Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > George Webb Appleton >

Das Halsband des Kaisers

George Webb Appleton: Das Halsband des Kaisers - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleDas Halsband des Kaisers
publisherVerlag von Robert Lutz in Stuttgart
printrunDritte Auflage
translatorHeinrich Müller
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectidd58dc5f3
wgs9121
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.

Hubert Darrell hatte halbwegs den Park durchlaufen, als er einen Ton hörte, der es ihn eiskalt überlaufen ließ.

Der alte Selhurst hat seine Bluthunde losgelassen, sagte er, und vielleicht zum erstenmal in seinem Leben gab er physischem Schrecken nach und entfloh.

Von solchen furchtbaren Tieren auf unbekanntem Boden und in schwarzer Finsternis gebissen und zerrissen zu werden, war genug, um dem Kühnsten den Mut zu nehmen, und er, der tapfere Buff, rannte mit immer längeren Sätzen, je näher das heisere Gebell kam. Er konnte am Gerassel und Fallen von Steinen und Kies hören, wie die schnellen Pfoten über den Fahrweg dahinflogen, einen zischenden Ton, wenn die Tiere durch das nasse Farnkraut rannten, zuletzt glühten dicht hinter ihm rote Augen und schnappten Kinnbacken nach seinen Hacken, als er mit fliegendem Sprunge auf den Weg gelangte und seine haarigen Verfolger ohnmächtig gegen die zwischenliegende Mauer bellen und kläffen hörte.

Das soll er mir büßen, sagte er, als er wieder zu Atem kam. Er hätte mich gern von seinen Hunden fressen lassen, ja ja! Hu! Das war ein knappes Entrinnen!

Der Regen hatte aufgehört, und er dankte dem Himmel dafür, als er eilig seinen Weg zum Gasthause zurückschritt. Hier fand er den Fiaker in einem Zustande vollkommener Zufriedenheit, einen Zinnkrug in der einen Hand, eine lange Pfeife in der andern. Hubert sah auf einem Fahrplan nach.

Kaum fünfzehn Minuten! sagte er. Vorwärts, Kutscher, wir müssen drauflosfahren wie ein Donnerwetter! Ich zahle doppelt, wenn wir zur Zeit zum Bahnhof kommen!

Und im nächsten Augenblick raste das alte Vehikel blitzschnell den Weg hinunter, denn das Pferd hatte keine Peitschenmahnung nötig, es wußte, daß guter Hafer es am Ende der Fahrt erwartete.

Der Zug stand schon auf dem Bahnhof, als das Pferd dampfend vorfuhr.

Hubert warf dem Kutscher ein Goldstück zu und stürzte auf den Perron. Der Schaffner, der schon die grüne Flagge erhoben hatte, öffnete ein Abteil erster Klasse für ihn, schlug die Tür zu, und der Zug glitt schnell in die Dunkelheit hinaus.

Am Westbournepark wurden seine etwas düsteren Betrachtungen durch den Billettkontrolleur unterbrochen.

Billett! Hier, sagte er. Wo, zum Teufel, hab' ich – ach so, ich steckte es in meinen Handschuh. Er zog ihn ab und schüttelte ihn aus. Sehr seltsam, ich muß es irgendwo haben fallen lassen. Verdammt unangenehm! Muß wohl nachzahlen – von Addlehead ab.

Und er zog seine Börse.

Ganz recht, sagte der Schaffner, der bei ihnen stand. Der Herr stieg in Addlehead ein.

In Paddington rief er eine Droschke an und fuhr geradeswegs nach Albert Mansions.

Auf seine Frage sagte der Diener:

Jawohl, Herr Darrell ist zu Hause. Bitte, gehen Sie nur hinein.

Und im nächsten Augenblick stand Hubert seinem Vater gegenüber. Er hatte ihn jahrelang nicht gesehen, wie wir wissen, und er war etwas überrascht, statt der rauhen Persönlichkeit, die ihm seine Knabenphantasie gemalt hatte und die er auch nach Benhams Schilderung zu finden erwarten konnte, einen schlanken, zartgebauten und, wie man's nun mal nennt, »aristokratisch« aussehenden alten Herrn zu sehen, mit seinen, etwas mürrischen Gesichtszügen und einem besonderen nervösen Zucken der Lippen, das ein reizbares Temperament verriet, welches sich denn auch bald kundgab.

Ohne sich zu erheben, zeigte er Hubert durch Handbewegung einen Stuhl.

Willst du dich setzen?

Danke.

Welcher Ursache verdanke ich diesen Besuch? Die Stunde ist ungewöhnlich.

Ich war schon heut morgen da.

Da war ich ausgegangen.

Das wurde mir gesagt; ich hinterließ, daß ich heut abend wiederkommen würde.

Stimmt. Ich erinnere mich. Nun, was willst du denn eigentlich?

Können Sie es nicht erraten?

Ich kann nicht gut raten, und es ist mir auch zu langweilig. Was willst du denn?

Hubert biß vor Wut auf seine Lippen.

Ich kam, um eine genaue Auskunft zu bekommen über –. Aber zuallererst will ich Ihnen etwas zeigen. Dabei nahm er den Juwelenbeutel aus seiner Tasche und öffnete ihn. Dieses Halsband, fuhr er fort, und eine Anzahl loser Steine gab mir meine Mutter auf ihrem Totenbett – sie bat mich, gleich darüber zu verfügen. Ist ein Grund vorhanden, weshalb ich das nicht könnte?

Wenigstens keiner, den ich weiß. Verkaufe sie auf alle Fälle, du wirst das Geld brauchen.

Ja.

Nun, dann ist alles erledigt.

Erkennen Sie dies Halsband?

Nein – ich habe es nie gesehen; aber was tut das, wenn sie es dir gab? Das geht mich nichts an. Hast du sonst noch etwas zu sagen? Es wird spät.

Ja, sagte Hubert. Und er biß grimmig seine Zähne zusammen. Ich bin nicht länger ein Kind, sondern ein Mann und dazu Offizier in Ihrer Majestät Dienst und habe ein Recht, zu fragen, warum ich in dieser verächtlichen Weise von Ihnen behandelt werde. Erinnern Sie sich, daß auch ich ein Darrell bin.

Ich bitte um Entschuldigung – da bist du im Irrtum, lautete die erstaunliche Antwort. Dein Name ist nicht Darrell.

Hubert taumelte zurück mit einem Blick des Entsetzens.

Nicht Darrell? wiederholte er. Sind Sie denn nicht mein Vater?

Ich gestehe ein, daß ich es bin, ich halte es wenigstens für sehr wahrscheinlich, aber deine Mutter war tatsächlich nicht meine Frau.

Nicht Ihre Frau! Was, was wollen Sie damit sagen?

Was ich sage. Ich habe versucht, deutlich zu sein.

Möchten Sie mich daraus vielleicht schließen lassen, daß meine Mutter nur –

Wie du es zu nennen beliebst. Ich wiederhole, daß sie nicht meine Frau war.

Hubert sprang mit drohender Gebärde auf ihn los, die Adern angeschwollen und auf der Stirn Knoten bildend, die Augen flammend und jeder Nerv in ihm vor Leidenschaft zuckend.

So ist es recht, sagte Herr Darrell kalt. Schlag mich nur, tu's. Du bist ja ein stärkerer und kräftigerer Mann, als ich es bin, und du trägst, wie du sagst, noch dazu der Königin Uniform.

Huberts Hand fiel ihm herunter, als ob er plötzlich gelähmt wäre. Das heiße Blut strömte aus seinem Gesicht zurück, und er wurde totenbleich.

Sie haben recht, ich verdiene die Zurechtweisung, aber Sie haben mich weit härter getroffen, als ich es hätte tun können.

Das will ich glauben. Aber ich bin selbst getroffen worden, und durch ein viel schwächeres Geschöpf – durch deine Mutter.

Das kann ich, das will ich nicht glauben.

Dann tue es nicht, ich fordere es ja nicht.

Hören Sie mich einen Augenblick an. Nichts, was Sie auch sagen mögen, kann das Vertrauen, das ich immer in meine Mutter gehabt habe, wanken machen. Sie war eine gute Mutter und eine gute Frau.

Hm! unterbrach der Aeltere.

Ich wiederhole es, eine gute Frau, und ohne überwältigende Beweise des Gegenteils –

Mein Wort genügt also nicht?

Nein, es genügt nicht und wird nie genügen, und wofern ich nicht, wie ich sage, überwältigende Beweise des Gegenteils habe, werde ich immer glauben, daß sie eine schwer leidende und beleidigte Frau war. Damit nicht genug, werde ich dieses demütigende Zugeständnis auch Ihren eigenen Lippen entreißen.

Haha! Wie die Mutter, so der Sohn. Sie redete auch immer dasselbe Zeug. Nun, wenn du mich denn meines Unrechts überführen kannst, so werde ich zufrieden sein; aber dies eine laß mich dir sagen: wenn jemandem Unrecht getan ist, so bin ich das gewesen.

Ihnen Unrecht getan?

So sagte ich. Ich sorgte für sie und – nun ja, ich erlaubte ihr auch, meinen Namen zu tragen. Ich habe niemals einen Skandal heraufbeschworen; lange Jahre habe ich stillschweigend gelitten.

Sie gelitten! Sie!

Ja. Und der alte Mann stand plötzlich auf und rief glühend: Ja! Ich habe die Qualen der Verdammten gelitten, denn ich liebte die –

Halten Sie ein, sagte Hubert ernst, obgleich er ganz betäubt war.

Sein Vater sank in einem Zustand augenfälliger Schwäche in seinen Stuhl zurück. Hubert berührte ihn an der Schulter und sagte in sanfterem Ton:

Wenn das wahr ist, so werden Sie zum Begräbnis kommen?

Der alte Mann sah auf und sagte mit einem Grabeslachen:

Nein, nein; der andre – laß ihn gehen. Er ist dort an seinem Platz.

Der andre! Was für ein andrer? Und wieder blitzten seiner sterbenden Mutter Worte durch seinen verstörten Geist.

Geh jetzt fort. Ich bin müde; du hättest nicht so spät kommen sollen. Bitte, zieh die Klingel. Du scheinst ein guter junger Bursche zu sein, aber du regst mich auf. Man kann eben nicht vergessen. Geh jetzt und verkaufe deine Juwelen auf alle Fälle, und du magst wiederkommen, wenn du denkst, daß du mich überführen kannst. Haha! Ja, dann komm, aber nicht vorher. Gute Nacht!

Der Diener war eingetreten. Hubert verneigte sich stillschweigend, ging hinaus in die Nacht wie ein Träumender und wanderte lange Zeit ziellos umher. Warum mußte ihn zu all seinem Elend auch noch dieses niederschmettern? So fragte er sich vergeblich. Sicher litt sein Vater an irgend einer Täuschung. Wie konnte er sonst eine so ungeheuerliche Behauptung aufstellen? Und doch – und doch, überlegte er, da ist irgend etwas. Sie beschrieb es als ein »Mißverständnis«, dessen Schlüssel im verlorenen Juwelenkästchen zu finden sei; »das wird ihn überzeugen,« sagte sie. Davon kann er sich nicht losmachen. Und dann, Herr Benham würde sicherlich wissen, ob sie verheiratet waren oder nicht, und wann hätte er es je auch nur im geringsten bezweifelt? Es ist alles wirrer, toller, verrückter Unsinn, und der Himmel mag wissen, wann ich dies zu Ende bringen werde.

Big Ben schlug zwölf, und er sah auf. Er war dem Metropolhotel gegenüber.

Ich will hier die Nacht bleiben, sagte er. Ich fühle mich nicht in der Stimmung, um heut nach Haus zu gehen.

Nach dem Frühstück am folgenden Morgen schlenderte er Picadilly hinauf und trat in den Laden der berühmten Juweliere Black & White. Er nahm den Lederbeutel aus der Tasche und sagte:

Ich habe hier ein Diamanthalsband und mehrere hundert lose Steine, die ich verkaufen möchte. Sie kaufen doch so etwas, nicht wahr?

O gewiß, sagte der Gehilfe; dann fügte er mit einem Blick auf das Halsband hinzu: Ich meine, Sie gehen lieber ins Privatkontor zu Herrn Black hinein.

Herr Black stand auf, als er hereintrat, und Hubert brachte schnell sein Anliegen vor.

Dies Halsband, sagte Black nach einer sehr kurzen Prüfung, ist sehr schön und einzig in seiner Art.

Ganz recht, sagte Hubert; auch mich setzt es in Erstaunen, welch ungewöhnlichen Glanz der Saphir hat.

Black sah schnell auf.

Saphir? sagte er. Wissen Sie denn nicht, was das für ein Stein ist, mein Herr?

Ich hielt ihn für einen Saphir.

Ganz im Gegenteil, es ist ein sehr seltener blauer Diamant. Darf ich danach fragen, wie er in Ihren Besitz kam?

Die Frage wurde liebenswürdig getan, aber doch gefiel sie Hubert nicht ganz.

Gewiß, sagte er. Meine Mutter gab ihn mir auf ihrem Sterbebett, mit der Aufforderung, ihn zu verkaufen.

Ich verstehe; und Sie haben noch andre steine, wie Sie sagen?

Hubert brachte sogleich die verschiedenen Pakete zum Vorschein und öffnete sie.

Es mögen – er sah in seinem Notizbuch nach – 181 Diamanten, dann soundsoviele Rubinen usw. sein. Dies ist die Liste – und er händigte sie dem Juwelier ein –, 312 Steine alles in allem.

Gut, und diese wurden Ihnen ebenfalls von Ihrer Mutter gegeben?

Ja.

In Gegenwart eines Zeugen?

Huberts Antlitz färbte sich.

Nein, sagte er. Wozu die Frage?

Herr Black lächelte.

Haben Sie eine Idee vom Werte dieser Edelsteine, mein Herr?

Nicht die geringste. Ich hatte genügendes Vertrauen in Ihren wohlbekannten Ruf und war sicher, daß ich einen angemessenen Wert für sie erhalten würde, wenn ich sie hierher brächte.

Das ist sehr richtig, aber dies hier sind Juwelen im Werte von etlichen tausend Pfund. Wenigstens eine Stunde werde ich zu ihrer genauen Prüfung und zu ihrer Abschätzung brauchen; und es ist wohl unnötig, Ihnen zu sagen, daß es bei einem Geschäft von dieser Bedeutung unser Brauch ist, zu erfahren, mit wem wir das Vergnügen haben, zu unterhandeln. Sie werden das leicht einsehen.

Oh gewiß, sagte Hubert, sogleich seine Visitenkarte vorzeigend; ich könnte auch vorher daran gedacht haben. Wie Sie sehen, bin ich Offizier bei den Buffs, ich bin grade jetzt mit Urlaub aus Indien gekommen. Meiner Mutter Adresse ist: 36, Upper Wimpole Street.

Darrell! sagte Black, die Karte lesend; den Namen muß ich gut kennen. Es gibt einen Herrn Sydney Darrell.

Von Albert Mansions?

Ja.

Das ist mein Vater.

Wirklich! Er ist ein alter Kunde von uns. Seine besondere Liebhaberei waren Schnupftabaksdosen, aber ich glaube, die hat er jetzt aufgegeben. Oh wirklich, Ihr Vater? Aber hörte ich recht, Ihre Mutter wohnte in Upper Wimpole Street?

Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß sie einige Zeit lang getrennt lebten.

Verstehe, verstehe. Nun, natürlich werden Sie doch nichts dagegen haben, daß wir uns nach dieser Sache bei Herrn Darrell erkundigen?

Nicht im geringsten. Ich habe seine Vollmacht, über die Edelsteine zu verfügen. Ich zeigte sie ihm gestern abend, und es würde die Sache vereinfachen, wenn Sie so freundlich wären, einen Ihrer Angestellten nach Albert Mansions zu senden und meine Aussagen bewahrheiten zu lassen.

Sehr wohl, sagte Mister Black. Gewiß begreifen Sie, daß wir bei einem Geschäft dieser Art Vorsichtsmaßregeln ergreifen müssen. Dies Halsband, zum Beispiel, ist von außergewöhnlicher Seltenheit. Ich bezweifle, daß drei gleiche wie dieses in Europa sein können. Ich sah in Paris vor einigen Jahren ein fast gleiches. War es lange Zeit in Ihrer Mutter Besitz?

Lange Zeit.

Nun gut, ich will einen Kommis zu Ihrem Vater senden, wie Sie vorschlagen. Vielleicht, Herr Darrell, kommen Sie in, sagen wir, einer Stunde wieder. Ich will die Steine sogleich prüfen und abschätzen.

Hubert schlenderte ein wenig im Park umher und kam nach Verlauf einer Stunde wieder. Er wurde sogleich wieder zu Herrn Black geführt.

Alles, Herr Darrell, sagte der Juwelier, stimmte bis ins kleinste, obgleich, es tut mir leid, es sagen zu müssen, Ihr Vater verdrießlich schien; er könnte nicht begreifen, sagte er, warum er damit geplagt würde. Indessen –. Und Mister Black lächelte und zuckte die Achseln; dann ging er in einen mehr geschäftsmäßigen Ton über: Ich habe sehr genau den Wert dieser Steine abgeschätzt und bin bereit, Ihnen für dieselben die Summe von 5340 Pfund anzubieten. Genügt Ihnen das?

Ich kann gleich sagen, daß die Höhe meine Erwartungen übertrifft, sagte Hubert; aber, wie ich Ihnen schon offen sagte, ich hatte nicht die geringste Idee von ihrem Wert. Gewiß, ich nehme Ihr Anerbieten mit Dank an. Ich wollte sonst nach Hatton Garden gehen. Das wird mir eine Menge Mühe sparen.

In diesem Falle, sagte Mister Black, will ich Ihnen gleich einen Scheck über die ganze Summe geben. Als das geschehen war, fügte er hinzu: Und nun, bitte, setzen Sie Ihren Namen unter diese Quittung.

Als diese Formalität vollzogen war, steckte Hubert den Scheck ein, schüttelte Herrn Black die Hand und ging dann gradewegs zu Cox und ließ sich den Scheck gutschreiben.

Gott sei Dank, die Sorge bin ich los, sagte er. Und nun auf ein paar Worte zu Benham!

Der Anwalt, der grade sein Bureau verließ, um nach dem Gerichtsgebäude zu gehen, sagte, er hätte nur drei Minuten übrig, worauf Hubert, ohne etwas von den Juwelen zu sagen, kurz von dem Gespräch berichtete, das er am vorhergehenden Abend mit seinem Vater geführt hatte, und ihn fragte, was er davon hielte. Denn, Sie müssen es wissen, sagte er.

Natürlich weiß ich es. Und Benham lachte. Er muß vollkommen verrückt sein. Also das ist der Vogel, der ihn piekt? Nun, das nehmen Sie sich nur ja keinen Augenblick zu Herzen. Wir werden schon irgend ein Mittel finden, das verspreche ich Ihnen, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen. Sie waren richtig und regelrecht verheiratet. Ich gehe vom Gericht sofort nach Sommerset House und will eine Abschrift von der offiziellen Eintragung der Heirat besorgen, wenn Sie das irgendwie zufriedenstellen kann.

Hubert dankte ihm und ging sehr erleichtert fort. Auf den Straßen hörte er die Zeitungsverkäufer etwas ausrufen und sah auf dem Inhaltsverzeichnis der Abendzeitungen in dicken Lettern stehen: Großer Juwelendiebstahl in einem Landhause.

Haha! sagte er, Juwelendiebstahl? Ein Trost, meine kann mir nun niemand mehr forttragen.

Und in besserer Laune als seit mehreren Tagen, lenkte er seine Schritte zuletzt in die Richtung nach dem Klub.

Mittlerweile hatte Benham in Sommerset House eine Entdeckung gemacht, die sich ihm die Haare sträuben ließ.

Was für ein schreckliches Zusammentreffen! sagte er. Armer Teufel! Ich werde dies lieber für mich behalten, bis die Wolken sich ein bißchen verziehen, die allen Ernstes jetzt schwarz genug ausschauen.

Während nun all dies passierte, hatte Sir Harry Ogilvie ganz London nach Hubert Darrell durchstreift, über all seinem Mißgeschick wie ein Wachtmeister fluchend. Er kam auf dem Addlehead-Bahnhof am vergangenen Abend gerade zur Zeit an, um den letzten Zug zu verfehlen, und da es ihm, trotz Angebot einer reichlichen Bezahlung, nicht gelang, einen Extrazug zu bekommen, so dachte er zuerst daran, sich ein Pferd zu verschaffen und nach London zu galoppieren; aber dann fiel dem Bahnhofsvorsteher plötzlich ein, daß eine Lokomotive gleich für die Nacht nach den Westbourne Park-Schuppen zurückkehren würde. Er fragte ihn, ob er Anstoß an solcher Art der Beförderung nähme; es war Harry ganz recht.

So geschah es, daß er nach einem flüchtigen Besuche im Klub ungefähr um Mitternacht an die Tür von Upper Wimpole Street Nummer 36 anklopfte, wo er aber nur erfuhr, daß Hubert nicht zurückgekehrt war. Eine Stunde lang saß er in dem öden Eßzimmer, dann fuhr er zum Klub zurück und wartete vergeblich bis drei Uhr.

Am nächsten Morgen um neun war er wieder in Upper Wimpole Street, wieder mit demselben Resultat. Herr Darrell ist nicht nach Haus gekommen, es ist auch keine Botschaft von ihm angelangt.

Das machte ihn verwirrt und aufgeregt, und ich kann versichern, daß er in keiner sehr guten Laune war, als er, am Ende einer Nachforschung, die fünf tödlich lange Stunden gedauert hatte, plötzlich den Gesuchten erspähte, der gemächlich den Strand entlangschlenderte. Hallo! rief er; steig schnell zu mir ein!

Die Droschke hielt, und der sehr erstaunte Hubert setzte sich neben ihn.

Nach Waterloo Bridge, nach dem Elephant and Castle, Kutscher. Na, Hubert Darrell, du hast mich schön tanzen lassen. Es war schon unangenehm genug, die letzte Nacht auf einer Lokomotive, die mir fast das Herz im Leibe umkehrte, in die Stadt rumpeln zu müssen, aber hier habe ich heut fünf tödlich lange Stunden in einer Droschke nach dir gesucht.

Weswegen? Wohin fahren wir? Was ist los?

Was los ist? Eine nette Frage! Es ist alles aus, wenn du heute Diamanten verkauft hast. Hast du's getan?

Hubert war ganz verwundert über die Frage.

Woher, zum Teufel, wußtest du das? sagte er.

Also hast du's getan! Dein böser Genius scheint in der letzten Zeit sehr geschäftig gewesen zu sein. Warum tatest du es?

Du sprichst in Rätseln. Ich hatte ein vollkommenes Recht, es zu tun, meine ich.

Auch nach dem, was geschehen ist?

Was ist denn geschehen?

Nun, der Diebstahl natürlich.

Was denn für ein Diebstahl?

Herr des Himmels! Hast du denn geschlafen? Hast du denn nichts von dem großen Juwelendiebstahl gehört?

Ich hörte die Zeitungsverkäufer etwas von der Art ausrufen.

Himmlischer Vater! Weißt du denn nicht, daß Lady Selhursts sämtliche Juwelen gestern abend gestohlen worden sind?

Hubert klapperten die Zähne.

Du sagst das doch nicht im Ernst?

Es ist so wahr wie das Evangelium, und nun wirst du wohl auch verstehen, warum ich dir durch dünn und dick gefolgt bin?

Weniger als je.

Du Idiot! Du warst im Haus zur Zeit des Diebstahls. Der Haushofmeister fing dich ab, als du entwischen wolltest, und du sagtest ihm, daß du Berry hießest. Ist das wahr?

Ja, das ist wahr.

Und heut hast du Diamanten verkauft?

Ich kann auch das nicht leugnen.

Sie hatten die Brücke überschritten, als an der Ecke von York Road ein Zeitungshändler rief:

Großer Juwelendiebstahl. Wichtige Spur entdeckt!

Hörst du das? sagte Sir Harry. Wichtige Spur entdeckt! verstehst du nun vielleicht, warum ich dich wie mit Dampf vom Westend entführe?

Habe auch nicht die entfernteste Idee.

Nun, da soll mich – aber Darrell, du mußt wirklich noch einmal in die Schule gehen. Mann, in einer oder zwei Stunden wirst du todsicher arretiert werden, wenn du nicht Fersengeld gibst.

Hubert wurde erst weiß, dann rot.

Denkst du vielleicht, ich ging dorthin, um Diamanten zu stehlen?

Denkst du, ich meine, du wolltest dort Aepfel stehlen? Das wirst du mich nächstens fragen. Natürlich nicht. Wir wissen, weshalb du kamst, und da der Haushofmeister dich peinlich genau Selhurst beschrieben hat, so weiß er es wahrscheinlich auch oder argwöhnt, weswegen du kamst, und du kannst dich darauf verlassen, er wird wie der Satan hinter dir her sein. Du mußt fort.

Hubert lachte.

Es ist zu blödsinnig, sagte er. Ich habe meine eignen, nicht seine Diamanten verkauft. Warum sollte ich fortgehen? Ein Unschuldiger läuft nicht fort! Welche Tollheit!

Es ist auf alle Fälle Lady Selhursts ernstlichster Wunsch.

Ihr Wunsch? Sie sandte dich?

Sie sandte mich. Wie ich dir schon sagte, kam ich auf einer Lokomotive expreß in letzter Nacht, um dir ihre Botschaft zu bringen. Seitdem habe ich immer nach dir herumgejagt. Sie wünscht dich nur ein paar Tage fort, bis die Sache aufgeklärt ist. Wir haben eine Vermutung. Da fällt mir ein: Du hörtest ja wohl Fußtritte im Gewächshaus in der letzten Nacht?

Ja, ganz deutlich.

Und das Klirren von Glas?

Beim Himmel, ja!

Nun, da ist ein Mensch im Haus, der einen verletzten Finger hat – einen Schnitt von zerbrochenem Glas, verstehst du mich?

Warum ist er nicht auf den Verdacht hin festgenommen?

Das wird er sicher werden, wenn man ihn beim Diamantenverkauf ertappt. Darrell, – um ihretwegen, du mußt auf ein paar Tage fort.

Mein lieber Harry, sagte Hubert, ich kann nicht, denn ich begrabe Sonnabend meine Mutter.

Armer alter Junge! Daß du auch noch diese Sorge hast, hatte ich fast vergessen. Ueber dich scheint wirklich alles auf einmal hereinzubrechen, das ist sicher. Aber, gerade auch deswegen wäre es besser, wenn du fort wärst, sagen wir in Brighton – während der nächsten sechsunddreißig Stunden kann eine tüchtige Menge passieren. Es gilt, unnötigen Skandal zu vermeiden. Du mußt an den Skandal denken, hörst du? Er wird schrecklich sein. Selhurst wird sein Schlimmstes tun; darauf kannst du dich verlassen. Komm, tu uns allen den Gefallen. Ich will alles in der Upper Wimpole Street ordnen. Warum in aller Welt sollte denn ein unschuldiger Mensch nicht für eine oder ein paar Nächte nach Brighton gehen? Du kannst ja Sonnabend kommen und es wagen. Wenn du heut abend festgenommen und dann selbstverständlich nach Berkshire gebracht würdest, so könntest du ganz gewiß nicht dem Leichenbegängnis beiwohnen.

Das entschied. Im Lauf einer halben Stunde war Hubert Darrell auf dem Wege nach Brighton.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.