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Das Halsband des Kaisers

George Webb Appleton: Das Halsband des Kaisers - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleDas Halsband des Kaisers
publisherVerlag von Robert Lutz in Stuttgart
printrunDritte Auflage
translatorHeinrich Müller
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectidd58dc5f3
wgs9121
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Elftes Kapitel.

Sein Chef jedoch hatte in Paris auch seine kleinen Ueberraschungen. Nach einem eiligen und kräftigen Frühstück am nächsten Morgen ging Inspektor Beale nach der Rue de la Paix, trat in den Laden der berühmten Firma Désparets ein und brachte sogleich sein Anliegen vor. Sofort wurde er in das Allerheiligste von Désparets père geführt, der sich erhob, als er eintrat, und ihm höflich einen Stuhl anbot. Beale setzte sich und kam, seiner Gewohnheit gemäß, sogleich zur Sache.

Sprechen Sie Englisch, mein Herr?

Ja, sagte Herr Désparets und verneigte sich, und wirklich war sein Englisch sehr gut.

Das freut mich sehr, sagte Beale mit einer Art von Erleichterung und brachte Hubert Darrells Halsband zum Vorschein. Mein Anliegen, das will ich gleich bemerken, mein Herr, hängt mit einem großen Juwelendiebstahl in der Nähe von London zusammen, und, um die Sache kurz zu machen, ich möchte gern wissen, ob Sie je zuvor dies Halsband sahen.

Herr Désparets rückte seine Brille zurecht und prüfte das Schmuckstück – erst flüchtig, dann genau und zuletzt mit offenkundigem Interesse.

Das ist sehr merkwürdig, sagte er und sah zu Herrn Beale auf, sehr merkwürdig. Ich erkenne es an einem gewissen Privatzeichen von mir wieder, und wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, so kaufte ich dies Halsband vor vielen Jahren, oder ich kann es auch gegen andre Juwelen – ich weiß nicht mehr, welche – eingetauscht haben, von einem englischen Herrn, und – wieder prüfte er es sorgfältig – ja, sicher tat ich das, und dann verkaufte ich es dem verstorbenen Kaiser. Lassen Sie mich nachdenken, es muß vier oder fünf Jahre vor dem Kriege gewesen sein, und Seine Majestät gab es, wenn ich mich recht besinne, einer englischen Primadonna, die damals das Entzücken von Paris war, und ich meine, es geschah mit Vorwissen der Kaiserin und sogar mit ihrer vollen Zustimmung.

Herr Beale war erstaunt, aber er ließ sich nichts merken. Der Kaiser, ja, mein Herr! Das stimmt. Das bestätigt eine gewisse Auskunft, die ich bekommen habe (eine falsche, wie wir wissen). Und nun, fügte er hinzu, das leere Juwelenkästchen, das ihm Lady Selhurst geschickt hatte, vorzeigend, sagen Sie mir auch, bitte, ob Sie dies Etui hier wiedererkennen?

Wieder rückte Herr Désparets seine Brille zurecht und prüfte die Zusammenstellung von Leder und gepolsterter Seide mit kritischen Blicken. Herr Beale lehnte sich in seinen Stuhl zurück und wartete die Antwort ab.

Ja, sagte Herr Désparets schließlich, ich erkenne es wieder. Es ist ganz außerordentlich. Dieses Kästchen enthielt, meine ich, das Gegenstück des Halsbandes, das Sie da haben. Ich kann Ihnen gleich sagen, ich glaube nicht, daß ein drittes solches existiert, und das macht mich so sicher in der Sache; aber das Sonderbarste ist, daß ich es an denselben Herrn verkaufte, von dem ich das kaufte, das Sie da haben. Ein solches Zusammentreffen kann man nicht gut vergessen, und ich denke noch daran, wie ich mit dem Herrn darüber lachte. Ich erzählte ihm, daß ich sein Halsband dem Kaiser verkauft hätte, der es Madame – ich vergaß ihren Namen – der Primadonna gegeben hätte, und da sagte er, er möchte nicht von einem Kaiser oder noch weniger von einer Primadonna übertrumpft werden, und kaufte auch das zweite Halsband, hier, in diesem Zimmer. Lassen Sie mich nachdenken, das war vor etwa fünf oder sechs Jahren, vielleicht ist es noch nicht einmal so lange her. Ich könnte Ihnen das genaue Datum sagen, wenn ich in meinen Büchern nachschlage.

Ich bitte darum, sagte Inspektor Beale; und bitte, mir auch zugleich den Namen des Herrn angeben zu wollen, dem Sie es verkauften.

Mit Vergnügen, mein Herr. Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick. Und er verließ das Zimmer.

Innerhalb fünf Minuten kehrte er lächelnd zurück.

Ja, mein Herr. Jetzt erinnere ich mich an alles. Mein Kunde war in beiden Fällen Sir John Selhurst, ein Baronet, glaube ich, von – von – und er sah auf ein Stückchen Papier. Es ist solch ein schnurriger Name. Ja so, von Windwhistle Hall in Berkshire.

Ich danke Ihnen, sagte Inspektor Beale und erhob sich. Sie haben mir da einen sehr großen Dienst geleistet.

Darf ich nun vielleicht fragen, sagte Herr Désparets auf die einschmeichelndste Weise, ob die Auskunft, die ich Ihnen gebe, in irgend einer Weise die Interessen eines alten schätzbaren Kunden berührt?

Natürlich, mein Herr, ich handle für ihn und bin Ihnen, wie ich sage, außerordentlich verpflichtet, und er wird Ihnen ebenso verbunden sein. Ich möchte auch bitten, daß Sie mir das alles gleich schriftlich geben, so daß ich es ihm übergeben kann. Seine Worte waren: »Gehen Sie nach Paris, besuchen Sie Herrn Désparets und berichten Sie mir dann, was er von dem Halsband sagt.«

Herr Désparets lächelte und schrieb dann einen diskreten Auszug des stattgehabten Gespräches. Er übergab ihn Herrn Beale, der abermals dankte und fortging.

Sein nächster Besuch galt dem Hause Rue Montmartre 26, wo sein Suchen jedoch erfolglos war. Es war ein kleiner Tabaksladen, in dem auch Freimarken verkauft wurden. Aber er trug die Nummer 26. Das blieb nun doch mal Tatsache, und nachdem Herr Beale vergeblich sein Kinn gekratzt hatte, um eine Erklärung dieses Phänomens zu finden, trat er ein. Eine flinke kleine Frau, die an der Kasse saß, sah mit freundlichem Lächeln auf und sagte:

Eh bien, monsieur!

Sprechen Sie Englisch? fragte Herr Beale.

Nein. Die kleine flinke Frau lachte und rief jemand im Hinterzimmer. Ein rotgesichtiger dicker Mann erschien auf der Schwelle mit einer großen unter dem Kinn gebundenen Serviette.

Hem! sagte er und wischte sich Krumen vom Munde ab.

Englisch, wiederholte die kleine flinke Frau und zeigte auf Inspektor Beale.

Ich spreche ein kleines bißchen Englisch, sagte der Mann.

Gut, antwortete Herr Beale. Sehen Sie hierher, und dabei öffnete er sein Notizbuch und zeigte ihm den Namen Vaillant und die Adresse. Kennen Sie den?

Ja, er kauft hier Tabak und Zigaretten. Ich kenne ihn gut.

Bekommt er auch Telegramme?

Ja, und auch Briefe.

Kennen Sie ihn näher?

Nein, mein Herr.

Wo wohnt er?

Weiß ich nicht, mein Herr.

Wie sieht er aus?

Ach! sagte der Mann achselzuckend, fünfzig Jahre alt, schlecht rasiert, mit roter Krawatte und schwarzem Rock.

Das genügt, sagte Inspektor Beale und kaufte liebenswürdig einige sehr schlechte Zigarren, dankte Madame und Monsieur für ihre Gefälligkeit und ging enttäuscht hinaus.

Aber die allergrößte Ueberraschung stand ihm noch bevor.

Wie soll ich nun meine Zeit totschlagen? überlegte er. Ach, ich weiß schon. Ich will nach dem Hauptquartier fahren und mir Mickey Doyle aufgabeln.

Unter »Hauptquartier« verstand er natürlich das Pariser Scotland Yard in der Rue Jerusalem, und Mickey Doyle war ein abenteuerliebender Irländer, der seit etwa zehn Jahren zu den Detektivs der französischen Metropole gehörte.

Mickey war da, und sie verbrachten ein paar vergnügte Stunden zusammen. Beim Fortgehen sagte Mickey zufällig:

Haben Sie nicht einen meiner Kameraden in London gesehen?

Wie heißt er? fragte Inspektor Beale.

Dick Le Noir, einer der gewandtesten unter den Detektivs hier. Er hat jetzt eine Weibergeschichte an Hand. Möge er Glück haben. Er spricht Englisch wie ein Engel. Ich meine, Sie könnten ihn wohl mal treffen.

Le Noir! sagte Inspektor Beale, und eine Art Krampf befiel ihn.

Ja.

Was für eine Art Mensch ist er? Wie sieht er aus?

Nun, er ist ein kleiner stämmiger Mann, mit kleinen scharfen Rattenaugen und einem Gesicht, das so gelb ist, wie ein Londoner Nebel.

Verdammt!! sagte der Inspektor.

Was, zum Henker, haben Sie denn? fragte Mickey Doyle.

Gar nichts! Still! Ich bin reingefallen, das ist alles.

Am nächsten Tag empfing Inspektor Beale einen Besucher in Scotland Yard. Es war kein Geringerer als der Kammerdiener François. Nach einem Gespräch von länger als einer Stunde kamen die beiden heraus und hielten sich die Seiten vor Lachen.

Das ist ja einfach zum Radschlagen, alter Junge, sagte Inspektor Beale. Das einzige, was wir jetzt tun können, ist, daß wir zusammen einen trinken. Wie?

Famos, und dann sollen Sie sehen, wie ich wieder ein Telegramm nach Paris schicke – mein letztes. Es wird einfach lauten: Kommen.

Gut, aber zuerst wollen wir trinken.

Und beide schlenderten Arm in Arm wie alte Freunde zum »Schiff« hinauf.

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