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Lou Andreas-Salomé: Das Haus - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorLou Andreas-Salomé
titleDas Haus
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1921
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XVIII.

Und wiederum einmal befand Anneliese sich unterwegs zu ihrem Mann. Aber der Weg nach den Kliniken war weit, und sie fühlte sich ermüdet. Während sie durch die Parkanlagen kam, die sich vom Bergwald stadteinwärts zogen, sagte sie sich, es sei vernünftiger, erst bei Gitta auszuruhen.

Langsam ging sie und in Sinnen verloren. In diesen Tagen kam ihr sooft die Erinnerung daran, wie es gewesen war, als sie die andern Kinder trug. Wie gewaltiges Erleben war ihr durch Gitta geworden! Selber noch kinderjung, mit ganzer Kraft auf ihre musikalische Zukunft eingestellt, jäh davon fortgerissen durch ihre Liebe, blieb sie dem Verlangen nach dem Kinde noch fremd. Da, in einer linden Sommernacht, geschah es, wenige Monate vor der Entbindung, wo ihr plötzlich, in einem innern Wunder, dies Heiligste aufging: er, der neben dir ruht, ist dein Herr und doch nun auch dein Kind – du, sein Weib, bist ihm nun doch auch Mutter. Eine Musik ging ihr brausend durch die Seele, wie Klänge der Ewigkeit, sie Ewigem vermählend.

Als dann der Balder folgte – mit wie jubelnder Bereitschaft schon, im Übermut fast, empfingen sie ihn! Und während bei ihnen noch Schmalhans Küchenmeister war, hätte man trotzdem behaupten können: eine wahre Märchenwiege von Goldbrokat und Edelgestein nahm ihn auf, und alle guten Feen waren zu Gaste geladen, und es gab in der Welt keine bösen. Gewiß kehrte später mehr Umsicht und Erfahrung bei den jungen Eltern ein, auch mehrten sich die guten irdischen Gaben – aber Anneliese schien immer: ohne ein wenig von jenem seligen, unirdischen Überfluß, der jedes ihrer Kinder umfangen, wie Ewigkeitsklang, wie Feenzauber – blieb so ein neues kleines Menschenwesen des Notwendigsten entblößt – armer Leute Kind.

Als Anneliese aus der hellen Herbstkühle draußen unter den kahlen Bäumen der Villenstraße in das Haus bei Mandelsteins eintrat, schwindelte ihr, und vor ihren Augen schwirrten Lichtfunken. Armer Leute Kind, dachte sie nur noch benommen, dann kam der erschrockene Markus gerade zurecht, um sie vor dem Hinsinken zu bewahren. Auf dem Diwan in seinem Studierzimmer erholte sie sich, und er bestand darauf, daß sie ruhen bliebe.

Gitta befand sich nicht zu Haus. Markus hatte vor einem Schachbrett gesessen und spielte mit sich selbst.

»Reiner Feriendusel,« erklärte er verlegen – »übrigens eine Schwäche von mir, wenn ich mal nicht arbeiten kann.«

»Ich nahm an, dann griffst du nach der Geige«, meinte Anneliese.

»Kann sie augenblicklich nicht recht vertragen.« – Er bückte mit möglichst gedankenvoller Miene den Kopf über sein Brett, damit Anneliese sich ungestört Ruhe gönne.

Sie suchte sich mit aller Willenskraft der Schwächeanwandlung zu entreißen, die sie so unvermutet unterwegs leiblich und seelisch befallen. Lag sie doch bei Markus, unter seinen Augen, und daß sie ihm verraten könnte, was niemand noch wußte, trieb ihr die Röte ins Gesicht. Wohl hatte sie ihn lieb – allein soviel Nähe hätte sie in dieser Stunde nicht ertragen.

Sie fand: ungünstig sah Markus aus, wie er so dasaß – unheiter; wenigstens wenn man damit seine übersprudelnde Laune im Sommer verglich.

Und nun mochte er keine Musik und nicht einmal seine Arbeit. Ein mütterlich warmes Gefühl wallte in Anneliese auf für ihn.

»Du solltest noch mal heraus, Markus – kannst dir ja was gönnen ohne Ängstlichkeit! Ist's auch während Semester und Praxis: geh doch noch in deine geliebten Berge! Ich glaube, beim Kraxeln ist dir doch am wohlsten«, ermunterte sie ihn.

»Das ist es!« gestand er. »Aus dem üblichen Kraxlerehrgeiz freilich nicht – und vielleicht nicht einmal durch den Naturgenuß: obschon man ganz eigentümliche Dinge darin erleben kann dort oben. Aber die Sachlage selbst – bei Hochtouren, dieses Aktivwerden mit allen Kräften – auch Reservekräften, von denen man für gewöhnlich gar nicht weiß –, das erholt so unglaublich, es beruhigt. Man redet sich unwillkürlich ein, auch das Leben ließe sich ›nehmen‹ – wie so ein Berg.«

Ungefähr so könnte auch Frank davon reden! dachte Anneliese, und sie wunderte sich; denn diese beiden erschienen ihr so unsagbar verschieden, und Branhardt hielt Markus für »passiv«.

Eine neue, etwas lange Pause. Markus stand auf und schob sich den niedrigen Stuhlschemel vom Flügel dicht zu Anneliese heran. Allein dann wußte er auch nichts Gehaltvolleres festzustellen als:

»Gitta ist noch immer nicht da.«

»Das macht mir nichts.« Anneliese richtete sich ein wenig höher. »Ohnehin sprech' ich dich gern mal allein. – Weißt du, Gitta hat mir anvertraut, was sie dir jetzt alles gebeichtet hat, was für ein unnützes Ding sie ist. – Hätte sie das doch lieber gleich getan, anstatt sich so kopflos zu benehmen.« Anneliese hielt inne; sie hielt es für richtig, einmal an Gittas »Flucht« zu ihnen zu rühren, fürchtete jedoch zugleich, es zu tun.

Aber Markus blieb völlig unbefangen.

»Das hätte wohl kaum etwas geändert«, bemerkte er. »Der Zwiespalt lag doch wohl ganz wesentlich in ihr selbst. Und bei einem Menschenkind wie Gittl kommt wirklich nicht viel darauf an, ob sich dann noch ein paar andere scheltend oder billigend dazustellen.«

»Nun, die Nordsee hat ihr den dummen Größenwahn ausgetrieben! Sie war ganz überwältigt davon! Und weiß, daß an ihren törichten Fabulierereien nie was sein wird«, sagte Anneliese zufrieden.

Markus unterdrückte ein Lächeln.

»Was sie da erlebte – daß sie es so erleben konnte, das wäre wohl eher anzusehen als ein halber Beweis fürs Gegenteil.«

»Aber Markus! Dann mußt du es eben nicht dulden! An dir ist es dann! Endlich muß sie doch heraus aus Halbheiten und Kindereien – muß sie opfern lernen wirklichem Glück und wirklicher Pflicht!« rief Anneliese erregt. Branhardt hatte doch wohl recht: Markus war »passiv«.

»Glück: gleich Pflicht und Opfer?« Er lachte herzlich heraus. »Gelüstet es dich wahrhaftig, du Rabenmumme, dein Gittl bekränzt zu sehen als ein solches Opferlamm?«

Anneliese blieb ernst; unruhig fragte sie:

»Wie stellst du dir denn das aber eigentlich vor? Weiß Gott, was in Gitta noch alles an unliebsamen Überraschungen stecken mag! Man muß sie auch ein wenig vor sich selber behüten, Markus – mit einer festen Hand – ach, vielleicht wohl einer festeren, als wir für den Taugenichts hatten.«

»Was in ihr noch steckt, können weder du noch ich wissen. Aber jedenfalls soll es, was es nun auch sei, ruhig heraus. Vielleicht noch einmal ihr selber zur Überraschung«, antwortete Markus.

Anneliese sah ihn an.

»Markus – das heißt: mit Gefahren spielen!« sagte sie leise.

»Spielen?! Weiß Gott: nein!« Er sprang auf und schleuderte den Schemel auf den Teppich zur Seite.

»Aber Gefahr? Sage mir, wo gibt es denn Schönes, das nicht zugleich gefährdet wäre – und wann wäre das Schönste nicht immer auch das Gefahrvollste gewesen! – Freilich: dies Besserwissen und Leitenwollen, die ›feste Hand‹, von der du sprachst – diese ganze Überhebung, insbesondere die übliche, männliche: die geht in die Brüche dabei! Aber die tut überhaupt am besten, sich von vornherein nur mit Frauen von solchem Wuchs zu befassen, der ganz sicher niemandem über den Kopf wächst! Nur – sage mir, ich bitte dich – liegt denn wirklich soviel an einem Männlichtun, das so für sich vorsorgen, für sich fürchten muß? Ist es wohl wert, so großen Verzicht – bei Gott ja: den einzig unersetzlichen, unerträglichen Verzicht: nach dem Schönsten, davon man weiß, zu langen. Gewiß: eine Überhebung auch dies – und gewiß: diese ist die größere.«

Er brach ab mit etwas sinkendem Ton.

Anneliese schwieg betroffen, nicht ganz gewiß, ob sie ihn richtig verstehe. »Aber Ehe, Markus – Zueinanderkommen, ein immer unlöslicheres, das ist doch das Ziel«, sagte sie endlich. »Natürlich in allem, auch in allen Geistesbeziehungen. Gerade die teilt Gitta mit dir gar nicht genug.«

Markus schüttelte den Kopf.

»Nein, nicht so, Anneliese. Mit Geist und Beziehungen und dergleichen, das findet sich schon zusammen – wie ganz vorn auf manchen Bildern, weißt du, die groß hingemalten Dinge – die, noch außerhalb der Perspektive. Zueinanderkommen – ja! Aber das heißt ja doch: jedesmal wieder von sehr fernher – aus der Einkehr in sich selbst jedesmal wieder. Sonst nämlich, so scheint mir, brauchten wir armen Menschenkinder unsere allererste Vater-Mutter-Heimat gar nicht erst zu verlieren. Sonst würde sie unserer Entwicklung gar nicht das Gespenstische: das Haus ohne Fenster – das Vor-Grab.«

Anneliese konnte nicht antworten. Sie staunte. Kürzlich noch, vor der Reise, war Markus' Verhalten mit Gitta ihr so erotisch überhitzt vorgekommen – zu sehr für ihren Geschmack. Und nun – griff er nicht ebenso weit, zu weit, nach der andern Richtung aus? Das hieß: ein Haus bauen ohne Mauern. Gab es eine größere Illusion als die: lieben wollen ohne Illusion? Wenn sie sich ehrlich fragte, so hatte sie im Grunde dem Bilde nachgelebt, das ihr Mann sich von ihr gemacht; hatte dieser feinsten aller Schmeicheleien, die in solchem Ideal steckt, erst ihre beflügelteste eigene Kraft entnommen. Und hatte auch ihn vielleicht auf ähnliche Kosten gesteigert? – Hilfe und Fessel wurden da eben kaum unterscheidbar eins.

Markus besaß nicht die Gewohnheit, unter vier Augen mit Anneliese Persönlicheres zu berühren als Affen, aber in diesem Fall geriet seine Mitteilungsfähigkeit – die sie zart in ihm gepflegt hatte – rückhaltlos über das Verschwiegenste seines Lebens. Es half nichts, daß er in immer allgemeinern Wendungen davon redete. Man fühlte gut heraus, wie eigene Befürchtungen, Hoffnungen dabei mit ihm durchgingen, wie er sich tiefstes Bangen und Wünschen von der Seele redete – wie er sich zu etwas selber überredete.

Anneliesens Augen wichen nicht von ihm, während er dastand und auf sie einsprach, Blick und Gebärde voll mithelfender Lebendigkeit. Sie sah dies und jenes aufblitzen hinter Markus' Worten – hellere Sterne, als sie bisher gesehen? Solche, für deren Licht sie nur blind gewesen war? Die an ihrem Lebenshimmel Sonne, Nebel, Wolken ihr unsichtbar gelassen hatten? Blieb wirklich dem, der sich dorthin aufschwang, die Liebe noch dieselbe Lebensluft – diese manchmal blindmachende, aber alleserhaltende? Blieb sie, was der dunklen Erde ihre Atmosphäre ist, durch die allein es darauf lebt und blüht und wächst?

Oder stand da nicht jemand, der wie das Kind nach Sternen griff und sich in Wirklichkeit verlor in eisigdunkle Weltleere dazwischen?

Anneliese dachte still: Darum hat Gitta ihn sich erwählen müssen, weil sie am ganzen Firmament herumsteigen mag, ungestört. Hatte sie nicht einen Gefährten haben sollen, der sie davor bewahrte? Aber, wenn es denn einmal ihr Schicksal war, dann war es gut, daß Markus mit ihr ging – ein Lieben, das nicht nachließ, nicht unten blieb, wenn sie sich verstieg, das sie nicht allein ins Leere fallen ließ.

Sie empfand, wie eine wilde Phantastik sie mitriß, suchte sich Einhalt zu tun.

Über ihrem Stillwerden wurde Markus sich erst seines Drauflosredens bewußt. Da er Branhardts, von den seinen recht abweichende Ansichten teils kannte, teils erriet, beschlich ihn nachträglich ein Schrecken, ob er nicht mit sehr verletzlichen Dingen taktlos um sich geworfen habe wie mit rohen Eiern.

Noch ehe Anneliese eigentlich beim Aufbruch war, bemühte er sich schon verlegen um den Wagen, den er ihr holen lassen wollte, und ging zum Sprachrohr, um es dem Diener hinunterzurufen. Aber einen Wagen wollte sie nicht – gerade den Gang habe sie notwendig: Bewegung und Luft, meinte sie, erheitert von seinem Übereifer, und griff nun auch wirklich nach ihrer Jacke.

Markus, seine neue Übereilung gewahrend, dachte nicht daran, ihr in die Jacke hineinzuhelfen, sondern sagte nur, verdummt vor Betretenheit:

»Du hast so lange hier gesessen! – Ich meine: gewartet. Und doch hat sich Gitta nun um deinen Besuch gebracht.«

Anneliese antwortete rasch: »Dafür hat diese Stunde mir meinen Sohn gebracht!«

Und rasch und warm nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn.

Seit den Staatsumarmungen bei Verlobung und Hochzeitsfest war es das erstemal, daß Anneliese Markus küßte, und nie noch hatte sie ihn »mein Sohn« genannt.

Was aber Anneliese tat oder sagte, besaß eine solche Gemütskraft, daß erst dies eine Wort Markus ins Herz fiel wie Bestätigung, Sicherheit, Beweis, frohe Botschaft all dessen, was er doch in so überzeugenden vielen Worten sich selbst und ihr vorgeredet hatte: seiner Zusammengehörigkeit mit Gitta.

Und nachdem er sie an den Wagen geleitet, geschah etwas, wobei Markus' Benehmen noch maßloser erschien, als Anneliese manchmal von ihm argwöhnte, daß er sich gehen zu lassen sehne: er legte sich nämlich ganz lang hin über den Diwan, auf dem sie gelegen, und weinte los.

Ein einziger Mensch hatte ein einziges Mal Markus dies in solcher Weise tun sehen: als er nach seinem Fortlaufen von den Seinen zuerst wieder dem Vater vor das Angesicht treten durfte – und dieser eine war der kleine Rumäne.

*

Auf Gitta hätte man noch lange zu warten gehabt. Wenn Gitta jetzt von Hause ging, geschah es jedesmal ungemein gründlich. Im kühl-hellen Oktoberwetter streifte sie, so allein und eifrig wie in ihren Mädchentagen, durch die Herbstnatur. Dabei fühlte sie sich diesmal kritisch gestimmt ihr gegenüber. Noch stand alles grün-gelb-rot, und sogar der Mohn blühte noch auf den Wiesen, die wieder üppig zu werden anfingen, aber mit jener derbern, holzigen Nachblüte hinter der letzten Mahd. Daneben dunkelten überall frisch aufgeworfene Schollen zerpflügter Felder und gaben der Landschaft die graubraunen Töne; und dies war das einzige, was Gitta nicht lieben konnte am Herbst: daß so sichtbar der Mensch über ihn kam. Zwar verursachte der auch das Feld, das wogende Ährenmeer, doch eben die lebendigen Ähren vertuschten seine Einmischung. Erst jetzt lag der Acker so ganz bereitwillig da unter seiner Hand, gestriegelt und schön ordentlich zurechtgemacht wie ein Kind zum Schulgang.

Markus, so freundlich er Gitta laufen ließ, schien durchaus nicht vorauszusetzen, daß solche Begutachtung der Herbstfelder vergnüglicher sein würde zu zweien. Überhaupt gelangte Gitta manchmal zur Ansicht: wenn auch ihr selber während der göttlichen Meereswochen alles Liebesleben und was damit zusammenhängt quallengleich ins Nichts verdunstet war, so brauchte drum doch er, der gar nicht einmal dabei gewesen war, eigentlich nicht ebenso aufgeklärt zu denken. Fast geriet man ja auf die Vermutung, ob nicht auch er sich an irgendeiner Nordsee abgekühlt habe.

Zu andern Malen, wenn Gitta zusammengekauert auf seinem breiten Diwan lag, ließ sie das Buch fallen, hob unwillkürlich ein wenig die Arme und verschränkte sie in der Luft: durch dieses Liebestor hatte Markus oft seinen schwarzbärtigen Kopf hindurchgesteckt! Einmal sogar mitten aus einer der wenigen Sprechstunden, in denen jemand ihn sprechen wollte, sich zu ihr gestohlen, weil das Verstohlene am anziehendsten ist. Allein jetzt blickte keiner durch das Tor herein; lange, leere Straße dehnte sich gleichsam dahinter.

Im Hause fehlte Gitta rechte Verwendung für sich. Wozu ihre hauswirtschaftlichen Talente aufs neue glänzen lassen, nachdem Thesi sich als ganz unübertreffliche Strohwitwer-Stütze bewährt hatte. Sogar ihrer raublustigen Mutter, vor der sie sich früher immer geduckt, wußte Thesi jetzt standzuhalten, denn für ihren Doktor ging sie durchs Feuer und wachte noch über seinen letzten Hemdenknopf. Umsonst grollte Frau Baumüller, daß sie gefühllos sei gegen ihre Geschwister, »die armen Würmer hinten in Brixhausen«, umsonst spottete sie, ob Thesi am Ende ihren »Do–hok–tor« wohl gar »lli–hiebe«. Eine solche Ungeheuerlichkeit wäre Thesi von selber niemals eingefallen. Nie, solange sie »ihren Doktor« sah, so wie er vor ihren Augen im Obergeschoß des Hauses herumging. Aber unwillkürlich nahm sie bisweilen eine kleine Maskerade mit ihm vor, durch die er ein ganz anderer wurde: dann sah sie ihn in seinem Bergsteiger-Anzug – dem zwecklos gelüfteten und gestopften –, und so, mit Kniehosen und Wettermantel angetan, war er nur noch ein fremder Wandersmann, der bei ihr unten in der Küche vorsprach um einen Trunk, um einen Bissen, und dem sie ohne das allerleiseste Stottern ihr ganzes Herz offenbarte.

In diesem Kostüm, worin sie ihn nie erblickt, bemächtigte Markus sich Thesis Phantasie ähnlich wie einstmals Gittas in seinem weißen Arabergewande.

Während der letzten Zeit erschien Markus allerdings weder für Bergbesteigungen noch für Festanlässe der geeignete Mann, sondern häufig so abgespannt, daß an Gitta ein heimlicher kleiner Gedanke zu nagen anfing, ob sie nicht Mitschuld daran trage.

Einmal kam er erst tief in der Nacht nach Haus. Wiederholt war Gitta, um hinauszuspähen, von seinem Zimmer auf den mit wildem Wein umrankten Vorbau getreten, wo die länglichen gelb und roten Blätter im Nachtwind wie Regen über sie fielen. Was hatte sie noch vor etlichen Wochen diesen wachen, nachtstillen Stunden entlockt! Jetzt wartete sie bloß, und Markus dankte es ihr nicht einmal:

»Ohne Grund nicht aufbleiben, Gittl!« bemerkte er nur, als er sie im Zimmer fand, und ließ sich auf dem Diwan zwischen den Kissen nieder, die Hände längs den Polstern müde von sich streckend. »Früher kommen war nicht möglich. Ein Kranker.«

»Ist es etwas Schlimmes gewesen?« fragte Gitta. Sie saß noch beim offenen Vorbau auf dem Rande eines Stuhls. Markus hatte kaum jemals Kranke.

»Schlimm? Nach den üblichen Begriffen nicht. Sehr alter Mann im Sterben. Der den Tod schon oft vorauskostete, aus Furcht vor dem Tod. Ich bin gar nicht sein eigentlicher Arzt.«

»Du siehst so abgespannt und blaß aus. Überhaupt diese ganze Zeit schon.«

Markus antwortete nicht gleich.

»Mein Vater ist eben auch alt«, sagte er dann nur.

»Dein Vater!« – Das war es! Gitta stand auf und kam zu ihm.

»Ist dein Vater auch so, daß er an den Tod vorausdenkt wie der alte Mann?«

»Nein! O nein!« Markus blickte mit einem Erglänzen seiner Augen auf. »Nein, das zu lernen hat er vergessen: den Glauben ans Schlimme. Mein Vater ist so: daß ihm noch ein Kraut gewachsen scheint, und sei's gegen den Tod wie gegen jedes Unheil, unter dem je sein Stamm seufzte. Nur ausharren! Ein paar Jahrtausende haben versucht, ihn des Gegenteils zu überführen – mit guten Beweisen, kannst du mir glauben! – Aber die überschlägt er. Was sind einem Juden, wenn er sich mit der Ewigkeit auseinandersetzt, Jahrtausende!«

Gitta sprach, hingenommen von der Wärme, womit er es schilderte: »So ist dein Vater!« Und das kleine Bild fiel ihr ein, das Markus ihr schon vor der Verlobung mit den Bildern der andern Verwandten gezeigt hatte, und das ihr immer vorgekommen war wie das eines alttestamentlichen Propheten. Aber wohl eines, im Augenblick, da er nicht zur Buße ruft, sondern den Messias verkündet.

Markus wiederholte: »Ja, so ist er. Ernst – und doch lacht sein Herz mit seinem Gott des Todes und des Übels, die so groß sich aufspielen. Und helle Augen hat er – kinderhelle eigentlich, die von diesem Lachen etwas auf ihrem Grunde sehen lassen.«

»Und doch erinnerte dich der alte Mann –«

»Weil ich doch weiß. Weil ich nicht lache.«

Gitta setzte sich ganz dicht heran zu ihm. »Deinen Vater, den möcht' ich sehen! Erzähl' von ihm.«

Markus erzählte ihr. Und da sah sie, was zutiefst lag, dieses Erzittern vor seines Vaters Tod: ein Kampf, worin der Sohn ihn beraubte, ihm Teile seines Lebens nahm – entriß, ihn gleichsam schlug, erschlug, mit seinen andersgearteten Überzeugungen. Einst um seiner selbst, jetzt um der Geschwister, um zweier jüngerer Brüder willen, die er hinausnehmen wollte: ein Kampf, worin Markus der Sieger blieb und der Schwerstverwundete auch. Sie sah, daß, was den Tod erst zum Tode machte, ein Leben war voll Widerstreit und Hingebung zugleich – eins, das Markus immer mit sich trug, überall hin, in allen seinen Vorstellungen es fortsetzend.

Mit unaussprechlicher Aufmerksamkeit lauschte Gitta ihm. Diese alle, ihr noch Fremden, wurden plötzlich wie Tiefvertraute: so stark umfaßte Markus eines jeden Geschick wie sein eigenes, daß es gar nicht war, als berichte er nur von irgendwelchen einzelnen – das Leben selber sprach. Die Wucht seines Gefühls sprengte den besonderen Fall – das Ganze stand groß darin, alles, was je lebte, litt, starb – ja starb.

Sehr spät in der Nacht mußte es schon sein. Markus selbst unterbrach sich, wollte, daß Gitta nun zur Ruhe gehe. Aber sie tat es nicht. Um es bequemer zu haben, hatte sie die Füße hinaufgezogen und streckte sich allmählich aus auf den Polstern und Kissen; das ging ganz gut, wenn man Markus' Arm als Endkissen betrachtete.

Kaum blickte sie davon auf – hörte nur. Denn atemlos gespannt empfand sie, wie Markus selbst, durch seine Schilderungen der andern, in einer Weise deutlicher für sie heraustrat als je zuvor – er, in seiner verborgenern Wesenheit. Immer hatte sie gewußt, es gäbe noch einen Markus – nein: eine ganze Welt – für die er nur wie ein Zeichen stand – hinter Markus, eine über seine Einzelperson hinaus – oder auch nur: seine Person umkleidet wie damals mit weißem, fremdartig festlichem Gewand.

Aber statt dessen war es nun einer, der ging in sehr dunklem Gewand, ging gebeugt unter dem Zwiespalt von vielen, für viele; trug, als der Wissendere, das Kreuz für die blinder Hinlebenden; kostete deren Leben und Sterben tiefer, bitterer aus als sie selbst. Und doch! Die weiße Festlichkeit von Gittas Traum behielt recht! Denn einer war das, der eben deshalb nach dem Erlösenden ungenügsamer rief, nach dem Schönsten, dem Höchsten, dem Ausnahmsweisesten des Lebens. Und nur deshalb erklang, wenn er rief, auch in seiner Liebe, etwas mit wie Sturm und große Glocken und Gesang.

Markus' Stimme war immer gedämpfter geworden, setzte aus – er neigte sich über Gitta, unsicher, ob sie noch wache. Dann aber drückte sie sich nur enger an ihn.

Jedesmal, wenn sein Kopf sich über sie neigte, schlug sie die Augen auf, als habe sie sich zu vergewissern: war das er, der in Fleisch und Blut vor ihr wandelte, oder die Dichtung seiner Worte selber, zum Greifen lebendig geworden vor ihr? Gelebt und gedichtet: so erst besaß sie Markus. Das hatte sie früher nicht verstanden. Sie hatte ihn nur für sich zurechtgedichtet.

Gitta wollte sich nicht an den Schlaf verlieren, der leise ihr schon das Bewußtsein löste. Sie fürchtete, er risse sie damit von etwas Wundervollem fort. Und noch, als Markus längst schwieg, hörte sie es immer zu ihr reden wie von irgendwelchem Glück, Wunderglück.

Dann weckte sie aus den Hinterhöfen ein Hahnenschrei.

Mit hochgezogenen Knien fand sie sich, Markus' in den Schoß geschmiegt, und sofort wußte sie wieder: etwas war geschehen – ein Glück –, hatte er nicht eine Glücksbotschaft nach Hause gebracht?

Glück! Nein, nur ein alter Mann war da, der starb.

Sie hob den Kopf und richtete sich auf zwischen Markus' Armen.

Ein wenig zurückgelehnt gegen die Wand hatte er gesessen und niedergeblickt auf sie. Und die ganze Zeit noch bei dem geweilt, wovon er ihr geredet. Aber nicht an den Tod dachte er mehr, während er seines Vaters gedachte. Nur daran: wie Gitta einmal zum Greise kommen werde, zu ihm, der das Irdische so ewig nahm und das Ewige so irdisch, und daß Markus beide lachen hören würde.

Er dachte: sie schlüge mir den Tod tot! Sie brächte mit ihrem Eintritt die Heimat, das ewige Leben zurück.

Vor seinen Augen schien das Schönste zu stehen, was Menschen träumen können. Vielleicht lag es noch fern, weit. Aber dennoch saß er da wie am Ziel, so tief ausgeruht.

Da schaute Gitta, sich aufrichtend, empor – hell, hell –, das Glück, worauf sie sich gar nicht besinnen konnte, lag über ihr selber noch so hell.

Wie Sonne sah Markus es vor sich, in ihrem Gesicht, als sie die Arme hob, die versteiften, schmerzenden, streckte und sie dann fest und zuversichtlich um seinen Nacken schlang. Denn nun meinte sie: dies werde es am Ende wohl gewesen sein, wofür sie so lange aufgeblieben waren.

Noch einmal verkündete der gewissenhafte Hahn, laut krähend, daß Tag sei. Aber die Straße lag noch schwarz und stumm.

Gitta, die soviel auf Namen und Nächte gab, nannte dies später ihre Hochzeitsnacht.

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