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Das Halsband des Kaisers

George Webb Appleton: Das Halsband des Kaisers - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleDas Halsband des Kaisers
publisherVerlag von Robert Lutz in Stuttgart
printrunDritte Auflage
translatorHeinrich Müller
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectidd58dc5f3
wgs9121
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Viertes Kapitel.

Zehn Uhr schlug es den folgenden Morgen vom Turm des Gerichtsgebäudes, als Hubert vor Herrn Benhams Bureau aus einer Droschke sprang. Der Anwalt war heut noch pünktlicher als gewöhnlich angekommen und grüßte ihn herzlich. Nach einer kurzen Besprechung kamen sie beide überein, daß das Leichenbegängnis auf dem Highgate-Kirchhof am folgenden Sonnabend stattfinden sollte.

Ich werde es sogleich Ihrem Vater mitteilen, sagte Benham, denn wem anders soll ich es sonst mitteilen? Er wartete einen Augenblick, und da Huberts Antwort nur ein zweifelhaftes Kopfschütteln war, so fuhr er fort: Sehen Sie, Ihre Mutter hat lange Jahre ein zurückgezogenes Leben geführt, suchte keine Bekanntschaften und mied in der Tat alle Geselligkeit. Daher fürchte ich, wir werden, wofern Ihr Vater nicht anstandshalber ebenfalls kommt, die einzigen Leidtragenden sein.

Ich gehe heute zu ihm und mache es mit ihm aus, sagte Hubert. Es ist Zeit. Ich bin kein Kind mehr.

Benham sah ihn wiederholt beifällig an.

Der oberflächlichste Beobachter müßte das billigen, Herr Darrell. Ich wünsche Ihnen jeden Erfolg, obgleich ich leider meine Zweifel habe. Und nun, wie steht's mit der andern Sache? Hubert zeigte ihm sofort Sir Harry Ogilvies Brief. Der Anwalt las ihn mit offenbarem Erstaunen.

Gut! sagte er – gut! Sie haben hier zwei echte Freunde. Das sehe ich. Etwas, hoffe ich, wird schon dabei herauskommen.

Ich würde nicht im geringsten überrascht sein, wenn nichts dabei herauskäme. Und Hubert lachte bitter. Nebenbei gesagt, ich benachrichtigte Sir Harry durch Telegramm – auf vorsichtige Art natürlich –, daß der alte Selhurst von meiner Unschuld in jener Sache wußte, und sie werden von der Benachrichtigung zweifellos Gebrauch machen.

Um so besser denn; Sie haben noch keine Antwort?

Nein; sie konnten vergangenen Abend nicht mehr telegraphieren, aber ich erwarte im Klub einen Brief vorzufinden. Ich gehe jetzt dorthin. Meine Droschke wartet.

Sehr gut; Sie lassen mich doch sicher alles wissen?

Ein herzlicher Händedruck war Huberts Antwort, dann war er auf und davon.

Der erwartete Brief war im Klub. Er öffnete ihn hastig und las:

Lieber Darrell!

Ich konnte kein Telegramm senden, weil das Postamt hier um acht geschlossen wurde. Es tut mir leid, Dich so in Spannung gehalten zu haben, aber es ging leider nicht anders. – Nun, alles ging vorschriftsmäßig und auf den Schlag. Der Fisch war gerade aufgetragen, als ich mich an Lady Selhurst wendete und sagte: »O, ich sah am vergangenen Abend einen alten Freund von Ihnen – Hubert Darrell.« Sie wurde rot und sagte: »Ach wirklich!« und ich sah Selhursts Falkenaugen auf ihr ruhen. »Ja, der arme Junge,« fuhr ich fort, »kam gerade zur rechten Zeit heim, um seine Mutter sterben zu sehen. Niemals habe ich einen solchen Pechvogel gesehen.« Dabei sah ich, daß ihr Busen schwer atmete, und ich fuhr fort: »Dazu alles ein Irrtum mit jener Affäre in Indien. Es war keineswegs Hubert, sondern ein andrer vom selben Regiment – Herbert Darrell, und der arme Teufel hatte nie auch nur davon gehört, bis ich es ihm sagte. Da fiel er wie tot hin, ja, das tat er, auf mein Wort, der große stämmige Bursche.« Lady Selhurst wurde bis in die Lippen so weiß wie das Tischtuch, und ich konnte sehen, daß sie wie Espenlaub zitterte. Da setzte Jimmie Selhurst sein Ruder ein. »Natürlich!« sagte er, »ich wußte das ja längst. Ein blödsinniger Zeitungsirrtum. Ich dachte, Sie (zu Lady Selhurst) hätten es auch gewußt. Sir John hier wußte es ja – erfuhr es auf dem Kriegsministerium.« Hast Du mal 'ne Bombe platzen sehen? Sie fuhr auf wie eine Pantherin. »Ist das wahr? Ist das wahr?« rief sie. Sein Gesicht wechselte in allen möglichen Farben, aber er schluckte und schnappte nur. »Ich sehe,« fuhr sie fort, »es ist wahr!« Und nun sagte sie ihm furchtbare Worte! Sie erinnerte mich an die Bernhardt in der »Phädra«. Dann entschuldigte sie sich bei Jimmie und mir und fegte wie ein Wirbelwind aus dem Zimmer. Mit dem Essen war's natürlich alle. Der alte Selhurst versuchte sich aufzuraffen, aber es gelang ihm nicht, obgleich er verteufelt böse aussah, und er ist ein böser Kerl! Du wirst ein tüchtiges Stück Arbeit haben, mit ihm fertig zu werden, und er wird ihr nie die Beleidigungen vergeben, die sie ihm ins Gesicht geschleudert hat. Glühende Bomben und Kartätschen waren nichts gegen sie. Aber Jimmie und ich stehen Euch beiden bis zum glücklichen Ende bei. Es würde mich nicht überraschen, wenn Du morgen einen Brief von ihr bekämst. Entschuldige das Geschmiere, ich kritzle diese Zeilen in aller Heimlichkeit und habe einen von den Reitknechten bestochen, den Brief nach Addlehead zu bringen.

Immer Dein
Harry Ogilvie.

Dieser Brief richtete Hubert in hohem Maße auf. Es war klar, daß sowohl er als auch Kitty die Opfer einer gemeinen Verschwörung gewesen waren, in die ohne Zweifel ihr Vater in seiner finanziellen Bedrängnis eingewilligt hatte, aber es war gleichfalls klar, daß ihr Herz ihm immer und immer treu geblieben war. Sie war ratlos, als sie von seiner Treulosigkeit überzeugt wurde; da hatte die Verzweiflung sie überwältigt. Es war leicht gesagt, sie hätte sich nicht so leicht überreden lassen sollen, aber soviel war doch klar, man hatte sie dahin gebracht, ihn eines niedrigen und feigen Treubruchs schuldig zu glauben. Und ist es nicht gerade das geistig hochstehende und ungestüme Weib, das, wenn es sich für verschmäht hält, blindlings in plumpe und handgreifliche Menschenfallen gerät und sich den Rest ihres Lebens über wundert, wie sie da hineinkam?

Es ist eine ekelhafte, häßliche Geschichte, dachte er, und wie ich mit dem alten Schurken fertig werde, das weiß ich noch nicht. Aber wir werden schon sehen. Und nun auf zum Turnier mit meinem alten Herrn! Und er rief eine Droschke an und fuhr nach Albert Mansions.

Sein Vater war ausgegangen; er würde erst zwischen neun und zehn abends nach Hause kommen, sagte der Diener.

Sagen Sie ihm, ich wolle ihn dann sprechen, sagte Hubert. Ich bin sein Sohn; geben Sie ihm meine Karte.

Der Diener nahm die Karte und sah den jungen Riesen voll Verwunderung an.

Sehr wohl, Herr, antwortete er.

Als Hubert zwei Stunden später wieder in den Klub kam, fand er einen Brief von Kitty vor. Noch am selben Abend fuhr er von Paddington mit dem Halbsechsuhr-Zuge nach Addlehead.

Er las und las ihren Brief immer wieder viele Male auf dem Wege. Er war nicht sehr lang.

Teuerster Hubert, schrieb sie, wenn Du nur wüßtest, mit welchem Gefühl der Scham und Demütigung ich diese Zeilen schreibe, so würde sich Dein Herz um Deine Kitty grämen, wie meins sich um Dich grämt, mein armer, schwer gekränkter Junge. Ich habe Gott angefleht, mir das Unrecht zu vergeben, das ich Dir unwissentlich angetan! Ich würde die ganze Welt hingeben, es ungeschehen zu machen. Und wenn Du mir vergeben kannst oder wenigstens einen Versuch dazu machen willst, so komm heut abend zu mir. Ich muß, ich muß Dich sehen, Hubert, sonst werde ich etwas Verzweifeltes tun, denn meine Gedanken sind böse, grausam, todbringend gegen ihn. Komm, komm und versuche wenigstens, mir zu vergeben. Sei an der Treibhaustür um sieben Uhr, wenn die Glocke zum Ankleiden läutet. Ich werde dort sein. Ich lege einen rohen Uebersichtsplan von Haus und Park bei; er wird Dir als Führer dienen. – Mein erster Antrieb war, Dich zu bitten, herzukommen, und Dich kühn Sir John entgegenzustellen; aber ich will Dich erst sehen und von Dir hören, daß Du mir vergeben kannst und willst für das Böse, das ich Dir getan habe.

Deine unglückliche
Kitty.

P. S. Vernichte diesen Brief.

Nun, warum, möchte ich wissen, wünscht sie denn, daß ich diesen Brief vernichten soll? fragte er sich selbst. Doch sie wünscht es, und so tue ich es; aber zuerst will ich von ihrem Plane eine Kopie machen; das wird ihn zugleich meinem Gedächtnisse einprägen.

Das tat er denn auch; dann zerriß er ihren Brief und warf die Stückchen aus dem Fenster.

Das Wetter hatte den ganzen Tag mit Regen gedroht. Nun wehte fast ein Sturm, mit Regen und Hagel, und die Nacht brach pechschwarz herein.

Das Bahnwärterhäuschen von Addlehead flog vorbei, und dann fuhr der Zug langsam in die Station ein.

Eine nasse Nacht, Herr, sagte der Bahnhofsportier, an seinen Hut fassend.

Stimmt. Sind hier Droschken zu haben?

Jawohl, Herr, draußen sicher. Hierher! Droschke!

Danke, sagte Hubert, und die Droschke fuhr ab.

Kennen Sie Windwhistle Hall, Kutscher?

Gewiß; etwa anderthalb Meilen von hier.

Wie lange brauchen wir bis dahin?

Zwanzig Minuten, Herr.

Hubert sah auf seine Uhr. Es war erst ein Viertel nach sechs.

Zu früh, dachte er. Wo kann ich einen Brandy mit Soda bekommen, Kutscher?

Im »Bären«, Herr.

Gut! Fahren Sie mich nach dem »Bären«.

Zehn Minuten schwanden hin, dann trat er aus dem Gasthaus mit dem Gefühl, sich gut für die kommende Zwiesprache gestärkt zu haben.

Nun los! sagte er, und sagen Sie mir Bescheid, wenn wir in der Nähe sind.

Die Droschke flog die Hauptstraße entlang, und bald waren sie draußen auf der offenen Landstraße.

Es war pechdunkel, und hier und da tauchten erleuchtete Fenster wie gelbe Punkte in der herrschenden Finsternis auf. Der Hagel prasselte auf das Wagendach nieder; die nassen Fensterscheiben klapperten in dem wilden Sturmtumult. Fünfzehn Minuten vergingen, da drang ein Streifen von schmutzig-safrangelbem Licht durch schwarze Regentropfen ins Fenster hinein. Hubert sah hinaus und erblickte eine Gruppe von strohgedeckten Hütten und dicht dabei einen Gasthof mit seinem knarrenden Zeichen und einem schwachen Lichtstreifen, der durch die Ausschnitte der Fensterläden fiel.

Halt! rief er.

Die Droschke stand still.

Wie weit, sagte er, ist die Hall von hier?

Von der Landstraße an, Herr, gerade rechts, sind es etwa zehn Minuten bis zum Hause.

Es ist gut, sagte Hubert und stieg aus. Sie warten, bis ich zurückkomme. Lassen Sie sich bringen, was Sie wünschen; ich bleibe nicht lange.

Damit verschwand er in der Dunkelheit. Bald fand er zu seiner Linken eine niedrige Steinmauer, die, wie er annahm, den Park einfaßte – eine Vermutung, die bald durch ein rotes Dämmerlicht, das aus einem Fenster des Hauses kam und unklar die eisernen Riegel der Tore sehen ließ, bestätigt wurde. Ein paar Schritte zurückgehend, sprang er dann über die Mauer und befand sich bald wieder in schwarzer Dunkelheit, in der der eisige Hagel ihm derb ins Gesicht schlug. Einmal entrann er mit knapper Not der Gefahr, in einen Fischteich zu geraten, und er war froh, als das Knirschen des Kieses unter seinen Füßen ihm verriet, daß er sich wieder auf dem Fahrwege befand. Dann tauchte eine zackige Masse allmählich aus der Dunkelheit hervor. Er stolperte einige Stufen hinauf und fand sich auf einer breiten Terrasse, hinter der sich die Hall erstreckte, soweit er sehen konnte; hier und dort glänzten Fenster, ein großer achteckiger Turm war unmittelbar rechts neben ihm, und etwas niedriger ein eigentümliches Glänzen wie von Fischschuppen, das ihm klar die Lage des Gewächshauses anzeigte. Vorsichtig um dasselbe herumschleichend, fand er sich in einer Art von viereckigem Hof mit Pferdeställen, wie es ihm schien. Eine Glocke in irgendeinem Turme über seinem Kopfe schlug sieben. Ein Antwortton wie von einem Gong kam aus dem Innern des Hauses, und in demselben Augenblick fand er auch die Tür des Gewächshauses. Er stand einen Augenblick still; sein Herz schlug ihm wie ein Hammer an die Rippen. Dann tippte er sacht mit seinen Fingern ans Glas. Die Tür öffnete sich, ein Strom warmer Luft schlug ihm von innen entgegen, ein leiser Laut, der ein Schluchzen oder Stöhnen sein konnte, traf sein Ohr, und er fühlte sich von Frauenarmen umschlungen.

Mein Hubert, mein Hubert, mein armer, armer Hubert! flüsterte sie und lag dann ganz still an seiner Brust und ließ sanft ihre Tränen fließen.

Er fühlte ihr Herz stürmisch gegen das seine schlagen und strich ihr übers Haar, wie er so oft in den goldnen Tagen der Vergangenheit getan hatte.

Meine Kitty, meine süße Kitty! sagte er endlich. Was haben wir getan, um das zu verdienen?

Wahrhaftig, sagte sie und machte sich aus seinen Armen los, ich hatte ganz vergessen. Was hast du getan, daß ich dich auffordern mußte, wie ein Dieb in der Nacht hierher zu kommen, um dir Küsse von meinen Lippen zu stehlen – Lippen, die dein waren, die einzig du allein küssen durftest? Du sollst eher fragen, was ich getan habe, was ich in einem Augenblick des Wahnsinns tat – aus Uebereilung, Eifersucht, Aerger – der Himmel mag's wissen! Jetzt kommt es mir wie ein häßlicher Alp vor; aber sie sagten mir, du wärst mir treulos gewesen.

Dir treulos, Kitty?

Ich weiß, ich weiß es jetzt, und ich hätte es damals wissen müssen. Ich hätte die böse Lüge in ihre Kehlen hineinstopfen sollen – und sie wußten ( er wußte es), daß es eine böse Lüge war –, ich hätte sie in ihre Kehlen hineinstopfen sollen! Du falsch! Ach, ich muß wirklich wahnsinnig gewesen sein. Warum trittst du mich nicht mit Füßen? Warum schleuderst du nicht Flüche gegen mich? Warum schlägst, warum tötest du mich nicht? Ich bewundere, daß du es nicht tust, denn ich weiß, daß ich es vollauf verdiene. Kannst du mir je vergeben, Hubert?

Ich habe dir vergeben und ich vergebe dir. Und er zog sie wieder an sein Herz und küßte sie zärtlich. Ich fange jetzt an, zu verstehen. Du bist ein Feuerweib; was man dir über mich vorlog, verletzte dich aufs tiefste, und da verlorst du die Besinnung.

Ja, und ich verzweifelte.

Ganz recht, du verlorst die Besinnung und verzweifeltest, und dann, denke ich mir, hat auch dein Vater –

Natürlich, Hubert, natürlich. Du kennst ihn. Die alte Geschichte. Er wäre bankrott gewesen. So war es; aber auch er hinterging mich. Ich kann ihn nie wieder achten.

Ich fürchte, Kitty, sagte Hubert traurig, wir sind alle beide nicht sehr glücklich in der Wahl unsers Vaters gewesen.

Ein schwerer Seufzer war ihre Erwiderung; dann fuhr sie empor und sagte:

Horch! Was ist das? Schnell! Es kommt jemand.

Und sie führte ihn hinter eine Palmengruppe.

Plötzlich fiel ein Lichtstrahl auf das Glas; Fußtritte kamen heran.

Dann wurde die Türklinke umgedreht, und ein Mann mit einer Laterne trat ein.

Hubert fühlte, daß die Lage lächerlich wurde, aber er hielt den Atem an, während Kittys Atem schnell und hastig ging und sie sich an seinen Arm klammerte.

Es war schließlich bloß der Gärtner, der augenscheinlich eine kleine Arbeit übersehen hatte, die er nun in ein paar Minuten einige Schritte von ihnen entfernt besorgte. Dann hob er seine Laterne auf und ging zur Tür hinaus, die er hinter sich schloß.

Ich würde mich nicht darum kümmern, sagte Kitty, als seine Schritte verhallt waren – vielleicht sollte ich mich jetzt überhaupt nicht mehr darum kümmern –, aber ich hatte meine Gründe, warum ich nicht wünschte, so spät hier mit dir gesehen zu werden.

Hubert ergriff warm ihre Hand.

Du sagst, daß du dich vielleicht jetzt überhaupt um nichts mehr kümmern solltest. Ich dachte daran, Kitty, daß es für uns beide eine schlimme Sache ist, und ich kann nur einen einzigen Ausweg finden.

Und der wäre?

Zu entfliehen.

Mit dir?

Mit mir.

Ach, Hubert, führe mich nicht in Versuchung, tu es nicht.

Warum denn nicht? Dieser Schuft, der alt genug ist, um dein Vater sein zu können –

Nur zu wahr.

Und den du nicht liebst, nicht lieben kannst?

Gott verzeih's mir! Das ist alles wahr.

Er täuschte dich, belog dich, gewann dich durch Betrug.

Wie könnte ich die Wahrheit leugnen?

Du bist mein, Kitty, bist immer mein gewesen. Ich habe nie ein andres Weib geliebt.

Armer, armer Hubert!

Und werde nie ein andres lieben.

Es scheint mir so natürlich, bei dir zu sein, Liebster. Wie könnte es Sünde sein?

Es ist auch keine. Höre mich an, Kitty. Komm mit mir, verachte die Welt. Was tat die Welt uns beiden Gutes? Was für ein moralisches Recht hat dein Gatte an dich? Welch einziges Sympathieband ist oder kann zwischen euch vorhanden sein?

Keins, keins!

Dann komm mit mir und laß all das Elend hinter dir. Morgen reiche ich meinen Abschied ein.

Nein, nein; das darfst du nicht tun. Wie! Du willst um meinetwillen deinen Beruf aufgeben?

Warum nicht? Ich habe noch andre Hilfsquellen. Meine Mutter –

Ihre Hand erfaßte die seine.

Vergib mir noch einmal, Hubert, in meiner Selbstsucht hatte ich sie vergessen.

Ach, das ist schon alles gut, Liebste, sagte er. Es war natürlich ein harter Schlag, aber ich habe ihn überstanden. Solche Sachen passieren wohl jedem jungen Menschen. Nächst dir, Kitty, liebte ich sie am meisten auf der Welt. Jedoch das ist jetzt alles vorbei, aber die liebe Seele sorgte auf eine Art für mich. Es scheint vielleicht eine wunderliche Art, ja, es war in der Tat eine wunderliche Art, aber darauf kommt es wohl nicht an. Auf ihrem Totenbett gab sie mir einen Beutel voll Diamanten. Ich trage ihn jetzt in meiner Brusttasche. Fühle nur hin.

Ich fühlte es schon, sagte sie, aber ich wußte nicht, daß es Diamanten waren. Und sie streckte die Hand aus, fühlte wieder hin und sagte: Oh, wie viele!

Es sind mehr als hundert, sagte er und auch ein prächtiges Halsband darunter, und morgen verkaufe ich alles. Sie müssen uns mehrere tausend Pfund bringen. Mit denen können wir zusammen irgendwo in Amerika oder Südafrika oder wo anders unser Glück versuchen. Wir sind jung, das alte Tier von Baronet ist alt. So werden wir keinesfalls viele Jahre auf die Legalisierung unsrer Liebe zu warten haben, und vielleicht wird er auch so höflich sein, eine Scheidung zu beantragen und –

Sie hielt sich die Ohren zu.

Ach, sagte sie, führ' mich doch nicht weiter in Versuchung.

Sage, daß du's tust, Liebste.

Ich kann's nicht, – nicht jetzt, nicht heut abend, ich muß darüber nachdenken. Dränge mich nicht, nutze jetzt nicht meine Schwäche aus. Ich lasse es dich schon wissen, sicher tue ich das. – Still! Und sie fügte flüsternd hinzu: Da ist jemand!

Leise Fußtritte dicht neben ihnen – das war keine Täuschung – Fußtritte, die für ein paar Augenblicke deutlich zu hören waren, dann ein Krachen wie zerbrochenes Glas, und alles war wieder ruhig.

Was kann das gewesen sein, Hubert? Du mußt nun endlich gehen!

Versprich mir zuerst. Und er hielt sie fest.

Ich will morgen schreiben.

Und wirst »Ja« sagen?

Vielleicht. Ich weiß es nicht. Siehst du nicht, wie erschrocken ich bin? Geh, geh!

Er drückte sie wieder an seine Brust und flüsterte: Gute Nacht! Dann schritt er zur Tür. Sie war verschlossen, und er kehrte um.

Ich sitze hier in einer Falle, sagte er. Der Kerl hat die Tür versperrt und die Schlüssel abgezogen.

Laß mich einen Augenblick nachdenken, sagte sie. Ich hab's; gib mir deine Hand. Und sie führte ihn auf den Zehenspitzen durch ein anstoßendes Zimmer in einen langen dunkeln Durchgang. Geh von hier weiter, flüsterte sie, dann den dritten Gang rechts. Am Ende wirst du eine Tür finden, die auf die Terrasse führt. Gute Nacht! Damit glitt sie geräuschlos hinweg und auf einer Hintertreppe in ihr Zimmer. Sie beachtete nicht, daß ihr bald nachher beim Umkleiden eine Rückfahrkarte erster Klasse nach Paddington auf den Fußboden fiel.

Inzwischen ging Hubert unglücklicherweise den falschen Gang und fand sich nach einigem Umherirren durch kahle Korridore plötzlich in der großen Vorhalle Auge in Auge dem Haushofmeister gegenüber.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte dieser, aber ich kenne Sie durchaus nicht, Herr.

Das gebe ich zu. Aber wie finde ich hier den Ausgang?

Wenn ich mir die Freiheit nehmen dürfte, zu fragen –

Alles, falls es nicht unverschämt ist. Aber machen Sie's kurz. Ich habe es eilig, um zum Zuge zu kommen.

Nun, Herr, wenn Sie so gut sein möchten, mir zu sagen, was Sie hier vorhaben –.

Ihnen zu sagen, was ich hier vorhabe! Sie scheinen mir eine großmächtige Art von einem Diener zu sein. Gehen Sie zu Lady Selhurst und sagen Sie ihr, daß ihr Juwelier, Herr Berry aus der Bond Street, von einem unverschämten alten Mann, der der Kleidung nach ein Haushofmeister zu sein scheint, angehalten und ausgefragt worden ist. Es wird ihrer Ladyschaft gefallen. Ich will hier am Feuer warten, bis Sie wiederkommen.

Alle Steifheit verschwand plötzlich aus des Haushofmeisters Benehmen.

Natürlich – wenn ich Sie gekannt hätte, Herr – ich bitte Sie demütigst um Verzeihung, aber Sir John ist so peinlich genau in seinen Befehlen, daß ich natürlich, – – diesen Weg, Herr. Bitte.

Damit öffnete er die Vorsaaltür und hielt sie offen, bis Hubert die Terrasse durchschritten hatte und die Treppen hinuntereilend in der gähnenden Finsternis draußen verschwand.

Wer ließ ihn bloß ein? Das begreife ich nicht. Aber es stimmt doch wohl alles, sonst würde er nicht so hochnäsig gewesen sein. Aber zu dieser späten Stunde und noch dazu bei diesem Wetter, das scheint mir denn doch einen Haken zu haben, sagte der Haushofmeister nachdenklich, als er ins Eßzimmer zurückkehrte.

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