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Das Halsband des Kaisers

George Webb Appleton: Das Halsband des Kaisers - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleDas Halsband des Kaisers
publisherVerlag von Robert Lutz in Stuttgart
printrunDritte Auflage
translatorHeinrich Müller
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectidd58dc5f3
wgs9121
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Dreizehntes Kapitel.

Am nächsten Tage gab es viel zu tun für Inspektor Beale. Er war jetzt mit Leib und Seele bei der Sache und begann alles klarer zu durchschauen, als er je gehofft hätte.

Zuerst sandte er ein Telegramm an Forsyth, das dem unternehmenden jungen Beamten anbefahl, um drei Uhr im Hauptquartier Bericht zu erstatten. Dann fuhr er im Tram nach Cornhill und gab bei Herrn Samuel Fairweather, dem Juwelier, seine Karte ab, der ihn sofort und fast mit Enthusiasmus empfing.

Ich weiß nicht, wann mich je eine Sache so aufgeregt hätte, sagte er. Ich lag zu Hause ein paar Tage lang im Bett und hatte keine Zeitungen gelesen, und es gab mir einen schrecklichen Stoß, als ich sah, daß der arme Junge des Diebstahls angeklagt worden war. Nun, beim Himmel, ich verkaufte eine Menge derselben Juwelenstücke vor langen Jahren an Frau Darrell, und weil ich auch Umänderungen machte, einen Stein hier veränderte und einen andern da, so kannte ich recht genau jedes kleine Schmuckstück, das sie besaß. Sie hatte also die Steine im vergangenen Jahr aus den Fassungen genommen. Ich weiß es nicht, warum, aber ich denke, es geschah, um sie ihrem Sohn zu geben. Sie trug sie niemals, bei Gott, in den letzten Jahren, und ich vermute, es war eine Idee von ihr, daß es ihm nicht angenehm sein würde, eine Menge verschiedenartiger Juwelenstücke zu verkaufen. Das ist natürlich nur eine unmaßgebliche Meinung von mir, und als ich in den Zeitungen Herrn Blacks Zeugnis über eine Menge loser Steine sah, wußte ich sofort, daß Herr Darrell vollkommen berechtigt war, sie zu verkaufen, falls er es wollte. Ach, es ist schrecklich, wenn man daran denkt, daß der arme Junge wegen einer solchen Anschuldigung verhaftet wurde.

Inspektor Beale hatte mit besonderem Interesse all diesen Auseinandersetzungen zugehört und sie nicht mit einem einzigen Worte unterbrochen.

Ich freue mich sehr, dies zu hören, sagte er, von Herzen freue ich mich. Sie haben mir und vor allen Dingen ihm einen großen Dienst geleistet. Sie sagen, Sie haben eine Beschreibung der Steine?

Ja.

Würden Sie etwas dagegen haben, jetzt mit mir zu Herrn Black zu gehen?

Gar nichts.

Und würden Sie jenes Verzeichnis mitnehmen?

Mit dem größten Vergnügen, Herr Inspektor. Und innerhalb einer halben Stunde waren sie in Herrn Blacks Privatkontor. Herr Black schien nicht weniger froh, als ihm die Sache auseinandergesetzt wurde. Er brachte sofort die Liste der Steine, die er von Hubert Darrell gekauft hatte, zum Vorschein. Die beiden stimmten genau überein. Nicht die kleinste Abweichung war zwischen ihnen.

Das ist entscheidend, sagte Herr Black. Er brachte sie mir hierin – und er suchte einen Augenblick in einem Schreibtisch. Ja, hierin, und dabei hielt er einen Gemslederbeutel in die Höhe.

Ha, ha, natürlich! sagte Herr Fairweather, das ist der Beutel. Es sollte mich nicht wundern, wenn Sie in der Innenseite meinen Namen finden.

Das bestätigte sich auch; dann erzählte Inspektor Beale seine Pariser Erlebnisse und zeigte Herrn Black den Brief, den ihm Herr Désparets gegeben hatte.

Nun, sagte ich Ihnen nicht, daß ich ein gleiches Halsband bei Désparets gesehen hatte?

Ja, und Herr Beale zeigte ihm seine Aussage in seinem Taschenbuch.

Das ist ganz außerordentlich, sagte Herr Black nachdenklich. Auf mein Wort, das Geheimnis wird immer dunkler.

Ja, sagte Inspektor Beale lachend; aber wir kommen ihm auf den Grund. Sie werden wahrscheinlich im Laufe eines oder zweier Tage etwas Aufregendes hören. Nun, Herr Fairweather, ich brauche Ihre Liste hier und von Ihnen, Herr Black, einen Brief, der erklärt, daß Sie sie mit Ihrer verglichen haben, daß sie in jeder Einzelheit übereinstimmen, und daß Sie nun überzeugt sind, daß das zwischen Ihnen und Herrn Darrell abgeschlossene Geschäft beiderseitig vollkommen ehrenhaft war.

Natürlich tue ich das, sagte Herr Black und ergriff die Feder. Ich tat nie etwas in meinem Leben so gern wie dies. Bitte, hier, ist das deutlich genug? fügte er einen Augenblick später hinzu.

Herr Beale las es, nickte lebhaft und steckte mit zufriedenem Lächeln den Brief in seine Tasche; dann war er auf und davon.

Herr Forsyth fand sich zur festgesetzten Zeit fröhlich im Hauptquartier ein. Er legte sogleich mit seinen Neuigkeiten los und meinte seinen Vorgesetzten in hohes Erstaunen zu versetzen. Zu seiner Ueberraschung hörte Inspektor Beale ganz ruhig zu.

Recht hübsch, wahrhaftig, sagte er, und Sie haben ganz recht, es handelt sich hierbei gar nicht um die gestohlenen Juwelen. Sir John hat sich mit einer Dame kompromittiert, und weil Lady Selhurst jetzt so zornig ist, hat er sie nach Rußland eingeschifft, vermute ich. Wir haben aber damit nichts zu tun.

Ganz recht, Herr Inspektor, aber ich hoffe, Sie werden nun zugestehen, daß Sie über den Fremden im Pelz irriger Ansicht waren – als Sie meinten, es wäre François. Sie waren sogar deswegen böse auf mich, wenn Sie sich erinnern.

So? Das hatte ich vergessen. Natürlich kommen einem in einem Falle wie diesem alle möglichen Ideen.

Das ist sehr richtig, Herr Inspektor. Es ist für mich eine harte Nuß zu knacken gewesen. Und so brauche ich den Burschen nicht länger zu beobachten?

Nein. Ich habe mich sehr in ihm getäuscht. Er ist im Grunde gar nicht so schlimm. Und als ihn Herr Forsyth daraufhin offenen Mundes anstarrte, fügte er hinzu: Ja, François ist ein ganz verteufelt guter Junge und hilft mir bei dieser Sache. Er hat mich anfangs zum besten gehabt, das ist wahrhaftig wahr, aber in dieser Welt wäscht eben eine Hand die andre; nicht wahr, Herr Forsyth?

All das war sehr orakelhaft, aber Herr Forsyth fühlte, daß er sich nun einmal in die höhere Weisheit fügen mußte.

Das ist ganz richtig, Herr Inspektor; und ich will verdammt sein, wenn ich ihm nicht auch ein bißchen zusetzte, Herr Inspektor, obgleich ich mir wohl dachte, daß er mich zu gleicher Zeit immer auslachte.

Das tat er gewiß. Es würde mich wenigstens nicht überraschen. Damit endete das Gespräch.

Das nächste Ereignis war folgendes: eine Art von Zirkular in Schreibmaschinenschrift wurde von Inspektor Beale an Herrn Benham, Sir Harry Ogilvie, Jimmie Selhurst und Hubert Darrell gesandt mit folgendem Wortlaut:

Mein Herr!

Bitte, versäumen Sie nicht, mich morgen um zwölf auf dem Addleheadbahnhof zu treffen. Ein wichtiger Zeuge kommt heut abend aus Paris an, und François brennt darauf, in Ihrer Gegenwart vor Sir John und Lady Selhurst gewisse Aussagen abzugeben. Meine Zusammenkunft mit Sir John ist auf ein Uhr festgesetzt.

Ihr
gehorsamer Diener
James Beale.

Als der 6 Uhr 30-Expreß aus Paris an diesem Abend in den Charing Croß-Bahnhof einlief, erwartete Herr Beale mit einiger Ungeduld seine Ankunft. Jeder Reisende wurde beim Aussteigen sorgfältig von ihm geprüft; zuletzt kam ein sehr schmucker und frisch aussehender junger Mann von etwa dreißig Jahren rasch daher und sagte in gebrochenem Englisch:

Sie suchen Herrn Vaillant?

Ja, sagte Inspektor Beale.

Ich bin Vaillant, und Sie sind –?

Inspektor Beale.

Gut! Werden Sie mitkommen? Ich wohne hier. Und Sie traten zusammen in das Hotel.

Inspektor Beale erschien am nächsten Morgen schon früh in Addlehead. Der nächste beste von den Ortspolizeibeamten war eilig zu einem Zusammentreffen mit ihm gerufen worden, mit der Angabe, daß die Sache dringlich sei. Eine lange und geheime Konferenz fand zwischen ihnen statt. Es waren auch François, der Kammerdiener, und Herr Vaillant aus Paris anwesend. Die beiden letzteren gingen am Schluß der Unterredung zusammen fort, und Herr Beale schlenderte langsam dem Bahnhof zu. Dort wurde der würdige Beamte von Scotland Yard mit wahrhafter Ehrerbietung behandelt, als ob er ein Mitglied der königlichen Familie gewesen wäre, und man war daher allgemein erstaunt, als man den gefürchteten Detektiv bei der Ankunft des Zwölf-Uhr-Zuges aus London einem noch unter der Anklage des Diebstahls Stehenden herzlich die Hand schütteln sah. Man erwartete freundliches Entgegenkommen von seiten Jimmie Selhursts und Sir Harry Ogilvies und Herrn Benhams, den Freunden und Begleitern des Angeklagten, aber daß der Hauptbelastungszeuge sich öffentlich mit ihm verbrüderte, das war in der Tat ein erstaunlicher Anblick.

Nie zuvor hatte das schläfrige kleine Addlehead eine Sensation gehabt wie diese. Zuerst umarmte Lady Selhurst fast den Dieb, nun streckte Scotland Yard in der Person seines erwählten Repräsentanten ihm öffentlich die rechte Hand der Brüderschaft entgegen. Innerhalb einer halben Stunde war das ganze Städtchen in Aufruhr über diese Nachricht.

Sir John Selhurst, der weder Jimmie noch Sir Harry zu sehen erwartete – am allerwenigsten Hubert –, hatte nur einen Wagen an den Bahnhof geschickt. Dem folgte, in schicklichem Zwischenraum, eine Droschke, und als die Uhr auf dem Turme eins schlug, fuhren sie an der Tür von Windwhistle Hall vor.

Sie wurden sogleich in Sir Johns Studierzimmer geführt. Er saß an seinem Schreibtisch und sah lächelnd auf, als er Inspektor Beale bemerkte; dann verfinsterte sich seine Stirne, als er die übrigen vier in einer Reihe eintreten sah, mit kampflustigem Ausdruck in jedem Gesicht.

Sie sagten mir doch, Herr Beale, sagte er hastig, daß nur Sie und Herr Benham –

Gewiß, Sir John; aber gewisse Dinge sind seitdem vorgefallen, die –

Das geht mich nichts an. Ich protestiere energisch gegen die Anwesenheit eines Mannes unter diesem Dach, der unter der Anschuldigung eines Diebstahls steht. Wahrhaftig, Herr Beale, das ist ein bißchen zu stark.

Stark oder nicht, Sir John, sagte der Inspektor, bei diesem Worte auffahrend, Herr Darrell ist auf meine Bitte hier, und da seine beiden Freunde wie Wachs an ihm kleben und durchaus mitkommen wollten –

Hier nickten Sir Harry und Jimmie lebhaft.

Gut also, fuhr der Inspektor fort, sie sind einmal hier, und damit ist alles gesagt. Und was noch mehr ist, wenn Sie jetzt hören werden, was ich zu sagen habe, so werden Sie oder sollten Sie wenigstens der erste sein, mein Herr, der zugesteht, daß Herr Darrell ein Recht hat, hier zu sein.

Ich gestehe nichts zu und bin auch nicht gewillt, irgend etwas zuzugestehen – und das am allerletzten. Ich bin gezwungen, seine Gegenwart zu ertragen, scheint mir, aber ich tue es widerstrebend.

In diesem Augenblick trat Lady Selhurst wie eine Vision von überirdischer Lieblichkeit ins Zimmer; sie begrüßte jeden lebhaft und sagte zu Hubert: O welche Freude, Hubert!

Einen Augenblick lang trat ein blutgieriger Ausdruck in Sir Johns böses Gesicht. Dann wandte er sich wieder an Herrn Beale und sagte eisigen Tones:

Möchten Sie mir nun freundlichst endlich den Zweck dieses Besuches mitteilen, Herr Beale?

Mit Vergnügen, Sir John, aber ich sehe Ihren Kammerdiener nicht hier.

Sir John läutete, und François trat gleich darauf ein, nervös von einem zum andern sehend, ein wahres Bild der Demut.

Nun, die Sache ist die, Sir John, fing der Inspektor an, daß Ihr Kammerdiener hier, François, meine ich, heißt er, und sein Auge zwinkerte lustig, als er es auf die betreffende Person richtete, glaubt, dem richtigen Dieb auf der Spur zu sein.

Dem richtigen Dieb? wiederholte Sir John.

Ich sagte so, Sir John: dem Manne, der die Juwelen stahl. Folgen Sie mir?

Ich höre, sagte Sir John und zuckte die Achseln; nur weiter.

Aber ehe wir dazu kommen, habe ich manch andres über andre Sachen zu sagen, die direkt Herrn Darrell hier betreffen. Ich fürchte, um damit anzufangen, Sie taten neulich einen sehr großen Mißgriff, als Sie schworen, daß das vorgezeigte und jetzt in Ihrem Besitz befindliche Halsband mit dem gestohlenen identisch wäre. Natürlich wollten Sie nicht falsch schwören; so kleine Irrtümer kommen fast jeden Tag bei den Zeugen vor. Beim Himmel, Sie stehen nicht allein darin. Aber ich habe gute Gründe, um zu glauben, daß Sie sich irrten, und ich möchte Ihnen ernstlich raten, die Anklage zurückzuziehen.

Sir John, der mit zusammengekniffenen Brauen zugehört hatte, sagte mit stahlhartem Glitzern seiner Augen nur:

Bitte Ihre Gründe, Herr Beale, warum ich so Außerordentliches tun sollte.

Herr Beale erzählte darauf weitschweifig das Resultat seines Pariser Besuches.

Als er zu Ende war, dachte Sir John einen Augenblick nach und sagte dann:

Es scheint mir unfaßlich, daß ich mich in dieser Sache irgendwie geirrt habe. Lady Selhurst erkannte das Halsband sofort wieder, ebenso Herr Flamborough, von dem ich es kaufte. Aber es ist möglich, daß ich vor Jahren ähnliche Juwelenstücke, wie dies – gekauft habe – wie heißt doch der Mann?

Désparets, sagte Herr Beale, und er buchstabierte den Namen.

Richtig, aber ich erinnere mich nicht, je mit dem Manne Geschäfte gemacht zu haben.

Konnte er sich wirklich nicht erinnern, fragte dann Herr Beale, daß derselbe Herr Désparets ihm sagte, daß ein Halsband dieser Beschreibung vom Kaiser Napoleon III. gekauft war?

Sir John war zur verneinenden Antwort gezwungen.

Ob er je, wollte Herr Beale wissen, von einer Dame, einer, wie er glaubte, berühmten Primadonna, Madame Carita mit Namen, gehört hätte?

Sir John dachte wieder einen Augenblick nach.

Der Name ist bekannt, sagte er, aber warum fragen Sie danach?

Weil, entgegnete Inspektor Beale, Herr Désparets mir versicherte, daß er das Halsband, das er von Ihnen kaufte, dem Kaiser verkaufte, der es Madame Carita – Herrn Darrells Mutter – gab, die es wiederum, wie Herr Darrell hier behauptet, an ihn gab.

Kittys Augen öffneten sich hierbei sehr weit, aber sie schwieg diskret, da sie ja nun auf jede Ueberraschung vorbereitet war.

Stimmt das? fügte Herr Beale hinzu, indem er sich an Hubert wandte.

Alles wahr, sagte dieser, Sir John weiß nur zu gut, daß es wahr ist, und dabei nahm sein Gesicht eine sehr zornige, finstere Miene an.

Sir John hob unbekümmert sein Dolchpapiermesser auf, klopfte es mit der Spitze sacht auf seinen Schreibtisch und zögerte einen Augenblick.

Herrn Darrells Behauptung, sagte er endlich, daß ich weiß, daß dem so ist, ist natürlich widersinnig, und ich lehne es unbedingt ab, darüber Worte mit ihm zu wechseln. Es ist überdies klar, daß dieser Herr Désparets, wer er auch immer sein mag, sich geirrt und mich mit irgend jemand anderem verwechselt hat. Es sind dies auf jeden Fall sehr schwankende Beweise, und ich sehe wahrhaftig nicht ein, Herr Beale – mit aller gebührenden Hochachtung für Ihre weitberühmte Weisheit in diesen Sachen –, warum es in einem gewissen Sinne scheinen sollte, als wäre ich sozusagen heute unter Verhör. Wessen Juwelen waren denn schließlich gestohlen?

Meine! schrie Hubert mit einer Stimme, daß die Fenster klirrten.

Sir John lächelte verächtlich, und Herr Beale schüttelte, Hubert anblickend, den Kopf (als ob er sagen wollte: Laß mich doch reden!) und sagte dann:

Alles in Ordnung, Sir John. Wir alle sind Zeugen Ihrer Verneinung. Natürlich ist es mein einziger Wunsch, die Wahrheit zu ergründen. Sie gaben die Sache in meine Hände, und es ist meine Pflicht, das Geheimnis zu erforschen, und ich meine, ich tue das auch. Es ist sehr freundlich von Ihnen, daß Sie von meiner Weisheit reden, ich besitze nicht viel davon, und was ich habe, geht manchmal irre. So war es kürzlich; aber ich glaube, nun komme ich auf die rechte Spur, und das bringt mich gleich zur Sache. Ich sage nur dies: Wäre ich an Ihrer Stelle, so würde ich mich nicht so darauf versteifen, niemals mit Herrn Désparets Geschäfte gemacht zu haben.

Ein nervöses Zucken bewegte Sir Johns Mundwinkel, als er dies hörte, aber es war nur für einen Moment.

Ich versteife mich durchaus nicht, wie Sie es zu nennen belieben, Herr Beale. Ich gab Ihnen nur einfach meine Meinung an. Ich habe mit vielen Juwelieren zu tun gehabt, aber diese Geschichte von einem Kaiser, einer Primadonna und einem Halsband, das ich diesem Désparets verkauft haben soll, ist einfach unsinnig. Ich hoffe, diese Erklärung genügt?

Vollkommen, sagte Inspektor Beale; nichts kann nachdrücklicher sein, als Ihre Verneinung, Sir John; aber, sehen Sie, unglücklicherweise muß ich die ganze Sache von einem andern Standpunkt ansehen. Hier steht Herr Darrell, der eines Verbrechens angeschuldigt ist, und der, falls es bewiesen würde, in Strafe käme. Wir Leute von Scotland Yard sind natürlich eifrig darauf bedacht, die Schuldigen der Justiz zu überliefern, und wollen keinen Unschuldigen in Zuchthauskleidern auf unser Gewissen laden, und ich sage es Ihnen rund heraus, Sir John, es ist meine ehrliche Ueberzeugung, daß Herr Darrell hier unschuldig ist, und ich rate es Ihnen nochmals dringend an, von der Anklage zurückzutreten.

Bis jetzt sehe ich aber noch durchaus keinen Grund, um das zu tun.

Wie Sie wollen. Dieser Brief hier wurde mir von Herrn Désparets gegeben. Wollen Sie so freundlich sein und ihn lesen?

Sir John tat es, gab ihn dann zurück und sagte ganz ruhig:

Der Mann glaubt zweifellos an das, was er behauptet; ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, aber im Irrtum ist er. Jeder, Herr Beale, kann irren.

Er irrte sich auf alle Fälle nicht betreffs des Halsbandes. Er erkannte es sofort wieder, ebenso wie Herr Flamborough, Außerdem war ein Privatzeichen von ihm darauf.

Sehr merkwürdig, höhnte Sir John.

Ja, das dachte ich auch. Aber nun habe ich noch ein andres merkwürdiges Ding hier – einen Brief, noch einen. Aber erst lassen Sie mich Sie an folgendes erinnern: Herrn Darrells ursprüngliches Zeugnis hat sich nie verändert und ist in jeder Einzelheit schnell bestätigt worden. Er sagte aus, daß seine Mutter zwei Nächte vor dem Diebstahl ihm sterbend einen Gemslederbeutel mit einem weißblauen Diamantenhalsband und einer großen Zahl loser Edelsteine gab. Diese Dinge verkaufte er frei und offen an Herrn Black, der eine Liste und Beschreibung dieser Stücke zurückbehielt. Er hält weiter aufrecht, daß dies sein wertvolles Eigentum in unredlicher Weise von Ihnen beansprucht wurde und unrechtmäßig in Ihrem Besitz ist.

Das ist anmaßend. Aber gut, nur weiter.

Ich habe hier einen Brief von Herrn Juwelier Samuel Fairweather, Cornhill, den ich vorlesen will.

Er tat dies und fuhr dann fort:

Das bestätigt meiner Ansicht nach in ausgedehntester Weise Herrn Darrells Aussage, daß er diese Steine von seiner Mutter erhielt. Diese Ueberzeugung wird weiter verstärkt durch einen Brief Herrn Blacks, der Ihnen Juwelen übergab, die, meiner Ansicht nach, niemals aus diesem Hause gestohlen wurden.

Soll ich daraus den Schluß ziehen, Herr Beale, daß –

Ich meine, daß Sie sich geirrt haben, das ist alles. Ich nehme nicht für einen Augenblick an, daß Sie auf der Anklage aus irgend einem Rachegefühl gegen Herrn Darrell beharren würden.

Hier brach ein verächtliches Lachen von Huberts Lippen, in das Lady Selhurst lebhaft einstimmte.

Eine leichte Röte stieg in Sir Johns Schläfen, und mit einem haßerfüllten Blick in der Richtung auf die Dame erwiderte er:

Lesen Sie Herrn Blacks Brief, ich hoffe, das ist Ihr letzter.

So ist es auch. Und Herr Beale las:

Geehrter Herr!

Mit großem Vergnügen teile ich Ihnen das heutige Ergebnis einer langen Besprechung mit Herrn Fairweather mit. Nach einer Vergleichung der Aussagen sind wir beide bereit, mit Eidschwur folgendes zu bezeugen: Nach unserm besten Wissen und Gewissen sind die Steine, welche auf Anordnung der Frau Darrell aus der Upper Wimpole Street aus ihren Fassungen entfernt worden, und die, welche mir kürzlich von ihrem Sohn, Leutnant Darrell, dieselbe Adresse, verkauft worden sind, vollkommen identisch. Außerdem erkannte Herr Fairweather sofort den besprochenen Beutel wieder, welcher die Steine enthielt, die Herr Darrell mir brachte. Ich betrachte das Geschäft, das zwischen Herrn Darrell und mir abgeschlossen wurde, als ein ehrenhaftes, lauteres und ehrliches im strengsten Sinne des Wortes.

Ihr
aufrichtiger
W. Black.

Ja, sagte Sir John, der mit anscheinend gleichgültigem Interesse dem Verlesen dieses Briefes zugehört hatte, Herr Black scheint ebenfalls günstige Vorurteile für Herrn Darrell zu haben, aber nun wollen Sie mir, bitte, eins erklären, und dabei warf er Lady Selhurst einen giftigen Blick zu, nämlich, wie es kommt, daß das erwiesenermaßen von Herrn Darrell gekaufte Eisenbahnbillett von Ihnen, Herr Inspektor Beale, nicht von mir, an jenem Abend in Lady Selhursts Schlafzimmer gefunden wurde? Ich kann nicht eine so wesentliche und bis jetzt unerklärte Haupttatsache bei diesem Falle außer Beachtung lassen.

Der Stoß war ein tödlicher, aber Inspektor Beale, der mehrere Trümpfe aus dem Aermel schütteln konnte, ergriff die günstige Gelegenheit. Mit liebenswürdigem Lächeln sagte er: Alles zu seiner Zeit, Sir John. Sie sollen sofort die Erklärung bekommen, die Sie wünschen; aber ich habe noch etwas Wichtigeres jetzt in Bereitschaft. Ihr Kammerdiener hier sagt aus, daß er weiß, wer wirklich Ihrer Ladyschaft Juwelen stahl, und daß er innerhalb vierundzwanzig Stunden seine Hand an den Mann legen kann. Er wünscht sein Zeugnis abzugeben, und zwar, wie er sagt, in Ihrer und Ihrer Ladyschaft Gegenwart. Kommen Sie, François, und wenn Sie uns etwas andres als die Wahrheit sagen, so geht es Ihnen schlecht. Und wieder zwinkerten des Inspektors Augen lustig.

François kam vorwärts und stellte sich neben den Schreibtisch, die Zuhörer im Auge behaltend.

Nun, sagte Herr Beale, sprechen Sie los! Was wissen Sie denn?

Ist man einverstanden, sagte er, daß ich, wenn ich den Dieb fange und überführe, die 500 Pfund Belohnung bekomme?

Ei gewiß. Nicht wahr, Sir John?

Sir John, der fühlte, daß ihm seine Beute entrissen wurde, nickte gezwungen.

Es gilt, sagte er.

Nun denn, ich habe mein Auge auf dem Mann, auf dem Dieb! entgegnete François.

Was meinen Sie damit, fragte Inspektor Beale, daß Sie Ihr Auge auf ihm haben? Wer und wo ist er?

Hier! sagte François und legte seine Hand auf Sir Johns Schulter.

Der Baronet sprang leichenblaß vor Wut auf und packte des Franzosen Arm.

Wie kannst du das wagen, du Schurke du! sagte er und rang mühsam nach Atem. Du schmutziger Schurke du!

Einer sah den andern entgeistert an. Einen Augenblick lang hätte man eine Stecknadel im Zimmer fallen hören können; dann sagte François leise lächelnd:

Verzeihen Sie mir, mein Herr, nur ein Schurke ist in diesem Zimmer, und der heißt Sir John Selhurst!

Das war entsetzlich.

Du unverschämter Hund! Sofort hinaus mit dir aus dem Zimmer!

François wendete sich mit gleichmütigem Gesicht an Inspektor Beale.

Was soll ich tun?

Hier bleiben, wo Sie sind.

Das ist ein sehr merkwürdiges Verfahren, Herr Beale, sagte der Baronet hitzig.

Ich weiß, daß es so ist. Aber Sie vertrauten mir diese Sache an, wie ich Ihnen schon vorhin in Erinnerung brachte, und ich will auf irgend eine Art die Wahrheit herausbringen. Ihr Diener hat eine Behauptung gemacht und eine Anklage erhoben – eine sehr ernste –, und er muß sie voll und ganz beweisen oder die Folgen tragen. Können Sie es, François?

Ich kann es, sagte François.

Nun, so tun Sie es denn.

Das ist unerträglich, sagte Sir John und stand auf. Machen Sie Ihr Verhör auf Ihre eigne Faust. Ich will einer solchen Demütigung für mich nicht beiwohnen, und damit ging er auf die Tür zu, aber Huberts kräftige Gestalt trat dazwischen.

Nein, Sie sollen mir nicht entrinnen, sagte er. Jetzt kommt die Reihe an mich, diese Sache muß zwischen uns beiden ausgefochten werden. Wenn Sie keine Furcht vor dem Anhören dessen haben, was der Mann zu sagen hat, so gehen Sie und setzen Sie sich wieder. Ich kenne Ihre Listen, aber ich dachte doch nicht, daß Sie das Hasenpanier ergreifen würden.

Ein Blick der schwärzesten Bosheit sprühte aus Sir Johns Augen, als er stumm, aber doch mit einem gewissen Anstand zu seinem Stuhl zurückkehrte.

Fahren Sie fort, François, sagte Herr Beale.

Da begann François. Eine wunderbare Umwandlung war plötzlich über den Mann gekommen. Anstatt des unterwürfigen Kammerdieners schien er wie ein Blitz ein Gebieter geworden zu sein – ernst, ruhig, befehlend. Nichts konnte die kalte, besonnene, tödlich ruhige Art übertreffen, mit der er folgendes erzählte:

Es wird kurz und präzis sein, was ich zu sagen habe, fing er an. Am Abend des Diebstahls zog sich Sir John früh zum Diner an; ich half ihm dabei. Herr Selhurst und Sir Harry Ogilvie hier, und er deutete dabei auf diese Herren, spielten noch beinahe eine Stunde nachher Billard. Kurz vor sieben sah ich Lady Selhurst die Treppen hinunterkommen und, ein Zimmer durchschreitend, in das Gewächshaus gehen. Sir John, der augenscheinlich Wache gestanden hatte, folgte dicht hinterher, und ich bemerkte in seiner Hand das gefährlich aussehende Papiermesser dort auf dem Schreibtisch. Unheil ahnend, schlüpfte ich durch einen andern Eingang in das angrenzende Zimmer und lauschte, denn es war pechdunkel dort und im Gewächshause, und ich konnte nichts erkennen. Nun, da hörte ich denn sofort Stimmen – die Stimme Ihrer Ladyschaft und noch eines andern. Erlauben Sie mir, Mylady, offen und ohne Rückhalt zu sprechen?

Sprechen Sie alles frei heraus, als ob der Himmel zu Gericht säße, sagte Kitty mit verächtlichem Blick auf Sir John; und ich bitte zu Gott, daß Sie nicht eine einzige Silbe von dem, was Herr Darrell und ich selbst sagten, vergessen haben möchten.

François verbeugte sich.

Ich habe kein einziges Wort vergessen, Mylady, aber der Kürze wegen will ich nur den Hauptinhalt jenes Gespräches wiedergeben. Sie waren lange Zeit mit Herrn Darrell verlobt gewesen?

Von Kind auf.

Ich hörte so, und, nicht wahr, irgend jemand hatte falsche und skandalöse Gerüchte über ihn verbreitet, die sich Sir John zunutze machte?

Genau so, um mich unter diesen falschen und infamen Vorwänden zu veranlassen, sein Weib zu werden, was ihm, wehe mir, auch gelang.

So faßte ich es auch auf, und, nicht wahr, Sie sagten auch, daß es Herrn Darrell und Ihnen großen Schmerz bereitete?

Tiefen Schmerz.

Und dann flehte er Sie an, Ihren Mann zu verlassen?

Ja, das tat ich, sagte Hubert voll Emphase.

Ich hörte es, fuhr François fort, und ich hörte Sie auch sagen, daß Ihre Frau Mutter Ihnen einige wertvolle Juwelen gegeben hätte, die Sie am nächsten Tage zu verkaufen gedächten; dann würden Sie genug Geld für Sie beide haben, um ein neues Leben zu beginnen, in Südafrika oder sonstwo.

Sie haben ausgezeichnete Ohren, François, sagte Lady Selhurst lächelnd.

Das glaube ich, Mylady, aber sonst wär's ja auch mit meinem Berufe nichts.

Niemand beachtete diese sonderbare Bemerkung, vielleicht Inspektor Beale ausgenommen, und so fuhr er fort:

Dann ging Sir John heimlich und verstohlen durch das Zimmer. Ich kann nicht sagen, wohin, und weil ich mich wegen Myladys Sicherheit beunruhigte, so schlüpfte ich ins Gewächshaus und zerbrach eine Glasscheibe, um sie zu warnen, dann kehrte ich wieder ins Zimmer zurück. Die Wirkung war die gewünschte. Ich hörte, wie Sie, Mylady, Herrn Darrell einen Weg aus dem Hause zeigten und dann nach oben in Ihr Zimmer gingen. Aber kurz zuvor sah ich etwas sehr Merkwürdiges, nämlich Sir John, der die Treppen mit einem Arm voll Juwelen hinuntereilte. Er lief in sein Studierzimmer und schloß sich ein. was das alles bedeutete, konnte ich mir für den Augenblick nicht denken, aber als die Kunde von einem Diebstahl ruchbar wurde, der auf dem Gute begangen war, wußte ich sofort, wer der Dieb war.

Herr Beale hier, ein sehr scharfsichtiger Mann, war zuerst so freundlich, den armen Herrn Darrell zu beargwöhnen und dann Ihren ganz ergebenen Diener hier. Er maß die Fußtapfen meiner Pantoffeln im Gewächshaus und ließ mir sogar einen davon stehlen. Es war auch der besten Traditionen von Scotland Yard würdig, daß er entdeckte, daß ich jenen Abend meinen Finger an zerbrochenem Glase zerschnitten hatte.

Herr Beale errötete wie ein Schulknabe, aber er schwieg still, und die übrigen Zuhörer starrten erstaunt diesen kühnen Kammerdiener an und wußten nicht, was sie von allem denken sollten, Was Sir John anbetrifft, so ist es ganz unmöglich, den Ausdruck zu beschreiben, den sein Gesicht angenommen hatte.

François fuhr mitleidslos fort:

In dem sicheren Gefühl, daß die gestohlenen Sachen – die Etuis hatte Sir John mit demselben Papiermesser geöffnet, das er jetzt in der Hand hält –, also in diesem sichern Gefühl, sage ich, daß jene Sachen irgendwo in dem Zimmer wären, durchsuchte ich es während seiner Abwesenheit. Sie waren hier. Sie sind jetzt hier – im rechten obern Schubkasten seines Schreibtisches.

Alle erhoben sich entsetzt bei dieser schrecklichen Behauptung. Sir John allein blieb sitzen. Er war sehr blaß, aber ein sarkastisches Lächeln flackerte schwach um seine Lippen.

Das ist eine sehr nette Posse, sagte er.

Posse oder Tragödie, sagte Inspektor Beale barsch, ich verlange, den Inhalt dieses Schubkastens zu sehen.

Das werden Sie nicht, sagte Sir John, stand auf und stellte sich ihm gegenüber. Dies ist mein Haus, und mein Eigentum darin ist unverletzlich.

Nicht diesem hier gegenüber, sagte Herr Beale und brachte ein ominös aussehendes Dokument zum Vorschein. Dies ist ein Verhaftbefehl, der heut morgen von der Addleheader Polizei ausgegeben worden ist. Gehen Sie freundlichst beiseite, mein Herr, oder ich werde Sie dazu zwingen.

Im nächsten Augenblick hatte Inspektor Beale das Schloß erbrochen und den Inhalt des Schubkastens auf den Tisch entleert – einen großen glitzernden Haufen Juwelen, und unter ihnen ein weißblaues Diamantenhalsband, das getreue Gegenstück dessen, das Hubert Darrell von seiner Mutter empfangen hatte.

Das ist eine ungeheuerliche Verschwörung, sagte Sir John, nun weiß bis in die Lippen, Lady Selhurst und dieser Mensch hier, und er zeigte auf Hubert –

Ist es wahrscheinlich, unterbrach ihn François, ist es nur im entferntesten Sinne möglich, daß dieser Mensch hier, wie Sie ihn zu nennen belieben, in überlegter Weise eine Verschwörung anzetteln würde, um sich selbst ins Gefängnis zu bringen? Ich hielt Sie einstmals für klug und mir gewachsen, Sir John, aber so denke ich jetzt nicht mehr.

Wer, zum Teufel, sind Sie denn, daß Sie die Stirn haben, in dieser Weise mit mir zu reden?

Ich bin Richard Le Noir, von der Pariser Detektivpolizei, war die ruhige Antwort.

Richard Le Noir, rief Hubert aus, sich an seiner Mutter Brief erinnernd. Und er wandte sich freudig zu seinen Gefährten. Nun, dann ist ja unsre Sache in Ordnung.

Inspektor Beale hob warnend einen Finger.

Erst ein paar Augenblicke abwarten, sagte er. Alles zu seiner Zeit.

Aber Fröhlichkeit lag wenigstens schon auf vier ehrlichen Gesichtern, obgleich Kitty bis jetzt nichts wußte und begriff. Aber ihre Augen glänzten vor Erregung.

Sie sind also unter falschem Namen hierher gekommen, sagte Sir John, mit einem schwachen Versuch, zu drohen.

Ja, Sir John.

Und zu welchem Zweck?

Dazu wollte ich gerade kommen. Ich bin Ihnen sehr verbunden, daß Sie mich danach fragen. Ich wurde in außergewöhnlicher Mission nach England geschickt, um, wenn möglich, mit Sicherheit den Aufenthalt einer von Ihnen totgesagten Dame ausfindig zu machen. Deren Verwandte hatten Verdacht, daß Ihre Angaben falsch wären, und das waren sie auch. Lady Selhurst, mein Herr, lebt noch –

Lebt noch! hauchte Kitty. Natürlich lebe ich noch. Gütiger Gott, Sie meinen doch nicht etwa, daß –

Verzeihen Sie mir, Mylady, ich meine nur, daß Sie nicht Lady Selhurst sind.

Ach Gott, ich danke dir dafür! und sie brach in hysterisches Schluchzen aus. Dann trat ein Ausdruck unaussprechlicher Freude und Zärtlichkeit in ihre Augen, die sie dem ebenso glücklichen Hubert zuwandte.

Im Jahre 1865, fuhr Herr Le Noir fort, heiratete Sir John – damals Mister Selhurst – in Paris Marguerite Duclos, eine berühmte Schauspielerin vom Odeontheater. Sie wurde kurz darauf krank.

Kein Wunder, sagte Kitty.

Und bald darauf heiratete er dieses Herrn – Herrn Darrells – Mutter.

Kittys Freudenblick verwandelte sich in einen des Entsetzens.

Deine Mutter, Hubert?

Ja. Sie war ein zweites Opfer dieses Schurken, aber dank einem glücklichen Zwischenfall merkte sie es zur rechten Zeit. Sie war nie, in keinem Sinne des Wortes, sein Weib.

Und ich, und ich – und Kitty bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

Denke nicht daran, Kitty, sagte Hubert sanft. Laß das Geschehene! Er kann keinem von uns mehr ein Leid tun. Fahren Sie fort, Herr Le Noir, und entlarven Sie den Schurken.

Herr Le Noir, unerschütterlich und hart wie das Schicksal, fuhr fort:

Zu der Zeit, als er Madame Carita heiratete, war seine Frau in einem Privatirrenhause in St. Mandé. Ganz durch Zufall erfuhr ich von dieser zweiten Heirat; vom Glück begünstigt, gelang es mir, Madame Carita bei ihrer Ankunft im Hotel Mirabeau einen Augenblick allein zu sehen und ihr zu sagen, in welche Schlinge sie geraten war. Es war eine Freude für mich, ihr diesen Dienst tun zu können, denn sie hatte mich so manches Mal in der Oper durch ihren Gesang entzückt.

Ihren Gesang! In der Oper! sagte Kitty erstaunt.

Ja, Mylady, Herrn Darrells Mutter war damals die größte Primadonna Europas.

Sie sah Hubert fragend an.

Ja, sagte er, ich erfuhr das auch erst vor einem oder zwei Tagen.

Ich brachte sie, fuhr Herr Le Noir fort, nach der Irrenanstalt, wo sie Herrn Selhursts Frau sah und von ihrer Identität überzeugt wurde. Denselben Abend kehrte sie nach London zurück –.

Und hat diesen Mann nachdem nie wiedergesehen, sagte Hubert.

Ich glaube das gern. Auf jeden Fall brachte Sir John sehr bald seine Frau nach England, und in etwa einem Jahre teilte er ihren Verwandten ihren Tod mit. Da jedoch eine große Geldsumme dabei in Betracht kam, so war es absolut notwendig, seine Behauptung zu beweisen oder Lügen zu strafen. Ich wurde beordert, die Sache zu untersuchen. Ich trat zu jenem Zweck in seinen Dienst, und indem ich in der Folgezeit auf seine kleinste Bewegung aufpaßte, gelang es mir endlich, mit Erfolg dies Geheimnis zu ergründen; dabei deutete er auf den Haufen Juwelen auf dem Schreibtisch. Ich erfuhr auch, daß jene unglückselige Dame – seine Frau – tatsächlich in einem einsamen Hause am Flusse, wenige Meilen von hier, gefangen gehalten wurde. Kürzlich jedoch kam ihm irgend welcher Verdacht, daß sein Geheimnis entdeckt worden wäre, und er beauftragte einen Russen, für die Summe von 1000 Pfund die arme Dame von England wegzubringen, und glaubt zweifellos, daß jene Dame jetzt schon auf dem Wege zu einem lebendigen Tode im Herzen Sibiriens ist.

So sind Sie also, sagte Sir John heiser, jener Russe?

Der bin ich, und dies ist das von Ihnen unterzeichnete Dokument, das mir 1000 Pfund verspricht, falls ich Ihnen zufriedenstellende Beweise gäbe, daß sie an einem Ort wäre, wo man nie wieder von ihr hören würde. Ich brachte sie abends den Fluß hinunter, Sie waren ja dabei.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und eine Dame und ein Herr wurden vom Diener ins Zimmer geführt. Die Dame kam furchtsam, sich an des Herrn Arm klammernd, näher. Es war kein Zweifel daran, daß sie einst sehr schön gewesen sein mußte, aber nun trug ihr Gesicht einen fremdartigen, verwirrten, fast leeren Ausdruck, der deutlich auf Geistesstörung hinwies.

Diese Dame, sagte Herr Le Noir, ist Lady Selhurst, die, anstatt auf dem Wege nach Sibirien zu sein, sich unter dem sichern Schutze ihres Bruders, des Herrn Duclos, befindet, den Sie, Herr Beale, bis jetzt als Herrn Vaillant kannten.

Alle erhoben sich und verbeugten sich stumm und ehrerbietig. Dann sah die Dame Sir John und sagte auf Französisch:

Himmel! mein Mann! Ach, ich habe Angst! Und sie wäre gefallen, wenn sie ihr Bruder nicht gestützt hätte.

Sir Johns Gesicht war jetzt unbeweglich und starr wie eine Maske. Nicht ein Muskel bewegte sich, aber sein Auge blickte teuflisch und unheilbringend für jemand, und Herr Le Noir bemerkte es.

Das sind die niedrigsten Verleumdungen, sagte der Baronet. Ich kenne diese Frau nicht. Sie beschreiben sie gut als eine Schauspielerin, der man für diese Gelegenheit ihre Rolle eingepaukt hat. Ich habe hier Dokumente, dabei öffnete er einen seitlichen Schubkasten, Dokumente, die sofort diese ungeheuerlichen Anschuldigungen Lügen strafen werden.

Sir John, unterbrach Herr Beale ernst, es tut mir leid, sagen zu müssen, daß Sie genötigt sein werden, dies an einem andern Orte zu beweisen. Ich habe hier einen Verhaftbefehl wegen drei verschiedener Anklagen – Erlangung einer großen Menge von Juwelen unter betrügerischen Vorwänden, Meineid und Bigamie. Das ist eine sehr ernste Sache, und es ist meine unangenehme Pflicht, Sie in Gewahrsam zu bringen.

Sir John blickte schnell auf jedes der anwesenden Gesichter, und sein Auge blieb auf dem Antlitz Kittys haften, deren Lippen sich zu einem triumphierenden Lächeln öffneten. Dann zog er die Hand von dem offenen Schreibtisch weg, und noch ehe jemand erkennen konnte, was vor sich ging, sah man einen Blitz, hörte man einen Knall – Kitty fiel mit einem Schrei in ihren Stuhl zurück, und das Blut strömte ihr aus einer Schläfenwunde. Fast sofort folgte ein andrer Blitz und Knall, und der Baronet Sir John Selhurst lag tot, mit einer Kugel durch den Kopf, auf dem Fußboden.

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