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Lou Andreas-Salomé: Das Haus - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorLou Andreas-Salomé
titleDas Haus
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1921
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X.

Der Weihnachtsbaum stand noch im Erker und streckte ins Wohnzimmer hinein einige seiner reichbehangenen Zweige. Weil den Baumüllerschen Kindern sowie anderen kleinen Wesen aus der Umgegend zu Weihnachten beschert wurde, erhielt er noch alljährlich seinen ganzen kindlichen Schmuck, worunter sich sogar Schokoladenmänner und versteinerte Marzipanwürstchen befanden, die vor einem Jahrzehnt Gittas und Balduins Herz so entzückt, daß sie die Gier ihres Magens überdauert hatten.

Gitta und Markus hielten sich ausnahmsweise allein im behaglichen, hell von Wintersonne durchstrahlten Gemach auf, wo es nach Süßigkeiten und vertrocknenden Tannennadeln duftete. Draußen war es wohl weiß und kalt, aber wie die Sonne so hereinkam, machte sie sich fühlbar im Zimmer, als ob der Dezemberfrost, an ihr aus seiner Starrheit aufwachend, Sprache erhalten hätte, um zu verkünden: »Frühling!«

Vor Gitta auf dem Tisch lagen etliche Photographien, die sie, ihre Arme aufgestützt wie ein lernendes Schulmädchen, endlos betrachtete – Frauengesichter, Männerköpfe, ein alter Mann mit langwallendem weißen Bart, der sicherlich ähnlich sah irgendeinem der Propheten – sie konnte sich nur nicht gleich vorstellen, welchem, denn seit sie aus der Schule heraus war, hatte sie nie wieder an einen einzigen von ihnen gedacht, und nun wurden sie doch sozusagen ihre Verwandten.

Markus harrte schweigend, daß sie was dazu sagen werde, jedoch sie sagte gar nichts. Nur ihre Ohrzipfel, von denen er eins zu sehen bekam, röteten sich. Und dann zuckte sie ganz eigentümlich bebend mit den Schultern auf, machte eine Bewegung wie ein scheugewordenes Pferd und brach los in Weinen.

Er stand vor ihr, tief bestürzt, jedoch ohne sich zu regen.

»Sie mögen sie nicht!« vermerkte er nur.

Das traf sie ins Herz, sie raffte sich auf aus ihrem kindischen Tränenerguß:

»Nein – das ist es nicht – warum denn nicht mögen – ich kann sie wohl mögen – nur: daß sie überhaupt da sind – ich meine: sie so plötzlich vor mir zu sehen, alle, von denen Sie nur irgend jemand sind – gar nichts Unvergleichbares, nur so etwas mit den vielen Personen hinter sich.«

Über der Bemühung, sich verständlich zu machen, hatte sie sich sofort beruhigt, es beschäftigte sie so, daß sie vergaß, sich die Augen abzuwischen – fast lachte sie:

»Es ist dumm von mir – aber ich wünsche so sehr, Sie möchten bleiben, wie von irgendwoher heruntergefallen – nicht in zu vielen Exemplaren vertreten, vorhanden – nein, was ganz für sich – das heißt für mich. – Es ist ja dumm –«

Er war ihren wunderlichen Worten – gewiß nicht solchen, womit man die zukünftige Familie zu begrüßen pflegt – mit tiefster, eindringender Aufmerksamkeit gefolgt; er hielt in sich jedes aufsteigende Gefühl von Kränkung in Fesseln, das ihn hindern würde, ganz zu verstehen. Nichts schien es zu geben, was dieses junge Mädchen ihm nicht rückhaltlos von sich hätte bloßlegen dürfen – und auch ihr Blick bestätigte vertrauensvoll, daß sie das wisse.

Sie waren sich deshalb nach diesem gefährlichen Gespräch nur noch näher als zuvor in ihrem Vertrauen.

Markus sagte:

»Nicht dumm – das nicht – aber schade. Denn da ist so vieles in mir, wozu nur meine Familie den Schlüssel hergibt. – Und einen Juden, so wie er ist, ungeteilt, ungehemmt, sieht man nur durch die Seinen.«

Er sah ruhig und nachdenklich aus. Auch die Seinen hatten ja die bevorstehende Verschwägerung keineswegs mit Begeisterung aufgenommen – für den Vater war sie ein Schlag. – Sie mußten erst Gitta und in Gitta seine Freiheit lieben lernen. Und Gittas Liebe zu ihnen, die konnte erst eine späte Frucht werden ihrer Liebe zu ihm – die späteste vielleicht. – Würde sie ihm überhaupt jemals reifen? Sie mußte es! – Jeden Dienst würde er dran tun, damit sie reife, lange – lange zufrieden sein mit der unzulänglichen Liebe, bis diese wundervolle ihm zufiel – um Lea freien sieben Jahre, ehe Rahel sich ihm gab – aber einst, da mußte sie es! – Mußte ihm damit »Heimat« zurückschenken.

Beide wurden einsilbig. Anneliese würde gemeint haben: Schon wieder wechseln sie keine zwei Worte, wie sooft. Das aber wäre vielleicht selbst ihr unerwartet gewesen, daß sie im Alleinsein sogar sich noch nicht duzten. Man gewöhnt sich ans »Sie« der Anrede wie ans »Du« der Gedanken, Markus gewöhnte sich daran, und ihm schien auch, das Duzen zu zweien, das hätte ihm alle gezogenen hochnotpeinlichen Schranken – alle! – im Nu zu Kreidestrichen gemacht.

Während er die Photographien wortlos an sich nahm, errötete Gitta nachträglich für ihr Betragen. In einem Gemisch von Scham und Trotz bemerkte sie:

»Diese Bilder bringen Sie mir her – und waren soeben sehr gut zu mir – aber eins, das haben Sie mir ja doch eigentlich nie gesagt.«

Markus blickte sie fragend an.

»Daß Sie mir überhaupt gut sind!« murmelte Gitta trotzig.

Er stutzte. »Nein! – Es ist wahr. – In der Tat – ich habe es aber nur vergessen.«

»Warum sagen Sie mir dann nicht: Ich liebe Sie!« fragte sie erwartungsvoll.

»Ich liebe Sie.«

»Ich Sie auch«, erklärte Gitta.

»Ich danke Ihnen sehr!« antwortete Markus.

Sie sprachen das steif und ernst aus, ohne die mindeste Möglichkeit zum Humor dran zu finden.

Markus selbst bestürzte das. Er griff nach Gittas Händen, die ineinandergeschlungen auf dem Tisch ruhten, und drückte sie ungeschickt in den seinen zusammen, er bückte seine Stirn dagegen, und Gitta fühlte die Kälte seiner Hände und deren Hilfloses.

»Schöner – war's damals – früher! – Schöner – ehe wir so verkehrten und so zueinander sprachen!« murmelte er dabei.

Sie verharrte ziemlich verblüfft. Ganz außerordentlich seltsam erschien ihr das, was er da sagte – ja, besonders daß er es sagte! Daß er das Damalige, Ungewisse, nur Ersehnte zwischen ihnen vorzog dem Sichern, Wirklichern. Aber schön war es gewesen, darin hatte er wohl recht – schön diese Wunderwelt, die alles noch enthielt, ungesagt, ungemessen, unfaßlich – diese unsichtbar-sichtbare Wunderwelt, darinnen es noch um sie brauste wie von Sturm oder Gesang.

So mußte es wieder werden! Gitta ergriff umgehend der lebhafteste Tätigkeitsdrang:

»Alles ist ganz verkehrt – man muß es ändern – wir müssen rascher vorwärts – diese Prüfungszeit muß enden – wir haben uns ja nun immerzu geprüft.« Sie dachte: Und wozu auch! Ich würde ihn ja auch lieben, wenn er ein siebenfacher Raubmörder wär'!

Belebt sah er auf: »Ja!«

»Wir müssen uns rasch offiziell verloben!«

Offiziell! Wie wohl das erst war! Ihm schauderte die Haut. Allein geschehen mußte es ja, man mußte standhaft sein; es war jedenfalls die Krisis, erst nach der kam die Genesung.

»Sie denken doch ebenso, Markus?«

»Ach ja!« sagte er etwas schwach und erhob sich unwillkürlich vom Stuhl – schwül wurde ihm in dieser zuschauenden Morgensonne, die den Ofen zu übertrumpfen schien.

Auch Gitta sprang auf, trat unvermittelt auf ihn zu, die Freude ihres Herzens wollte sich Luft machen.

Dicht vor ihm, Blick in Blick, hielt sie inne – sah, wie er steinern stand, in seinem reglosen Gesicht weiteten die Nasenflügel sich, er schloß die Zähne.

Sie sah ihn an – und plötzlich, da erbrauste es ja um sie! – Sturm und Gesang – umbrauste sie wie damals.

»Deine Frau sein!« – Das Wort kam ihr atemlos, an seinem Hals.

Mit eisernem Ring schlossen sich um sie seine Arme.

*

Am Silvestermorgen gingen Anneliese und Gitta zur Stadt hinunter, um Besorgungen zu machen für die Neujahrstage. Im Magazin am Markt waren zudem endlich die grauen Tuchstoffe angelangt, aus denen sich die Mumme ein neues Winterkleid wählen sollte, und dergleichen durfte beileibe nicht geschehen, ohne daß Gitta das letzte Wort dazu sprach.

Sie machten einen Umweg über die weißbereiften Anlagen, die sich seitlich der Landstraße hinabzogen bis in die Stadt. Bei der Milde der windstillen Luft spürte man den Winter kaum, obschon er fast protzend sich vor Augen stellte. »Wie vom Zuckerbäcker ins Schaufenster hingesetzt: mit roter Glimmersonne und blinkenden Frostflitterchen und alles eßbar«, meinte Gitta, deren Mund nicht stillhielt; »oder wie Winter auf Glückwunschkarten – mit Schneeweiß und Sonnenrosenrot, mein erster offizieller Gratulant.«

Anneliese antwortete kaum. Sie dachte an die plötzlich so eilig betriebene Verlobung, um deren Frist Gitta sich seit der Weinkrampfszene überhaupt nicht mehr gekümmert hatte. War sie denn auch nur im mindesten reif für den Ernst einer Ehe?

Und unwillkürlich begann Anneliese ihr davon zu reden. Gitta hörte erst nur freundlich zu, dann aber hochinteressiert. Denn die Mumme, wenn sie »Ehe« sagte, konnte sich absolut nur ihre eigene darunter vorstellen, und Gitta wußte schon: dann klang es wie lauter Märchen, dann erging es ihr wie jener Prinzessin, der alle Worte, die ihr über die Lippen kommen, zu Blumen und Juwelen werden.

In der Tat: was Anneliese mahnend und streng nach ihrem besten Wissen und Gewissen hatte sagen wollen – von der Mühe und dem Ernst, die das Leben ausmachen –, das wandelte sich unmerklich an ihrer Erinnerung zu etwas sehr Freudigem, ja Herrlichem um. Als wenn Alltag und Feier sich nicht mehr unterscheiden ließen in dem, was Ehe hieß – so wie in der Natur die rastloseste Arbeit im Innersten einer Pflanze sich dem Blick doch nur festlich erschließt als Blüte und Farbe und Duft.

Wie sie dann unten im Tuchladen nebeneinander standen, da sah Anneliese viel froher und jünger aus als eine Stunde vorher, und wirklich fühlte sie sich in befreiter Stimmung, fähig neuen Glaubens an die »hohe Zeit«, der ihr Kind entgegengehen wollte. Zerstreut glitt ihre Hand über die vor ihr ausgebreiteten grauen und braunen Damentuche und prüfte zögernd einen beiseiteliegenden Stoff von sehr tiefem, weichem Veilchenblau. In ihr Gesicht stieg eine leise Röte, als der Ladenjüngling ihn beflissen zu ihr heranschob.

»Ich glaube – diesmal nehme ich den«, sagte sie.

»Ach, Mumme!« schrie Gitta auf. Und der befremdete Jüngling sah, wie sie sich niederbückte und vor aller Augen die Hand küßte, die zum erstenmal seit Jahren nach einem farbigen Stoff griff.

Um ihret-, um ihrer Brautzeit willen trat ja Anneliese heraus aus ihrer langen Trauer um Lotti.

Da war es Gitta, als ob sie von der Menge der guten Vorsätze und stummen Gelübde, die schon unter den Worten der Mumme sich in ihr angehäuft hatten, gradeswegs zersprengt würde. Die Mumme sollte sich nicht sorgen! Wenn es denn so notwendig war, brav, tüchtig, glücklich, weise dafür zu sein, das wollte sie schon besorgen! Mit der Ehe verhielt es sich offenbar ähnlich wie mit den dicken Wunderknäueln, die man abstricken muß. Tut man das nur treulich und fleißig, so bringt man damit nicht nur eine Socke zustande oder ein Wickelband, sondern je mehr man strickt, desto rascher fallen Stück für Stück die darin verborgenen kleinen Wunder einem in den Schoß. Aber freilich hatte Gitta bei ihren Wunderknäueln meistens geschwindelt.

Zu Hause schloß Gitta sich für ziemlich lange in ihre Stube ein. Sie benutzte den Altjahrstag dazu, eine Sündenliste anzulegen von allen Fehlern, die sie abzulegen haben würde. Da sie sich verbot, aus ihrer Mädchenstube hinauszuheiraten, ehe sie fehlerrein sei, so mußte es möglichst schnell damit gehen. Der Übersicht halber schrieb sie auf die Blätter ihres Abreißbuches je einen Fehler, diese spießte sie dann an einer langen Stecknadel mit grünem Glasknopf in der Tischplatte fest wie Schmetterlinge. Es wurden ganz unbegreiflich viele Fehlerblätter daraus. Das vorletzte enthielt bereits Nr. 47: »daß ich elf Stunden Schlaf brauche«, und als sie das letzte resolut durchstach, stand reuevoll darauf: »daß ich Tieren treuer bin als Menschen«.

Nebenan im elterlichen Schlafzimmer ruhte Anneliese ein wenig – eine Stunde mit sich allein zu sein, ehe der Abend anbrach. Erregt und bewegt trieb zunächst all ihr Denken um die unmittelbarste Gegenwart, allmählich jedoch in der ruhigen Dämmerung, die immer tiefer wurde, trat, was sie umgab, mehr und mehr zurück. Vor ihrer Seele stand Lotti.

Sie dachte an das kleine Mädchen, das nicht mehr mit Freuden und Ängsten sich an sie drängte gleich ihren andern Kindern, das stumm abseits von ihnen stand, fertig geworden mit allem Leben, seltsam vollendet vom Tode: ein Kunstwerk Gottes geworden, an dem die Mutter, die es in der Seele trug, oft und oft ihre Sammlung fand und still ward – ihren Anteil an Ewigkeit wiederfand für sich selbst. So würde Lotti stehenbleiben, unverändert durch die Zeit, während ihre Schwester zur Braut reifen würde, zur Frau, selber zur Mutter; – stehenbleiben in ihrem Kinderkleidchen – immer ganz nahe aller Unschuld und Erinnerung – neu geboren immer wieder mit jedem Kind, das Anneliese um sich spielen sehen würde, dem zärtlichsten Fühlen verknüpft – Genossin noch den Enkeln.

Und in der Stille der Dämmerung streckte Anneliese zum erstenmal mit einem Lächeln ihre Arme aus nach Lotti, sie herzend mit den leisen, zarten Gedanken, die der Tag nicht vernimmt. –

Dann kam Branhardt zu ihr; der Lebenden voll. Auch an Balduin jetzt voller Freude, seit er ihn so sichtlich interessiert für die erwählten Studien sah. Wobei allerdings, wie Branhardt lachend zugab, das Alte Testament eine ganz unvorhergesehene Rolle spiele, glücklicherweise jedoch, ohne sämtliche Pläne umzuwechseln, bis zum Wechsel von Beruf und Bekenntnis.

Zum Abend wurde Markus erwartet. Vom Silvesterpunsch brach man gemeinschaftlich auf, um, wie jedes Jahr geschah, auf den Bergwald hinauszugehen und die Neujahrsglocken der Stadt läuten zu hören.

Vollmond stand im Kalender; am Himmel jedoch ließen die Wolken, windgetrieben, nur hier und da ein wenig von ihm durch ihre Ritzen scheinen. Es war kälter als am Morgen, und sobald man – Salomo schnaufend voran – die Bergwaldhöhe erklettert hatte, blies es gewaltig von Osten, den Wäldern, her.

Branhardt schritt mit Markus ein ganzes Stück hinter den andern, den Arm ihm untergeschoben und vertieft in eine Unterredung, die diesmal nicht beruflicher Natur war.

Balduin stand als erster wartend am Abhang, gespannt niederblickend auf die lichterflammende Stadt, wo die Glocken gleich losläuten würden, wovon er nicht gern überrascht wurde. Selbst der Mond war neugierig geworden und trat plötzlich heraus: mit einer Pünktlichkeit auf die Minute wie beim Theater. Alle fünf Taschenuhren behaupteten in seinem absichtsvollen Licht, daß jetzt der Moment eingetreten sei, sich »Prost Neujahr!« zu sagen, allein die Stadt unten blieb stumm. Der Wind, der nach wie vor von Osten daherfegte und nichts vernehmen ließ als sein sanftes Gedröhn, erklärte dem Mond, daß er sich im Auftreten geirrt habe.

Da, während man noch lachend sich herumstritt, ob Wind oder Mond richtiger beraten gewesen, kam ins Gelächter hinein aus den tiefen Wäldern im Rücken der Klang einer einzelnen, lauten, läutenden Glocke. – So stark war er, so eindringlich, daß man das Gefühl gewann, dicht dahinter stehe unsichtbar ein Kirchlein, hergeweht vom nämlichen Winde, der den großen Neujahrstrubel dort unten unhörbar machte, vor sich hertrieb, mit sich fortnahm – weithin. Seltsam wirkte es: die Stadt vor Augen zu haben, die stumme, die so vergeblich sich anzustrengen schien mit ihrem Lichtermeer, Festgetöse – und, aus dem Dunkel heraus, als sei alle Macht ihr gegeben bis in alle Fernen, wenn sie nur wolle, die eine, schwingende, feierliche Glocke.

Nach der Lustigkeit, worin auch er sich befunden, durchfuhr sie Balduin mit einem nervösen Schauder, namenlos überraschend, überlaut anschwellend, ja, urplötzlich das Weltall füllend für ihn. Und da er, im hellen Theaterlicht des Mondes, sich nicht die Ohren zuhalten konnte vor aller Augen, so stand er in schrecklichem Kampf mit sich, starrend in heuchlerischer Gleichgültigkeit auf einen Punkt in den Wolken und hoffend, daß die Geisterglockenstimme wieder zur einfachen Dorfglocke von Brixhausen werden würde, wenn sie nur erst begriffen, es wirke gar nicht auf ihn.

Die niederhängenden Hände zu Fäusten geschlossen, dachte er wild: Nur das können – gerade derjenigen Dinge Herr werden, die am gewalttätigsten, am lautesten zu ihm sprachen. Denn er fühlte: gerade die wollten ihn, gerade die wollte er! Wenn es gelänge! Wie mit Neujahrsglocken würde jedes Ding ihm ein unfaßlich hohes Leben einläuten.

Markus hielt sich neben Gitta, ziemlich unberührt von dem, was um ihn vorging, und ohne Mitgefühl für Glocken, die ihn an nichts erinnerten. Aufs stärkste dagegen klang das Zwiegespräch mit Branhardt in ihm nach. – Tief erregt dachte er, ob er Gitta zu einer so glücklichen Frau machen werde, wie Anneliese es geworden. Und während er es sich fiebernd fragte, suchten Furcht und Zweifel sich listig um seine Gefühle zu drängen wie um einen tiefen, allzu tiefen Brunnen, der sein Gewässer verbirgt.

Wodurch hatte Branhardt eine so glückvolle Ehe erreicht? Geglaubt vor allem – wie bei jeglichem, felsenfest ans Gelingen geglaubt –, wo aber etwas nicht ganz gelang: von Maßlosem der Forderungen ablassen gelernt, denn alles Leben ist an sich selbst schon Zugeständnis, und wer das versteht, ohne daran feige zu werden, ist sein Meister.

Aber da erhob sich aus Markus' Kleinmut ein Hochmut riesengroß: nicht glücklich wie Anneliese – glücklicher als sie mußte Gitta werden! Nicht wie Branhardt konnte er, Markus, das Glück finden. Nicht glauben konnte er, ohne zu sehen, aber auch nichts ablassen, nicht loslassen – niemals! Nicht darauf verzichten, daß das Leben bis auf den Grund seines Brunnens die schöpfenden Eimer niederließ, seine Wasser zu heben – nein, nicht sich mit Erreichbarerem, Möglicherem begnügen – und kämen die goldenen Eimer auch nie mehr herauf. – –

Markus beachtete kaum, daß man nach Hause aufbrach. Selbst auf Gitta, um die dabei doch seine Gedanken kreisten, blickte er in diesen Minuten halb zerstreut hin. Dann jedoch mußte er auf einmal lächeln: als sie sich niederbückte zu Salomo – der sich offenbar tief unglücklich gefühlt hatte wegen der Kälte des Bodens, worauf er um Silvesters willen dasaß – und ihn auf die Arme nahm. Markus' Phantasie tat einen wunderlichen Ruck und geriet ganz woanders hin, und irgend etwas wurde hell, ganz zukunftshell in ihm. Die Finsternis draußen, der kein Mond mehr schien, ließ es vergessen, daß das Kleine, was Gitta da vom Boden auflas und mit mütterlicher Fürsorge im Arm hielt, nur Salomo war.

Sowie man sich dem Berghaus näherte, entstand drinnen Bewegung. Frau Lüdecke, die mit Herrn Lüdecke unten beim Silvesterpunsch saß, Nußschalen auf Waschschüsseln schwimmen ließ und Blei goß, hörte rechtzeitig die Stimmen und Schritte; sie ließ alles im Stich, wiewohl es mit dem Bleiguß der verhängnisvollste Augenblick war, und flog hinauf ins Wohnzimmer, um im Erker sämtliche Kerzen am Weihnachtsbaum anzuzünden. Denn eigens zu diesem Zweck hatte sie sich ausgebeten, daß man den Baum noch nicht »plündern« möchte. Und es machte sich auch wirklich sehr hübsch, als die ganze Pracht plötzlich bewillkommnend in die Winternacht hinausstrahlte und glitzerte – goldene Nüsse, rote Äpfel, Sterne, Würstchen, Engel und Marzipanmänner.

Frau Lüdecke rief als erste das »Prost Neujahr!« im Hause, voll hoher, ahnender Erwartung in der Zimmertür stehenbleibend, um herzhaft mitzutrinken. Branhardt hob sein Glas und sagte:

»Der kleinen Braut ins neue Jahr! Und auf die Hochzeit unserer lieben Kinder im Frühjahr!«

Worauf Gitta geübt Markus um den Hals fiel und Frau Lüdecke laut anfing zu weinen. Nun war sie auch die erste, die's wußte! Und auch das wußte sie nun, daß der Bleiklumpen, der noch nicht entschieden gewesen, ob er ein Hund werden sollte oder ein Schiff, nichts anderes sein konnte als ein eigenartig geratener Myrtenkranz.

Das Tuch vor die Augen gedrückt, flog Frau Lüdecke die Treppe hinunter, um Herrn Lüdecke darüber aufzuklären.

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