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Lou Andreas-Salomé: Das Haus - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorLou Andreas-Salomé
titleDas Haus
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1921
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senderwww.gaga.net
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VIII.

Am nächsten Morgen zeitig schon holte Balduin die Schwester von der Bahn ab. Er fand, daß es an ihm sei, sie über den Sachverhalt aufzuklären, und daß sie, die Gleichaltrigen, sich die Geschichte erst mal unterwegs von ihrem Standpunkt ansehen sollten, ehe sie vor den Richterstuhl der Erwachsenen gelangte – denn er meinte doch, ihr erster und natürlichster Beschützer zu sein. In dieser ganzen Angelegenheit, weil sie ihn nicht in nervöse Verwirrung versetzte, benahm Balduin sich vortrefflich.

Worauf er jedoch fest gerechnet, Gittas mutwilliges Gesicht, darin wurde er enttäuscht. Sie machte beim Aussteigen eine grauenhaft ernsthafte, ja bedrückte Miene, hörte schweigsam unterwegs seinen Auslassungen zu und antwortete bei weitem einsilbiger und dunkler, als er's um sie verdient hatte. Je mehr sie sich dem Berghaus näherten, eng aneinandergeschmiegt unter Balduins großem Schirm, denn es hatte grob zu regnen begonnen, desto beklemmender wurde für ihn ihr Armesündergesicht. Mit so schlechtem Gewissen behaftet, so ganz merkbar schlechtem, hatte er Gitta noch kaum jemals erblickt; das lachende Laster war eigentlich ihre starke Seite.

Im Hausflur kam Anneliese auf die Geschwister zu, half der Tochter, sich des nassen Mantels entledigen, und sagte: »Guten Morgen, Gittakind, gut, daß du wieder da bist!«

Allein das bedeutete doch nur so eine Art öffentlicher Begrüßung für aller Augen und Ohren, der jetzt erst das hochnotpeinliche Verhör folgen mußte in des Vaters Privatgemächern. Balduin, wegen seiner weitgehenden Wissenschaft von der Sache, ward unbeanstandet mit eingelassen, ein Vertrauen, welches er sehr fein empfand; an der Tür stehenbleibend, wartete er nicht ohne Herzklopfen auf die Eröffnungen, die Gitta nun von sich geben würde.

»Wie kam in aller Welt dieser unverschämte Mensch nur dazu, zu dir ins Abteil zu springen?!« hatte Branhardt ohne jegliche Einleitung gefragt.

»Der arme Mensch!« sagte Gitta. »Er war selber ganz furchtbar erschrocken, das könnt ihr glauben! So verdutzt, wie er über sich selbst aussah, hab' ich noch nie was gesehen!« Sie stockte: wie es nun weitergehen solle? »Wir waren beide furchtbar erschrocken. Am liebsten hätte er sich sicher aus dem Fenster zurückgestürzt! – Gott, er war doch verliebt in seine Frau und auf der Hochzeitsreise. Und wirklich war kein Wagen von Hasling mehr hierher aufzutreiben, außer einem mit Schweinen. Obgleich der Pastor suchen half.«

»Das ist alles ganz interessant!« meinte Branhardt, der ruhig nach der Uhr sah, ob er nicht auch schon hinunter müsse in die Klinik. »Aber – wie er denn zu dem Unfug kam, wie und wodurch: das hast du noch nicht gesagt. Frau Leutwein behauptet, du habest ihn fortwährend angestarrt – und das ist doch hoffentlich nur Gefasel.«

Gitta bekam damit zu tun, daß Salomo begeistert auf sie zuwackelte, denn der hatte inzwischen störend an der Tür gewinselt und gekratzt, bis Balduin ihn mit einließ zur Familienberatung. Salomo erstieg Gittas Schoß, die unbequem auf einer Stuhlkante dasaß, machte einige Bemerkungen über ihr ungebührliches Ausbleiben nachts und rollte sich zusammen.

Ein paar Minuten nahm das in Anspruch, dann antwortete Gitta, den Blick auf Salomos Mopsteil geheftet:

»Fortwährend wohl nicht – das ist Gefasel – aber angestarrt: ja! Ich wußte es aber selbst gar nicht – erst hinterher – ich wußte nichts davon. – Und dann war es schon übergesprungen auf ihn – ich weiß nicht wie – aber er konnte nichts dazu – und ich, ich war so froh – wenn ich ihn ansah, so toll froh –«

Anneliese, auf ihrem Sesselplatz beim Nähtisch, machte eine lebhafte Bewegung, doch ehe sie was äußern konnte, fragte Branhardt ruhig weiter:

»Froh? – Potztausend, eine solche Sehenswürdigkeit ist der ›Grieche‹?«

»Nicht er. Aber er erinnerte an was«, sagte Gitta mystisch und betrachtete ernst, mit angestrengtem Ausdruck, noch immer Salomos feisten Rücken. »Später gar nicht mehr – aber eben im Anfang so sehr.«

»An wen – Gitta?« fragte Anneliese etwas starr, halblaut.

»An Markus.«

Sie sagte von einem Fremden »Markus«. – Eine Stille entstand.

Balduin blickte weitgeöffneten Auges auf seine Schwester hin wie auf ein unbegreifliches neues Wesen.

Salomo, der ein leichtes Zittern Gittas dahin verstehen mochte, daß man sie bedrohe, und der überdies höchst unbequem ihr zwischen die Arme geklemmt lag, hob langsam den Kopf mit den großen lauschenden Fledermausohren, musterte durchdringend einen nach dem andern und fing für alle Fälle zu knurren an. Die volle Lage und Wahrheit der Dinge ging indessen selbst seiner Weisheit nicht ganz auf, und sie schien ja auch ziemlich verwickelt.

Da ließ Gitta den sehr Verdutzten jählings vom Schoß fallen. Sie faltete ihre Hände – und hatte plötzlich ein ganz elendes, kleines Gesicht:

»Vater! Mumme! Was werde ich gewiß noch alles anrichten um Markus! – Gebt ihn mir, ich bitte euch. – Gebt mich Markus«

Bei Balduin stellte sich eine Empfindung ein, wie wenn die Haare auf seinem Kopf sich einzeln sträuben würden. So also sah es aus, dachte er, wenn ein Mensch urplötzlich wahnsinnig wurde, und dieser Mensch war Gitta.

Als Gitta nicht augenblicklich eine Antwort wurde, fiel sie vor dem Stuhl in die Knie, warf Arme und Gesicht darauf und bekam einen Weinkrampf.

»Weil ich ihn nicht wiedersehen sollte, Mumme! – Wenn ich ihn nicht wiedersehe, ist es besser, ich sterbe, Mumme! – Ich liebe ihn! Ich liebe ihn! Ich liebe ihn!« stammelte sie mitten im gräßlichsten Schluchzen und Zucken.

Salomo bellte. Anneliese war um Gitta bemüht. Branhardt hob sie auf von den Knien. Balduin sah es nicht mehr; die Hände über die Ohren geschlagen, war er dem Zimmer entflohen.

Nicht weit; draußen auf der Treppe stand er still, denn die Knie zitterten unter ihm. Gitta, überrumpelt von sich selber, Gitta, preisgegeben weiß Gott welchen ungeheuerlichen Gewalten – jemandem, von dem man nur wußte, daß er Markus hieß, der Elende!

Aber Gitta, die war ja doch stark! Warum konnte sie da nicht noch stärker sein und diese Tobsucht ablegen? Das konnte er ihr nicht vergeben! Das stieß ihn in eine Angst, als ob selbst die Mauer des Hauses nicht Schutz genug sei, um nicht überfallen zu werden von teuflischen Machten.

Die Fäuste am Kopf, die Augen böse, lehnte er an der Tür gegenüber, die – dünnes, schwaches Holz – ihn allein noch vom Gräßlichen schied.

Und er, der Gitta liebte, er, der den leisesten Zwang haßte wie nichts anderes auf Erden, faßte nur einen Gedanken:

Nur nicht ihr nachgeben! Lieber Zwangsjacke.

*

Außer Balduin wußte vom Vorfall niemand. Über Branhardts Studierstube kam es nicht hinaus.

Nachmittags nur, nachdem sie Stadtbesorgungen unternommen, sagte am Schluß eines längeren Berichts Frau Lüdecke zu Herrn Lüdecke: Griechenland, das habe überhaupt was Anstößiges, von jeher, und zudem gingen der Wärme wegen die Leute dort nackt; man wisse das ja durch die Statuen. Für Gittachen sei das nichts.

Und schon tags darauf erwies sich als eine andere blitzrasche Wirkung des kleinen Stadtklatsches die, daß Markus Mandelstein seine Werbung anbrachte. Es geschah schriftlich und in aller Form bei Branhardt. Was er gehört haben mochte und wie diese Dinge des nähern zusammenhingen, wurde nicht weiter aufgeklärt.

Gitta erfuhr keineswegs sofort von der ihr widerfahrenen Ehre, aber sie wurde wieder vergnügt. Nachdem sie den Eltern ihre Sorgenlast vertrauensvoll aufgepackt, zeigte sie nicht die mindeste hysterische Erregbarkeit mehr, wie man es nach ihrem jähen Ausbruch hätte fürchten können. In unbekümmertester Daseinslust ging sie mit Salomo auf dem Bergwald spazieren, der bald unter Schnee lag und bald unter Schmutz.

So kam anscheinend alles wieder ins alte Gleis: Renate war abgereist, Branhardt ganz durch seinen Beruf in Anspruch genommen. Mitten dazwischen aber wob eine wunderliche Stimmung im Berghaus sich ein: voll von unmerklichen Heimlichkeiten, so daß sie wohl hineinzupassen schien in diesen Monat der stillen Weihnachtsvorbereitungen – und gleichzeitig doch auch nahm sie sich aus wie ein rechter Gegensatz zu einer Bescherung. Anneliese konnte unvermutet Wasser in den Augen haben, sie war weich mit beiden Kindern, zärtlicher noch als sonst, Branhardt nachdenklich; stundenlang ging er manchmal in seinem Zimmer hin und her, daß es sich jedoch dabei nicht immer um Krankheitsfälle handelte, ersah man aus der Anwesenheit seiner Frau bei ihm, mit der er sich darüber unterredete.

Eines Tages, als Balduin aus dem Kolleg nach Hause kam, hatte Markus Mandelstein seinen Antrittsbesuch gemacht. Balduin erfuhr es schon im Garten, wo Gitta stand und ihn mit Schneebällen empfing, Gesicht und Augen strahlend von übermütiger Lust. Markus verreise auf ein paar Wochen in Angelegenheiten der Seinen; alsdann aber werde er des öfteren zu ihnen ins Haus kommen, berichtete sie.

Aus dem Fenster sah Anneliese ihrem wenig bräutlichen Treiben mit den Schneebällen zu. Auch sie dachte daran, daß Herr Mandelstein nun bald öfter kommen werde, und hörte in Gedanken die Antwort auf den Stadtklatsch, die sich in einiger Zeit daraus ergeben würde: »Gitta mit einem ›Griechen‹ entflohen? Nein, nur mit einem Juden verlobt.«

Grundloseste Einbildung war das, Phantasiespiel, Fälschung – kein Mensch würde so von Markus Mandelstein sprechen! »Ich Kleinliche, ich Törin, nicht anders als der Balder übersteigere ich mich kopflos!« dachte sie ungehalten über sich selbst. Sie rang und kämpfte ehrlich mit ihrem Herzen und seinem Vorurteil.

Alles vergegenwärtigte sie sich, was er geäußert, wie er ausgesehen – ihr Herz suchte nach ihm; es nahm ihn her, den fremden Menschen, und wollte ihn lieben. – Die Zukunft suchte sie einzubegreifen in ihre Gegenwart, sie damit zu durchdringen – aus ihr mußte ihm der andere Name entgegenwachsen: »mein Sohn«.

An diesem Abend sagte Anneliese zu ihrem Mann: »Ach, Frank, ich glaube doch, ich werde ihn liebhaben! Alles war ja gut, was wir über ihn hörten, aber am schönsten ist es doch, wie er von den Seinen spricht. Ein so guter Sohn und Bruder, das ist ein guter Ehemann.«

»Wie man's nehmen will!« entgegnete Branhardt. »Glaubst du, wir zwei hätten uns ebenso innig ineinandergewachsen, wenn du dich nicht so weit fortvermählt hättest von deinen Eltern – ich die meinen so früh entbehrt? – Schließlich gibt man sich doch in jeder allzu herzlichen Zugehörigkeit auch aus und sättigt die Seele – nun, warten wir's ab.«

Um so viel sachlich unbefangener er trotz Vorurteils geurteilt hatte als Anneliese, um so viel ferner lag es ihm jetzt, den Markus Mandelstein unversehens zu überschätzen. Ganz gut war er ihm – das genügte aber auch reichlich für den Anfang.

So recht achtete in diesen Tagen niemand auf Balduin. Er selber wünschte sich auch nichts weniger als das; ihm schien, eher hätte er auf die andern zu achten gehabt. Denn das sah er ja, daß man nichts unternahm, um Gitta aus ihrem Zustand zu retten.

Balduin entwickelte krankhaftes Feingefühl für Enttäuschungen und Gefahren, die gerade Gitta drohen konnten – für das, was ihm selber wesensverwandt war in ihrer Natur, und was möglicherweise nur er ganz ahnte. Wußte denn niemand von ihnen sie zu hüten, wenn sie so sorglos dumm hineingepatscht kam ins Wasser, wo es am tiefsten ist? – Mußte er selber sie da nicht hüten? Saß sie erst drin im Wasser, dann retteten seine schwachen Kräfte sie ja nicht vor dem Ertrinken. Finster brütend hockte Balduin in seinem Privatreich, verzweifelnd über die Größe dieser Aufgabe, die ihn hieß, die Welt einzurenken für Gitta.

Der geschwisterliche Zusammenhang wurde ihm plötzlich fühlbar wie nie, weil die Stelle, wo er einsetzte, ihn schmerzte. Wenn dies stärkere Stück Geschwisterleben, Gitta, nicht glücklich ausfiel – was erwartete dann ihn erst?! In seiner Angst fühlte er sich bereits weit mehr als siamesischer Zwilling denn als Bruder.

Balduin magerte ab. Branhardt fing an, aufmerksam zu werden, fragte ihn eines Tages aus und stellte ihn ernstlich zur Rede: All das erscheine zart und rührend, sei jedoch ein Krankheitszustand, nichts Großartigeres; seine eigenen Schwierigkeiten zu überwinden, müsse er trachten, anstatt sein Bündelchen abzuwerfen und mit größerem sich zu beladen, was auf fremden Schultern niemals zum Ziele kommt. Dem gesunden Gefühl sei jeder sich der Nächste – eben in dem Sinn, daß sich wahrhaft hingeben nur der kann, der wahrhaft sich besitzt.

Balduin fand, der Vater habe recht; er gab Gitta gar nichts – sich aber verlor er. Und bisweilen erbitterte es ihn maßlos, daß er ihretwegen, während sie mit Salomo sich vergnügte, litt.

Am Judentum von Gittas Auserkorenem nahm er nicht den mindesten Anstoß, dennoch verfiel er zuletzt darauf, sie selbst dadurch zu beeinflussen:

»Du wirst Brigitte Mandelstein heißen, ganz plötzlich, anstatt Branhardt«, sagte er böse. »Magst du das denn? In eurer Schule, die zwei Mädchen, weißt du – die mit dem Pferdehaar und den Hüften –, mochtest du doch niemals leiden.«

Gitta schien einen Augenblick verdutzt. »Nein – das ist wahr! Besonders von hinten!« – Und sie versank in Nachdenklichkeit. Doch es dauerte gar nicht lange, dann war sie sich klar über diesen Fall, und ihr Gesicht leuchtete und strahlte in sieben Glückseligkeiten.

»Hätt' ich gewußt, daß es Markus in der Welt gibt, so hätt' ich sie mitgeliebt, und auch von hinten!« entschied sie.

»Aber weißt du denn überhaupt, ob ihr zueinander paßt?« forschte Balduin weiter; »ob er dasselbe liebt wie du, ob dieselben Menschen – ob, wie du, auch Tiere?«

»Tiere sicherlich. Nur so ganz anders als ich. Er sagte: ein Vermögen könnt' er dafür opfern. – Aber dann zerschneidet er sie ja.«

Hierbei sah Gitta betrübt aus.

Noch ist sie zweifellos wahnsinnig! dachte der arme Balduin und gab den Kampf auf.

Sie führten diese geschwisterlichen Gespräche im Bergwald oben, wo sie auf einem alten Handschlittenchen aus der Kinderzeit die Hänge hinunterrutschten, denn es hatte gefroren und geschneit. Manchmal schämte sich Balduin ein bißchen vor Kindern auf der Straße, die ihm zusahen. Manchmal auch zog er ächzend das Schlittenchen hinter sich her den steilen Hang hinauf. Allein das Hinunterrutschen verleitete ihn immer wieder.

Und doch mahnte ihn gerade das sausende Bergab am allermeisten an das Verhängnis, das Gitta auf ihrer Lebensfahrt erwartete. Aber eben diese Umsetzung des Schrecklichen in andersartige, beliebig wiederholbare Form, wobei man auch das Aufstehen mit heilen Beinen jedesmal wieder erlebte, tat ihm dennoch wohl.

Gleich nach seiner Rückkunft aus Rumänien wurde Markus Mandelstein zu Tisch geladen. Balduin geriet in unbeschreibliche Erregung, die zu einem kleinen Kampf ausartete zwischen Anneliese und ihm, denn am liebsten wollte er ganz fernbleiben. In letzter Stunde, unerwartet, stand Branhardt ihm bei und erlaubte ihm, sich bei einem Freunde einzuladen; offenbar wünschte er nicht, gleich den ersten Verkehr von Markus Mandelstein im Hause noch verwickelter zu gestalten durch Balduins unberechenbares Verhalten; er sagte diesem also, erst dann gehöre er mit dazu, wenn er sicher sei, aufzutreten wie ein vernünftiger Mensch.

Balduin kam in stockfinstrer Nacht nach Hause, wenigstens schien's bei dem dunklen Wetter so, aber spät war es noch nicht, und aus dem der Straße zugekehrten Fenstererker des Wohnzimmers strahlten noch die Lampen.

Er lief leise die Treppe hinauf in seine Schlafkammer. Einen Augenblick dachte er ganz verwegen daran, noch ins Wohnzimmer hineinzugehen, und ordnete vor dem Spiegel mit zitternder Hand Anzug und Haar.

Oben an der Treppe blieb er jedoch wieder stehen, horchte aufs unbestimmte Stimmengemurmel unten – und da, während er noch unschlüssig zauderte, ging die Stubentür auf, und Markus Mandelstein, gefolgt von Branhardt, kam hinaus in den Flur.

Gebeugt über das Treppengeländer, sehr von oben herab, doch aber ganz klein vor Angst und Schrecken, suchte Balduin sich's anzusehen, das Schicksal, das zu ihnen ins Haus getreten war.

Markus Mandelstein sollte dreißig sein, Balduin hätte gemeint: älter. Ziemlich groß war er, eher hager als das Gegenteil, und doch nicht hüftschlank, das sah man deutlich, wie er sich umdrehte.

»Von hinten kann sie ihn auch nicht gern haben!« entschied Balduin schadenfroh.

Während Markus Mandelstein den Mantel umnahm und mit dem Vater noch sprach, konnte Balduin im grell bestrahlten Treppenhaus aufs bequemste sein Gesicht studieren, das blaß im Ton war wie bei Südländern. Stirn und Blick erschienen ihm schön, intelligent; das kam auch von der Nase her, die in ihrem Ansatz etwas Kühnes besaß, was den Ausdruck einnehmend machte – sie hörte aber, nachdem sie so gut angefangen, nicht rechtzeitig genug auf. Und das nahm merkwürdigerweise dem Gesicht seine Kühnheit wieder, verlieh ihm fast etwas Betroffenes. Die Mundpartie war zart, ganz verdeckt in ihren Linien von dunklem, dichtem, aber sehr kurzgeschorenem Bart.

Jetzt eben drückte der Vater sein Bedauern darüber aus, daß bei solcher Witterung der kürzere Fußweg bis zu den ersten Stadtlaternen winters fast halsbrecherisch zu gehen sei.

In diesem Augenblick trat Balduin unter sie. Blindlings, fast ohne zu wissen, was er tat, und noch weniger weshalb, fand er sich hinuntergetrieben, dem »Schicksal« in den Rachen.

»Ich habe meine kleine Handlaterne«, sagte er.

Branhardt schien sehr erfreut, indem er sie miteinander bekannt machte: ungeduldig hatte er gewartet, ob Balduin sich nicht überwinden werde und doch kommen. Denn es ging ihm nahe, bei seiner väterlichen Erlaubnis praktischen Beweggründen gefolgt zu sein anstatt pädagogischen.

Von Markus Mandelstein traf Balduin ein Blick offener, voller Sympathie – ein Blick, der da sagte: »Gittas Bruder!« – nebenbei nicht ganz ohne etwas flüchtig ärztlich Prüfendes, hervorgerufen durch den Umstand, daß gegen seine Erwartungen ein so schlotterndes Wesen vor ihm stand.

Die ersten Schritte legten sie schweigsam nebeneinander hergehend zurück, bemüht, auf dem gleichzeitig unebenen und glattvereisten Boden sicher zu treten. Balduins Laternchen warf nur eine kleine Helle vor ihnen über den Schnee, hinter der sie dunkel hergingen.

Wie er's vorhin kaum ertragen hatte, diesen Fremden im Haus zu wissen, der ungebeten davon Besitz nahm, so bekam Balduin es plötzlich mit der Angst zu tun, ihn jetzt so ohne weiteres loszulassen – jetzt, wo er allerhand von ihnen schon mit von dannen trug. Ihm kam es vor, als dürfe er ihm noch nicht ganz entwischen – nicht frei herumlaufen sozusagen. Markus Mandelsteins Macht und Gemeingefährlichkeit wuchs neben ihm in diesem dunklen Schweigen von Schritt zu Schritt.

Da verfiel Balduin in ein redseliges Gebaren, das im Ton diesen unbekannten Machthaber beinahe zu umschmeicheln schien. Aus allem, was er zum besten gab, klang etwas von der ängstlichen Selbstpreisgebung von Kindern und Schwachen: »Tu uns nichts an! Sei du gut zu uns!«

Markus Mandelsteins Stimme war von einem warmen, tiefen Klang, der eigentümlich beruhigte, nichts aufrief wie Branhardts kurze Eindringlichkeit. Zudem wußte man im Finstern kaum, neben wem man herging, hätte rufen mögen: »Wer da, Freund oder Feind?« Rings im Umkreis der Waldhänge nichts als die gespenstischen Lichtwirkungen einer kleinen Laterne in einer fast vollkommenen Nachtschwärze. Allmählich stürzte Balduin immer unbesehener seine sämtlichen Ängste vor seinem Nebenmann aus – froh, sie auf diese Weise auf einmal los zu sein –, wär's auch nur so wie jemand, der, um nicht länger die Gefahr im Rücken zu spüren, dem Feind in die Arme läuft.

Zuletzt erfuhr Markus Mandelstein sogar eine ganze Menge von dem, was Balduins Schreckhaftigkeit vor seiner eigenen Person anbetraf – ja, viel fehlte nicht, so hätte Balduin ihn selber um Rat dagegen gefragt.

In der Familie war Gittas Bewerber mit der ganzen Freundlichkeit aufgenommen worden, womit man beiderseits sehr weitgehende Beziehungen nur leicht unter den üblichen Formen noch verdeckt hält. Balduin aber als erster hielt ihm – ob auch noch so kopflos und kindisch – seine wirkliche Zugehörigkeit zu ihnen schon als unverhüllte Tatsache hin, und das durchströmte Markus mit Wärme, ja, es erlöste ihn geradezu. Er vergaß es ihm in der Folge nie. Denn der lange Familienbesuch mit all seinen unabänderlichen Vorläufigkeiten, bei denen andrerseits doch auch jeder kleinste Fehler beängstigend bedeutungsvoll werden konnte, war ihm eine gräßliche Folter gewesen und er im heimlichsten Herzen nicht minder aufgeregt als sein junger Begleiter.

Markus sagte sich aber, daß den übereiligen Offenherzigkeiten von Balduin mutmaßlich nächsten Tages ein Katzenjammer folgen werde, und da er ihm kein Brausepulver verabreichen konnte oder sonstwie Einhalt tun, so suchte er mit seiner Empfindung ein Gleichgewicht herzustellen, indem er seinerseits Intimeres zu berühren begann.

Er sprach ihm von den Seinen. Die Mutter war tot. Der Vater, ein in Rumänien begüterter, aber kaum je seinem engsten Kreis entrückter Jude, den er über alles liebte. Er schilderte ihn, waltend unter den Seinen noch als Patriarch, unbelehrt durch alle Schicksale seines Stammes, naiv und fromm festhaltend an den Heilsideen von der »Bestimmung Israels«. Und Markus sagte: Im Grunde sei es auch so, daß der einzelne Jude erst in der Loslösung von der Familie, im Hinaustreten ins Leben, die ganze Tragik der Vergangenheit nochmals an sich durchzumachen habe – die Zerstreuung der »Auserwählten« in fremder Herren Länder. Denn innerhalb der Liebe der Seinen, da wachse er immer noch auf wie im eigenen Land und im Traum seines Volkes. Als ob in solchem letzten, engsten Punkt jedesmal noch sich alles sammele, unzerstörbar, unbeirrt durch jede Umgebung – ungefähr wie einst die Israeliten ihren Gott in der Bundeslade bargen, damit er sie geleite durch die Völker mit den seßhaften Göttern, denen die ursprüngliche Scholle gehörte.

Balduins Interesse war sofort rege für dieses durch die Jahrtausende wandernde Volk, das an einem Traum hängt, dem alles widerspricht. Nichts gab es, in der ganzen Welt nichts, was so schnell Brücken schlagen konnte zwischen ihm und Markus. Nur ein Volk von Dichtern konnte ja so was tun! Er fragte Markus, ob er nicht stolz darauf sei.

»Auf eine Selbsttäuschung? – In der alten Bundeslade schon lag vielleicht nur ein Stein!« antwortete der. Das klang nüchtern und glaubenslos genug, und wie mit einem Lächeln gesprochen, und doch hörte es sich an – in der Nacht und in diesem dunklen Stimmklang –, als behaupte jemand nur deshalb, einen Kiesel in der Hand zu halten, um nicht sehen zu lassen, daß es da schimmere und blitze von Juwelen. Balduin fühlte so etwas, und mehr bedurfte es für ihn nicht, um seine Phantasie zu entflammen, er warf sich zum Retter des Judentums auf. Warum überhaupt eine Vergangenheit daraus machen, warum dem Traum nicht in die Gegenwart hineinhelfen, wenn er doch an solcher Unzerstörbarkeit sich ausweist?

Markus sagte schwermütig: »Er existiert noch, und doch auch existiert er nicht – so wie Ortschaften etwa, die mitten im atmenden Leben durch eine Katastrophe verschüttet wurden. Ewigstes, Vergänglichstes – je nachdem man will. Wer sie aus der Tiefe ans Licht, in die Luft hebt, gerade der sieht sie ja auch zu Staub zerfallen, grabreif. – Man kann sie Heimat nennen, leben aber kann man nicht mehr darin.«

Sein Begleiter ahnte nicht, wieviel Markus ihm von sich hergab, während er so mit der dunklen, ruhigen Stimme ihm halblaut sprach von seinen Dingen und Menschen. Es war ein Vorwegschenken zum Dank und aus Güte. Markus wußte, er dürfe so tun, denn der da neben ihm ging, das war ja Gittas Bruder! Und da er, vom Augenblick überrascht, für Balduins Vertrauen nichts Herkömmlicheres bereit hatte, so griff er nach dem, was er am seltensten teilte.

Im Eifer des Gesprächs beachtete Balduin es gar nicht, daß sie längst hinschritten im hellsten Gaslicht der Stadt, wo sein unverlöschtes Laternchen sich wunderlich ausnahm; an Umkehr nach Hause dachte er längst nicht mehr. Hunderterlei brannte ihm noch auf den Lippen, auch begriff er nicht, warum er in seinen Studienplan nicht wenigstens etwas Alttestamentliches mit einbezogen hatte. Hebräisch zu können wäre herrlich! – solche Worte zu wechseln mit seinem allerneuesten Freund, die nicht für die Ohren von allen waren.

Zum Glück wohnte Markus Mandelstein recht entfernt, ganz am andern Ende der Stadt. Schließlich war man aber doch an seiner Haustür angelangt und verabschiedete sich voneinander. Und wie nun Balduin mit seinem Laternchen in Händen auf einmal so allein auf der Straße stehenblieb, da fühlte er sich ganz verdutzt. Freilich: hineingehen, gleich dableiben, einfach schlafen bei Markus, das ging doch nicht an. Hätte zu Hause Alarm gemacht. Aber dennoch war es im Grunde das einzige, was dem stürmischen Tempo dieser Befreundung gänzlich entsprochen hätte.

Dermaßen lange her schien's Balduin zu sein, daß sie miteinander vom Berghaus fortgingen, als ob er inzwischen den Seinen entlaufen wäre und Markus zugelaufen wie ein herrenloser Schoßhund.

Von sehr, sehr weit oben blinkte das Berghaus mit ein paar erleuchteten Fenstern aus winterkahlem Wald zu ihm herüber. So weit marschieren mußte er nun auch noch! Bloß weil man nicht hier unten wohnte, hier in diesem, wie es ihm jetzt schien, doch hundertmal bequemer gelegenen Stadtteil. Hinab war's zwar rasch gegangen – viel zu rasch. Natürlich hätte er eher kehrtmachen sollen; an seinen empfindlichen Füßen brannten schon seit Tagen wieder verdächtige Punkte, die sich neu zu Frostbeulen entzünden würden – die nur auf diesen Gang dazu gewartet hatten –, und überdies war er ja erst vor ein oder zwei Stunden fußmüde heimgekehrt.

Balduin machte sich mißmutig auf den Weg. Und fühlte nur die Entfernung, die gar nicht kleiner werden wollte, und nahm sich aus wie ein kranker, alter Nachtwächter, weil er gar so vorsichtig auftrat, um die verdächtigen Punkte zu schonen.

Nicht einmal an das Ereignis dieses Abends konnte er mehr recht denken in seinem bekümmerten Sinn oder an die Auserwählungsträume von Völkern und einzelnen, denen die Wirklichkeit widerspricht. Nur noch eins empfand er mit aufdringlicher Deutlichkeit bei jedem Schritt: daß es jedenfalls ganz anders sein müsse, ohne Frostbeulen durchs Leben zu gehen als mit.

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