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Lou Andreas-Salomé: Das Haus - Kapitel 19
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typefiction
authorLou Andreas-Salomé
titleDas Haus
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1921
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XIX.

Die Tage kamen jetzt schon rot, durch Nebel, herauf; unsichtbare Hände deckten das Tal zu, wohin dem Hause der Blick freilag, und öffneten dort, wo im Sommer der Bergwald die Aussicht abschloß, wieder zwischen sinkendem Laub geheimnisvoll Wege und Weiten.

Viele Wipfel waren noch herbstbunt, nur höher am Bergwald hin, weil da der Ostwind sie wilder schüttelte, standen sie ganz entblättert, und die Mispeln klebten darin gleich verlassenen Nestern.

Noch ließen die Vögel sich nicht auf dem Altan des Hauses, ihrem alten Futterplatz, nieder, sondern hielten Nachernte im Obstgelände und Stoppelfeld – öfter und öfter nur streiften sie daran vorbei wie berührt von Winterserinnerung. An den feucht beschlagenen Außenmauern krochen in der Mittagssonne emsig Herrgottskäferlein entlang, winzige Sommerpünktchen, die hinter der Wärme hermarschierten; späte Falter taumelten durch offene Fenster in die Gemächer, als suchten sie sterbend noch ihr entschwundenes Blumenbeet. Zwischen den Bäumen im Garten aber, sooft die Menschen ihn auch betraten, spannen die Spinnen von Stamm zu Stamm heimlich Einsamkeit – zarteste Netzwerke, silberner Tropfen voll, und heil und unberührt immer aufs neue: das Rätsel und Wunder der Herbstfeier, die sich nur ganz für sich allein begeht.

Im Frühlicht des Sonntags, unter den Obstbäumen, ging Anneliese langsam auf und ab; weit länger, als es währt, einen ganzen Brief zu lesen, las sie an der letzten Seite dessen, was der Balder aus Rom schrieb:

»Als ich vor diesen ausgestellten Wandbildern aus einer Villa bei Bascoreale stand (den ersten antiken Bildern, die ich sah, und man meint, daß selbst das Museum von Neapel keine bessern hat), da gab es eins darunter, von dem ich Dir sagen muß. Unter den Bildbruchstücken war es fast allein ganz unzerstört erhalten, und eine Frau stellte es dar, die ruhig sitzend einen Mann anhört, der leise und versunken zu ihr spricht, die Hände auf seinen Stab gelegt, daran er lange gewandert sein mochte durch entlegene Länder. Noch war des Kommens Art in ihm, die Hast noch nicht abgefallen, das Blut ging noch in seinen Füßen. Aber von welchen Erlebnissen oder Gefahren er auch zu sagen hatte: kein anderer konnte ihr Sinn gewesen sein, als daß sie ihn ankommen ließen bei der in Ruhe und Reife vor ihm ragenden Frau. Bei ihr, die wie schweigende Sommernacht zu sänftigen und alles heimzubringen verstand: aus Zufall und Wirrnis und Geräusch. So Stille und Bewegung, beides, in diesem Bilde, das am machtvollsten wirkte, weil die zwei Gestalten ganz erfüllt waren von sich selbst, schwer von sich selbst und zusammengehalten mit einer Notwendigkeit ohnegleichen.

Nein, wie soll dies Bild es dir sagen, aber mein Leben wird es tun – daß ich so stehe vor Dir; daß dies allein mir Maßstab ist und Auswahl und Gewissen und Hingabe oder Abkehr. Von wo meinen Quellen und Strömen die Wasser auch noch kommen mögen, sie müssen heimgelangen in Dein Meer. Mein Leben wird nur das sein, was ich bis zu Dir hin tragen kann, und dereinst, Anneliese, wird es so gewesen sein, wie Du es aufnimmst.

Balder.«

Der Junge dichtete sich aus ihr bei lebendigem Leibe schon eine Legendenfrau: und mütterlich hielt sie ihm still, es als ihrer beider Geheimnis schützend vor Spott oder Staunen Dritter. Branhardt sogar gönnte ihr jetzt diese Briefe, die zahlreichen, inhaltreichen, und sie spürte wohl, daß er sie ihr herzlich, ohne Bitternis, überließ. So gut, so gerecht gab er zu, auch nach den sachlichen Berichten des Sohnes an ihn mache dieser einen erfreulicheren Eindruck: trotz des freilich überflüssigen Bestehens »auf dem Süden«, wofür Balduin eine Arbeit abgesetzt hatte, die er »den Rompreis« nannte, aber seine Hauptunterstützung doch vom Vater empfing. Stets versicherte er wieder: Draußenbleiben, Außenwelt, sogar wenn er es sich allein erstreiten sollte, selbst unter Hemmnissen jeder Art, tue ihm jetzt not, bringe allein ihn vorwärts. Ja: er würde sich heraushauen aus den Feinden, die ihn in ihm selber umstellten! dachte Anneliese froh. Natürlich konnte es noch kein Sieg auf der ganzen Linie sein, dauernd blieb er noch in Gefahren. Man mußte eben denken: so oder so, ein Sohn steht immer im Krieg.

Anneliese bemerkte plötzlich, wie wohl dieses geharnischte Gleichnis, wenigstens seinem figürlichen Sinn nach, ihrem Herzen tat, obschon es möglichst schlecht zum Balder paßte. Der hätte sie strafend angesehen. Entschieden fehlte ihr noch mancherlei zu dem Ideal, für das sie in seinen Briefen zeichnete.

Da war's ja gut, daß er abwesend war. Der Unpraktische handelte praktisch: dichten: das konnte er – so ging er denn dran, sich fürs Leben gesund zu dichten.

Und doch – wenn sie ihn jetzt bei sich hätte! – Jetzt, wo ihr so aus ihm entgegenströmte die mit sich fortreißende, mit sich hochtragende, mit sich einigende lebendige Fülle.

Sehnsuchtsvoll blickte sie durch den Garten hin, durch den er nicht mehr kam.

Hinten bei den Apfelbäumen hatte Herr Lüdecke trotz der sonntäglichen Stunde schnell einmal die hohe, dünne Leiter angestellt, um die letzten »gelben Richards« bei dem seltenen Prachtwetter in den Keller zu retten. Und jetzt ging eine alte Frau am Humpelstock durch den Garten bis zu ihm heran, und er langte ihr, leutselig grüßend, eine von seinen Früchten zum Bewundern herunter.

Aber schon eilte Annelieses schwergewordene Gestalt auf die Frau zu. Denn das war ja niemand anders als ihre alte Hausierfreundin, die Hutscher, obschon sie sie kaum wiedererkannt hätte.

Vor mehr als einem halben Jahr hatte Anneliese von all dem Unglück gehört, das inzwischen über sie hereingebrochen war: daß den kranken Sohn das Bluterbrechen hinwegraffte und die arme Grete, die vom Mann verlassene Tochter, nach ihrer Entbindung gestorben sei. In dem nämlichen Fabrikort, wo ihr Sohn gearbeitet, fand Frau Hutscher mit dem Säugling Unterkunft bei einem verwitweten Kohlenhändler in einem Kellergelaß.

Anneliese sah wohl, wie das jetzige Leben ihre alte Landläuferin hart mitnahm: weißhaarig geworden war sie auf einmal und, obschon nicht magerer, sondern dicker als ehedem, doch greise in Miene und Haltung und lahm. Auch klagte sie bitterlich: das Kohlenschleppen! Und Scheuern, Waschen! Und nicht Luft bekommen und nicht Himmel sehen! Und aus dem Kellerfenster nur die Füße der Menschen! »Als hätten sie keine Gestalt und kein Gesicht.« Wunderlich genug nahm er sich aus, dieser kleine Jammer, wo das Sterben so großen gebracht – allein es ließ sich nicht bezweifeln: am schwersten wog er, denn nicht einmal zur herzhaften Trauer um die Heimgegangenen ließ er sie kommen aus Traurigkeit.

Aber alles ginge noch an, wenn ihr nur Klein-Gretelein nicht aufwachsen müßte dort im Hofkehricht! Am Kinde hing sie mit abgöttischer Zärtlichkeit – an diesem einzigen ihr noch zugänglichen Stücklein »lieber Gottesnatur«, an ihrem »Weideland«, ihrem »Rosenstock«. Frau Hutscher überbot sich an Poesie, um Klein-Gretelein würdig zu kennzeichnen. Ach, warum konnte sie sie nicht in eine Rückenkiepe tun und nochmals hausierengehen? Trotz ihrem Keller-Rheumatismus über Berg und Wiesen gehen, von denen sie jetzt schon dem Gretelein alle ihre alten Wanderliedchen sang?

Anneliese nickte verständnisvoll: Jeder träumte sich für sein Kindlein das Allerschönste, und daß es nicht nur sei wie armer Leute Kind – dieses aber war das Schönste, was die Alte gekannt. Und Anneliese gedachte des Augenblicks, wo ihr der Ausdruck: »armer Leute Kind« zuerst aufs Herz gefallen war. Und sie sah zwei kleine Kinder dicht nebeneinander.

Frau Hutscher hatte inzwischen über ihrem eigenen Entzücken am Enkelchen ihre alte wetterfeste Zuversicht wiedergefunden.

»Wird schon besser werden!« tröstete sie sich selbst. »Steht doch geschrieben: Befiehl dem Herrn deine Wege, und das tu ich, und wer kann wissen, was er seinen Engeln befiehlt für Klein-Gretelein und für mich? Stehet doch geschrieben: Unverhofft kommt oft!«

Bibelfester war Frau Hutscher im Keller nicht geworden.

Während aber Anneliese ihre Alte verpflegte und sich alles vom Herzen sprechen ließ, erwog sie: unten, neben Lüdeckes, unter der kleinen Holzveranda, gab es den hellen Raum – die »Truhenstube«, die ja so hieß, weil bloß Truhen und Schränke darin standen: sollten nicht ein paar Sachen jetzt, im leergewordenen Haus, geradeso gut oben Platz finden? Mehr als solcher Stube bedurfte es nicht für Großmutter und Enkelin; die Hauptsache blieb: Wald, Wiesen, Luft, Licht.

Später stieg Anneliese hinauf, sich zugleich überlegend, wo dort die Schränke gestellt werden könnten. Aber oben angelangt, mußte sie sich erst etwas mühsam besinnen, was sie eigentlich gewollt. Die Tür zu Gittas altem Zimmer stand weit offen, heut gab's ja keine Handwerksleute drin. Sie sah das schneeweiße Babyzimmer, das daraus erstehen sollte, vor sich. Sie dachte:

Klein-Gretelein konnte man schaffen, was ihm fehlte, man konnte Großmutters Paradies herumpflanzen mit einigen Bäumen, und mit Blumen würde es der Sommer füllen – aus dem Paradies, das ihre Kinder umgeben hatte, blieb ihr das Kleine unter ihrem Herzen wie vertrieben.

Schwer lehnte sie in der offenen Tür. An einer Stelle der niedergerissenen Tapete guckte ein noch älteres Stück darunter hervor: denn zum drittenmal erneuerte dieser Raum sich schon, der anfänglich, ehe die Kinder aus dem großen, jetzt elterlichen, Schlafgemach in selbständige Stuben auswanderten, der Eltern Schlafstube gewesen war.

Dies alte Tapetenstück zeigte noch das ursprüngliche Muster, so, wie man es hier im Hause vorgefunden hatte: lauter helle Kränzchen mit einer selbstgefälligen kleinen Rose in der Mitte.

Ein wenig zu lebhaft gefärbt, immer neu betont von Kranz zu Kranz, wiederholte die kleine Rose sich, feiernd umringt, als könne sie sich gar nicht genug tun.

Anneliese starrte darauf hin. Sie sah nichts mehr als nur dies. O wie lange hatte sie es nicht gesehen, dies altmodische Musterchen, das sie beim Einzug durch kein neues ersetzt hatten. Ein ganzer Rosengarten, so blühte es vor ihr auf, umfing blühend alle ihre Sinne, ein großer, großer Garten, darin sie sich verlor – kein Garten: ihr Paradies.

»Dieses! Dieses! Wiedererleben! Leben! Es leben! Nicht nur schon erinnern!«

Ihre Lippen bewegten sich. Sie wollte es schreien: es hörte niemand.

Kahl stand, teilnahmslos vor ihr das leere Zimmer, wie ein verödetes Haus, wie ein entleertes Dasein. Mörtel lag zu ihren Füßen, sie atmete grauen Staub.

Und Vergänglichkeit rührte sie an mit dem Stachel des Todes.

*

Balduins Privatreich hinter der kleinen Holzveranda bewohnten längst wieder die überwinternden Pflanzen auf ihren nüchternen Gestellen; im übrigen war sie Branhardts bequemster Durchgang vom Studierzimmer in den Garten hinab.

Als Anneliese bei der Stiege vorbeikam, um zu Lüdeckes hineinzugehen, wo ein Geburtstag gefeiert wurde, sah sie ihren Mann, von Büchern umringt, auf der kleinen Veranda sitzen. Unwiderstehlich trieb das fast Sommer vortäuschende Wetter aus dem Hause an die freie sonnige Luft.

Anneliese sagte zu ihm hinauf:

»Mittagsbesuch heute von Markus und Gitta! Eben gingen sie am Garten vorüber, nahmen sich Salomo auf den Bergwald mit und wollten auf dem Rückweg einkehren.«

»Da will ich meinen Kram nur bald zusammentun«, meinte Branhardt; »ich weiß auch, was sie heute mit uns vorhaben: eine große Reise beschlossen sie – nach Markus' Heimat zu. Er deutete so was an.«

Anneliese war stehengeblieben; sie ergänzte:

»Eine große – und eine lange! Bis über Weihnachten vielleicht bleiben sie fort. Gitta verriet es mir soeben. Und gerade wie Kinder von Weihnachten, so reden sie miteinander davon.«

Sie fuhr sich über das Gesicht, das nicht sorgenvoll ausschauen sollte. Die beiden waren so herrlich ernst und so herrlich froh miteinander! Sie konnte sich eigentlich kaum dran sattsehen. – Ob es aber so blieb? Das wußte Gitta wohl selbst am allerwenigsten.

Branhardt mißverstand die Gebärde oder den Gesichtsausdruck. Er beugte sich ein wenig über die Holzbrüstung:

»Noch einsamer, noch stiller für dich, als es schon war, Lieselieb. Ohnehin unterscheidet sich jetzt sogar der Sonntag von den sechs Wochentagen dir nur noch dadurch, daß ich hier oben für mich allein sitze anstatt unten in der Stadt.«

Da sah Anneliese lebhaft auf.

»O nein! So denk' ich wahrlich nicht. Eben das ist ja deine ›Sonntagsruhe‹! Ich weiß so gut: von allen deinen Feiertagen konnte man immer sagen, sie sind köstlich gewesen, wenn sie Mühe und Arbeit gewesen sind. Und doppelt jetzt!«

»Ja, jetzt gilt es eine doppelt klotzige Arbeiterei, wenn mir das Ding gelingen soll – und leider an die Institute unten gebundene Arbeit. Aber – doppelt jetzt ist es auch schlecht von mir, daß ich dich wie eine Witib auf dem Bergwald hausen lasse, Lieselieb.«

Sie lachte ihn aus.

»Tu dich nur nicht so wichtig!« warnte sie; »im Gegenteil trifft es sich ausgezeichnet, daß die großen Kinder dich nicht vermissen – und was das klimperkleine in seiner höchsteigenen Villa anbetrifft, so hat es von deinem Dasein noch überhaupt nicht Notiz genommen. Es weiß gar nicht, daß auf der Welt, wenn es aus seinem Häuschen in unseres tritt, ihm etwas anderes begegnen könnte als seine Mutter von außen anstatt seiner Mutter von innen. Wer weiß, ob ich ihm den Vater nicht einfach unterschlage?«

Und sie drohte zu ihm hinauf mit ihrem hellen, freundlichen Gesicht, während sie weiterging.

Um Branhardts Mund, wie er sich den Büchern wieder zuwandte, blieb ein gutes Lächeln stehen. Das Haus schien ja jetzt nur einsam. Bald, bald würde es wieder erfüllt sein von Leben und von alledem, was des Weibes ist und was die Frauen ganz in den Vordergrund rückt als die natürlichen Herrscherinnen.

Das wollte er wahrhaftig auch nicht anders. Ein ganzes Haus voll Kindern! Voll Söhnen und kleinen Lieseliebtöchtern: nie könnte es ihm davon genug geben.

Was für ein prachtvoller Kerl ist sie! dachte er. Prachtvoll war dieser Grad von Gefühlskraft, Gefühlsschwung – ja Überschwang, das gehörte zu ihr allezeit, aber als so natürliches Überfließen edelster Art, nicht anders als etwa ihre Musik, mit der sie ihn sooft des Abends empfangen hatte.

Und da stutzte Branhardt. Wie lange war denn das eigentlich schon her? Öffnete sie denn ihren Flügel – ihre Flügel – überhaupt nicht mehr oder nur noch in seiner Abwesenheit?

Allein, dann sank die Frage wieder unter in ihm, infolge der frohen Gedanken, die an seine Frau sich knüpften.

Wahrlich, es war nichts Geringes, diesen Menschen allezeit und bei allem ganz zu eigen gehabt zu haben! Allezeit und ganz? Ein wenig schlossen sich seine Augen und blickten blinzelnd gegen die Sonne. Irgend etwas tauchte da vor ihm auf, mitten in die Sonne hineingemalt, aus dem Dunkel der Erinnerung. Eine Stunde kürzlich – eine Minute, wo er geglaubt hatte, seine Frau in fremdartiger Schönheit vor ihm – und wider ihn – stehen zu sehen: in einer Schönheit, worin sie gleichsam nie sein Eigen geworden war.

Und plötzlich erstand wie ein Gesicht vor allen seinen Sinnen die ursprüngliche Anneliese.

Anneliese jung – blutjung. Ein Weib? Kaum schon ein Weib, so kinderschlank trotz ihres hohen Wuchses – eigentlich wie ein begabter Knabe, den seine eigne Entwicklung nur vorwärts drängt.

Freilich war es nicht das, was er von ihr wollte, und es wurde auch nicht das: Weib wurde sie – ganz, ganz, und sein Weib. Aber in jenem ersten Entzücken an ihr lag zugleich noch seine entzückte Sympathie mit jener begeisterten Sachlichkeit, jugendlichen Strebsamkeit, die ihn an seinesgleichen immer anzog: als enthielte Anneliese für ihn beides.

So überlädt man am liebsten das Geliebteste mit den unvereinbarsten Gegensätzen. Bis dies schwärmerische Kunterbunt am wirklichen Leben sich löst, das, zugleich zu reich und zu schlicht dafür, viel weiser beschenkt, als man sich selber in der Phantasie bedachte.

Und Branhardt ließ seine Gedanken ausgreifen nach den Reichtümern, die sich rechts und links von seinem Lieseliebbesitz um ihn angehäuft hatten, gerade durch dessen erworbene Einheitlichkeit, welche so reinen Raum gab allem, was nicht in ihr schon beschlossen lag.

Bald war er wieder mitten in seinen früheren wissenschaftlichen Erwägungen und Arbeiten.

Ganz dumpf und dunkel nur glitt ein Gefühl ihm nach – eine beinahe körperliche Empfindung –, als ob etwas irgendwo nicht stimme, auch wenn es noch so vorzüglich mit den wissenschaftlichen Ergebnissen ausginge. War das nicht eine kleine Nachwirkung von ein paar Vorkommnissen während der Reise? Doch freimütig gestand er sich: daß er damals ein bißchen unvermutet auf sich selbst zurückgeworfen worden war, das hatte einen wichtigen Zuschuß für sein Denken und Wirken ergeben – ja einen vielleicht notwendigen Kraftzuschuß dorthin – und männlich-neuen Reichtum.

Die Zusammengehörigkeit mit seiner Frau war ihm dadurch nur um so bewußter geworden. Denn trotz einer Enttäuschung aneinander, die in jene Reise fiel, zeigte sich gerade daran, eine wie im tiefsten gleiche Art sie beide doch besaßen, damit, jeder für sich, fertig zu werden. Gleiche Lebensmethodik.

Branhardt, insoweit er bis zur Selbstbeobachtung überhaupt gelangte, voller Ehrlichkeit dabei, fragte sich, ob er da nicht eine bequeme Schönfärberei der Sachlage vornehme. Doch schien das tatsächlich nicht der Fall: diese Wesensverwandtschaft, Geschwisterschaft war vorhanden, bekundete sich noch durch die gegenseitigen Widersprüche und Widerstreite hindurch lebendig und würde als Harmonie weiterwirken in den Kindern.

Auch die blühendste Myrte muß endlich ausblühen, die grüne wird einmal silbern: das entspricht ihrem Naturgeschehen, keinem pathologischen! Und silbern erst verewigt sie sich: keine Blume mehr, nur noch ein Glanz.

Dies dachte Branhardt, und er tat es ehrfürchtig, als er dankbaren Herzens seine lange Ehe überblickte, während er in die Sonne sah, die so breit und ruhig um ihn waltete.

*

Inzwischen saß Anneliese bei Herrn und Frau Lüdecke, um ihm offiziell zu gratulieren.

Im Zimmer mit den Tüllgardinen und dem Kanarienvogel herrschte sein Geburtstag sehr merkbar. Auf dem Mitteltisch standen Hyazinthentöpfe aufgereiht – ganz weiße mußten es jedesmal sein und nur Marke »Norma«. Davor prangte die Torte, und da sie die drauf gehörige Anzahl von Lebenslichten ohnehin nicht gefaßt hätte, so erhoben sich auf geblümtem Teller daneben – nur eben andeutend – ein paar Dutzend Wachskerzen. Hierdurch sah der Tisch einem kleinen Altar nicht unähnlich, um so mehr, als Frau Lüdecke die mehr trivialen Geschenke, wie selbstverfertigte Socken und Sonntagskrawatten, schon beiseitegetan und nur das Idealistischste übriggeblieben war.

Jahraus; jahrein kannte Anneliese diesen altarähnlichen Geburtstagstisch in dem übersaubern Zimmerchen mit den pedantisch wohlerhaltenen Sachen, die gar nicht zum Altern gelangten – fast wie das hartnäckige Glücksidyll der beiden selbst, denn die kleinen Sonnen- oder richtiger Mondverfinsterungen hatten sich längst wieder verzogen. Hier änderte sich nichts: von ihnen hätte Anneliese sich das Rezept dazu nehmen können, wie sie das mit dem Kuchen schon längst getan.

Nun mußte sie ihnen aber von einer Änderung sprechen, wenn es was werden sollte mit Frau Hutschers Übersiedlung hierher. Und während Anneliese genötigt wurde, vom Geburtstagswein zu kosten, den sie selber mitgebracht, berichtete sie über die demnächst zu erwartende Nachbarschaft im Erdgeschoß. Die Kunde von Klein-Greteleins bevorstehendem Einzug erregte bei Lüdeckes hohes Mißfallen. Ein kleines Kind würde doch im Sommer Herrn Lüdeckes Rasen zerstampfen, und man würde es auch schreien hören. Um so mehr, als die auszuräumende Stube neben der Lüdeckeschen lag, und außerdem hatten sie selber eine kleine Truhe drin stehen gehabt, weshalb dies Eindringen ihnen beinahe wie Hausfriedensbruch vorkam. Herr Lüdecke machte aus seinen Einwänden kein Hehl, und auch Frau Lüdecke äußerte die schwersten Bedenken. Aber ihre Wangen färbten sich hochrot dabei, denn bei ihr ward zugleich eine Wunde berührt: ja, wenn's noch ein kleiner Herr Lüdecke gewesen wär! Sie hatte verzichten müssen, sollte nun ein Fremdes, Hergelaufenes ihr ans Herz wachsen dürfen?!

Anneliese suchte das verstimmte Ehepaar zu besänftigen, und indem sie so für Klein-Gretelein sprach, machte sie mit heimlicher Schelmerei doch auch schon für den zweiten Störenfried Quartier in diesem zähen Selbstgenügen der beiden, in das ersichtlich auch nicht das kleinste Kind mehr hineinkonnte, ohne das Glück drin umzustoßen. Bald würden ja nicht nur zwei Füßchen den gepflegten Rasen zertreten, würde nicht nur ein Kinderstimmchen durchs Haus lachen und schreien!

Und bei dieser Vorstellung ertappte Anneliese ihr Herz auf einer heimlichen Herzenslust: gerade als würde das leiblich erwartete Leben ihrem Gefühl damit erst geschenkt. Als würde das Fremde das Ihre, das Ihre aber daherkommend von weit her, von noch Fernerreichendem, als bloße persönliche Glückserinnerungen sind.

Bestürzt horchte sie in sich hinein. Welche erneute Einbuße war sie da im Begriff zu erleiden? Ging sie so achtlos schon hinaus aus ihrem Persönlichsten, daß aus den enttäuschten Händen auch das Ureigene ihr bereits entglitt – halb gleichgültig, zufällig herausfiel und ununterscheidbar Fremdem sich mischte?

Doch in dieser Frucht ihres eigenen Schoßes empfing, umfing sie ja bereits alles Fremde noch mit – Unbekanntem, Ungeahntem, jeder fernsten Möglichkeit noch erschloß sie sich ja damit liebebereit. War in diesem Keim nicht allem Lebenden gleichsam ein geheimes Anrecht auf ihre Mütterlichkeit verliehen? »Mutterschaft« – das hieß wohl eben gerade dies. Waren sie denn nicht Fremdlinge alle und eigen Fleisch und Blut alle, und ruhte im purpurnen Urgrund solcher Tatsache das kleine Menschenwesen nicht unter unbegrenzteren Schätzen, als selbst die heißeste Liebesleidenschaft sie zu vergeben hat?

Hob das Dasein darin jedesmal so namenlos an, so im wörtlichen Sinn namenlos, neu, daß das bißchen Personenhafte – selig-nichtachtend eines Eigenziels – darin mittrieb wie Blütenstaub in dem Leben mit sich tragenden Frühlingswind? Stand immer wieder das Weib darin wie an einem ersten Schöpfungstage da, entlastet jeder begrenzenden, beengenden Erfahrung – erneuert, jung, ein Mädchen, vor Gott?

Gab sie erst jetzt zwei Kindern zusammen das Leben? – erstanden darin die Letztgeborenen, die Zwillinge, ihr aufs neue?

Da rührte ihre Gedanken Lotti an. Ihr war, als nähere sich Lotti ihrem, der Mutter, Leben, das sich so weitete über sich selbst. Was auch aus ihr geboren würde, wie viele ihr auch noch geschenkt würden – Lotti holte sie damit nicht wieder ein. Einzig und allein die Arme, die vom engsten des Glückverlangens, Glückbangens sich lösten, die allein umfingen auch Lotti noch in sich.

Vergangenes und Zukünftiges drängten ineinander. Als sei, was fremd heißt, ausgelöscht, und was tot heißt, ausgelöscht unter dem Anhauch derselben allgegenwärtigen Liebeskraft.

Eine große Bewegung übermannte Anneliese.

Lüdeckes, vollauf mit sich beschäftigt und mit dem unheildrohenden Wölkchen, das an ihrem himmelblauen Zukunftsbilde aufzog, wußten gar nicht, daß in ihrer kleinen geputzten Stube jemand im stillen etwas so Feines, Feierliches erlebte, als ob um deswillen nur der festliche Tisch dastehe im Duft von Kuchen, Wein und blühenden Blumen.

Anneliese erhob sich und ging; – tief hinein in den Garten ging sie bis an die bemooste Steinmauer hinter dem Obstland. Sie blickte über das sonnenhelle Tal hin zu den klar umrandeten gegenüberliegenden Höhen. Frei atmete sie, als ob ein Grabstein zersprungen sei über ihr.

Was da erstirbt in uns, erschließt nur um so tiefern Lebensgrund, Gräber werden Pforten.

Tod! Wo ist dein Stachel! dachte Anneliese stumm.

Dem Hause abgewendet, sah sie nicht gleich, daß Markus und Gitta gekommen waren, daß sie schon aus dem Vorgarten Branhardt grüßend winkten und er von der kleinen Holzveranda zu ihnen hinunterstieg.

Salomo war bereits vorausgerannt. Er hatte nicht einmal das Öffnen der Gartentür abzuwarten, denn, so versicherte Gitta: seit die »Dünenkur«, dies beständige Hinauf und Hinab, ihm »Taille« gemacht, hielt das löcherige Steinwerk der Mauer genug Türen für ihn offen. Bewundernd wies Gitta darauf hin, daß von nun an jedes Zuhausebleiben zu werten sei als seine freie, sittliche Tat.

Mit fliegenden Ohrklappen schoß der Bewunderte auf ihre Mumme zu.

Über der Heiterkeit, womit sie hinter ihm drein lachten, wurde Anneliese der andern gewahr.

Nicht sofort kehrte sie sich um nach ihnen. Röte ging ihr über das Gesicht, zaghaft – eine letzte Furcht, so gesehen zu werden –, ihres »Überschwanges« noch nicht Meister.

Einen Arm scheinbar vor der Blendung ein wenig hochgehoben, inmitten der sich lichtenden Obstbäume, die Frucht getragen hatten und in später, zweckloser Schönheit farbig sie umrahmten: so wurde Anneliese von Branhardt gesehen – und doch nicht gesehen.

Ganz sah nur die Sonne ihr in das flammende Gesicht. Und der groteske Hund, indem er lachen machte, stand treu, ein Wächter, vor ihrer Gemütsbewegung.

 

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