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Das Halsband des Kaisers

George Webb Appleton: Das Halsband des Kaisers - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleDas Halsband des Kaisers
publisherVerlag von Robert Lutz in Stuttgart
printrunDritte Auflage
translatorHeinrich Müller
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectidd58dc5f3
wgs9121
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Zehntes Kapitel.

Eine halbe Stunde später hatte Inspektor Beale ein interessantes Gespräch mit seinem Kundschafter von Scotland Yard. Sie verhandelten beide heimlich in einer kleinen stillen Gastwirtschaft, wenige Schritte vom Sitzungshause entfernt.

Nun, sagte Inspektor Beale, was gibt's Neues?

Der Franzose ist ein wahrer Teufel!

Das wußte ich, und deshalb schickte ich Sie. Was hat er nun angestellt?

Ich denke, Sie sahen ihn bei der Gerichtsverhandlung? Er machte Notizen.

Ja, aber das will nichts sagen: Was ist sonst noch los?

Eine Menge, Herr Inspektor. Ich trug das Diamantenhalsband gestern früh zu dem Baronet und schlenderte bald hier, bald da hinten auf dem Grundstück herum, als der kleine Franzose ankam. »Hallo,« sagte er, »Sie sind ein andrer, scheint mir. Macht der Bauer das Geschäft nicht mehr?«

Bauer! rief Mister Beale aus, und sein Gesicht wurde puterrot. Was, zum Teufel, meint er mit dem Bauern?

Mich soll der Teufel holen, wenn ich das weiß, Herr Inspektor. Ich fragte ihn danach, und er sagte, ich wäre so schlecht, wie alle übrigen von Scotland Yard. Ebenso kühn wie unverschämt sagte er's; dann ging er aus dem Tor und den Weg zur Stadt hier hinunter. Ich folgte ihm. Er ging zum Bahnhof und stieg in einen Zug. Ich auch. Er stieg in Windsor aus. Ich auch. Da kommt er so unverschämt wie nur möglich auf mich zuspaziert und sagt: »Ich meine, ich kann Ihnen eine Menge Mühe ersparen. Zuallererst gehe ich zum Postamt und schicke ein Telegramm ab, danach treffe ich einen Mann in einem Wagen. Er hat ein gutes Pferd, und Sie werden sehr flink sein müssen, um uns zu fangen, wenn wir einmal abgefahren sind, falls Sie es darauf abgesehen haben. Inzwischen,« fragte er, »könnten wir vielleicht zusammen einen trinken, damit Sie sehen, daß ich kein Bösewicht bin?«

Was antworteten Sie?

Nun, Herr Inspektor, um die Wahrheit zu sagen, ich fühlte, daß er sich über mich lustig machte, aber ich ließ es nicht merken und sagte: »Gut,« und wir tranken zwei Tropfen Scotch im »Weißen Hirsch«. »Auf Ihren Erfolg!« sagt er und hält sein Glas hoch, »ich hoffe, Sie kriegen die 500 Pfund. Dem Bauern wird das nicht gelingen, und nun kommen Sie mit zum Postamt und sehen Sie das Telegramm, das ich absende.« Ich ging mit ihm. »Verstehen Sie Französisch?« sagte er und zeigte mir das Telegramm. »Nein,« sagte ich. »Nun, ich bin kein Dolmetscher,« sagte er und gab es ab. Ich nahm jedoch heimlich eine Abschrift, und dies waren die Worte:

Vaillant, Rue Montmartre 26, Paris. – Trouvée. Tout va bien.

Was bedeutet das?

»Sie ist gefunden! Alles geht gut.«

Verdammt! sagte Inspektor Beale. Nun, was noch?

Er traf den Mann in einem Wagen mit einer Rotfuchsstute davor, und sie dampften ab. Ich nahm eine Droschke und befahl dem Kutscher, so schnell er könnte ihnen nachzufahren. Glücklicherweise hatte er ein tüchtiges Pferd, und wir behielten sie ziemlich gut im Auge. Endlich lenkten sie vom Hauptwege zum Flusse hin ab. Als wir da ankamen, bemerkte ich, daß es nur ein Feldweg war, schickte meine Droschke nach Nag's Head zurück und sagte dem Kutscher, er sollte dort warten, bis ich zurückkäme. Der Feldweg mündete in einem Tor, und darüber hinaus waren nur Fichtenwälder, soweit ich sehen konnte. Trotzdem ging ich hinein und einen schlechten Fahrweg hinauf, bis ich fast am Flußufer zu einem langen niedrigen Hause mit einer Veranda auf der Vorderseite kam. Der Wagen stand dort leer. Ich ging also wieder in die Wälder zurück und beobachtete, und ich will mich hängen lassen, wenn ich nicht einen Mann herauskommen sah, der wie Sir John aussah, und bei ihm einen fremden jungen Menschen mit einem schwarzen Bart und Pelz, und dann fuhren die beiden zusammen ab.

Sehr sonderbar! sagte Inspektor Beale.

Das dachte ich auch. Nun, zuerst wußte ich nicht, was zu tun war, aber dann sagte ich zu mir selbst: Da ist der Franzose, den zu überwachen mir befohlen ist, und ich will warten, bis er herauskommt, und so wartete ich vier tödlich lange Stunden, ohne eine Spur von ihm zu erblicken. Dann ging ich zurück zu Nag's Head, fuhr nach Windsor und nahm den Zug nach Addlehead, und der erste Mensch, den ich hier traf, war der höllische Franzose. »Aha!« sagte er, »hatten Sie eine gute Fahrt?« Nun, Herr Inspektor, ich war so bestürzt, daß ich zuerst nicht wußte, was ich ihm antworten sollte. »Sie sind hier?« sagte ich endlich. »Ja,« antwortete er grinsend, »ich bin schon über drei Stunden zurück.« Dann grinste er wieder und ging fort. Was denken Sie davon, Herr Inspektor?

Hm! Das weiß ich wirklich nicht, sagte Herr Beale. Hatte er eine Handtasche mit, als er in den Wagen stieg?

Ja.

Hatte der Mann im Pelz auch eine?

Ja, wenn ich darüber nachdenke, so meine ich, ja.

Hm! sagte der Inspektor wieder. Sie haben Sie angeführt, mein Junge. Der junge Mensch im Pelz war François.

Meinen Sie das wirklich?

Ja. Wie hätte er sonst zurückkommen können?

Der Fluß war da, wissen Sie!

Beim Himmel! Ja, das hatte ich vergessen.

Und was war dann mit dem Baronet?

Sie sind nicht sicher, daß er es war?

Nein, nicht ganz. Aber –

Denken Sie nicht daran. Das wäre ein bißchen gar zu widersinnig. Nun, so wie es ist, ist es ein kleines nettes Geheimnis. Mein erster Gedanke war, eine Vollmacht für mich zum Durchsuchen des Hauses ausstellen zu lassen. Ich glaube, die Juwelen waren da, aber jetzt sind sie es nicht mehr. Der Mann in dem Pelz hatte sie in jener Tasche, und ich meine, sie sind jetzt in Paris. Diese Sache geht mir auf die Nerven. Aber passen Sie nur immer auf ihn auf und auch auf den jungen Menschen mit den nägelbeschlagenen Schuhen. Bauer, aha! Das will ich ihm zeigen, ehe ich mit ihm fertig bin. Meinen Sie, ich werde einen jämmerlichen Franzosen über mich triumphieren lassen? Das ist nicht wahrscheinlich.

Während der entrüstete Inspektor in dieser Weise sich Luft machte, hatten Herr Benham und Hubert Darrell ein sehr ernsthaftes Gespräch im Bureau des Anwalts in Lincoln's Inn Fields.

Natürlich dachte ich, Sie wüßten das, sagte der Anwalt. In den ersten Tagen ihrer Triumphe war Ihre Mutter in der Tat ein wahres Wunder, und sie hatte alle Aussicht, eine der größten Sängerinnen des Jahrhunderts zu werden – dann zerstörte irgend eine Halskrankheit ihre Stimme, wenigstens nahm man dies allgemein an, als sie aus der Oeffentlichkeit verschwand. Ich glaube gern, daß sie wertvolle Juwelen besaß, und das fehlende Kästchen wird ihr sicher vom Kaiser geschenkt worden sein, als sie in Paris sang. Es enthielt wahrscheinlich ein Halsband oder etwas Derartiges. Der Buchstabe N und die Kaiserkrone würden darauf hindeuten. Nun, dies Kästchen muß um jeden Preis aufgefunden werden. Es kann kein Mißverständnis dabei sein, Ihre Mutter bestand zu ernsthaft auf der Sache. Ich glaube fest – und bei sich selbst fügte er hinzu: nach dem, was ich in Sommerset Home sah, mehr als je –, daß der Schlüssel zum ganzen Geheimnis in jenem Kästchen ruht; darum schlage ich vor, sofort eine Anzeige in die Zeitungen einrücken zu lassen. Ich will gleich eine entwerfen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Da! Wie wäre das?

Und er las:

Für Pfandleiher, Juweliere, Antiquitätenhändler ec! 50 Pfund Belohnung für die Auffindung eines kleinen silbernen oder silbervergoldeten Kästchens, mit Emailverzierungen, auf dem Deckel der Buchstabe N, von der Kaiserkrone überragt. Die obige Belohnung wird ausgezahlt werden usw. – Wie finden Sie das?

Ausgezeichnet, sagte Hubert. Das ist eine großartige Idee!

Schön. Und nun gehen Sie zu Ihren Freunden und erzählen Sie ihnen alles. Machen Sie keine halben Andeutungen in dieser Sache. Jetzt gilt es Kampf auf Leben und Tod zwischen Ihnen und dem Baronet. Er wird Sie natürlich zerschmettern, wenn er kann, und es ist in diesem Augenblick zwei gegen eins zu wetten, daß es ihm glückt. Denken Sie daran!

Beim Himmel, er hat ganz recht! sagte Hubert, als er seine Schritte nach Jimmie Selhursts Wohnung im Middle Temple lenkte.

Es war ein Tag der Ueberraschungen, besonders für Inspektor Beale. Ungefähr um sieben Uhr abends wollte ihn »eine junge Person« sprechen, die sich als Bessie, Lady Selhursts Kammermädchen, herausstellte. Sie trug ein kleines Päckchen und einen Brief ihrer Herrin. Der Brief lautete:

Sehr geehrter Herr!

Noch ehe ich Zeit hatte, meinem gestrigen Versprechen gemäß François überwachen zu lassen, bat er mich um eine Privatunterredung – dies war, als ich nach der Gerichtssitzung zurückkehrte. Ich gewährte sie, und er sagte mir folgendes, was ich, soviel ich kann, mit seinen Worten wiedergebe: »Der Inspektor von Scotland Yard weiß nicht, was er von dieser Sache denken soll, denn er meint, ich hätte die Juwelen gestohlen. Ich bin hier nicht dazu angestellt, den Diebstahl auszuspüren, aber wenn ich kann, möchte ich 500 Pfund verdienen. Herr Beale hat Gelegenheit dazu gehabt; kann ich mich nicht auch beteiligen?«

»Gewiß,« sagte ich.

»Natürlich,« fuhr er fort, »stahl Herr Darrell diese Diamanten ebensowenig wie ich. Ich wußte, daß er in der Nacht des Diebstahls im Hause war, und ich wußte auch, daß Sie mit ihm im Treibhause waren, aber es war außerdem noch ein andrer Mann da, und ich sah auch den. Er war nicht so hochgewachsen und breit, wie Herr Darrell, und ich meine, ich könnte ihn wiedererkennen. Er war im Treibhause, und ich sah ihn ganz flüchtig, als ich die Treppe herunter kam. Sie werden sich erinnern, Mylady, daß noch ein andrer Weg auf die Terrasse hinausführt.«

Das wußte ich selbstverständlich und sagte es ihm auch. Er fuhr fort: »Und um nun zu beweisen, daß ich auf einer Art Spur bin, möchte ich mir die Frage erlauben, ob Sie das Etui des gestohlenen Halsbandes wiedererkennen würden?«

Ich sagte schon, daß ich das könnte.

»Nun, ich denke mir,« sagte er, »daß Sir John sich heut früh irrte. Wollen Sie dies hier einmal ansehen? Ich fand es den Tag nach dem Diebstahl hinter Blumentöpfen im Treibhause,« und er zeigte mir ein Etui, das ich, wie auch mein Kammermädchen sofort als dasjenige wiedererkannten, in dem das Halsband gewesen war. Dies sende ich Ihnen nun.

Ob dies eine List ist, um den Verdacht von sich selbst abzulenken, muß ich Ihnen überlassen herauszufinden. Auf alle Fälle machte mir des Mannes Art und Weise einen solchen Eindruck, daß ich beschloß, es Ihnen sofort mitzuteilen. Mein Kammermädchen ist die Ueberbringerin des Pakets.

Ihre aufrichtige
Catherine Selhurst.

Voll Erstaunen öffnete Inspektor Beale das Päckchen und das Etui und wurde sehr stutzig, als er auf dem Seidenfutter des letzteren las: »Désparets, Rue de la Paix, Paris.« Herrn Blacks Worte über ein gleiches Halsband, das er einmal in Paris gesehen hätte, blitzten durch seinen Kopf, und sofort sah er in seinem Notizbuch nach und las: »Désparets, Rue de la Paix, Paris.«

Er klappte das Buch zu und sah zu Bessie auf.

Erkennen Sie dies Kästchen wieder?

Gewiß, Herr Inspektor.

War das gestohlene Halsband in der Nacht, als der Diebstahl stattfand, darin?

Dessen bin ich sicher.

Gut, sagte er und stand auf; sagen Sie Lady Selhurst, daß ich ihr außerordentlich verpflichtet bin, und daß ich auf ihre Nachricht hin sofort handeln werde.

Damit grüßte er und führte sie aus dem Zimmer.

Nun war er verwirrter als je.

Konnte es sein, daß er trotz allem auf einer falschen Spur war, wenn er François beargwöhnte; daß er kostbare Zeit mit deren Verfolgung verschwendete? Er wußte nicht, was er denken sollte. Es war immer noch das schwärzeste aller Geheimnisse. In einem Punkt jedoch stand sein Entschluß sofort fest. Er wollte sich unter einem Vorwande am Morgen in den Besitz des Halsbandes setzen und mit dem Abendexpreß nach Paris abfahren – und das tat er. Aber gerade um die Zeit, wo er sein Billett nach Paris kaufte, hatte sein Stellvertreter in Addlehead ein, wie er meinte, recht sonderbares Erlebnis. Den ganzen Tag über war François nirgendwo zu sehen gewesen, und Herr Forsyth, Beales Stellvertreter, gedachte nach Addlehead zurückzukehren, um sich auszuruhen und zu stärken. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er beim Passieren des Bahnhofs den schwarzbärtigen fremden Herrn im Pelz herauskommen und einem Droschkenkutscher zuwinken sah, dem er nach Windwhistle Hall zu fahren befahl.

Natürlich folgte Forsyth dicht hinterher, aber eine halbe Stunde lang oder noch länger passierte nichts Bemerkenswertes. Die Droschke fuhr ins Parkgitter ein und kam leer wieder, aber dann geschah etwas Sonderbares. Ein Wagen kam den Fahrweg hinunter, und beim Lichte des Torwächterfensters sah er flüchtig zwei Gesichter – das Sir John Selhursts und das des Fremden im Pelz. Der Wagen wendete scharf nach links und fuhr in der Richtung nach Windsor.

Herrn Forsyths erster Impuls war, zu folgen, dann kam ihm plötzlich eine Eingebung, und er fuhr zur nächsten Stelle am Flusse, wo er sich ein Boot verschaffen konnte. Da er mit der Strömung fuhr und nur durch eine Schleuse hindurch mußte, fand er sich innerhalb einer guten Stunde dem geheimnisvollen Hause gegenüber, das er zwei Abende zuvor besucht hatte. Er band seine Barke gut vor Blicken geschützt an, durchkreuzte den zwischenliegenden Streifen von vernachlässigtem Gehölz und sah von einem sichern Beobachtungspunkt aus den Wagen warten und durch ein niedrig gelegenes Fenster Sir John und den Fremden in ernstem Gespräch. Einen Augenblick später kamen sie zusammen heraus, und er hörte Sir John sagen:

Wird sie irgend welchen Lärm machen?

Nein, kam in stark gutturalem Akzent die Antwort. Sie wird mitkommen wie ein Lämmchen; sie glaubt zu entfliehen und will ihre Mutter besuchen.

Sie denken doch nicht, daß die Sache noch schief gehen kann?

Gewiß nicht, Herr Baron, vor fünf Tagen noch wird sie mitten in Rußland sein.

Alles gut also, bringen Sie es so schnell als möglich zu Ende, sagte Sir John und schritt in den Fichtenschatten zurück, nahe dem Orte, wo Forsyth offnen Mundes stand.

Der Fremde trat ins Haus ein und erschien fast sofort wieder mit einer Dame, die sich dichtvermummt auf seinen Arm stützte. Sie durchschritten zusammen das Gehölz, er half ihr in ein Boot, das Forsyth bisher nicht bemerkt hatte, und im nächsten Augenblick waren die beiden stromabwärts verschwunden. Sir John sprach dann eilig auf der Veranda mit einem Mann und einer Frau: daß sie das Haus schließen könnten, weil er ihrer Dienste nicht länger bedürfte; dann fuhr er rasch von dannen. Forsyth pfiff leise.

Nun, ich will verdammt sein, wenn dies nicht die verrückteste Sache ist, von der ich je hörte, sagte er. Dahinter stecken Weiber, und die gestohlenen Juwelen haben gar nichts damit zu tun. Was, zum Henker, wird bloß der Chef dazu sagen? fügte er hinzu, indem er nachdenklich sein Boot stromaufwärts wendete.

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