschönes Wetter und da ging ich an einem Nachmittag aus, ohne recht zu wissen, wohin. Man hat immer so ein allgemeines Bedürfnis, irgend einer hübschen Frau einen Besuch zu machen. Dann läßt man seine weiblichen Bekanntschaften im Geiste Revue passieren, vergleicht sie so in Gedanken, wägt das Interesse ab, das sie uns einflößen, die Stärke des Reizes, den sie augenblicklich auf uns ausüben und endlich trifft man seine Wahl. Aber wenn die Sonne scheint und die Luft lau ist, hat man manchmal gar keine Lust, solch einen Besuch zu machen.

Die Sonne schien warm, die Luft war lind. Ich steckte eine Cigarette an und bummelte die äußeren Boulevards hinunter. Als ich so herumstrich, kam ich auf den Gedanken, nach dem Kirchhof Montmartre zu gehen.

Ich habe die Kirchhöfe sehr gern, das ruht einen aus und man wird ganz sachte melancholisch. Dessen bedarf ich manchmal. Dann schlummern dort auch manche guten Freunde, die man nie wiedersehen wird und deshalb gehe ich von Zeit zu Zeit einmal hin. Und gerade mit diesem Kirchhof Montmartre verbindet mich eine Herzensgeschichte, die Erinnerung an eine Geliebte, eine reizende, kleine Frau, an der ich sehr gehangen habe. Wenn ich an sie denke, so werde ich nicht nur traurig, sondern allerlei Sehnsucht und Erinnerung fängt an mich zu überschleichen und dann gehe ich hin und träume an ihrem Grab. Für sie ist ja alles aus.

Und dann liebe ich auch noch die Kirchhöfe, weil das riesige, fabelhaft bevölkerte Städte sind. Denken Sie nur, wieviel Pariser aller Zeiten dort im engen Grabe ruhen, dort auf ewig Höhlenbewohner geworden sind und in ihrem kleinen Loche eingemauert liegen, das nur ein Stein bedeckt oder ein Kreuz ziert, während die Lebenden soviel Platz einnehmen, und soviel Lärm machen. Die Thörichten!

Und dann stehen auf den Kirchhöfen Denkmäler, die beinahe so interessant sind wie die in den Museen. Das Grabmal Cavaignacs erinnert mich immer, offengestanden – ohne es übrigens damit vergleichen zu wollen –, an das Meisterwerk Jean Goujons auf der Gruft des Ludwig von Brézé, dessen Leichnam im unterirdischen Gewölbe der Kathedrale von Rouen beigesetzt ist. Von dort, meine Herren, ist alle moderne, realistische Kunst ausgegangen. Dieser tote Ludwig von Brézé ist wahrer, fürchterlicher, lebensvoller in seinen Todeszuckungen aufgefaßt als alle die Bildsäulen, die man heute auf den Gräbern errichtet.

Und auf dem Kirchhofe Montmartre kann man noch das Denkmal von Baudin bewundern, das echte Größe zeigt. Dann das von Gautier, das von Murger, an dem ich neulich einen einzigen armseligen, gelben Immortellenkranz liegen sah. Wer brachte ihn? Vielleicht die letzte Grisette, die jetzt als alte Frau irgendwo in der Nachbarschaft Portiersfrau ist? Das Denkmal besteht aus einer schönen Statue von Millet, die heute Verlassenheit und Schmutz zu vernichten drohen. Armer Mürger, Sänger der Jugend!

Ich ging also auf den Kirchhof Montmartre und plötzlich überkam mich große Traurigkeit, eine Traurigkeit, die nicht gerade weh that, eine jener trübseligen Stimmungen, in denen man, wenn man gesund ist, denkt: »Hier ist's nicht zum Lachen gerade, aber noch erreicht Dich Dein Schicksal nicht.«

Eine Herbststimmung, jene warme Nässe, die nach welkem Laub riecht, und eine matte, müde Sonne lasteten schwer auf mir, daß mich das Gefühl der Einsamkeit, das über diesem Orte des Todes schwebt, doppelt überfiel.

Ich ging mit langsamen Schritten durch die Gräberstraßen, wo die Nachbarn einander nicht mehr besuchen, nicht mehr zusammen schlafen und keine Zeitungen mehr lesen. Und ich fing an, die Grabschriften zu entziffern. Das ist nämlich das Spaßhafteste von der Welt. Nie hat mich Labiche oder Meilhac so zum Lachen gebracht wie die Grabschriften mit ihrer ungewollten Komik. Viel amüsanter als die Bücher von Paul de Kock sind diese Marmortafeln, diese Kreuze, wo die Hinterbliebenen ihren Schmerz niedergelegt haben, ihre Wünsche für das Glück des Entschlafenen im Jenseits, ihre Hoffnung, ihn wieder zu sehen – solche Heuchler!

Als ich eine Weile so hin- und hergebummelt war, ward es mir langweilig, und ich ging zur letzten Ruhestätte meiner kleinen Freundin, ihr ein Gedenken unserer Freundschaft zu bringen. Als ich an ihr Grab trat war mir traurig zu Sinn. Arme Kleine! Sie war so nett, sie liebte mich so sehr, sie war so weiß und frisch, und nun – ach, wenn man das jetzt öffnen würde!

Ich lehnte mich über das eiserne Gitter und klagte ihr ganz leise mein Leid. Sie hörte es nicht! Als ich eben wieder fortgehen wollte, sah ich eine Dame in tiefer Trauer, die auf dem Nachbargrabe kniete. Ihr Crèpeschleier war in die Höhe geschlagen und man sah einen hübschen, blonden Kopf, dessen glatt gestrichenes Haar unter dem Dunkel des Hutes herausschaute wie das Morgenrot. Ich blieb.

Sie mußte sehr traurig sein. Sie hatte ihr Antlitz in den Händen verborgen und stand starr und steif wie eine Bildsäule in Nachdenken da, während sie den Rosenkranz durch die Finger gleiten ließ. So schaute sie in ihrer Bewegungslosigkeit selbst aus wie eine Tote, die eines Toten gedenkt. Plötzlich war es mir, als ob sie weinte. Ich erriet es durch ein kleines Zucken ihres Rückens, wie wenn ein Windhauch über die Gräser streicht. Zuerst weinte sie ganz wenig, dann stärker, dann zuckten heftig Hals und Schultern, plötzlich ließ sie die Hände sinken. Ihre Augen standen voll Thränen und waren schön. Sie hatte einen Ausdruck wie eine Verrückte und starrte um sich als erwache sie aus einem Traume. Sie sah, daß ich sie anblickte, schien sich zu schämen und verbarg noch einmal ihr Antlitz in den Händen. Dann schluchzte sie laut und ihr Kopf sank langsam auf den Marmor. Sie ließ ihre Stirne darauf ruhen und ihr Schleier fiel auf das weiße, geliebte Grabdenkmal und umflorte es wie ein neues Zeichen der Trauer. Ich hörte, wie sie stöhnte. Dann sank sie zusammen, ließ das Antlitz auf der Steinplatte ruhen und blieb so unbeweglich, ohne Besinnung.

Nun eilte ich herbei, rieb ihre Hände, blies ihr ins Gesicht, während ich die einfache Inschrift las:

»Hier ruht Ludwig Theodor Carrel, Hauptmann der Marine-Infanterie, vor dem Feinde gefallen in Tonkin. Betet für ihn!«

Der Tod lag einige Monate zurück. Ich war so bewegt, daß ich beinahe weinte und gab mir doppelte Mühe um sie. So gelang es mir, sie wieder ins Bewußtsein zurückzurufen. Ich sah sehr ergriffen aus und machte wohl keinen üblen Eindruck. Bin auch noch nicht vierzig Jahre. Ich begriff bei ihrem ersten Augenaufschlag, daß sie höflich und dankbar sein würde. Und sie war es, indem sie wieder weinte und mir ihre Geschichte erzählte, die sich stoßweise ihrer Brust entrang, nämlich den Tod des in Tonkin gefallenen Offiziers. Er war gestorben, nachdem sie erst ein Jahr verheiratet gewesen. Sie hatte ihn aus Liebe genommen, da sie, die keine Eltern mehr hatte, nur gerade die zum Consens erforderliche Mitgift besaß.

Ich tröstete sie, ich stärkte sie, ich richtete sie auf. Dann sagte ich:

– Sie dürfen nicht hier bleiben, gnädige Frau! Kommen Sie!

Sie hauchte:

– Ich kann nicht gehen.

– Ich will Sie stützen.

– O danke, Sie sind sehr gut. Kamen Sie auch hierher, um einen Toten zu beweinen?

– Jawohl, gnädige Frau.

– Eine Tote?

– Ja, gnädige Frau.

– Ihre Frau?

– Eine Freundin.

– Man kann eine Freundin lieben wie seine Frau, Die Liebe kennt keine Gesetze.

– Jawohl, gnädige Frau.

Und dann gingen wir zusammen davon. Sie stützte sich auf meinen Arm und ich trug sie fast den Weg durch den Kirchhof hinab. Als wir draußen standen, flüsterte sie, und schien beinahe ohmnächtig dabei zu werden:

– Ich glaube, mir wird unwohl.

– Wollen Sie irgendwo hingehen und vielleicht etwas genießen.

– Ja, vielleicht.

Ich sah ein Restaurant, eines jener Restaurants, wo sich die Freunde der Toten nach dem Leichenbegängnis zusammenzufinden pflegen. Wir traten ein. Ich ließ ihr eine Tasse warmen Thee geben, der ihr wohl zu thun schien. Sie fing leise an zu lächeln und erzählte von sich. Es sei so traurig, so traurig allein im Leben zu stehen, ganz allein zu sein. Tag und Nacht, keinen Menschen zu haben, den man lieben könnte, dem man sich anvertrauen dürfte, dessen Freude man wäre.

Das klang sehr aufrichtig und es klang nett aus ihrem Munde. Ich ward bewegt. Sie war sehr jung, vielleicht zwanzig Jahre alt. Ich sagte ihr ein paar Artigkeiten, die sie lächelnd entgegennahm. Da es spät geworden war, schlug ich ihr vor, sie mit einem Wagen nach Hause zu bringen. Sie nahm an und in der Droschke saßen wir neben einander, Schulter an Schulter, daß unsere Körperwärme durch die Kleider drang, und wir einander gegenseitig fühlten – die aufregendste Empfindung von der Welt.

Als der Wagen vor ihrem Hause hielt, sagte sie:

– Ich fühle mich nicht imstande, allein die Treppe hinauf zu gehen, denn ich wohne im vierten Stock. Sie sind so gut gegen mich gewesen. Wollen Sie mir vielleicht noch bis zu meiner Wohnung den Arm geben?

Ich nahm sofort an. Sie stieg langsam, keuchend hinauf und dann sagte sie an ihrer Vorsaalthüre:

– Treten Sie doch nur einen Augenblick ein, daß ich Ihnen danken kann.

Und ich trat wahrhaftig ein.

Es war eine einfache, vielleicht etwas ärmliche Wohnung, aber ganz nett eingerichtet.

Wir setzten uns auf das kleine Sofa, Seite an Seite, und sie sprach wieder von ihrer Einsamkeit.

Sie klingelte nach ihrem Mädchen, um mir etwas zu trinken zu bringen. Das Mädchen erschien nicht.

Ich war sehr erfreut darüber, in der Annahme, das Mädchen würde wohl nur morgens da sein, eine Aufwartung, wie man es nennt.

Sie hatte ihren Hut abgesetzt und sah wirklich reizend aus mit ihren klaren Augen, die auf mich gerichtet waren, so scharf gerichtet, daß mich eine fürchterliche Versuchung überkam und ich – unterlag. Ich nahm sie in die Arme und küßte sie auf die Lider, die sich plötzlich schlossen; küßte sie unausgesetzt.

Sie wehrte sich, stieß mich zurück und sagte:

– Machen Sie ein Ende! Machen Sie ein Ende!

Was sollte das heißen? In solchen Fällen kann »ein Ende machen« wohl einen doppelten Sinn haben. Ich ging, daß sie schweigen sollte, mit meinen Küssen von den Augen auf den Mund über und suchte in den Worten: »ein Ende machen« den Sinn, der mir angenehm war. Sie wehrte sich nicht allzu sehr, und als wir uns wieder ansahen, nach diesem Schimpf, den wir dem Gedächtnis des in Tonkin gefallenen Hauptmannes angethan, schaute sie zärtlich und hingebend aus, daß alle meine Bedenken schwanden.

Da erwies ich mich gegen sie artig und erkenntlich. Und nachdem wir noch eine Stunde mit einander geschwatzt, fragte ich:

– Wo essen Sie?

– In einem kleinen Restaurant in der Nachbarschaft.

– Ganz allein?

– Ja.

– Wollen Sie nicht mit mir essen?

– Wo denn?

– In einem guten Restaurant auf den Boulevards.

Zuerst widersetzte sie sich ein wenig. Ich bat noch einmal und sie gab nach, indem sie als Entschuldigung vor sich selbst sagte:

– Ich langweile mich so sehr, so fürchterlich!

Dann fügte sie hinzu:

– Ich möchte aber erst ein weniger dunkles Kleid anziehen.

Und sie ging in ihr Schlafzimmer.

Als sie wieder heraustrat, war sie in Halbtrauer, reizend, fein und zart, in einer grauen, ganz einfachen, Toilette. Offenbar besaß sie ein Kirchhofs- und ein Stadtkleid.

Das Diner war sehr gemütlich. Sie trank Champagner, wurde heiter, aufgekratzt, erregt und ich ging mit zu ihr nach Hause.

Dieses Verhältnis, das auf den Gräbern angeknüpft worden, dauerte etwa drei Wochen. Aber man kriegt alles satt und vor allen Dingen die Weiber. Ich verließ sie unter dem Vorwand einer unaufschiebbaren Reise. Beim Abschied war ich sehr großmütig. Sie dankte vielmals dafür, indem sie mir das Versprechen, ja den Schwur abnahm, nach meiner Rückkehr wieder zu kommen, denn sie schien sich wirklich etwas in mich verliebt zu haben.

Ich ging anderen Freuden nach, und einen Monat hindurch war die Erinnerung an diese kleine Kirchhofsliebelei nicht stark genug, als daß ich ihr nachgegeben hätte. Und doch vergaß ich sie nicht. Die Erinnerung an sie quälte mich wie etwas Wunderbares, wie ein Problem, wie eine jener unerklärlichen Fragen, deren Lösung uns peinigt.

Ich weiß nicht, warum, aber eines Tages bildete ich mir ein, daß ich sie auf dem Kirchhof Montmartre wieder sehen würde. Und ich ging hin.

Ich schritt dort langsam auf und ab, ohne irgend jemand anderem zu begegnen als einigen Leuten, wie man sie gewöhnlich auf den Kirchhöfen findet, Menschen, die sich um irgend einen Toten kümmern.

Das Grab des in Tonkin getöteten Hauptmannes wies weder Blumen, noch Kränze auf.

Aber wie ich mich in ein anderes Viertel jener großen Gräberstadt verirrte, entdeckte ich plötzlich am jenseitigen Ende eines Weges zwischen den Kreuzen ein Paar in tiefer Trauer, Mann und Frau, die auf mich zukamen. Und o Schreck! Als sie sich näherten, erkannte ich sie wieder. Sie war es.

Sie sah mich, errötete, und als ich sie streifte, gab sie mir ein kleines Zeichen mit dem Auge, das soviel bedeuten sollte als: »Kenne mich nicht« und das zu gleicher Zeit zu sagen schien: «Besuche mich doch mal wieder, mein Schatz!«

Der Herr sah sehr gut aus, vornehm, chic, trug das Band der Ehrenlegion im Knopfloch und mochte etwa fünfzig Jahre alt sein.

Und er stützte ihren Gang wie ich sie einst unterstützt, als wir zusammen den Kirchhof verließen.

Ganz verstört ging ich davon und fragte mich, was ich da eigentlich erblickt hätte, welcher Klasse wohl nun diese Liebesjägerin der Grüfte angehören möchte. War sie eine gewöhnliche Dirne? Eine Prostituierte, die auf den Gräbern den trauernden Männern auflauerte, die das Andenken an eine Frau, an die Gattin oder Geliebte quält und die noch an die Zärtlichkeiten denken, die sie verloren? War das ihre eigenste Spezialität? Oder gab es mehr, die den gleichen Beruf betrieben? Geht man auf den Kirchhof wie auf den Strich? Oder hatte nur sie die nette Idee gehabt, die von tiefer Philosophie zeugt: die Sehnsucht nach entschwundener Liebe zu benutzen, um an diesem Ort der Trauer glimmende Asche zu neuen Flammen zu entfachen?

Und es hätte mir Spaß gemacht, zu erfahren, wessen Witwe sie wohl eigentlich heute gewesen?

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