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Lou Andreas-Salomé: Das Haus - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorLou Andreas-Salomé
titleDas Haus
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1921
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VII.

Renate verlebte die letzten Tage im Berghaus, den letzten Sonntag. Das Mittagsmahl fiel dann gut bürgerlich früh, und die Feiertagsruhe ließ zu so ausgedehntem Zusammensein Zeit, daß Renate ihre Nach-Tisch-Zigarre schließlich öffentlich rauchen mußte.

Branhardt versicherte, seinetwegen brauche sie das nicht zu bedrücken, denn unmöglich könne eine harmlose Zigarre sie in seinen Augen noch emanzipierter erscheinen lassen, als sie schon sei. Ganz umsonst verteidigte sie sich: ihr bißchen selbständiges Leben Emanzipation! Doch nichts als eine zwangsweise Willensauffrischung. Das hieße, jemand als Nixe verschreien, weil er eine Kaltwasserkur gebraucht. Es gehe ihr damit genau wie mit den kurzen Haaren, die sie auch keiner Frauenrechtlerei verdanke, vielmehr der Spitalschere.

Branhardt erinnerte sich trotzdem in scherzhafter Wehmut ihrer langen Zöpfe und damenhaften Schleppen bei ihren ersten Besuchen. Und nun gar ihrer hausfraulichen Reize, als sie einmal höchst unerwartet ankam im kritischsten Augenblick vor Balduins Geburt. Renate fand damals, daß Lieses lange Kittelschürzen ihr prächtig ständen, und als Not am Mann war, behauptete sie sogar, daß sie kochen könnte. Merkwürdigerweise wurde nur immer alles zu höchst englisch-rohem Beefsteak mit Ei. An diesen Mittagen zu zweien, die kleine Gitta im Korbwagen neben dem Tisch und alle Gedanken bei Anneliese und dem Neugeborenen, waren Branhardt und Renate sich überaus nahe gekommen.

Sie wußte wohl, daß er inzwischen sich ein kleines Vorurteil gegen sie zugelegt hatte, vielleicht weil er unter ihrer »Emanzipation« im stillen gerade manches Weibliche mit einbegriff, wovon das Gerücht manchmal bis zu ihm drang. Er schien Renate zu den Männern zu gehören, die weit toleranter in der Theorie sind als in der Praxis und dies noch immer weniger werden, je näher ihnen oder den Ihren ein Mensch steht. Mit dieser sehr indirekten Schmeichelei mußte sie sich wohl begnügen. Jedenfalls war ihr unzweifelhaft, daß in der Mehrzahl der Fälle Branhardt die milde Liesen-Frage: »Was ist Unkraut?« ganz energisch beantworten würde.

Gitta eilte gleich nach Tisch zur Stadt, um mit der Bahn nach Hasling zu fahren, wohin sie erst noch Apotheker Leutweins Anna, eine Mitschülerin von ihr und der Haslinger Gertrud, abholen sollte. Balduin hielt es für höflich, etwas zu verweilen, ehe er in der Stadt kolleghalber ein paar Professorenbesuche erledigte.

Renate hatte an ihm ihre Freude gehabt in dieser Zeit. Zu Anfang, als er des verbundenen Fußes wegen mit hochliegendem Bein stillhalten mußte, peinigte es ihn, wenn er sie stehen sah ober sich selber was holen. Später errötete er kindlich vor ihr wegen seiner Filzpantoffeln. In alledem fühlte man nichts Eitles – etwas fein Ritterliches, einen empfindlichen Geschmack, wie auch sie ihn hegte – die Zigarre ausgenommen. Dem, der Balduin fremd blieb – und wesentlich anders hatte er sich zu ihr nie gestellt –, verdeckte dieser Anstand im Verkehr seine krankhafte Reizbarkeit völlig, so daß Renate stets mit einiger Verwunderung davon sprechen hörte. Offenbar lag hier seine Art von Selbstbeherrschung, wobei die Familie zu kurz kam.

Das Wetter war nicht gerade einladend draußen. Balduin in den Gummischuhen, die er über die Besuchsstiefel gezogen, stampfte schwerfällig durch den zähen Straßenschmutz, wenn er nicht rutschend und schimpfend auf Glatteis geriet. Unter mehreren gleichgültigen Besuchen stand ihm einer bevor, dem er gar zu gern ausgewichen wäre. Da war der junge Historiker, ein Dr. Sänftgen – der einzige wirklich junge zwischen den alten Schulpäpsten, von denen er zum Abiturium vorbereitet worden war –, wie feurig doch hatte er sich mit ihm beim gemeinsamen Studium zusammengefunden! Aus dem Lehr- und Lernbaren wurde eine Art von Geistesausschweifung, die Balduins Talent entfesselte, sein Wesen entzündete – nicht etwa nur Kameradschaft wurde daraus: Ekstase. Als Balduin dann, nach überstandener Prüfung, überarbeitet, ermüdet, angewidert, alles aus der letzten Zeit von sich stieß, da erschrak er darüber, daß hier seine intimste Befreundung, seine vertrautesten Geständnisse, sein verschwiegenstes Seelenleben mit hineingeraten waren – und er schämte sich wie jemand, der ausgehen soll und nichts über seine Blöße zu decken hat.

Der junge Historiker, seit kurzem Oberlehrer und um etliche Jahre Balduin voraus, aber linkisch, ein Unerfahrener im Erleben, konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen – fragte an. – In seinem trockenen Studiendasein, das er niemals gewagt hätte, aus freien Stücken der Trockenheit zu entziehen, waren ungeahnte Quellen aufgesprungen – ihn dürstete nach mehr. Er wußte nicht und würde auch nie verstanden haben, wie gewohnt, ja monoton, es Balduin schon geworden war, auf den täuschenden Sprossen des Geistes sich gleichsam hinaufzuschwindeln ins höchste Gefühl – wo man sich eben verstieg, und von wo man nun einmal nicht anders wieder heruntergelangt als durch einen Luftsprung.

Balduin verschob den Besuch bei Dr. Sänftgen bis ganz zuletzt – dann aber mußte es sein, schon der ewigen Angst wegen, ihm einmal unvermutet zu begegnen wie einem Gespenst. Und Balduin würde jetzt doch täglich in der Stadt sein, hatte es doch durchgesetzt, gleich ernstlich mit dem Studieren zu beginnen. Wie verfiel er nur eigentlich darauf, auf dies übereilte Studieren, jetzt gleich?

Er dachte nach: erst bei seiner Ankunft kam das so; eigentlich hatte die Mutter es gesagt, das heißt vorausgesetzt – dann ging er zum Vater. – Ach, diese beständige Vergangenheit, die man an sich festhaften fühlt wie einen klebrigen Stoff, der sich nicht abstreichen läßt! Bald sollte er Kraftstücke leisten, weil er mal etwas fleißig gewesen – bald auf ewig Freund sein, weil er mal etwas freundlich gewesen. Geschichte studieren würde er – er, der in sich selber keine Spur von Historie und Erinnertwerden vertrug – ja, sie haßte! Er, der so gern neu begonnen hätte, nagelneu, an nichts gemahnt, ein Beginnender an jeglichem Tag.

Alles müßte man jederzeit wechseln können, allem gerecht, niemandem verbunden – frei, ganz frei! Ja, manchmal da kam ihm der gräßliche Gedanke: alles, selbst die eigenen Eltern, sie, in deren Blut man lag wie eingeschmiedet, in unzerbrechlichen Schranken – wechseln, umtauschen, forttun können müßte man sie – als ganz Fremde sie abgeben, ihnen selber ganz fremd. –

Dieses war der Höhepunkt seiner Gedanken und der dritte Besuch. Und wie wohl im Traum das alleräußerste Geschehen plötzlich aufweckt, ehe es noch völlig hereinbricht, so fuhr hier Balduin aus dem Größenwahnsinn heraus und in seine eigene Haut. Nicht einmal bereuen tat er, daß er's gedacht, so gar nicht gehörte es ihm mehr zu.

Irgendwo kam er automatenhaft die Treppe herunter und stand wieder auf der nassen, übernebelten Straße. Und fand sich in einem ganz andern Gefühl – obschon es doch auch fast das nämliche war: ein sehr stilles Gefühl, als ob er ja unmittelbar teilhabe an allen Dingen und alle Dinge an ihm – als ob er Kind sei allem und alles mütterlich ihm – als ob er ganz klein und zufrieden würde, willig und vertrauend – ein Dingelein unter Dingen und mit aller Dinge Schöpfer eins.

Ihm durch den Kopf gingen wunderbare Bilder und vergingen wieder – Rhythmen sangen. –

Inmitten des graupelnden Dezemberregens, unter den vereinzelten Windstößen, die's nach seinem Hut als Fangball gelüstete, durchlebte Balduin Minuten tiefsten Glücks.

Da kam von weitem winkend und schon fast laufend auf ihn zu ein junges Mädchen aus Gittas Bekanntenkreis, Ida Mittenwald. Sie und einige andere »Freundinnen« Gittas verhielten sich zu Balduin wunderlich intim und doch fast ohne jene halb feindliche, halb kokette Befangenheit, womit sie sonst auf junge Männer und sogar auf heranwachsende Knaben schon blickten. Dennoch kokettierten sie auch für ihn, nur ein wenig anders. Sie wußten, daß er imstande war, auf junge Mädchen Gedichte zu machen, und das blieb begehrter noch als Kotillonorden. Und Ida Mittenwald wußte sich mit Recht die Hübscheste dieser Mädchen, wenn sie auch eine »Entgleiste« war aus dem Gymnasium.

Sie rief ihn an:

»Wissen Sie denn schon?! – Und Sie gehen so ruhig herum – nein, ich glaube, Sie standen sogar! – Und Sie betrifft's doch am allernächsten!«

Dem empfindlichen Balduin schien, vor ihm platzte die Welt auseinander. Von so weit her kam er in diesem Augenblick zurück, daß ihm vorkam, inzwischen könne das Menschenunmögliche sich ereignet haben.

»Was denn? Was soll ich wissen?«

Ida Mittenwald rang für die Nachricht nach Atem.

»Gitta ist mit einem Griechen entflohen.«

»Gitta?! Entschuldigen Sie, die ist vor ein paar Stunden nach Hasling gefahren.«

»Ja, aber mit einem Griechen.«

Balduin starrte sie an. Daß es Gitta betraf, beruhigte ihn sehr; die würde sich ihre Sache schon zermahlen.

»Ja, fragen Sie nur bei Leutweins, die wissen es genau! – Gitta traf den Griechen doch bei ihnen – Anna, die konnte doch eben wegen des griechischen Besuchs nach Hasling nicht mit.«

Ungeachtet der Spannung, womit er zuhörte, behielt Balduin Blick für die überhastete Art, wie sie sprach, wie sie sich etwas spreizte, um Trübsal zu zeigen, und doch vor kindischer Wonne an der Sensation fast auseinanderging. Seine goldbraunen, großgeschnittenen Branhardtschen Augen, die so unverwirrt auf ihr ruhten, brachten in Ida Mittenwalds Bericht den Tatbestand noch mehr in Unordnung, als er schon war. Sie spürte den lebhaftesten Drang, in Balduins Augen etwas schön dazustehen, wenn auch nicht wie für andere Mannsleute mit Bändern und Blumen ballmäßig geschmückt, sondern mehr dichterisch ideal. Als er fortfuhr, sie so gar nicht anzusehen wie einen Gegenstand für ein Gedicht, stieg unmotiviert Zorn gegen Gitta in ihr auf.

»Zum Stehen an den Straßenecken hab' ich übrigens nicht Zeit«, sagte sie brüsk und wandte sich zum Gehen.

»Ja, wie haben Sie denn überhaupt nur davon erfahren, Fräulein Ida?« fragte er.

»Ich?! Die ganze Stadt! Denn die junge Frau – der Grieche hat doch eine Frau! –, die hat doch einen Weinkrampf bekommen – natürlich, denn er ist doch ihr Mann! Soll die etwa Gitta schonen? – Da hat Gitta es nun! Sitzenlassen wird er sie ja doch! So einer, der seine engelsgute Frau verläßt.«

Mit diesem Trumpf schritt sie von dannen.

Balduin suchte sofort die Leutweinsche Apotheke auf.

Jetzt konnte er auf keinen Fall zu seinem Historiker, Doktor Sänftgen, gehen, dachte er bei sich erleichtert – der Schwester Angelegenheit ging selbstverständlich vor.

In der im Schatten der Heiliggeistkirche gelegenen Apotheke »Zur Taube«, wo sie sich als Kinder sooft Lakritzen und Pfefferminzplätzchen schenken ließen, war der Prinzipal, als am Sonntag, unten nicht anwesend; Balduin, der gehofft, es mit ihm allein zu erledigen, mußte in die Wohnräume hinauf. Anna, bei Balduin »Annine« genannt, hatte er einst angesungen: dunkel auf eine große Aufgabe hindeutend, die es ihm verwehrt, um sie zu freien – unter dem Motto: »Ophelia, geh' ins Kloster!« Er erwartete jetzt, daß sie ihm dafür helfen werde, für Gitta einzustehen, nötigenfalls sang er sie auch nochmals an.

Oben saßen Eltern und Tochter bereits um die Lampe am Familientisch, »Annine« damit beschäftigt, Taschentücher zu merken.

Balduins Erscheinen verursachte großen Alarm, umständlich ward er gebeten, doch abzulegen, ein Gläschen Likör zu genehmigen, er blieb jedoch im Überzieher und brachte ungesäumt seine Bitte um Aufklärung an.

»Annine« prustete vor Lachen, obschon sie das selber anstößig fand und sonst in Balduins Gegenwart nie vergaß, was sie sich als seiner ehemaligen Muse schuldig war. Sie bemühte sich so angestrengt, am roten »L« auf dem Taschentuch nicht vorbeizusticken, daß sie fast schielte.

Apotheker Leutwein lag ungemein viel daran, die Geselligkeit in seinem Hause ganz so zu halten wie »in den Professorenkreisen«, und er versicherte fortwährend, es sei kein Wort gefallen, kein Wort, was nicht zur »höchsten Konversation« gehöre. – Ein harmloser Besuch, den ihm ein junger Botaniker, Sohn eines Studienfreundes – »allerdings Grieche, aber nur mütterlicherseits«, auf der Hochzeitsreise gemacht.

Seine Frau, eine magere, lange Erscheinung mit strengen Augen hinter Brillengläsern und sehr gebildet, liebte seinen devoten Ton gar nicht. »Leutwein,« fiel sie ein, »sie hat ihn aber angesehen! Alles, was wahr ist: Fräulein Gitta hat ihn angesehen! Und überhaupt, ich glaube, sie sah ihn wieder.«

»Gitta kennt keinen einzigen Griechen!« unterbrach Balduin sie, bebend vor Haß; er fing an, in seinem Winterüberzieher zu schwitzen, und konnte ihn nun doch keinesfalls ablegen; »was ich übrigens einzig und allein wissen möchte, kann mir wohl nur Fräulein Anna sagen, die doch mit zum Bahnhof gegangen sein soll?«

Anna prustete von neuem, so daß ihr blühendes Gesicht unter dem schwarzen Haar, ohnehin mehr farbig als eigentlich hübsch, purpurn ward. Gerade dies Blühende, fast südländisch Prangende, hatte Balduin dazu verführt, sie sich im Strohkranz Opheliens vorzustellen.

Sie antwortete sehr rasch: »Was ihr doch nur draus macht! Vater, wozu entschuldigst du dich – Mutter, wozu beschuldigst du – es ist doch im ganzen nichts dran! Ich kenne doch Gitta! Das junge Paar ging plaudernd mit uns, wir kamen zu früh, nahmen Bahnsteigkarten, und da – gerade, wo der Zug losging –, na ja, da sprang der ›Grieche‹ eben mit hinein. – Warum tut er's, wenn seine Frau so schwache Nerven hat? Gitta, die sitzt längst wohlgeborgen im Pastorat. Er mag zusehen, wie er nun wieder zu seiner Frau kommt – ein Zug geht nicht mehr zurück, springt er aber wie ein Hase, so ist er wohl mit Tagesanbruch bei ihr!«

Bei dieser Vorstellung entfuhr ihr, förmlich befreiend nach dem Prusten, eine schmetternde Lachsalve.

Balduin erhob sich – wie war er ihr gut für ihre braven Worte – mehr gut, als da er sie angesungen, was er jetzt absolut nicht mehr begriff. Sie bemerkte seinen dankbaren Blick – sagte sich: Er ist noch ganz ebenso wie damals verliebt, und erwog flüchtig, ob sie wohl einmal ein A. B. in ihr Taschentuch sticken werde.

Ihr Vater geleitete Balduin mit vielen Bücklingen und Ratschlägen und Versicherungen hinaus. Kaum jedoch schloß sich die Wohnungstür hinter ihm, als aus der Küche, die direkt auf die Treppe mündete, Annine noch einmal vorgeschossen kam und nochmals, etwas sentimentaler im Wortlaut, ihre hilfsbereite Herzensgüte spielen ließ, die vorhin gänzlich unbeabsichtigt und goldecht sich geäußert hatte. Diese Wiederholung von dem, was ihn gerührt, wirkte nun zwar auf Balduin nicht mehr ebenso, doch wollte er bei dem zweiten Abschied, gleichsam als Antwort und Dank, ihr die Hand küssen – da kam ihm ihr Mund so eigentümlich nahe –, und da küßte er den.

Seine Annine entfloh mit einem kleinen seufzenden Schrei – Balduin aber stapfte die Treppe hinunter, an der hellerleuchteten Apotheke vorbei und dachte bei sich: Dumm! Das kommt davon, daß Gitta mit einem Griechen abfährt. – Dumm, so was gleich nachzumachen.

Er kannte viel reizendere Mädchen als diese Anna. Dennoch war die kleine »Ausschweifung« für ihn genügend, um es plötzlich weit möglicher zu finden als vor einer halben Stunde noch, daß Gitta wirklich irgendeinen tollen Streich begangen habe. Verstand doch gerade er so gut, in den verschrobensten Launen, im scheinbar Seltsamsten, den oftmals überaus natürlichen Anlaß zu würdigen, wie andererseits häufig die natürlichen Geschehnisse ihm in ihrer tiefen Seltsamkeit, ihrem Wunder aufgingen.

Die gesamte, mit einem Male von fremden und eigenen Liebeleien wie überladene Atmosphäre wirkte auf ihn – die Massensuggestion, die unwillkürlich vom Stadtklatsch ausging, den er mit dem Nachtwind sich förmlich um die Ohren summen hörte. – Und als Balduin endlich, im Trabe fast und ganz in Schweiß gebadet, beim Berghaus anlangte, da wäre beinahe auch er mit dem Ausruf ins Zimmer gestürzt:

»Gitta ist mit einem Griechen entflohen!«

*

In Wirklichkeit betrug Balduin sich dann aber ganz anders und tadellos. Er gab vom Vorgefallenen eine gehaltene, angenehm humoristisch gefärbte Schilderung, und zwar mit Absicht gleich in Gegenwart Renates, die bei den Eltern im Wohnzimmer saß. Ihr fiel es auch sofort auf, wie überlegt und richtig er damit handelte, und wieder dachte sie bei sich: den beurteilt man ganz falsch.

Balduin schloß mit den beruhigenden Worten, daß es auf keinen Fall was auf sich habe, denn »was Gitta sich einrührt, das frißt sie auch aus«. Und wer ihn kannte, der wußte wohl, welch eine unverkürzte Anerkennung in diesem brüderlichen Kraftausdruck steckte.

Man nahm im Berghaus die Nachricht auch weit weniger aufgeregt entgegen als in der Stadt unten. Mindestens schien es so. Branhardt äußerte vor Renate keine nachdrückliche Meinung, sondern begnügte sich, zum Telegraphenamt hinunterzutelephonieren: eine Weisung für Gitta, daß sie bereits mit dem Frühzug von Hasling zurückerwartet werde, nicht, wie verabredet, erst abends.

Trotzdem malte Renate, seine ruhige, bestimmte Physiognomie betrachtend, sich's als höchst ungemütlich aus, einen Streich auf dem Kerbholz zu haben, zu dem dieses Vaters Nachsicht nicht ausreichte. Geradezu bewunderungswürdig erschien ihr Anneliese: keine Spur an ihr zu sehen von Argwohn, Zorn oder Menschenfurcht – es blieb nur übrig, den Folgen eines Klatsches zu begegnen.

Ganz verdiente indessen Anneliese diese Bewunderung nicht. Nicht aus spitzfindigem Takt vor dem Sohn oder der Freundin blieb ihre Haltung so unbeeinflußt von etwas, was noch vor kurzem sie vielleicht aufs lebhafteste beunruhigt haben würde. Doch seit kurzem – je mehr sie Gittas Wesen beobachtet hatte, desto unzweifelhafter – erschien ihr die Zeit der Spielereien vorbei und nichts zu befürchten als ein ganz anderer Ernstfall.

Kaum hatte Renate, nicht ohne Absicht, sehr früh sich in ihr Gaststübchen oben zurückgezogen, als Anneliese zu ihrem Mann in seine Arbeitsstube kam.

Er saß im Korbsessel, wo sonst sie mit der Näharbeit bei ihm zu sitzen pflegte, anscheinend unbeschäftigt da. Jedoch wußte sie, daß er sich nur höchst ungern in Mutmaßungen über das Geschehene ergehen werde; solange es ein bloßes Tappen im Dunkeln war, erschien ihm dergleichen nur nervenschädigend, kindisch und ohne jeden Zweck.

Anneliese sagte auch etwas total anderes, als was Branhardt zu hören ungern erwartete:

»Frank – wer ist Markus Mandelstein?«

Er fuhr zu ihr herum:

»Nanu? – Was ist denn das schon wieder für einer?!«

»Du hast ihn mir einmal genannt – entsinnst du dich?«

»Ausgezeichneter Kopf!« sagte Branhardt. »Neurologe, jetzt wohl vorwiegend Theoretiker. Hat physiologisch stark gearbeitet – im hiesigen Institut gibt er ein ganz klotziges Geld aus für Tierversuche – englische Präparate. Hat's jedenfalls dazu. Sehr orientalischer Vater. – Was interessiert denn der dich?«

»Nur so. – Du erwähnst sein Judentum. Bist du denn dagegen – ich meine, zum Beispiel, würde dir denn eine Mischung mit jüdischem Blut – immer und in allen Fällen unerwünscht scheinen?«

Lange zu überlegen brauchte Branhardt anscheinend nicht.

»Ja!« sagte er.

»Und warum, Frank? Müssen sie denn schlechter –«

»Schlechter? Wer sagt das? Aber jedenfalls – anders. Sei's nun wirklich von Grund aus, sei's letzten Endes durch unser aller Mitschuld – gleichviel: das ›andere‹ ist da. Auch sonst hätte es ja sein Mißliches nach mancher Richtung, allein das Wesentliche wäre wohl dies.«

Anneliese saß irgendwo in einer Ecke, auch fern vom Lampenlicht; er konnte nicht sehen, daß sie denn doch zu gedrückt aussah, um sich aus abstraktem Interesse plötzlich über das Judentum zu unterrichten. Jetzt meinte sie mit aufleuchtender Hoffnung:

»Wenn es so ist – da zieht sich dermaßen Verschiedenartiges auch schwerlich ernsthafter an.« Aber Branhardt schlug ahnungslos diese kleine Hoffnung tot.

»O doch! Weshalb denn nicht! Ganz im Gegenteil! Fremdestes, ja Gegensätzliches erregt bekanntlich die tollsten Leidenschaften. Nur – die Frage bleibt: ob es auch zu verschwistern vermag. Beinahe könnte man doch sagen, das Problem aller Ehe sei dies, inwieweit einmal das Wort zur Wahrheit werden kann: ›Ach, du warst in abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau.‹ Dazu dürfen die Wurzeln, die von fernher reichen, nicht gar zu weit auseinander liegen, worauf Leidenschaft nicht achtet.«

Er war aufgestanden und schraubte an seiner Lampe, einer richtigen alten Öllampe mit ihren blankmessingnen Doppelbehältern, die er beim Arbeiten jedem sonstigen Licht vorzog.

Daß Anneliese sich wirklich nicht in Mutmaßungen über das »griechische Abenteuer« erging, freute ihn, aber daß sie so ganz still blieb auf sein schönes Zitat, bei dem er so deutlich auf sie selbst und sich anspielte, war ihm doch auffallend. Er ließ die Lampe und blickte nach ihr.

»Nun, Lieselieb – aber wie schaust du denn drein? – Du bist doch nicht am Ende dennoch nervös geworden durch diesen blödsinnigen Stadtklatsch? – Nein, weißt du – alles, nur das bitte nicht!« sagte Branhardt, und er beugte sich zu ihr mit seinen zuversichtlichen Augen.

Anneliese hob ihr Gesicht, im Versuch, lachend zuzustimmen in seinen Ton – und begann zu weinen.

Und nun erst erfuhr Branhardt, was es eigentlich auf sich hatte mit Markus Mandelstein.

*

Über ihnen hörte man Renate langsam auf und ab schreiten.

In ihrer über einem Teil von Branhardts Arbeitszimmer gelegenen Stube, wo nicht gerade viel Raum vorhanden war zum Spazierengehen, trieben ihre immer nachdrücklicheren Schritte den nebenan schlafenden Balduin vermutlich zur Verzweiflung.

Renate lächelte, wenn sie an Gitta dachte: in ihres Herzens Grunde erlaubte sie sich nämlich, an ihn zu glauben: an den blitzdummen Streich.

Und was läge denn daran? Diese beiden Liesenkinder, als bloße Fortsetzung gedacht, mit Anneliesens ungeteilter Bravheit bedacht, das würden vielleicht bloße Abklatsche und Abschwächungen, Banalisierungen von etwas einzig Harmonischem: ihrer Mutter. Hingegen noch einmal zersprengt der vollendete Kreis – und neu durcheinanderwirbeln alle Möglichkeiten, alle Zukünftigkeiten.

Aber mit dergleichen Ketzereien konnte man ja Eltern natürlich nicht trösten.

Sie sah in Gedanken Gitta unter den jungen Geschöpfen, von denen sie so viele kannte, manche leitete. Sie sah sie in hunderterlei Verhältnissen und Gestalten und wunderte sich, warum das so leicht gelinge.

Unten beratschlagten sie nun vermutlich ganz im Gegenteil, wie ihr Küchlein besser unter den Flügeln zu halten sei. Oder vielmehr: die Liese ließ es sich von Branhardt sagen.

Renate streckte plötzlich beide Arme hoch – mit geschlossenen Händen hoch über sich:

»Ach ja, köstlich hier das Haus! Und ein Käfig doch! Und morgen oder übermorgen, da geht's weiter – von neuem ins Leben hinein: das heißt in all das, was so herrlich zugrunde richtet – uns! Nicht aber sich. – Amen.«

Sie blieb stehen am Fenster und blickte in den Lichtschein, der aus Branhardts Arbeitszimmer unter ihr in den Garten fiel. Ihr kam in Erinnerung, wie Branhardt und sie heute gescherzt hatten über ihr plötzliches Hineinschneien zu ihnen, gerade bei Balduins Geburt.

Damals schien das alles ihr noch kein »Käfig«.

Mit entzückender Deutlichkeit entsann sie sich vieler Einzelheiten: wie Anneliese, in den ersten Wehen schon, noch herauskam, sie jubelnd zu begrüßen. Wie Anneliese dann noch ein wenig bei ihnen saß oder hin und her ging, in den Händen, scheinbar arbeitsam, irgendein feines, kleines Strickzeug, das Gesicht aber gleich einer, die alle Arbeit von sich getan, gesammelt und leuchtend wie vor einem Fest.

Nicht der physische Mut war es, der Renate daran ergriff, den besaß sie selber. Die Gewalt der Seele aber, der dieser Tag – allem zum Trotz und bedingungslos – seinen ganzen feierlichen Gehalt hergeben mußte und ihn hergab, bis in den Schrei der letzten – ersten – Minute.

Noch oft dachte sie später: was sie da erlebt, das war nicht nur die Geburt irgendeines Kindes, arm und sterblich – beigesellt gleichsam Öchslein und Eselein in der Natur –, es war des Menschen Sohn.

Denn mit weiter Seele wußte man's plötzlich wieder – wie ein Evangelium der Freude, verkündet allem, was lebt –, daß im Täglichen und im fast Alltäglichen, im unzählbar oft sich Wiederholenden, dennoch nicht das Banale waltet als innerstes Lebensgesetz, sondern das Ewig-Neue, das göttlich Unerschöpfliche, das jeden Frühling ausmacht, jeden Sonnenaufgang und jedes Genie.

Renate stand noch am Fenster, als sie Anneliese hinaufkommen hörte, um schlafen zu gehen. Anneliese machte an der Tür einen Augenblick zaudernd halt, allein es blieb still dahinter. Mit niederhängenden Armen, den Krauskopf gegen das Fensterglas gesenkt, blickte Renate hinaus in die ruhige Nacht, die viele Sterne hatte.

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