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Das Halsband des Kaisers

George Webb Appleton: Das Halsband des Kaisers - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleDas Halsband des Kaisers
publisherVerlag von Robert Lutz in Stuttgart
printrunDritte Auflage
translatorHeinrich Müller
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectidd58dc5f3
wgs9121
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Zweites Kapitel.

Die Uhr auf dem Kaminsims tickte in unaufhörlicher Monotonie fort. Eine eben ausgeglühte Kohle fiel im Kamin mit lautem Geprassel vom Rost herunter. Dann drang ein tiefer, langer Seufzer aus Huberts Brust hervor, und er bückte sich nieder und küßte die kalten Lippen der besten und treuesten Freundin, die er je auf Erden zu finden erhoffen konnte.

Dann wurde sacht seine Schulter berührt, und er fand den Doktor neben sich stehen. Sein geübtes Auge hatte die Situation mit einem Blick erfaßt.

Wann geschah es, Herr Darrell?

Vor ein paar Minuten.

Kamen Sie zur rechten Zeit an?

Ja.

Ich bin mehr als froh darüber. Es ist von Anfang an ein hoffnungsloser Fall gewesen; aber sie wußte, wie sie sagte, daß Sie kommen würden, und tagelang vorher hat sie mit aller Gewalt mit dem Tode gekämpft. Ach, Mutterliebe ist ein wundervolles Ding!

Ich weiß, Doktor; ich weiß. Ich danke Ihnen herzlich, sagte Hubert; und wieder seufzte er. Und was muß nun geschehen?

Fürs erste überlassen Sie alles mir, sagte der Doktor und läutete die Glocke.

Die Wärterin erschien an der Tür, und eine geflüsterte Besprechung fand zwischen beiden statt. Dann kehrte der Doktor, seine Brille zurechtschiebend, zu Hubert zurück.

Wollen Sie hinunterkommen, Herr Darrell? Ich will den Totenschein ausstellen, und dann werden Sie mir vielleicht sagen, warum – Hm! Ich will Sie nicht einen Augenblick aufhalten – eine bloße Bagatelle oder zwei möchte ich wissen.

Was ich fragen wollte, sagte er ein paar Minuten später im Eßzimmer, als er den erforderlichen Schein ausgefüllt und unterzeichnet hatte, ist dies: bitte keine Beleidigung darin zu sehen. Ich habe Ihre Mutter viele Jahre lang gekannt; ich achtete sie stets hoch, wie ich auch ihren Verlust tief beklage. Sie war eine edle und, ich fürchte, eine schwer leidende Frau. Und was ich Sie in meiner vielleicht vorlauten Art fragen wollte, ist dies: Warum ist Ihr Vater niemals gekommen, um diese wundervolle Frau, sein Weib, in ihrer langen und schmerzvollen Krankheit zu besuchen? Warum – er war in aller Form von mir benachrichtigt – war er heut abend nicht hier?

Ich weiß es nicht, sagte Hubert; ich kann es nicht einmal erraten. Aber die Schuld kann nicht bei ihr gewesen sein, und ich bin mit Widerstreben zu der Ueberzeugung gelangt, daß mein Vater – ich muß einen sehr starken Ausdruck gebrauchen – ein Schurke sein muß.

Der Doktor nickte in aufrichtiger Beistimmung.

Aber Sie werden ihm alles mitteilen? Sie sollten es wenigstens tun.

Ich tue es. Und Hubert sah auf seine Uhr. Es ist noch früh. Ich werde ihm ein Telegramm von Charing Croß schicken.

Tun Sie das.

Der Doktor stand auf und streckte ihm die Hand entgegen. Hubert begleitete ihn zur Tür, dankte ihm warm, kehrte dann in das Eßzimmer zurück und klingelte.

Simpson, sagte er, als der Diener eintrat, das ist schrecklich traurig.

Schrecklich, Herr. Ich vermute, wir müssen nun alle fort. Ach, ich habe hier gelebt, Herr Hubert – –.

So weit, wie ich zurückdenken kann, Simpson.

Neunzehn Jahre, Herr, sind's nächsten Monat. Ich wünschte mir nie einen bessern Platz. Ihre Mutter war eine Dame, Herr.

Und Sie ein treuer und anhänglicher Diener, Simpson. Das sagte sie mir immer.

Wirklich, Herr? Und ein Schluchzen kam in Simpsons Kehle. Tat sie das wirklich? O, wie danke ich's ihr; aber es wird eine eigene Sache sein, die altgewohnte Stelle zu verlassen, Herr Hubert.

Freilich; aber es wird wohl so sein müssen. Ich schicke jetzt ein Telegramm an meinen Vater. Möglicherweise bekomme ich schon morgen seine Anweisungen. Nebenbei gesagt, Simpson, haben Sie nie meinen Vater gesehen?

Niemals, Herr.

Ist er Ihres Wissens nie in dies Haus gekommen?

Nie hat er einen Fuß hineingesetzt.

Sprach sie je von ihm?

Selten. Nur einmal war sie, was man vertraulich nennen könnte, zu mir, und da sagte sie –

Sie sagte Ihnen etwas?

Nicht viel, Herr, nur, daß ein unglückliches Mißverständnis eingetreten wäre, das sich eines Tages aufklären würde. »Die Zeit wird kommen, Simpson,« waren ihre Worte.

Hm! Und das bringt mir etwas ins Gedächtnis zurück. Sie sprach heut abend von einem Juwelenkästchen – sagte, ich müsse dies Kästchen wiederfinden. Wissen Sie was davon? Ich weiß nichts.

Natürlich, Herr, weiß ich davon. Es ward gestohlen, oder wenigstens verschwand es vor mehreren Jahren, und es war großes Aufheben darum. Ihre Mutter schien entsetzlich aufgeregt und hat sich nie wieder ganz darüber beruhigt.

Enthielt es etwas Wertvolles?

Nur Papiere, Herr, glaube ich; aber das Kästchen selbst war wertvoll – massives Silber mit einer Menge seltener Emailarbeit darauf. Sie hatte immer Verdacht auf ihre Jungfer, aber es konnte nicht nachgewiesen werden, obgleich sie die Sache der Polizei übergab.

Haben Sie es jemals gesehen?

Ob ich es gesehen habe? Viele Male, Sir.

Würden Sie imstande sein, es wiederzuerkennen?

Augenblicklich. In der Mitte des Deckels, umgeben von einer Art von Edelsteinen, war ein großer Buchstabe N und eine Krone in rot, weiß und blauem Email. Niemand könnte es verwechseln.

Ich danke Ihnen. Ich werde noch mit Ihnen darüber sprechen müssen. Hubert sah auf seine Uhr. Ich gehe jetzt in den Klub und warte auf Antwort auf mein Telegramm. Es wird spät werden.

Sehr wohl, Herr; in Ihrem alten Zimmer ist ein Feuer angezündet, und Sie werden alles bereit finden, wenn Sie zurückkehren.

Erst als er die Oxford Street erreichte, gelang es ihm, eine Droschke anzurufen. Sein Telegramm von Charing Croß lautete: Darrell, Albert Mansions, SW. – Meine Mutter starb heut abend um halb neun. Was ordnest du an? Bitte Telegrammantwort Wanderer-Klub. – Hubert Darrell. Als er das Klubhaus betrat, begrüßte ihn der Portier freudig.

Natürlich keine Briefe für mich?

Nein, Herr. Aber, warten Sie einen Augenblick! Ich vergaß; es hat hier lange Zeit ein Paket gelegen, schon fünf oder sechs Monate. Und er händigte es ihm ein.

Hubert sah es neugierig an und blickte dann auf die Adresse; plötzlich wich jede Spur von Farbe aus seinem Antlitz. Es war Kitty Clares Handschrift.

Es war nur eine einzige Person im Schreibzimmer anwesend, und da diese ihm den Rücken zuwandte, so fühlte er sich vor Beobachtung sicher, wählte eine etwas dunkle Ecke des Zimmers und schnitt die Schnur des Päckchens durch.

Dann brach ein Ausbruch des Schreckens von seinen Lippen. Da vor ihm lagen alle Briefe, die er an Kitty Clare geschrieben hatte, seine letzten uneröffnet. Dabei waren allerlei kleine Andenken – ein Ring, eine Brosche, ein Armband, eine Locke seines eignen Haars und weiter ein Bund verwelkter Veilchen, die sie an ihrer Brust getragen hatte, als sie ihren Treuschwur mit dem innigsten Kusse besiegelte.

Der Mann, der am andern Tisch geschrieben hatte, stand plötzlich auf. Es war Sir Harry Ogilvie, von der Garde, ein alter Schulkamerad Huberts. Er rief ihn an: Hallo, Darrell! Wieder zurück? Was ist los?

Was los ist? Viel! rief Hubert aus. Und mit weißem Gesicht und geöffnetem Munde starrte er auf den Inhalt des Päckchens vor sich. Ich werde verrückt, glaube ich.

Tu das lieber nicht. Wann kamst du zurück?

Heut abend, gerade zur Zeit, um meine Mutter sterben zu sehen.

Sir Harrys Gesichtszüge wurden weich.

Ich habe das selbst durchgemacht; es ist ein schrecklicher Schicksalsschlag.

Kannst du dir einen schlimmern denken?

Nein, das kann ich nicht.

Gott vergebe mir, was ich sage, sagte Hubert, aber – er zeigte auf die Briefe vor sich – dies ist schlimmer.

Ich verstehe die Situation nicht ganz.

Du kennst Kitty Clare?

Lady Selhurst, meinst du?

Hubert knirschte mit den Zähnen.

Ja, ich meine Lady Selhurst. Du wußtest, daß wir verlobt waren?

Das wußte ja jeder.

Nun, sieh! Hier schickt sie alle meine Briefe zurück. Sieh – die kleinen Andenken, die ich ihr gegeben habe, sogar ein armseliges kleines Bund verwelkter Veilchen, und nicht ein einziges Wort der Erklärung dazu.

Sir Harry zuckte die Achseln.

Es war keine nötig, möchte ich sagen.

Keine nötig? sagte Hubert entsetzt.

Nein. Was konnte das arme Mädchen anders tun? Ich meine, sie hat sehr ehrenhaft gehandelt.

Ehrenhaft! sagte Hubert. Ehrenhaft!

Gewiß!

Mich, ihren jahrelangen Verlobten, auf eine so herzlose, so brutale Art zu behandeln!

Sir Harry sah ihn einen Augenblick mit einer erstaunten Miene an.

Du bist mir einfach ein Rätsel! sagte er dann. Das ist denn doch etwas stark! Ich glaube nicht, daß sie sich auch nur das geringste aus dem alten frostbeuligen Selhurst macht, aber indem sie dich aufgab, hat sie nur getan, was jedes kluge und charaktervolle Mädchen tun würde.

Hubert ging mit drohender Gebärde auf ihn zu.

Das wagst du mir zu sagen, Harry Ogilvie?

Wagen! Wagen! Natürlich wage ich es. Sagte nicht jeder dasselbe von dir? Es würde mich nicht wundernehmen, wenn die Hälfte deiner alten Kameraden dich völlig schnitte.

Um Gottes willen, erkläre mir das! Was sagt ein jeder von mir?

Nun, daß du wie ein Schurke gegen eins der lieblichsten und süßesten Geschöpfe in der weiten Welt gehandelt hast; und ich sage dir noch mehr: Wenn ich ihr Bruder wäre, so würde ich dich ganz gehörig durchprügeln.

Hubert taumelte zurück, schwankte einen Augenblick hin und her wie ein Trunkener und wäre gefallen, hätte ihn Sir Harry nicht in seinen Armen aufgefangen.

Donnerwetter! sagte er, indem er Hubert sanft in einen Armstuhl hob, es muß 'ne Ohnmacht oder was Aehnliches sein. Da wird wohl Kognak das beste sein! Und er zog die Klingel. Werde nicht klug daraus. Aber alle Strenge schmolz in seinem Antlitz, als er den hilflosen jungen Giganten vor sich anschaute. Der Bengel schien sich rein vor Erstaunen zu überkugeln. Sollte etwa doch irgendein verfluchtes Mißverständnis bei der Geschichte sein? Hierher, Kellner, etwas Kognak, schnell, der Herr fühlt sich schlecht. Dann fügte er, Huberts Kopf aufhebend, hinzu: Na, Darrell, alter Junge, Kopf hoch! So geht das nicht, weißt du. Ich meinte es nicht halb so schlimm, wie ich sagte, auf Ehre nicht. Bei den »Buffs« ist so was nicht Mode. Achtung vorm Regiment! Nun los – herunter damit! Und dem Kellner das Glas abnehmend, hielt er es an Huberts Lippen. Hinunter damit, und keinen verdammten Unsinn mehr!

Hubert schluckte mechanisch den Kognak hinunter, und bald kehrte eine Spur von Farbe auf seine Lippen und sein Gesicht zurück. Dann öffneten sich seine Augen, er starrte einen Augenblick verwirrt Sir Harry an, eine heftige Röte stieg ihm plötzlich in die Schläfen, und er sprang auf.

Jetzt erinnere ich mich, sagte er, du wolltest mich durchprügeln, aber eh' du das versuchst, solltest du mir lieber alles erklären, sonst, Schockschwerenot –.

Kopf hoch, Darrell; ruhig, Junge, ruhig! Laß uns beide einander verstehen. Ich fürchte, ich habe mich wohl irgendwie vergriffen. Aber nun sage mal: Gingst du mit des Obersten Frau durch oder nicht?

Mit der Frau von welchem Oberst?

Von deinem.

Huberts Lippen kräuselten sich verächtlich.

Erkläre mir dein kleines Späßchen, sagte er.

Den Teufel auch ist es Spaß! In den Zeitungen stand, daß du es tatest.

Daß ich was tat?

Mit des Obersten Frau durchgingst. Ich sage dir –

Was für Zeitungen schrieben das?

Ich weiß nicht mehr, eine Menge waren es. Ich sah es in der »Wespe«.

Da schlug sich Hubert plötzlich vor die Stirn.

Jetzt verstehe ich alles, sagte er. Und Kitty dachte und du dachtest –. Gütiger Himmel! Diese Idee! – ich sollte mit der Frau eines andern weglaufen, während Kitty noch am Leben wäre! Du unglaublicher Dummkopf, das war ja Herbert Darrell! Weißt du, wie Herbert geschrieben wird? Sieh in die Armeeliste, du großer Dummkopf! Herbert Darrell lief letzte Weihnacht mit des Obersten Frau fort. Ich vermute, ich bin das neueste Opfer eines Druckfehlers. Aber wie du, der du dich Freund nennst – wie du mich eines niedrigen Verrats gegen meine Kitty schuldig glauben konntest, wie du, der du mich schon in Höschen kanntest, mich für falsch gegen sie halten und dir denken konntest, daß ich eine liederliche Oberstenfrau dem süßesten Mädchen im Lande vorzöge, das geht über meine Vorstellungskraft. Wahrhaftig! Ich schäme mich deiner, Ogilvie. Du verdienst Prügel.

Das Blatt hatte sich gewandt, und der junge Baronet war tief beschämt und wußte einen Augenblick lang nichts anderes zu tun, als sein Antlitz mit seinem Taschentuch abzutrocknen.

Nun, ich will verdammt sein, sagte er, wenn dies nicht der verrückteste Irrtum ist, von dem ich je hörte! Herbert Darrell, natürlich! Ich erinnere mich an den kleinen Gimpel. Es ist ein Wunder, daß er sich nicht die Frau eines Brigadegenerals aussuchte. Höre mal, alter Junge. Ob du mir vergeben willst, das steht bei dir, aber das sag' ich dir: es gibt eine Menge andre, die ebensolche Dummköpfe waren wie ich. Jeder hat es gelesen, jeder hat's geglaubt. Aber das kommt wohl leicht in Ordnung. Und nun, Darrell, willst du sie annehmen? Und er streckte ihm die Hand entgegen.

Hubert schüttelte sie.

Natürlich will ich, du leichtgläubiger alter Dummkopf.

Gut. Du sollst Schmerzensgeld dafür bekommen, weißt du.

Schon recht, aber das gibt mir meine Kitty nicht zurück. Denke, Harry, wie schrecklich bitter das ist. Ich bin nun etwa vier Stunden lang in London gewesen. Während dieser Zeit sah ich meine Mutter verscheiden, hörte ich einen alten Kameraden sagen, ich verdiente die Peitsche, und erfuhr, daß ich eines Druckfehlers wegen das süßeste Mädchen der Erde verlor. Ist das noch nicht genug?

Wenn ich das wäre, sagte Sir Harry, so dächte ich, ich würde unter diesen Umständen mich betrinken, oder ich würde ein Gewehr auf die Schulter nehmen, die Fleet Street hinuntergehen und jenen Zeitungskerl suchen.

Das gibt mir meine Kitty nicht zurück.

Nein, das tut es nicht, aber da ist noch etwas anderes. Diese Nachricht wird sie umschmeißen. Sie macht sich aus dem fischblütigen, klebrigen Kerl, dem Selhurst, soviel, wie du dir aus – hm – Oberstenfrauen machst; und wenn sie die Wahrheit erfährt –. Bei Gott, ich habe eine Idee.

Her damit.

Ich gehe morgen hinunter auf einen kleinen Jagdbummel mit seinem Neffen und Erben Jimmie Selhurst. Du kennst ihn doch?

Ob ich ihn kenne? Waren wir drei nicht zusammen auf der Schule?

Natürlich, natürlich. Ein guter Junge, der Jimmie.

Ein großartiger Junge. Na?

Und wir wollen es ihr vorsichtig beibringen, dich ins rechte Licht setzen, alter Junge, und sehen, wie sie es aufnimmt.

Und dann?

Nun, dann mußt du ihr schreiben und wie ein Donnerwetter auf sie losstürmen, ihr sagen, ihr Mann habe sie unter falschen Vorwänden gewonnen, und sie sei daher noch immer dein Eigentum. Verstanden?

Nein. Wie kann sie mein Eigentum sein? Sie gehört ihm doch!

Hast du niemals was von Stehlen gehört? Was tat denn der Gimpel in Simla, du Dämelack? Eine Oberstenfrau zu stehlen, dazu gehört immerhin ein bißchen Schneid und Unternehmungsgeist; trotzdem wollte ich, den Gimpel hätte der Kuckuck geholt. Er hat dir den Skandal in die Schuhe geschoben. Nimm dir das zum Beispiel; setze Lady Selhurst an Stelle der Oberstenfrau, so kommen die Dinge gleich ins reine. Da hättest du Liebesbrauch und zugleich Kriegsbrauch. Was meinst du dazu?

Der Gedanke ist nicht schlecht. Jedenfalls ist er schneidig, aber –

Und Hubert seufzte.

Wenn du ein »aber« dabei siehst, so verdienst du sie nicht.

Nun, gut also! Ich werde mir die Sache überlegen.

Bravo!

Ein Kellner war, unbemerkt von ihnen, ins Zimmer getreten.

Ein Telegramm für Sie, Herr!

Da besann sich Hubert, und mit einem neuen Seufzer öffnete er den Umschlag und las:

Darrell, Wanderer-Klub. – Benham aufsuchen, hat genaue Anweisungen für das Begräbnis erhalten.

Hat genaue Anweisungen erhalten. Das unmenschliche Ungeheuer!

Was ist nun wieder los, alter Junge? sagte Sir Harry.

Nicht viel – ein Telegramm von meinem Vater, das ist alles.

Hm! sagte Sir Harry und schwieg diskret.

Es ist eine ekelhafte Welt, Ogilvie, begann Hubert nach einer Pause; dann sammelte er mit einem Blick des Widerwillens den Inhalt von Kittys Paket zusammen. Was wird wohl sonst noch kommen, um mir das Leben zu versüßen? Ich bin neugierig darauf. Es ist für einen jungen Menschen recht angenehm, so was nach Hause schleppen zu müssen, nicht wahr? Soll ich es verbrennen oder was sonst?

Nein; es könnte dir leid tun. Diese Nebel dauern nicht ewig.

Nun gut. Damit bin ich nun fertig. Wann wirst du's ihr sagen?

Wie würde es sein, wenn man morgen beim Mittagessen damit herausplatzte und sähe, wie sie es beide aufnehmen?

Der Gedanke ist gar nicht übel.

Es würde jedenfalls einen angenehmen Ton in die Unterhaltung bringen. Es würde Jimmie gefallen, weil es sicherlich den Alten verstimmen würde, den Jimmie wie Gift haßt, und dann könnten wir auch etwas beobachten, was vorkommendenfalls von Nutzen sein könnte –.

Recht so, vorkommendenfalls.

Und obendrein will ich dir einen genauen Bericht von den Ereignissen aufschreiben, ehe ich zu Bett gehe. Wie gefällt dir das?

Prachtvoll. Du bist ein Hauptkerl.

Nein, das bin ich nicht. Ich habe nur etwas an dir gutzumachen, alter Junge.

Kümmere dich darum nicht. Ich gehe jetzt. Es ist ein schrecklicher Abend gewesen, Ogilvie. Gute Nacht.

Gute Nacht, Darrell, und: Kopf hoch!

Ha ha! Kopf hoch! Das gefällt mir. Aber versuchen will ich's wenigstens, alter Junge.

Und mit lächelndem Antlitz über einem Herzen so schwer wie Blei schritt Hubert Darrell in die dunkle Nacht hinaus.

Als er zu Hause ankam, fand er ein helles Feuer in seinem alten Zimmer brennen, ein paar schön angewärmter Pantoffeln, einen Polsterstuhl, der bequem herangerollt war, und daneben auf einem Tische ein kleines leckeres Abendessen bereitstehen.

Sie müssen etwas essen, Herr Hubert, sagte Simpson, mit einer Miene fast väterlicher Besorgnis; und ich dachte, Sie würden es hier vielleicht gemütlicher als im Eßzimmer finden.

Es ist heut nacht nirgendwo gemütlich, Simpson, erwiderte Hubert mit einem Seufzer.

Nein, Herr, das ist es auch nicht, wenigstens meiner Ansicht nach nicht.

Aber ich danke Ihnen jedenfalls, Simpson, Sie haben es wirklich sehr nett hier für mich gemacht. Sie brauchen aber heut nacht nicht wieder aufzustehen. Sie sehen angegriffen aus und brauchen Ruhe wie ich.

Sehr wohl, Herr, obwohl ich wahrhaftig nichts danach frage, aufzubleiben, wenn Sie mich nötig haben. Gehen Sie früh aus, Herr?

Ja; das Bad auf acht Uhr; und ich meine, Sie haben wohl recht in bezug auf das Eßzimmer; ich möchte da nie wieder speisen. Ich will hier frühstücken.

Sehr wohl, Herr. Und Simpson schickte sich an, fortzugehen.

Uebrigens, Simpson, ich will morgen zuallererst Herrn Benham aufsuchen –

Unsern alten Rechtsbeistand, Herr?

Ja, unsern und – meines – Vaters alten Rechtsbeistand. Ich empfing heut abend ein Telegramm von meinem Vater, Simpson.

Wirklich?

Ja, hier ist es. Er sagt, Herr Benham habe genaue Anweisungen für meiner Mutter Begräbnis bekommen, und verweist mich an ihn.

Aber – aber – Sir! Und eine ungewohnte Röte stieg in des alten Mannes Wangen. Aber, Herr Hubert, Ihre arme Mutter starb ja erst vor drei Stunden; wie war es denn möglich, daß er das schon wußte?

Das wußte er auch nicht, er kam dem zuvor, mein guter Simpson, er kam dem zuvor; er hat vielleicht sehnlich darauf gewartet. Was bedeutet das alles?

Das weiß Gott, Herr, ich weiß es nicht. Es ist manches Jahr lang ein schweres Rätsel für mich gewesen – solch eine Dame – solch eine Dame! Meinen Sie, daß er zum Begräbnis kommt, Herr Hubert?

Ich kenne ihn nicht genau genug, um darüber eine Meinungsäußerung zu wagen. Gute Nacht, Simpson. Ich muß mit Ihnen später noch weiter über das verlorene Kästchen sprechen.

Sehr wohl, Herr. Gute Nacht.

Und nun forderte die erschöpfte Natur ihr Recht. Dieser große tapfere junge Mann hatte in seiner großen Angst und Betrübnis seit dem frühen Morgen nichts als ein paar Zwiebacke gegessen. Er sah den Abendtisch an, der von Simpson sehr kunstvoll arrangiert war, um das Auge eines hungrigen Mannes zu verführen, und er stürmte begierig darauf los.

Eine halbe Stunde später, die Füße auf dem Kamingitter, legte er sich in den Polsterstuhl zurück und grübelte lange über die seltsamen und bewegten Ereignisse der Nacht nach. Das war also das Heimkommen, nach dem ihn so lange und sehnlich verlangt hatte! – eine geliebte Mutter, die kalt und starr im Zimmer unten lag, und ein noch teureres Wesen kaum ein paar Meilen entfernt in den Armen eines andern und noch dazu gänzlich des schweren Unrechts unbewußt, das sie ihm angetan hatte. Was würde der Ausgang von allem sein? Daß das ungestüme Geschöpf ihre Torheit bitterlich bereuen würde, das wußte er nur zu gut. Er konnte jetzt sogar einige Entschuldigungen finden für diese Torheit. Der Augenschein war überwältigend gegen ihn gewesen. Und doch – und doch, dachte er bei sich selbst, sie sollte ihn besser gekannt haben. Ein Instinkt sollte ihr gesagt haben, daß er eines solchen Verrats, wie der, dessen man ihn beschuldigt hatte und der so leicht von der skandalliebenden Welt geglaubt wurde, unfähig war. Sie sollte ihn bis aufs äußerste verteidigt, seine Verleumder unbarmherzig bekämpft und sein Kommen mit der ruhigen Sicherheit, daß bei seiner Ankunft alles gut würde, abgewartet haben. Und dennoch, mit der Inkonsequenz eines Verliebten mußte er sie notgedrungen weiter entschuldigen. War es ihre Schuld, daß sie so impulsiv geboren war? War es nicht eine offenkundige Tatsache, daß gerade gute Frauen allenthalben sich des Grolles, der Eifersucht und aller möglichen, fast unbegreiflichen Torheiten schuldig machten: ihr Leben mit tollem Hohngelächter zertrümmerten, um es nachher immer in Sack und Asche zu bereuen?

Unzweifelhaft war es so. Aber warum sollte seine Kitty, seine lustige helläugige Kitty büßend durch die Welt gehen wegen eines augenblicklichen Vergehens gegen die alte Treue? Und dann kam ihm Sir Harry Ogilvies kühner Rat wieder in den Sinn. Es war einerseits verlockend; aber wenn es ihm auch wirklich wünschenswert erschienen wäre, sie aus den Armen ihres ältlichen Eheherrn zu reißen – und wenigstens jetzt war das nicht der Fall –, würde sie in eine Entführung einwilligen, die die Lästerzungen der ganzen vornehmen Welt in Bewegung setzen würde? Der Gedanke war immerhin verlockend und weckte stark in ihm den Geist der Wiedervergeltung. Sir John Selhurst hatte Kitty sicher unter falschen Vorspiegelungen geheiratet. Sie war nicht in offenem Kampfe gewonnen worden, und darum, ob verheiratet oder nicht, war sie moralisch immer noch die Seine. Dies war freilich ein Zurückkehren zu seiner früheren oberflächlichen Denkart, das er nach ein wenig mehr Ueberlegung absurd fand, und so ließ er das verwirrende Thema in Verzweiflung fallen.

Dann kehrten seine Gedanken zu seiner Mutter zurück, und das Geheimnis, das ihr Leben umgab, schien tiefer und dunkler als je zuvor. Daß die Enträtselung des Geheimnisses vom Auffinden eines gewissen fehlenden Kästchens abhing, schien annehmbar, obgleich das Warum ebenfalls ein Rätsel zu sein schien. Daß solch ein Kästchen wirklich existiert hatte und daß dessen Verlust seiner Mutter große Betrübnis verursachte, war vollauf bewiesen durch Simpsons Aussage, und es würde selbstverständlich seine Pflicht sein, sich so viel wie möglich um dessen Entdeckung zu bemühen. Nicht weniger seltsam war die Form ihres unerwarteten Vermächtnisses an ihn, und als ihm dieser Gedanke in den Sinn kam, erinnerte er sich gleichfalls, daß es höchste Zeit war, an dies unerwartete Vermächtnis zu denken. So nahm er denn den Gemslederbeutel aus seiner Tasche und entleerte seinen Inhalt in einen Teller.

Außer dem Halsband waren mehrere hundert Steine verschiedener Größe vorhanden: Diamanten, Rubinen, Smaragde, Saphire und so weiter, ein außergewöhnliches Gemisch. Er fühlte sich seltsam verwirrt. Warum waren diese Steine aus ihren Fassungen entfernt, und warum waren sie so viele Jahre lang unverdrossen von seiner Mutter verborgen worden? Und was war aus den ursprünglichen Fassungen geworden? Auf alle Fälle eine rätselhafte Sache. Dann hob er das Halsband auf und breitete es in seiner ganzen Länge aus. Es war sicher einzig in seiner Art und von ungewöhnlicher Pracht. Trotz seiner nur geringen Kenntnis von Diamanten sah er doch, daß es Brillanten vom reinsten Wasser und von außergewöhnlichem Wert waren und daß der große blaue Edelstein in der Mitte augenscheinlich von ungewöhnlicher Seltenheit war. Dann hielt er ihn gegen das Licht, und er wurde plötzlich voll Leben und Farbe und Bewegung, ein grausam faszinierendes Ding, einer Schlange gleich; schnell legte er es mit den andern Steinen zusammen wieder fort.

Ich weiß nicht, was es ist, aber es überläuft mich kalt, sagte er. Sollte etwas Wahres am Aberglauben der Indier sein, daß die bösen Geister manchmal in Edelsteinen wohnen? Ich will meiner Mutter Befehl gehorchen und sie verkaufen, natürlich – alles muß in Ordnung sein – aber nicht, bevor sie mein Vater gesehen hat. Es soll weiter kein Geheimnis mit ihnen sein. Dazu bin ich fest entschlossen.

In diesem Augenblick gähnte er und sah auf seine Uhr. Drei Uhr! Dann sah er, daß das Feuer ausgegangen war, und er ging zu Bett, aber nicht, um Angenehmes zu träumen.

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