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Lou Andreas-Salomé: Das Haus - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorLou Andreas-Salomé
titleDas Haus
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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XII.

In der nächsten Zeit war Anneliese viel im kleinen Villenhaus – unter dem fadenscheinigen Vorwand, die Tochter »einzuwirtschaften«, obgleich Gitta sehr unerwartet häuslich-organisatorische Talente entfaltete, die weder Markus noch die Mumme jemals in ihr vermutet haben würden. Darüber blieb es weniger beachtet, daß Balduin in einem Grade »privatisierte« wie noch nie und seine Privatbehausung fast nur noch auf seinem Holztreppchen verließ oder wiederbestieg. Und in der Tat: wie noch nie genoß er die Stille des Hauses, dessen Leere, rings um sich. Von den einzigen Geräuschen, die kurzen Weg bis zu ihm hatten, schied ihn die gepolsterte Doppeltür vor des Vaters Studierzimmer. Dennoch war in Stunden, wo er Branhardt zu Hause wußte, gerade dorthin seine ganz eigentümliche Aufmerksamkeit gerichtet: während Balduin saß und schrieb, lauschte sein Ohr förmlich gespannt, angestrengt, dem ihm bekannten Schritt, der drüben laut wurde – dem gewohnten Stuhlrücken – dem trocknen Aufhusten nach ausgiebigem Rauchen, das einer Bemerkung zur Pfeife gleichkam: »Nun ist's mit dir genug!« Es war, wie wenn dies wenige, was sein Gehör auffing, eine Atmosphäre um ihn breite, in die ganz hineingebückt, wie in einen zweiten Raum im Raum, er rascher und belebter schrieb – mit einem Gesichtsausdruck dann, als lauschten die Ohren nicht nur, sondern als sähen die Augen: als ob, kulissengleich, die Doppeltür sich verschöbe, bis vor ihm – auf einer Bühne vor ihm gleichsam – der ganze Innenbereich eines menschlichen Alleinseins freiläge, nur diesem selber nicht merklich.

Im täglichen Zusammentreffen jedoch mied Balduin den Vater eher, und so war es schon hoher Sommer geworden, als Branhardt einmal, dem Sohn im Obstgarten, dem Schauplatz ihrer großen Unterredung, begegnend, mit der kurzen Frage bei ihm stehenblieb:

»Hinunter gehst du wohl gar nicht mehr?«

So lange schon war diese Frage erwartet gewesen, sozusagen der Stimmton für die Antwort zurechtgelegt; vielleicht zu lange, so daß ihm etwas von dem natürlichen Jubel schon abhanden gekommen sein mochte, womit man unwillkürlich aus sich herausruft: »Wüßtest du, von wo ich komme – und wie ich komme, wie reich, wie erfolgreich, du würdest gar nicht fragen, ob ich da hinuntergeh'.«

Balduin sagte auch ohne Zögern:

»Nein. Weil ich jetzt weiß, was ich darf. Mir zumuten darf. Zuwege bringe. Meiner Kraft nach darf ich.«

Aber etwas Hochfahrendes, gar nicht beabsichtigt, geriet ihm dabei unversehens in die Kehle; die Unmöglichkeit, Beweisendes mit laut werden zu lassen im behauptenden Wort, suchte sich darin zu übersteigen, zu übernehmen. Und klang schließlich wie ein letztes, verzweifeltes Beweisstück für höchst Unbewiesenes.

»Darf? Der Starke darf alles, der Schwache oder Gefährdete glaubt alles zu dürfen, weil keine Gesundheit ihn warnt oder er keine zu verlieren hat«, meinte Branhardt ruhig. »Junge, kurpfusche nicht an dir herum.«

Und nach einer Weile, ganz nahe beim Sohn: »Du hast vielleicht nur nicht verstanden, wofür ich dir zunächst dies halbe Jahr Selbstzwang im Studium vorschrieb – verschrieb. Das geschah für das, was von uns allen, ohne jede Ausnahme, gleichermaßen gilt – Steinklopfern wie Dichtern: daß wir uns Tüchtigkeit erwerben müssen, um uns glauben zu dürfen

Balduin wartete kaum den Schluß ab, so benahm ihn der Drang, rasch zu antworten; mit fliegendem Atem tat er es:

»Mach die Probe! Setz mich hin – aber vor mein Allereigenstes! Und nicht nur ich – auch andere – alle – werde ich glauben machen.«

»Was ich darunter verstand, läßt sich nicht erlernen an etwas, was Schaffens Gnade ist«, unterbrach ihn Branhardt. »Nur am menschlich Notwendigen. Auf Kommando? Wie bald würde schon die bloße Absicht das weiße Papier vor dir verhexen, daß es nun erst recht weiß bleibt.«

Balduin erblaßte. So durfte man an seine Träume nicht fassen! Nicht ihm vorweg sagen, die würden nichts – nicht ihn hypnotisieren mit dem weißbleibenden Papier: dann wurden sie auch nichts. Mit Grauen fühlte er: der Vater konnte ihn jederzeit widerlegen. Ja, er widerlegte ihn schon; stöberte aus dunkelsten Winkeln eine Angst der Unsicherheit auf –; wie von Fledermäusen fühlte er es sich huschend regen, wo es soeben noch hell gewesen, durchsonnt, wo Vögel flatterten und sangen.

Nur noch wie von fern kam das weitere an sein Ohr:

»Möglich, daß irgendwo irgend was fruchtbarer dir werden könnte, als was du hier vorhattest. Der Möglichkeiten sind immer zahllose. Aber ihnen immer nur nachirren, könnte heißen: sie nie verwirklichen lernen.«

Das hörte er noch. Doch nicht mehr die Güte darin, die Sorge – nicht das Werben darin, das sich schirmend um ihn schlagen wollte, während es ihn zu schlagen, zu knechten schien. Auch nicht aus den letzten Worten hörte er es mehr heraus, die er noch vernahm:

»Ich mißachte deine Arbeitspläne doch nicht. Vor dir selber beschützen möchte ich sie dir.«

Aber von so fernher die Stimme nur noch bis zu ihm drang, so überwältigend nahe fühlte er den Redenden bei sich stehen – eine körperliche Empfindung von Bedrängnis, Bindung, fast Gewalttat, nein, noch mehr: wie wenn der Raum, den er selber einnahm, aufgehoben würde – der Fußbreit Erde, dessen er bedurfte, ihm entnommen – bis es ihn plötzlich hinwegschleuderte aus des Vaters Nahgewalt – fortstieß, fortwarf: in einem ohnmachtähnlichen Vergehen, das lauter besinnungslose Aktion wurde. –

Auf welche Weise er in seinen Privatwinkel zurückgelangt war, verstand er später selber nicht mehr. Einfach davongejagt mußte er sein.

Als wenige Stunden später Anneliese von Gitta heimkehrte, sah sie schon beim Betreten des Gartens, daß durch die geöffneten Schiebefenster in Balduins Anbau Rauch quoll.

Das eiserne Öfchen dort hatte seine Tücken und Nücken zu jeglicher Jahreszeit: ob Winterwind in den Schornstein blies, oder ob Sonne hineinschien. Und beim Arbeiten verbrannte Balduin eine Unmenge Papier. Sie kannte das schon. Wenn er sich im geringsten verschrieb oder ausbessern mußte, dann mußte er auch gleich neu beginnen, »nagelneu«, ohne »Vergangenheit«, die ihm vom Papier aus zusah. Deshalb des eisernen Öfchens jetzt so häufige Opferfeuer.

Anneliese erstieg das schmale Holztreppchen vom Garten aus und kam über die Veranda herein. »Laß mich nur eben mal an die Klappen, Balder«, sagte sie, in den rußigen Ofendeckel fassend, und hielt inne vor des Sohnes Anblick.

Seine Augen waren gerötet und rot sein Gesicht. Der Tisch, die Schubfächer geleert, ihr Inhalt an beschriebenen Blättern auf dem Boden verstreut, sogar aus dem Bücherbord etliche Bände herausgefallen oder -geschleudert worden – wie bei einem wüsten Umzug sah es bei Balduin aus. Er selbst stand mitten im Zimmer.

Beim Ausdruck, womit die Mutter ihn schweigend anblickte, rötete sich ihm noch dunkler das Gesicht, er verzog es haltlos, sagte aber dabei mit verbissener Entschuldigung:

»Die verdammten Fetzen stopfen sich in der Ofentür. Die Canaille raucht.«

Anneliese las auf, was ihr gerade vor den Füßen lag.

»Warum, um Himmelswillen, alles verbrennen?«

Warum? – Die Frage in ihrer Selbstverständlichkeit traf ihn ganz sonderbar. Warum? – Führte er denn nicht einen Befehl aus? – Das heißt das Gegenteil eines Befehles – das Gegenteil von des Vaters Wünschen und Worten, die vor ihm hergelaufen – vom Garten bis hier herein. Jetzt wußte er es: Eilig hatte er's gehabt, eilig, zu vernichten, zu verbrennen; Flammen schlug er aus den Worten – Hohn und Haß: »Beschützen möchte ich deine Arbeiten dir.«

Oder verbrannte er es doch nur aus Angst? Nur, damit das weiße Papier hinter den geschriebenen Sätzen nicht weiß herauslauern könnte – jeden Satz Lügen strafen, jeden von sich abwischen, als beschmutze jeder nur das Weiß? –

Anneliese fragte nichts mehr. Sie griff nach den umherfliegenden Papieren, auf die der Abendwind durchs Fenster blies, sie rettete, was dem Ofen zunächst lag, und brachte alles auf dem Tisch zusammen. Es war nicht sehr schwer, Ordnung darin herzustellen, zum Teil wechselte schon die Größe der Blätter all der verschiedenen Schriftstücke mit dem jeweiligen Inhalt, zuweilen sogar das Papier. Da gab es glattes und geripptes, grobes und feinstes. Auf dem Weihnachtstisch prangte es jedesmal in ausgewählten Stößen, und dann war es lustig gewesen, zu sehen, wie der beglückte Balder heranging und es mit empfindlichen Fingerspitzen befühlte, fast wie einen Kleiderstoff.

Anneliese saß auf dem Stuhl am Tisch und sichtete und glättete und las. Balduin blickte schüchtern hin. Er hatte sich so weit, als bei diesem Schlupfwinkel überhaupt möglich, zurückgezogen, nämlich aufs Fensterbrett des offenen Schiebefensters. Sie war so stumm, schalt nicht auf ihn – aber las. – Ja, eine stumm auferlegte Strafe war auch das – wußte sie das?! Niemand noch hatte ihm jemals in die Werkstatt so hineinsehen dürfen – das Unfertige sehen. Furchtbar schwer zu ertragen war das: Augen über all diesem Geheimsten – hundertmal ärger als dessen Feuertod.

Balduin hockte auf seinem Fensterbrett, die Knie heraufgezogen, die Hände um sie verschränkt, in geradezu verrenkter Haltung, und starrte nach den Papieren, an deren einzelnen er oft mit einem Aufwand von Kunstsinn herumschrieb, als müßten sie schon reden, noch ehe man sie las. Nicht aus selbstgefälliger Spielerei! Aber weil, während der überstarken Erregung der inneren Arbeit, es etwas Sänftigendes für ihn besaß, sie auch äußerlich so ganz sein Werk werden zu sehen – das Werk seines ganzen Menschen, auch seiner Hände. Nicht ein vorläufiger papierner Zufallsfetzen wie für den Druck – den Balduin noch nicht mitdachte, wenn er dichtete.

Sein Blick ging hilfesuchend auf Anneliese. Kein Fremder – sie nur, seine Mutter, war's ja, deren Augen nun über alledem waren – sie, die Mutter auch all dessen, was er zu schaffen rang, denn so, wie er war, hatte sie ihn geschaffen. »Meine liebe Mutter!« sagte er sich selber vor, fast rein worthaft, bis das Wort ihn faßte, sich ihm vertiefte zu einer unendlichen Süße und Bedeutung – bis es wie brausende Dichtung, die er noch nie ausgeschöpft, ihm wieder und wieder kam: »Meine liebe Mutter!«

Und dann hielt er es plötzlich doch nicht aus. Und ahnte gar nicht, daß es, was ihn förmlich gefoltert auffahren ließ aus seiner unnatürlichen Haltung auf dem Fensterbrett, am allermeisten seine halbverrenkten Glieder waren. Im besten Glauben, daß seine Seele ihn hinwegtriebe und nicht sein Leib, ging Balduin steifbeinig das Holztreppchen hinab in den Garten.

*

Anneliese hatte sein Fortgehen nicht einmal bemerkt. Spät war es, als sie vom Lesen aufschaute. Eine solche Freude hielt sie gefangen, daß nur ganz langsam der Auftritt von vorhin, der Anlaß zum Lesen, ihr wieder ins Bewußtsein zurückkam.

Gerade vor ihr, in der Breite des Schiebefensters, stand schon das Abendrot; darunter, scharf abgegrenzt wie mit dem Lineal, ein Dunst, der, die fernen Berge unterbrechend, vom Stadtbild die Spitzen der Kirchen und ein paar Türme noch mit hinwegnahm. Tiefer reichte der Blick nicht; was dort talwärts eingebettet lag, das konnte Menschensiedlung sein oder Wiesengrund oder das Nichts.

Verträumt schaute Anneliese drauf hin, gerade als läse sie daran weiter.

Eins nur hatte sie vollständig durchgelesen vom Inhalt dieser Blätter, und dies eine war selber noch unvollständig, aber wirkend als Ganzes. Und die letzte Arbeit dieser Wochen oder Tage war es, man konnte das der Schrift ansehen, die noch nicht Zeit gefunden hatte nachzudunkeln.

Augenscheinlich war eine vorhergehende Arbeit dafür abgebrochen worden. Und ungefähr so stellte sich das dar: als sei Balduin von der Arbeit aufgesprungen, willens, sich selber das Verlangen zu erfüllen, das der Vater ihm nicht erfüllen gewollt, und hinauszuwandern in die Welt. Doch mehr als nur dies Verlangen schuf sich hier seine Erfüllung; hier nahm der Vater ihn selber an die Hand, ging mit ihm als sein Wandergenoß, hieß alle Schönheit um ihn sich erschließen – schenkte ihm die Welt. Jeder dieser Verse war Dankesjubel des Beschenkten, der sozusagen als Kind empfing, daß er ein Mann, ein Reifer, Sehender ward. Jeder dieser Verse brachte es irgendwo zustande, beides zu vereinen, so daß die Welt wie ein Garten sich ausnahm, durch den ein Gott, den Menschen an der Hand, schreitet. Oft stand das Welthafte, der Dinge Fülle, fast streng geformt, wie Wirklichkeit da, und dennoch enthielt es als Vexierbild, unsichtbar-sichtbar, des Vaters Züge nur. Erkennbar dieser Leserin: für Fremde von keiner anderen Wirkung als über einer Landschaft das Firmament gewinnt, das, ohne sie zu beeinträchtigen, ihr die Leuchtkraft spendet.

Balduin kehrte nicht ins Zimmer zurück.

Aber war es denn Balduin, den es zu sprechen galt? Rasch erhob Anneliese sich aus ihrem Hinträumen. Griff nach den Blättern – wie nach dem Allerselbstverständlichsten, das sie an sich nahm –, hielt dann inne damit, so plötzlich, als schlügen die Flammen daraus, worin sie hatten verbrennen sollen. Nein, eben dies: so sehr des Vaters – würde der Junge dem Vater zu lesen verwehren.

So wandte sie sich mit leeren Händen gegen Branhardts Studierstube, schob von der Polstertür den Riegel zurück, wollte an der Innentür klopfen.

Schon sprang drinnen jemand auf – öffnete.

»Du, Lieselieb? Auf dem Weg suchst du mich?«

Sie wußte nicht gleich, womit beginnen; ohne die Blätter kam sie sich so ganz entblößt vor, so besitzlos – das Wort »waffenlos« kam ihr wider Willen in den Sinn. So gründlich fragend sahen ihres Mannes Augen sie an – sahen, daß ihr Haar sich etwas zerzaust hatte, an die Hände Kohlenschwärze geraten war, ein Rußfleckchen saß sogar ganz keck oben auf dem Kinn. »Siehst ja fast aus wie Aschenbrödel am Herd – aber nein, doch auch ganz anders: wie Aschenbrödel, nachdem sie mit dem Königssohn getanzt hat und ihr eigentlich nichts mehr fehlt als der eine Pantoffel«, meinte Branhardt erheitert.

»Hör', Frank – ich komme wegen Balder –, hat es heute was zwischen euch gegeben?«

»Was gegeben? Nun ja, einen kurzen Wortwechsel. Der Junge benahm sich etwas nervös.«

Anneliese setzte sich auf einen Stuhl neben der Tür. »Wir behandeln ihn vielleicht verkehrt«, sagte sie. Branhardt schien etwas erstaunt.

»Der Wortwechsel enthielt nichts, als was du und ich jetzt mehrmals durchgesprochen haben und worüber wir ganz gleich denken.«

»Ja, Frank, ich weiß! Auch gerade darüber gleich, daß der Balder nur erst tüchtig werden soll um seiner eigensten Lebenswünsche willen. Aber – wenn nun unser Weg dazu für ihn der falsche wäre? – An seinem Tisch saß ich soeben, über seinen Arbeiten – und von ihm selbst wissen die ja doch am allermeisten – mehr noch als wir.«

»Nun?« fragte Branhardt.

Sie hatte das Gefühl: in zwei Worte müßte sich's fassen lassen, wovon das Herz ihr voll war – vielleicht in das eine Wort: daß es wirklich ein Königssohn sei, von dem sie da kam. Und sie begriff mit einem Male all die Not, die auch der Junge hatte, deutlich zu machen, um was es ihm ging.

»Daß er oft untüchtig erscheint, der Balder – sieh mal: das kommt daher, weil die Dinge ihm so viel Schönheit verraten – zuviel, um es im Alltag fortwährend zu verwirklichen. Auch wir vermöchten das nicht, aber wir begnügen uns mit Stückwerk – sind Halbblinde, die nicht gewahr werden, was er drin schaut, und was ihn ungenügsam macht und hilflos.«

Branhardt war vor ihr stehengeblieben.

»Eine lange Rede, Lieselieb. Aber – dich fast mehr noch als mich hat ja Balduins krankhaftes Wesen geängstigt.«

»Das tut es auch!« rief sie. »Nur daß es mir jetzt so unwiderleglich gewiß ist: dichterisch verwirklichen müssen sich ihm die Dinge, damit er selbst harmonischer wirken kann – damit er ihnen auch im Leben ein wenig gewachsen ist. Nicht umgekehrt! Der Weg ist ihm verlegt – und mit dem Weg jagen wir ihn in Sackgassen.«

»Also dann: her damit – mit den Beweisen, die du soeben dafür empfangen hast! Warum gibt er sie mir nicht zu lesen? Ich weiß, wie ungern er damit herausrückt. Aber den Weg nach außenhin wird er wenigstens doch beschreiten müssen.«

Anneliese litt. Sie empfand, wie unmöglich es dem Jungen gerade jetzt sein würde, Branhardt Einblick zu geben in das, was sie gelesen hatte. Aber es gab ja noch mehr – man mußte es ihm abverlangen.

»Du bist jetzt besonders weich gestimmt, weil Gitta aus dem Hause ist und er dein Einziger hier«, meinte Branhardt und ging auf und ab im Zimmer. »Ich bin ja zu jeder Auseinandersetzung mit Balduin bereit, nur scheint mir: vielleicht muß deine Mutterzärtlichkeit vor sich selber ein wenig auf der Hut sein. Lieber doch, daß er mal ein bißchen schwermütig oder querköpfig dreinblickt, als daß wir ihn durch falsche Zuvorkommenheiten gefährden.«

Traurig lehnte Anneliese ihren Kopf gegen das Stuhlpolster zurück. »Ach, Frank!« sagte sie. »An seiner Schwermütigkeit gehen wir kühl vorüber, als müßte das so sein, und Gefahren, denen er sich vielleicht aussetzen soll, entziehen wir ihn aus Besserwissen. – Ich wollte, ich dürfte meine Zärtlichkeit um seinen Frohsinn stellen, und nur um den! Und dazu ihn einen Mann werden sehen, daß er seine Gefahren wagt und wählt – auch noch trotz uns, Frank.«

So innig klang das aus ihrem Mund, daß Branhardt aufhorchte. Etwas unwillkürlich Gewähltes, Schönes in den Ausdrücken berührte ihn seltsam.

»Wer dich so hört, Lieselieb – nun, der Junge ist einfach zu beneiden um eine Mutter mit dem Verstehen – aber es hört sich wirklich so an, als ob du selber dich schon einmal herumgeschlagen hättest mit auf ein Haar den gleichen Kämpfen. – Wie dem nun auch sei: glaube mir, so poetisch-fatalistisch lassen Kinder sich nicht erziehen. Daß ich als Mann und als Arzt nüchterner darüber denke, sollte dir eigentlich nicht erstaunlich sein.«

Sie gab nicht nach: »Frank, ich könnte recht haben selbst dann, wenn du mir gegenüber als dem Laien im Recht wärst. Dinge gibt es doch, die man nur erfaßt, wenn man sie von mehreren Seiten betrachtet. Ist nicht von irgendwoher besehen das Krankmachende am Jungen sein Gesundmachendes auch – sein Selbstheilmittel, seine Erneuerung? Ob er uns dadurch noch etwas mehr Sorgenkind würde als bisher: was läge daran? Wenn er dadurch zu sich selber kommt – und das heißt ja immer: zur Genesung.«

Und während sie noch sprach, zuckte ihr doch das Herz auf im Gedanken: und wenn es nicht so ist? Ja, wenn, was er schaffen würde einmal, ihn endgültig zugrunde richtete – würde sie ihn denn nicht doch in zitterndem Gewähren überlassen dem Stärkern: als seinem Schicksal?

Minutenlang blieb Branhardt stumm, vor sich niederblickend. Ihm stand der Unmut, in dieser Sache gegen seine Frau angehen zu müssen, auf der Stirn. Er kam auf sie zu.

»Du unterliegst seinem Bann«, sagte er bestimmt. »Die gleichen Träumer – du und er. Ich gab bereits zu: beneidenswert – ein kostbarer Besitz für den Jungen, eine Geborgenheit sondergleichen. Aber: eben deshalb bist du nur Partei. Stehst für ihn, nicht zugleich über ihm. – Ein kleiner Überschwang – Lieselieb, der war schön! – war wirklich immer auch dein Fehler.«

Gar nicht wie ein Tadel klang dies letzte: zärtlich eher – ihm mochten Erinnerungen an reiche Stunden dabei kommen.

In Anneliese aber riß es Gegnerschaft hoch – Abwehr. – Nicht das sollte zum Vorwand einer Strenge gegen den Sohn werden, daß die Mutter sich mal überschwenglich benahm; mochte es mit ihr sein, wie es wollte – in ihm rechtfertigen sollte es sich, nicht ihn bedrücken helfen! Und dabei ängstigte es sie heimlich dennoch: ob nicht auch in ihre jetzige Stellungnahme eigener Überschwang sie hineintrieb, denn in allem glaubte sie sonst doch an die Überlegenheit ihres Mannes.

Sie hatte den Kopf gebückt; leidenschaftlich flochten ihre Hände sich ineinander. Mit der ihr eigentümlichen Gebärde, wenn tiefe Erregung sich schwer in Worte fassen ließ, hob sie die verschränkten Hände an die Lippen. Aus dem Widerstreit, der Hilflosigkeit ihrer Seele entlud sich auf einmal ein die Worte fast eigenmächtig formendes, seltsames, Branhardt feindliches Trotzgefühl.

»Nein, nicht so,« murmelte sie, »du hast dazu kein Recht, so ohne weiteres zu entscheiden.«

Wenn Branhardt etwas lächerlich fand, so war es Herrscherpose; geflissentlich wich er oft Anlässen aus, die eine Willenskreuzung im Hause unvermeidbar machen konnten; lag eine solche aber bereits vor, dann vollzog sich stets kampflos, weil selbstverständlich, sein Wille.

Fragend bemerkte er jetzt:

»Ich verstehe nicht. – Der Fall ist wohl der, daß du dem Jungen am besten hilfst, wenn du ihm hilfst, etwas besser zu gehorchen. Schließlich muß ja wohl einer entscheiden.«

Aber Anneliese war schon aufgesprungen, antwortete schon auf die feindliche Trotzfrage in ihrem Innern mehr als auf die seine, obwohl sie es ihm förmlich entgegenrief:

»Nein, nein! Nicht einer! Niemals einer! Selbst das weiseste Urteil kann Unrecht werden, Willkür, Anmaßung, gemessen am Leben. Und das Ärgste – siehst du –, das Ärgste, was es unter dem Himmel gibt – das ist Vergewaltigung des einen durch den andern.«

Rasch – rascher, schien ihm, als er sie jemals sprechen gehört, kamen die Worte, überstürzten, überschlugen sich fast wie in gewaltsamer, urplötzlicher Befreiung von irgendwo, wo sie ganz vergessen, von ihr selber vergessen, doch heimlich geredet hatten oder doch gestammelt, gelallt. – –

Wie kam ihr nur dieser Gedanke! Betroffen war Branhardt einen Schritt von Anneliese zurückgetreten – betroffen von ihr, von sich.

In heißen Wellen kam und ging das Blut in ihrem Gesicht.

Sah er sie so nicht zum allererstenmal? Sah er nicht sie damit zum erstenmal? Er sah auch, daß sie schön war, wie sie so dastand: zwischen Empörung und Begeisterung und irgendwie mit einer Rüstung über ihren Frauenkleidern angetan – fremdartig schön.

Und dann hob sich eine Erinnerung: als sei etwas von solcher Art Schönheit an ihr gewesen, als sie einander zuerst begegneten: ein Gerüstetsein – ein Hinauswollen. – Als sei sie um Jahrzehnte verjüngt.

Wirkte sie nicht damals auf ihn wie ein wundervoller Jüngling, ehe er noch an sie als Weib gedacht?

Mit Gewalt mußte Branhardt sich zur Gegenwart zurückrufen.

Handelte es sich überhaupt noch um den Sohn?

Was Balduin betraf, so hängten sie doch ziellos ihren Streit in die Luft: anstatt sich über das Tatsächliche, über vorliegende Arbeiten, schlüssig zu werden. Aber das da ging ja gar nicht mehr um solchen Einzelfall.

Anneliese blickte ihn voll an: das heißt sie blickte dazu ein wenig nieder. Das war etwas, was ihm ehemals fast physisch Mißbehagen erzeugen konnte: längst hatte er das als kindisch überwunden. In diesem Augenblick machte eine Spur davon sich noch einmal bemerklich, und der Zorn wider sich selbst deswegen beeinflußte seine Haltung, als er mit zu großer Ruhe wiederholte:

»Entscheiden muß jemand. Du sagst: nein. Weil wir, scheint es, keine Einheit als Vater und Mutter mehr in dieser Frage sind. Und dein ›Nein‹ trifft auch nicht nur uns als Vater und Mutter, sondern als Mann und Weib, Anneliese – und als zwei.«

Ihr blieb von seinen Worten zunächst einzig und allein ein ungewohnter Klang im Ohr: nicht Lieselieb hatte er gesagt – Anneliese. Der ihr von jeher geschenkte Liebesname von ihr abgestreift gleich einem Kleinod, das sie über jedem Alltagsgewand getragen wie ihren Schmuck – einen kaum noch wahrgenommenen, weil sie ihn ständig trug – und doch nur zu verlieren als einen Teil ihrer selbst.

Branhardt war an sein Stehpult getreten. Er stützte den Arm darauf und verglich gedankenlos Tabellen, über denen er arbeitend gesessen haben mochte bei Anneliesens Eintritt.

Wie wenn sie aufwache und sich plötzlich irgendwo ganz allein fände, von so ganz weit her sah sie zu ihm hinüber. Von neuem kam und ging in ihren Wangen das Blut, aber vor Scham und Unwillen über sich selber diesmal. Oh, wie schlecht, wie töricht doch hatte sie ihres Balders gute Sache geführt! Und hätte doch nur weiterzuführen gehabt, fortzusetzen, was der Junge so überzeugend ihr vorgedichtet – da im Raum nebenan: Vaters und Sohnes Weggenossenschaft.

Und doch hätte niemand so wie sie dem Jungen seinen Vater als Weggenossen zeigen können – nicht als Dichtung, nein, im Leben selber, dem in des Vaters Jugend beglaubigten.

Wenn sie dem Balder auch nur erzählte, wodurch Branhardt zum Arzt geworden war! Als ganz kleiner Bub hatte er, nach seines Vaters Genesung von schwerer Krankheit, dessen Landwägelchen bei der ersten Ausfahrt umringt gesehen von Menschen, die ihn vermißt, entbehrt, wie ihren Heiland auf Erden – hatte aus Blicken und Mienen und entgegengestreckten Händen das Glück dieser Menschen ersehen. Später, in der eigenen Studienzeit, packte ihn ebenso mächtig jedoch der Drang, sich der Wissenschaft zu widmen, alles hinzuwerfen für sie. Bis der geborene Chirurg in ihm den Kampf erneuerte – und bis endlich das stürmische Aufbegehren seiner Jugend an letzter Schranke Halt fand: am Machtwort täglichen Tages, der Brot wollte für Weib und Kind.

Aber in all dem Auf und Nieder, selbst stärksten Eindrücken gegenüber, blieb eins das Stärkste in ihm: das einfache Landarztbild, das sich dem kleinen Buben ins Herz gedichtet hatte; der ruhmlose »Arzt für alles« in irgendeinem verlorenen Weltwinkel blieb ihm das Edelste, woran er, längst in Rang und Ehren, nach erfolgreichsten Leistungen, sich selber voller Bescheidenheit maß: jenes Bild blieb sein Vorbild.

Anneliese stand noch unbeweglich auf ihrem Platz, weitab vom Mann, nur den Blick bei ihm. Allein sie dachte der Entfernung nicht und nicht einmal mehr des vermißten Liebesnamens, der zwischen ihnen zu Boden gesunken war wie ein Hemmnis für den kurzen Schritt zueinander.

Sie stand und sah und erlebte den Sohn im Manne und den Mann im Sohne, innerlich wieder jubelnd; – zwischen ihnen gleichsam selber anonym geworden ohne Einbuße; erlebend aufgegangen in den beiden Menschen, die sie liebte.

Branhardt sah nicht auf. Blätterte in den Listen, vermerkte was hinzu.

Die am Messinghalter hochgeschraubte Öllampe beleuchtete in etwas grellem Fleck seine Züge, die vielleicht dem hellen Lichtschein ebensogern entzogen geblieben wären. Denn in den vertieften Falten um den bartlosen Mund, im Ausdruck der zu schmal geschlossenen Lippen verriet die nachwirkende Erregung sich noch.

Anneliese rührte es, daß er sein Inneres ihr so hinhalten mußte – nackt, wider seinen Willen. Daß sie in aller Schroffheit der Worte doch seine eigene Jugend nur darin wiedererstehen sehen mußte, gegen die er im Sohn so schroff aufzutreten schien. Sein eigenes Schwersterrungenes, sein kostbarster Willensbesitz, Erfahrungserwerb war es, was er seinem Jungen sicherlegen wollte – ja, wenn schon nicht anders: einstweilen aufdrängen, ehe es an ihm verloren ging. Denn noch jetzt ginge er selbst ja unter damit, daß sein Sohn ihn nicht weitertrüge ins erhaltende Leben.

Branhardt hatte sich neben dem Stehpult an den Tisch gesetzt, dort etwas niederzuschreiben; er schrieb rasch und ohne sich zu unterbrechen: jetzt doch nicht mehr nur zum Schein.

Da war sie bei ihm, ganz nahe, ganz dicht, mit beiden Armen umfing sie ihn.

Stark wie der Tod war die Wärme, womit ihre Arme ihn umfingen.

»Ach, Frank – nicht zwei –«

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