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Lou Andreas-Salomé: Das Haus - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorLou Andreas-Salomé
titleDas Haus
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1921
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senderwww.gaga.net
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IX.

Branhardt und Markus Mandelstein waren zuerst durch weibliche Affen miteinander bekannt geworden. Ein paar Ergebnisse, zu denen Markus Mandelstein mit seinen sechs Äffinnen gelangte, besaßen unmittelbarstes wissenschaftliches Interesse für Branhardt und führten zu mehreren Unterredungen. Ein einziges Mal brachte auch ein ärztlicher Fall sie in Beziehung zueinander. Ein sehr trauriger Fall in einer Rechtsanwaltsfamilie, wo auch Markus aus und ein ging. Die Frau, nicht mehr jung, stand vor ihrer ersten Niederkunft, erschwert durch so gefahrvolle Umstände, daß man sich anscheinend vor die Notwendigkeit gestellt sah, das Kind preiszugeben um der Mutter willen. Für Markus wenigstens, den Nichtspezialisten, sah es so aus. Branhardt hingegen glaubte am Aufkommen der Mutter auch dann nicht verzweifeln zu müssen, wenn er sie das Kind – durch Jahre ersehnt und nun fraglos zugleich ein letztes – austragen ließ.

Gab es irgend etwas in der Welt, um das Markus ihn hätte beneiden können, so um diese getroste Festigkeit, womit er davon sprach. Nicht nur der bangen Frau, dem besorgten Mann gegenüber sprach, sondern auch bei sich selbst seiner Sache sicher blieb – eben dadurch soviel Glauben wirkend. Markus hatte alle Mühe, in der ganzen Zeit nicht hinter diesem Ton zurückzubleiben, wenn er ihn auch als Arzt eine Zeitlang selber geübt hatte und ihn mit seiner nicht gewöhnlichen Selbstbeherrschung oft virtuos genug traf. Ja, unwillkürlich reizte die Sachlage ihn zuletzt dazu, sich so überlegen Gewalt anzutun, daß er gleichsam noch auf Feinheiten des Zuversichtstones geriet, die sogar Branhardt entgingen.

Der Ausgang gab Branhardts Diagnose recht. Von ganz anderswoher aber traten wenige Tage später durchaus unvorhergesehene Komplikationen auf, und nach einem wahren Meisterstück von chirurgischem Eingriff Branhardts, nach einer unvergleichlichen Behandlung voll größter ärztlicher Hingebung verschied sanft und schmerzlos die gequälte Wöchnerin. An diesem Tage sah Markus Tränen in Branhardts Augen, die gewiß nicht leicht welche vergossen – er sah ihn den Schmerz der andern mit einer Zartheit miterleben, die über diese armen Menschen kam wie der menschlichste Trost –, so daß Markus sich neben ihm als ein lebloser Stock erschien, gänzlich unfähig, die Teilnahme, die ihn lähmte und hemmte, nach außen wohltuend kundzugeben. Und als er in seiner Hilflosigkeit einen fast unförmlich schönen Kranz zum Sarg gebracht hatte, da beneidete er Branhardt zum zweitenmal und tiefer als vorher. Denn in der Zuversichtlichkeit, die Markus innerlich nicht mitgemacht, hatte er es zuletzt Branhardt sogar zuvorgetan durch die suchende Feinheit des Geistes; die Teilnahme jedoch, die ihn hinnahm, machte ihn auch noch zum Dummkopf.

Etliche Wochen später, gar nicht lange vor seiner ersten Einführung ins Berghaus, hörte Markus gelegentlich einer Ärztediskussion Branhardt gerade diesen besonderen Todesfall mit einem so neuen Verständnis erörtern, daß man fühlte, wie Wertvolles ihm daran aufgegangen war. Fernab von allem Persönlichen genoß er seine wissenschaftliche Ausbeute, die andern Fällen dienen würde, und fand große Anerkennung.

Mit welcher Logik griff doch so ein Seelenräderwerk tadellos arbeitend ineinander! Markus gestand es sich beobachtend und bewundernd. Hier hatte einer, in ärztlicher Tatkraft erst, in schöner menschlicher Wärme dann, seinen Willen, seine Seele ebenso selbstverständlich drangegeben, wie er nun normalerweise davon aufatmete – als der Erkenntnismensch, der er ja ebenfalls war, und der jetzt seinen sichern Ertrag dem voll Durchlebten entnahm.

Mit gleicher Logik wohl blieb Traurigkeit an dem haften – und verallgemeinerte sich nur noch immer –, der, anstatt dessen bei derselben Gelegenheit nur zu zweifeln, sich zu verstellen, zu zwingen gewußt hatte. Und doch: dieses drittemal neidete Markus Mandelstein Branhardt nichts. – Sobald er aber Gitta ansah, freute er sich, daß gerade ein so Gearteter ihr Vater sei.

Wie ihm scheinen wollte, fühlte Branhardt sich nur sehr wenig als werdender Schwiegervater ihm gegenüber. Dagegen teilten sie immer mehr wissenschaftliche Interessen und verstanden sich darin ausgezeichnet. Für Branhardt war dies etwas, dem er sich meist nur widmen durfte, soweit er es praktisch verarbeiten konnte, aber er rang sich doch immer wieder einen Fetzen Zeit dafür ab, in einer Weise, die nur Branhardtschen Nerven möglich war. Oft brachte er Markus aus der Stadt mit sich nach Hause – durchaus, ohne Gittas dabei zu gedenken, einfach nur für sich selbst. Dann konnte man schon von weitem beobachten, wie sie in Unterhaltung ganz vertieft daherkamen, wobei der kleiner gewachsene Ältere dem Jüngeren die Hand in den Arm schob oder vor Eifer mehrmals stehenblieb.

Nicht deshalb vergaß Branhardt alle Augenblick seine schwiegerväterliche Rolle über der kollegialen, weil er auch nur das mindeste an Markus auszusetzen gefunden hätte, sondern weil er sich der Heiratsreife seiner Tochter überhaupt nicht gern erinnerte. So hielt er, auch zu Hause angekommen noch, Markus in unbefangenstem Egoismus viele Stunden in seinem Zimmer fest und freute sich sozusagen an Gittas Stelle dieser jungen, stark aufstrebenden Kraft.

Gittas Benehmen hierbei blieb immer dasselbe: nachsichtig borgte sie ihrem Vater ihren Markus auf lange Zeit aus. Wenn es ihr dann lange genug schien, kam sie jedesmal zu ihnen, in ihren Armen irgend etwas, womit Markus bekannt gemacht werden sollte. Denn sie hielt darauf, daß alles, was sie zum Ihrigen zählte, ihm allmählich vorgestellt würde, und davon gab es ganz erstaunlich viel. Als der Igel Justus an der Reihe war, erregte es große Heiterkeit, daß die Vorstellung tatsächlich gelang, indem er vor Markus sein kleines, helles Angesicht wirklich entblößte. Allerdings gönnte er ihm diesen Anblick nur kurz, bemächtigte sich eines Blattes der Abendzeitung, das gerade vom Tisch zu Boden sank, zog raschelnd damit ab und vergrub sich darein. Doch wurde Markus bedeutet, daß er dies nicht übelzunehmen habe, es gehörte zu den täglichen Freuden Gittas und hieß im Hause: »Justus liest die letzten Telegramme.«

In der schwierigen Übergangszeit zu Markus' Intimität im Haus spielte Justus eine ebenso große wie wohltuende Rolle.

Manchmal brachte Markus abends seine Geige mit; Anneliese und er musizierten dann zusammen.

Und am Flügel wurden sie und Markus einander ein wenig vertraut. Sie entdeckten Gemeinsames in ihrem musikalischen Geschmack und gestanden sich gegenseitig lachend, daß sie beide entgleiste Existenzen seien, da sie Klavierkünstlerin hätte werden müssen und er Kapellmeister. Menschlich blieb es jedoch zwischen ihnen beim Scherzen, Anneliese fand den Augenblick nicht, wo sie ihn hätte fassen und erkennen können – und nur wenn sie ihn bei seiner Geige sah, ahnte sie wohl zuweilen: dieser Mensch sei nicht von so gemessenem Herzschlag, wie seine steife Art und Weise noch immer glauben machte, wohl aber vielleicht maßlos, und er müsse schon deshalb die Musik leidenschaftlich lieben, weil sie an seiner Statt sprach und befreiend sein Gefühl mit Formen beschenkte.

Markus täuschte sich nicht gern: ihm schien, sogar auf dem Gebiet der Musik ergab die Gleichheit des Geschmacks sich lediglich aus der Ungleichheit, daß Anneliese von dem ihr Verwandten am stärksten angezogen wurde, er aber mitunter von seinem Gegensatz; ein Umstand übrigens, der ihn nicht minder lebhaft daran interessierte als Anneliese die vermeintliche Einigung. Klüger als sie, rechnete er fast mit einem Unverrückbaren, das möglicherweise zwischen ihnen bestehen bleiben würde ungeachtet beiderseitigen Willens zueinander hin und vielleicht tiefer begründet als durch Vorurteil.

Trotzdem Flügel und Geige für Anneliese ein ebenso neutrales Gebiet der Annäherung an Markus schufen wie die wissenschaftliche Gemeinsamkeit für Branhardt, vermochte die Frau doch keinen Augenblick, gleich Branhardt, zu vergessen, wofür das Einanderfinden so notwendig sei; ja, jegliches, was sie Markus verband, wob und spann insgeheim Fädchen an der mütterlichen Verbindung mit dem künftigen Sohn.

Allein nur ein einziges kurzes Mal schien diesem außerpersönlichsten Sinn ihres Beisammenseins unvermutet günstig.

Wo im Wohnzimmer die Wand für einen der wunderlichen Erker zurücktrat, hing, dem Blick dadurch etwas entzogen und doch ganz dicht bei denen, die ihren täglichen Platz hier hatten, eine Kreidezeichnung, weiß auf grau, nach der Markus oft hinschaute. Als er eines Tages, wartend bei offener Tür, allein im Zimmer stand, faßte er nach dem Bildnis und hob es von der Wand.

Ein Kinderkopf, lebensgroß, mit festem Kinn und lieben, lieben Augen. Ergreifend schön fand er ihn – erriet, wer das sei. – Und ein Wunsch, tief wie ein Bann, bekam Gewalt über ihn – eine so dringende, bannende Gewalt, daß Herrisches und Flehendes, Demut und Forderung ununterscheidbar eins darin wurden, als schüfen sie Schicksal. In diesen Minuten gab es das »Unverrückbare« nicht zwischen Anneliese und ihm: sie war mitenthalten in dem, wodurch Gitta ihm gehörte – in dem, was dem Wunsch Erfüllung schuf: »So möge es sein – Gittas und mein Kind!«

Anneliese kam an der Tür vorüber, während er dastand, tief versunken und vom lieblichen Bilde gefesselt. Langsam trat sie ein, ein Zittern im Innern, und als er den Kopf hob und ihrem Auge begegnete, da sah er es auf sich gerichtet mit einem Glanz, so weit und stark, daß er ihm durchs Herz fuhr.

Freudig – und doch verwirrend auch – so jäh verwirrend, daß er diesem ersten vollen Blick der Liebe nicht standhielt.

Wohl hätte er sie blicken lassen wollen bis in den Seelengrund – hinein in seinen letzten Wunsch noch. Und doch schloß er ihn fest, fest davor zu. Anneliese sah das. Sie senkte die Augen, etwas Schüchternes kam in ihr Gesicht. Ungenützt ging die unwiederholbare Minute vorüber.

*

Während all dieser gegenseitigen Annäherungen zwischen der Familie und seinem künftigen Schwager machte Balduin in vollem Behagen den Zuschauer, vermittelte wohl auch mit einer gewissen Leutseligkeit, wo es ihm nicht schnell genug zu gehen schien. Seine eigenen Sorgen um die Sache fielen ihm nur noch ein wie etwas ganz wunderlich Vergangenes; schreckhaft zu denken aber war es, wie leicht Gitta doch Markus auf ihrem Lebenswege hätte verpassen können.

Weil er jedoch bei so guter Laune war, wagte er sich an ein kleines Poem, worin Markus und Gitta durch ihre Vereinigung gänzlich zugrunde gingen.

Der Stoff lag noch von damals her in ihm, das Gruseln von damals poetisierte sich sozusagen – und es war geradezu herrlich, so hintenherum diesem Gruseln wieder auf die Spur zu kommen, um seine Schauer mit Sachkenntnis auszugenießen.

Im übrigen beteiligte er sich an Markus' und Gittas Wanderungen über den Bergwald, wobei er ihnen beigegeben wurde als Schicklichkeitselefant. Aber Balduin selber wünschte stets so vieles mit Markus unter vier Augen zu besprechen, daß er bei diesen merkwürdigen Spaziergängen Gitta ordentlich anfuhr, wenn sie ihm dabei einmal in die Quere kam. Man hätte das wohl erstaunlich finden können, wäre nicht jedem die Entschlossenheit bekannt gewesen, womit Gitta sich die Dinge nur gerade so formen ließ, wie es ihr genehm war. Dunkel blieb, ob es Markus ebenso genehm sei. Aber der fühlte sich dermaßen unsicher in bezug auf alles, daß er in seiner steifen Nachgiebigkeit steckenblieb wie in einem Futteral. Ausschließlich zu Balduin entwickelte sich sein Verhältnis frei und unmittelbar, weil dieser ohne alle Umständlichkeiten ihn sich zugeeignet hatte.

Markus besaß hochgradig die Fähigkeit, im Selbstgespräch mit sich zu verharren, wenn ihm im Gespräch mit andern daran lag; man merkte es ihm nicht an, es sei denn an einer leichten Verschleierung des Blickes, dem das einen pathetischen Ausdruck lieh – was der Sprecher dann womöglich noch in aller Echtheit der eigenen Wirkung zuschrieb.

Balduin jedenfalls tat dies auf das argloseste.

Förmlich ausschweifend ergab er sich dem erlesenen Genuß, in frischer Luft und bester Stimmung sich vor seinem neuen Freund all dessen zu entledigen und zu entladen, wovon er sich bedrückt fühlte, und was sich den Eltern gegenüber nur in Schwächezuständen verriet, da er im übrigen doch lieber vor ihnen so dastand, wie sie ihn am meisten schätzten. Er entdeckte eine beinahe perverse Freude daran, vor diesen scharfen Augen, die ihm ja nicht das geringste anhaben konnten, sich selbst zu durchschauen, ohne die Folgen elterlicher Pädagogik.

Dazu kam noch, daß Markus immer genau verstand, was er zu antworten hatte, um ihn angenehm zu widerlegen, und diese Stichworte, die Balduin ihm zuwarf, auf das geschickteste aufzufangen wußte.

Einmal zwar versagte Markus.

Balduin hatte sich über die ihm überall hinderliche Lebensängstlichkeit geäußert und mit der Selbstverhöhnung geschlossen: »Gibt's mal gar nichts zu besorgen und zu fürchten, so fällt einem todsicher der bekannte Ziegelstein ein – und am Ende wirklich noch auf den Kopf.«

Es war ja nicht schwer zu erraten, daß auf dies Stichwort nur die eine Antwort paßte, die gefürchteten Ziegelsteine würden verleumdet, in Wahrheit säßen sie alle ganz bombenfest.

Vielleicht spähte Markus jedoch gerade durch das kahle Strauchwerk nach einer hellen Jacke aus: schon wieder war Gitta mit Salomo wer weiß wo ihnen voraus. – Vielleicht war es reine Zerstreutheit, die ihn freundlich bestätigen ließ:

»Ja, ja, diese Ziegelsteine! Die sitzen aber auch überall ganz verteufelt lose.«

Balduin schaute ihn unbehaglich an.

»Glaubst du das wirklich? Ich hoffte immer: Der Mutige weiß das besser, und nur meine Feigheit fürchtet sich.«

Markus machte halt auf dem Fleck, wo er gerade stand. Seine Zerstreutheit wich nun erst. Er begriff nun erst. Pathetisch sahen die Augen nicht mehr drein – aber fanatisch. Es durchflammte sie etwas, wovor Balduin – als sei dies doch gar nicht mehr Markus – fast zurückschrak.

»Feige? – Nein! Was heißt denn das: Mut – wenigstens dreiviertel davon? Oft ist er nichts als eine Art von Idiotie – Mangel an rascher Vergegenwärtigung aller Möglichkeiten –, Hirnmangel. Oder auch ein Rausch aus bloßer animalischer Kräftigkeit, ein falscher Kräftevergleich, also ebenfalls ein Fehlschließen. – Wer aber mit Bewußtsein aller Gefahren lebt – einschließend die Möglichkeiten, die er bis ins letzte fühlt –, ist der feige? Nein! Den Mut, den haben die andern uns nicht voraus!«

Auch Balduin hatte stillgestanden, wie eingewurzelt stand er. Er durchbohrte den künftigen Schwager geradezu mit seinen Blicken. Und dann schrie es heraus aus ihm:

»Auch du also bist –« fast wäre ihm entfahren: »feige«, doch dann vollendete er jauchzend: »Auch du bist so! Oh, immer, immer wußt' ich's ja: nicht erst den Umweg über die Gitta brauchten wir! Gehören zusammen – ganz, ganz!«

Nein, kein Fremder, dieser fanatisch Blickende – gerade das war also Markus, der wie eine Kraftkeule schwang, was Balduin als Waffenlosigkeit bejammerte. Die letzte Schranke fiel! Und Balduin fiel ihm begeistert um den Hals.

Als Gitta zwischen den Baumstämmen auftauchte, sah sie mit Salomo noch die Ausläufer dieser Zärtlichkeit. Sie hatte gerade pfeifen wollen, wie es verabredet war, wenn sie einander zu lange aus den Augen kämen. Aus lauter Takt unterließ sie den Pfiff.

»Jetzt werden sie sich wohl gleich küssen, diese beiden«, sagte sie zu Salomo und wartete darauf, in ihren Händen halberfrorene Holunderbeeren, die man nur noch schwer auffand, auf deren Herbeischaffung jedoch Max, der Hahn, noch immer bestand.

Der Kuß erfolgte nicht. Aber Markus' Aussehen erschien Gitta doch verdächtig beglückt.

Jedenfalls ist er mit dem Balder schon bedeutend verheirateter als mit mir! dachte sie mit innerm Lachen.

Und in der Tat; auf die Heimkehr von diesem fragwürdigen Waldspaziergang zu dreien folgte ein Stadtspaziergang durchaus zu zweien, zu welchem Balduin Markus hinunterbegleitete. Von den Eltern und Gitta aber nahm der Heiratsanwärter, wenn möglich, noch förmlicher und verhaltener Abschied als sonst.

Denn eine wütende Lust riß an ihm, Gitta anstatt dessen auf den Arm zu heben und sie heimzutragen zu sich und allen Gängen nach oben wie unten ein Ende zu machen, indem man gleich unten zu Hause blieb – zu zweien.

Die einzige, die Markus' allzu förmliches Wesen zu bemerken schien, war Anneliese.

Nach Art starker Naturen hatte sie, nachdem sie sich gegen Gittas Wahl mehr gewehrt als Branhardt, das einmal Entschiedene derart einbezogen in ihren Willen, erfüllt mit ihrem Gefühlsgehalt, bis ihre Bejahung der Tatsache fast überenergisch ausfiel.

Sie wäre nicht Anneliese gewesen, wenn sie nicht für diese Zeitspanne vor der offiziellen Verlobung eine Fülle von Erlebnisseligkeiten gewußt hätte, die so niemals mehr wiederkommen. Ja, ihr schien: wenn man sie nachts mitten aus dem Schlaf dazu hätte wecken wollen, würde sie sie ohne Stocken und, ohne daß eine ausfiel, haben hersagen können.

Zu äußern wagte sie sich nicht, damit man sie nicht der »Sentimentalität« zeihe. »Überschwang« war Branhardts Wort dafür.

Aber mochte man es nennen, wie man wollte: ihre eigenen Erinnerungen wurden schwer über ihr, senkten die Flügel, weil sie nicht zum Aufschwingen kamen am Dasein der Tochter.

Sie entsann sich so gut der Heimlichkeiten vor ihrer Verlobungszeit, der gestohlenen Küsse, der glühenden Wangen, der unwiderstehlichen Gelegenheitsmacherei des Mondscheins. War das alles überlebt, galt das nicht mehr für die jungen Menschen von jetzt?

Erst vor zwei Tagen leuchtete der Mond so märchenhaft auf den Bergwald hernieder, daß sogar Branhardt und sie das Fenster öffneten und sich wie verzaubert hinauslehnten. Markus schien nicht zu begreifen, daß einem Gang durch den Garten nichts im Wege stehe. Und Gitta dachte anscheinend gar nicht daran.

Nur Balduin geisterte einsam im Garten herum und trug seine eigenen Gedichte eindringlich dem Monde vor.

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