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Das Halsband des Kaisers

George Webb Appleton: Das Halsband des Kaisers - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleDas Halsband des Kaisers
publisherVerlag von Robert Lutz in Stuttgart
printrunDritte Auflage
translatorHeinrich Müller
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectidd58dc5f3
wgs9121
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Vierzehntes Kapitel.

Kittys Wunde war nur oberflächlich. Als Sir John so plötzlich die Hand emporhob, hatte sie sich umgewendet und war dadurch um ein Haar breit dem Tode entgangen. Sie konnte sogar am selben Nachmittag nach ihres Vaters Hause in Finchley zurückkehren, wo der harmlose, nichts ahnende Seeoffizier außer Dienst die schreckliche Kunde von den Vorfällen und wechselnden Ereignissen des großen Eheromans vernahm.

Alle, die bei der Tragödie von Windwhistle Hall – wie es die Abendpresse nannte – zugegen gewesen waren, mit Ausnahme von Kitty Clare, wurden vom Coroner am folgenden Montag zur Totenschau gerufen. Hubert Darrell fuhr in Kittys und seiner treuen Knappen Begleitung in die Stadt.

Wie viel hat sich doch zugetragen, sagte er, seit ich aus der Fremde auf dem Charing Croß-Bahnhof ankam. Laßt mich nachsehen, ja, heut ist Sonnabend, er zählte an den Fingern, es ist genau zwölf Tage her. Ich meine, das ist ohnegleichen; aber nicht um alle Juwelen der Welt, ausgenommen um Kitty, das größte Juwel von allen, möchte ich noch einmal zwölf solche Tage durchmachen.

Die Leichenschau erregte große Sensation. Alles sprach sich natürlich herum, und Hubert wurde, statt wieder allgemein verdammt zu werden, plötzlich der Held des Tages.

Das übliche Verdikt wurde ausgesprochen, und alle Zeugen fuhren nach London ab. Lady Selhurst und ihr Bruder Duclos reisten in derselben Nacht nach Paris ab. Herr Le Noir wollte sie begleiten, aber er verschob seine Rückkehr aus gewissen Gründen noch bis zum Morgen. Als sie nämlich in die Stadt fuhren, sagte Hubert zu ihm:

Möchten Sie mir noch einen Gefallen tun, Herr Le Noir?

Sie haben mir nur zu befehlen, Herr Darrell, war die Antwort.

Möchten Sie mit mir und Herrn Benham heute abend zu meinem Vater gehen? Sie verstehen?

Vollkommen, und ich wollte es Ihnen auch schon vorschlagen. Es war immer eine große Freude für mich, der großen Künstlerin Madame Carita Dienste leisten zu können, eine gleich große wird es mir sein, ihrem Sohne zu nützen.

So kamen denn am selben Abend um acht Uhr die drei in Albert Mansions an. Hubert hatte seinem Vater geschrieben, daß er ihn zu dieser Stunde mit Herrn Benham und noch einem Freunde in Angelegenheiten von größter Wichtigkeit sprechen müßte. Sie wurden sofort zu dem alten Herrn geführt.

Er nickte Herrn Benham zu und deutete auf Stühle für sie.

Ich hoffe, diesmal ist es wirklich ein wichtiges Geschäft, sagte er ärgerlich. Hoffentlich werden mir keine Juwelen mehr gezeigt? Nun, wenn schon einer bestohlen werden mußte, so freue ich mich, daß es Sir John Selhurst ist. Er bestahl mich einst, er bestiehlt den Vater, und der Sohn bestiehlt nun ihn. Wie du mir, so ich dir!

Es war klar, daß er bis jetzt von der Tragödie am Sonnabend nichts wußte, aber es schien Herrn Le Noir gleichfalls klar – wie er bei sich selbst sagte –, daß er im Oberstübchen nicht ganz richtig sei.

Ich komme wiederum meiner Mutter wegen, sagte Hubert ruhig.

Du solltest niemals wieder hierher kommen, bis –

Bis ich Sie bis in den Staub demütigen konnte – so war die Abmachung zwischen uns.

Ja, so war sie.

Gut, ich bin gekommen, das zu tun.

Es soll mich freuen.

Gut denn. Und Hubert stand auf und übergab ihm seiner Mutter Brief. Erkennen Sie die Schrift? fragte er.

Des alten Mannes Hand zitterte, als er darauf sah.

Ja, ich erkenne sie.

Lesen Sie!

Wozu? Ich vermute, es ist wieder ein Aufwärmen der alten Geschichte.

Lesen Sie! sagte Hubert ernst, oder schweigen Sie für immer!

Ja, Herr Darrell, sagte Herr Benham, ich rate Ihnen dringend, es zu lesen.

Herr Darrell rückte mit der Miene jemandes, der gezwungen etwas gegen seine bessere Ueberzeugung tun soll, seine Brille zurecht und fing zu lesen an. Plötzlich trat ein seltsamer Ausdruck in sein Gesicht. Helle Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn; seine dünnen Lippen zuckten wie in innerlicher Todesqual; geisterhaft blaß wurden seine Züge. Als er zu Ende war, fiel ihm der Brief aus den zitternden Fingern, er sah mit einem Jammerblick auf und deutete auf Herrn Le Noir.

Ist dies –

Herr Le Noir, ja, sagte Hubert, und er ist hier, um meiner Mutter Worte zu bestätigen. Wollen Sie es tun, Herr Le Noir?

Herr Le Noir erzählte kurz seine Geschichte, dann stand der alte Mann langsam auf und ging auf Hubert zu.

Hubert, mein Sohn, kannst du, willst du mir vergeben? fing er an; aber plötzlich schwankte er und wäre gefallen, wenn ihn nicht Hubert in seinen Armen aufgefangen und zu seinem Stuhl zurückgeführt hätte. Dann fiel sein Haupt auf den Tisch, und seine Brust atmete mühsam unter erstickten Seufzern. Endlich erhob er den Kopf wieder, und seine Augen blickten sanft und gütig, wie Hubert es nie vordem gesehen hatte.

Ich bin ein Ungeheuer, sagte er, ein Ungeheuer an Stolz und Hartnäckigkeit. Diese Schlange von einem Baronet stand zwischen uns, darum wollte ich auf ihre Worte, die alles erklärten, nicht hören. Du überzeugtest mich schon halb beim letzten Mal. Ich war stolz auf dich, du schienst so stark und mannesmutig, und dann verhärtete sich doch wieder mein Herz gegen euch beide.

Er hielt einen Augenblick inne, dann fuhr er fort, und seine Stimme sank fast bis zum Flüsterton herab:

Du warst bei ihr, als sie starb?

Ich war bei ihr und allein mit ihr.

Vergab sie mir nicht?

Nein.

Seine Brust atmete einen Augenblick lang krampfhaft, dann sagte er:

Ich verdiene es. Und das Begräbnis – ihr waret allein – ihr beide – sie und du?

Nein, Herr Benham war noch da und zwei gute treue Freunde von mir, und Kitty.

Kitty! wiederholte er. Ist das eine Frau, die du liebst?

Innig.

Der Himmel mag sie segnen! Willst du mir vergeben, Hubert, mein Sohn? Ich will es dir vergelten.

Hubert blieb einen Augenblick nachdenklich, dann nahm er des alten Mannes zitternde Hand in seine.

Von ganzem Herzen, Vater, und auch sie vergibt dir, dessen bin ich sicher, wenn ihr Geist hier unter uns weilt.

Er beugte ehrfurchtsvoll sein Haupt und sagte:

Gott gebe, daß dem so sei. Und nun laß mich allein, Hubert. Ich muß denken, denken, denken. Gute Nacht, Herr Benham. Ich lasse Sie bald wieder bitten. Gute Nacht, und tausend Dank, Herr Le Noir! Hubert, komm bald wieder und besuche mich.

Hubert versprach es, und dann gingen die drei sehr bewegt fort.

Eben vor dem Abfahren des Pariser Zuges am andern Morgen sagte Inspektor Beale zu seinem französischen Genossen:

Nein, so etwas hatte ich nie in meinem ganzen Leben durchgemacht.

Sie müssen nach Paris kommen und da Ihre Revanche an mir nehmen, sagte Herr Le Noir mit herzlichem Lachen.

Ich fürchte, das könnte ich nie. Nun, still davon. Mir wäre es gar nicht lieb, wenn einer der Kollegen von Scotland Yard was davon erführe!

Unbesorgt! Sie werden mir doch natürlich verzeihen, daß ich mein kleines Spiel mit Ihnen trieb. Ich konnte es nicht ändern, es war so verteufelt komisch, als Sie meine Fußtapfen mit Ihrem Federmesser auskratzten und dann noch dazu einen meiner armen Pantoffeln stahlen. Die List mit dem Buch war aber sehr nett. Und nun, nicht wahr, sind wir gute Kameraden?

Die allerbesten.

Guten Abend also, Kamerad.

Guten Abend.

Zwei Tage später empfing Hubert einen Brief Herrn Benhams, von dem folgendes ein Auszug ist:

Ihr Vater ist hier gewesen und hat ein neues Testament gemacht, in dem er Ihnen alles hinterläßt. Er hat Ihnen auch 3000 Pfund jährlich ausgesetzt, dazu das Haus und Mobiliar in der Upper Wimpole Street und einen hübschen kleinen Landsitz in Kent; er macht nur zur Bedingung, daß Sie aus dem Heer treten und Kitty Clare so bald als möglich heiraten. Es ist erstaunlich, wie sehr sein Herz daran hängt. Ich glaube, er hat sie so lieb, weil sie Sir John trotzte und zu Ihrer Mutter Begräbnis kam. Sein Entzücken über Sir Johns Untergang war zu augenfällig, und er führte hier in meinem Bureau einen wahren Kriegstanz auf, als er von dem Anteil erfuhr, den Sie an der Sache genommen hatten.

Dem Himmel sei Dank! Endlich kommt Sonne, sagte Hubert inbrünstig.

Am selben Tage kam Jimmie Selhurst zu ihm.

Ich bin ein bißchen verdrießlich, sagte er. Ich habe eine Mitteilung von Sir Johns Advokaten bekommen, auf die ich nicht gut zu antworten weiß.

Warum denn nicht?

Nun, es ist wegen der Nachfolge in Titel und Grundbesitz.

Was ist denn dabei Schwieriges?

Ei, dies: sie sind der Meinung, daß meines Onkels erste Heirat nach dem französischen Gesetz ungültig sei, und in diesem Falle ist Kitty natürlich immer noch Lady Selhurst.

Nun, und was folgt daraus?

Was daraus folgt? Nun, um es so delikat als möglich zu machen, alter Junge: ein neuer Erbe – ein kleiner – kann vielleicht auftauchen, nicht wahr, und wo soll man dann mit eurem alten Kameraden Jimmie Selhurst hin, das möchte ich wissen?

Ein Blitz der Erleuchtung flog durch Huberts Geist.

Beim Himmel, ja! Ich verstehe.

Du verstehst: ehe ich etwas Endgültiges weiß, bin ich in einer ziemlich schiefen Stellung. Ich weiß nicht, wie ich handeln soll.

Natürlich.

Und ich meinte, du könntest vielleicht etwas dazu tun, um – um – na – eine Art von Gewißheit auf delikate Art zu erlangen; ich wäre dir verteufelt dankbar, alter Junge.

Ich will es sofort tun, sagte Hubert und fuhr nach Finchley.

Aber als er dort all seinen Mut zusammennahm, versagte er ihm zuerst. Er zauderte und grübelte erst eine Zeitlang über die Sache nach, dann nahm er einen plötzlichen Anlauf.

Jimmie Selhurst ist sehr schlechter Laune, sagte er.

Das tut mir leid. Warum denn? fragte Kitty.

Nun, wegen seiner gegenwärtigen Lage und so weiter, weißt du.

Was ist mit seiner gegenwärtigen Lage?

Nun, sie ist doch unsicher, um nur eins zu sagen.

Das ist seltsam. Er sollte doch Bescheid darüber wissen.

Das meint er auch – er sollte wissen, aber er weiß nicht. Verstehst du? Er muß erst den Rechtsanwälten und Testamentsvollstreckern beweisen, daß er einen rechtlichen Anspruch auf Titel und Grundeigentum erheben darf.

Bitte, erkläre mir das, sagte Kitty, der die Sache immer rätselhafter wurde. Was kann ich denn zur Aufklärung der Sache tun?

Du bist die einzige, die es kann.

Oh, oh! Und sie errötete bis in die Ohrmuscheln, aber dann richtete sie sich stolz auf. Geh und sage dem Baronet Sir James Selhurst, sagte sie, daß kein Grund irgend welcher Art vorhanden ist, weshalb er nicht sofort den Titel annehmen könnte. Genügt das?

Ja, ja.

Es war eine recht freundliche Frage von dir.

Eine notwendige.

Und eine ganz uneigennützige?

Ganz.

Ist noch mehr zu fragen?

Nein.

Ich danke dir.

Damit schlüpfte sie aus dem Zimmer.

Hu! Aber es mußte mal getan werden, und dabei ist mir doch zugleich auch eine Henkerslast von der Seele gefallen, sagte Hubert als ein wahrer Philosoph.

So nahm denn ein paar Tage später der neue Baronet Besitz von Windwhistle Hall und traf dort auf Verabredung auch Hubert und Kitty. Er hatte einen Beutel voll Juwelen bei sich.

Dies alles ist deins, sagte er, Hubert ein Päckchen überreichend, und dies ist deins. Dabei reichte er auch Kitty ein schweres Päckchen.

Ich nehme es nicht an, sagte Kitty.

Du mußt, sie sind euer Eigentum. Warum nicht? Macht euch keine Gedanken darüber.

Gedanken? sagte sie, und ihre Lippen kräuselten sich.

Nun, ihr wißt schon, was ich meine. Es ist auf dem ganzen Erdenrund kein Grund vorhanden, warum ihr sie nicht nehmen solltet.

Auf alle Fälle will ich das Halsband nicht anrühren, sagte sie.

Das soll sie auch nicht, sagte Hubert stolz. Sie soll ein eignes als Hochzeitsgeschenk von mir haben.

Nun, sagte Jimmie, ich will das verfluchte Ding auch nicht im Hause haben. Ich glaube, ich gehe nach der Waterloobrücke und werfe es in den Fluß.

Kann ich einen Vorschlag machen? sagte Kitty.

Eine Million, wenn du willst.

Nun, verkaufe es und teile den Erlös zwischen Inspektor Beale und Herrn Le Noir. Diesen beiden Männern verdanken wir alles.

Der Vorschlag wurde mit Begeisterung aufgenommen und in der Folge still bewerkstelligt, zur großen Ueberraschung wenigstens eines dieser tüchtigen Beamten, die hiermit aus unsrer Geschichte verschwinden.

Kurz vor Weihnachten fand in einer kleinen stillen Nachbarkirche, mit dem Baronet Sir Harry Ogilvie als Brautführer, eine stille Trauung statt; wer sonst noch dabei war, wird man wohl erraten. Ein kurzer Honigmonat folgte, und dann wurde das Haus Nummer 36 in Upper Wimpole Street aufs neue bezogen, und groß war das Erstaunen des wiedereingesetzten Simpson, als er beim Auftragen des Weihnachtsmahles keinen andern, als den alten Darrell mit Sohn und Tochter in Frieden und Freundschaft sich zu Tisch setzen sah, an denselben Tisch, wo die einsame Frau – seine Frau – so manches lange Jahr ihren Platz gehabt hatte.

*

Einige Monate später hatten sie eines Tages über die seltsamen hier aufgezeichneten Ereignisse gesprochen, als Hubert plötzlich sagte:

Eins, Kitty, machte mich immer stutzig, nämlich, wie mein Eisenbahnbillett in dein Schlafzimmer hineinkam.

Ich habe das jetzt alles herausgefunden, Liebster, entgegnete Kitty. Das Mieder, das ich an jenem Abend trug, hatte Falten, und dein Billett war in deinem Handschuh, und im Gewächshaus – da war dein Arm – Und sie hielt lachend inne.

Ei, verteufelt! sagte er. Natürlich! Daran hatte ich noch nie gedacht!

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