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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXVIII.

Die Nacht.

An demselben Tage, gegen vier Uhr Abends, hielt ein Reiter am Saume des Parks hinter den Apollo-Bädern.

Dieser Reiter machte eine Vergnügenspromenade im Schritt; nachdenkend wie Hippolyt, schön wie dieser, ließ seine Hand die Zügel auf dem Halse des Rosses schwanken.

Er hielt, wie gesagt, an der Stelle, wo Herr von Rohan seit drei Tagen sein Pferd anhalten ließ. Der Boden war ganz durch das Hufeisen zerstampft, und er sah die jungen Zweige rings um die Eiche abgefressen, an deren Stamm das Thier angebunden gewesen.

Der Reiter stieg ab.

»Das ist ein sehr verwüsteter Platz,« sagte er.

Und er näherte sich der Mauer.

»Hier sind die Spuren vom Hinaufsteigen; hier ist eine kürzlich geöffnete Thüre. Das hatte ich mir gedacht.

»Man hat nicht den Krieg mit den Indianern der Savannen geführt, ohne sich auf die Spuren von Thieren und Menschen zu verstehen. Seit vierzehn Tagen aber ist Herr von Charny zurückgekehrt; seit vierzehn Tagen hat sich Herr von Charny nicht gezeigt. Diese Thüre ist es, welche Herr von Charny zu seinem Eintritt in Versailles gewählt hat.«

So sprechend seufzte der Reiter geräuschvoll, als risse er sich seine Seele mit diesem Seufzer aus.

»Lassen wir dem Nächsten sein Glück,« murmelte er, während er die genannten Spuren auf dem Rasen und den Mauern eine um die andere betrachtete. »Was Gott dem Einen gibt, verweigert er dem Andern. Nicht umsonst macht Gott Glückliche und Unglückliche; sein Wille sei gepriesen.

»Man müßte aber einen Beweis haben. Um welchen Preis, durch welches Mittel ihn erlangen?

»Oh! nichts ist einfacher. Im Gebüsche, in der Nacht, vermöchte man einen Menschen nicht zu entdecken, und von seinem Versteck aus vermöchte er diejenigen zu sehen, welche hierher kommen. Heute Abend werde ich im Gebüsche sein.«

Der Reiter nahm die Zügel seines Pferdes zusammen, stieg langsam auf und verschwand, ohne den Schritt seines Rosses zu beschleunigen, an der Ecke der Mauer.

Charny aber hatte sich, den Befehlen der Königin gehorchend, in seiner Wohnung eingeschlossen und erwartete eine Botschaft von ihr.

Es wurde Nacht, nichts erschien. Statt am Fenster des Pavillons zu lauern, das auf den Park ging, lauerte Charny in demselben Zimmer an dem Fenster, das auf die kleine Gasse ging. Die Königin hatte gesagt: bei der Thüre der Jägermeisterei; aber Fenster und Thüre in diesem Pavillon, das war nur Eines, nur Erdgeschoß, und die Hauptsache war, daß man Alles sehen konnte, was vorging.

Er befragte die tiefe Nacht und hoffte von einer Minute zur andern den Galopp eines Reiters oder den hastigen Schritt eines Läufers zu hören.

Es schlug elf Uhr Nachts. Die Königin hatte Charny hintergangen. Sie hatte im ersten Augenblick der Ueberraschung ein Zugeständniß gemacht. Beschämt hatte sie versprochen, was ihr zu halten nie möglich war, und sie hatte – ein schrecklicher Gedanke – versprochen mit dem Bewußtsein, daß sie nich halten würde.

Mit jener Leichtigkeit des Argwohns, welche die heftig verliebten Leute characterisirt, machte es sich Charny schon zum Vorwurf, daß er so leichtgläubig gewesen.

»Wie konnte ich,« rief er, »ich, der ich gesehen, Lügen glauben und meine Ueberzeugung, meine Gewißheit einer albernen Hoffnung opfern?«

Er entwickelte mit Wuth diesen düsteren Gedanken, als das Geräusch einer Handvoll Sand, die man an das andere Fenster warf, seine Aufmerksamkeit erregte und ihn nach der Seite des Parkes laufen machte.

Er sah nun, in einem weiten schwarzen Mantel, unten bei den Hagebuchen des Parkes eine weibliche Gestalt, welche ein bleiches, ängstliches Gesicht gegen ihn erhob.

Charny konnte einen Schrei der Freude und zugleich des Bedauerns nicht unterdrücken. Die Frau, die ihn erwartete, die ihn rief, war die Königin!

Mit einem Sprunge setzte er zum Fenster hinaus und fiel gerade vor die Königin nieder.

»Oh! Sie sind da, mein Herr? Das ist ein Glück!« sagte Marie Antoinette leise und ganz bewegt; »was machten Sie denn?«

»Sie! Sie! Madame! ... Sie selbst? ist es möglich?« erwiderte Charny.

»Warteten Sie so?«

»Ich wartete auf der Seite der Gasse.«

»Konnte ich durch die Gasse kommen, während es es einfach ist, durch den Park zu kommen?«

»Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, daß ich Sie sehen würde. Madame,« sprach Charny mit einem Ausdruck leidenschaftlicher Dankbarkeit.

Marie Antoinette unterbrach ihn:

»Bleiben wir nicht hier; es ist hier so hell: haben Sie Ihren Degen?«

»Ja.«

»Gut! ... Wo sagen Sie, daß die Leute hereingekommen seien, die Sie gesehen?«

»Durch diese Thüre.«

»Und zu welcher Stunde?«

»Jedes Mal um Mitternacht.«

»Es ist kein Grund vorhanden, daß sie heute Abend nicht auch kommen sollten. Sie haben mit Niemand gesprochen?«

»Mit Niemand.«

»Gehen wir in's Gebüsch und warten wir.«

»Oh! Eure Majestät ...«

Die Königin ging voran und machte mit ziemlich raschem Schritt ein Stück Weges in umgekehrter Richtung.

»Sie begreifen wohl,« sagte sie plötzlich, als wollte sie dem Gedanken Charny's entgegenkommen, »Sie begreifen, daß ich mir das Vergnügen gemacht habe, die Sache dem Policei-Lieutenant zu erzählen. Seitdem ich mich beklagt, hätte mir Herr von Crosne schon müssen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wenn die Creatur, die meinen Namen usurpirt hat, nachdem sie sich eine Aehnlichkeit mit mir angemaßt, noch nicht verhaftet, wenn dieses ganze Geheimniß noch nicht aufgeklärt ist, so fühlen Sie wohl, daß zwei Gründe obwalten: entweder die Unfähigkeit des Herrn von Crosne – was nicht der Fall ist – oder seine Genossenschaft mit meinen Feinden. Mir scheint es aber schwierig, daß man sich bei mir, in meinem Parke, die schmähliche Comödie erlauben soll, die Sie mir bezeichnet haben, ohne eines unmittelbaren Beistands oder einer stillschweigenden Genossenschaft sicher zu sein. Darum scheinen mir diejenigen, welche sich dessen schuldig gemacht haben, gefährlich genug zu sein, daß ich mich bei der Sorge, sie zu entlarven, nur auf mich selbst verlasse. Was denken Sie davon?«

»Ich bitte Eure Majestät um Erlaubniß den Mund nicht mehr zu öffnen. Ich bin in Verzweiflung; ich habe noch Befürchtungen, und ich habe keinen Verdacht mehr.«

»Sie sind wenigstens ein redlicher Mann,« sagte die Königin lebhaft: »Sie wissen die Dinge in's Gesicht zu sagen; das ist ein Verdienst, welches hie und da die Unschuldigen verwunden kann, wenn man sich in Beziehung auf sie täuscht; aber eine Wunde heilt.«

»Oh! Madame, es schlägt elf Uhr: ich zittere.«

»Versichern Sie sich, ob Niemand hier ist,« sagte die Königin, um ihren Gefährten zu entfernen.

Charny gehorchte. Er lief in den Gebüschen umher bis zu den Mauern.

»Niemand,« sprach er, als er zurückkam.

»Wo ist die Scene vorgefallen, die Sie erzählten?«

»Madame, in diesem Augenblick, als ich von meiner Nachforschung zurückkehrte, habe ich einen furchtbaren Stich in's Herz bekommen. Ich erblickte Sie an derselben Stelle, wo ich in den vergangenen Nächten die falsche Königin von Frankreich sah.«

»Hier!« rief die Königin, indem sie sich mit Ekel von der Stelle entfernte, die sie einnahm.

»Unter diesem Kastanienbaume, ja, Madame.«

»Dann bleiben wir nicht hier, mein Herr « sagte Marie Antoinette, »denn wenn sie hierher gekommen sind, so werden sie wieder hierher kommen.«

Charny folgte der Königin in eine andere Allee. Sein Herz schlug so stark, daß er das Geräusch der Thüre, die sich öffnen würde, nicht zu hören fürchtete.

Schweigsam und stolz wartete sie auf die Erscheinung des lebendigen Beweises ihrer Unschuld.

Es schlug Mitternacht. Die Thüre öffnete sich nicht.

Es verging eine halbe Stunde, während welcher Marie Antoinette Charny mehr als zehnmal fragte, ob die Betrüger sehr pünktlich bei jedem ihrer Rendezvous gewesen seien?

Es schlug drei Viertel nach Mitternacht auf Saint-Louis von Versailles.

Die Königin stampfte vor Ungeduld mit dem Fuße.

»Sie werden sehen, daß sie heute nicht kommen,« sagte sie; »solche Unglücksfälle widerfahren nur mir!«

Und während sie diese Worte sprach, schaute sie Charny an, als suchte sie Streit mit ihm, wenn sie in seinen Augen den geringsten Schimmer von Triumph oder Ironie entdeckt hätte.

Aber in demselben Maße erbleichend, in welchem sein Verdacht wiederkehrte, beobachtete Charny eine so ernste und schwermüthige Haltung, daß sein Gesicht gewiß in diesem Augenblick der Widerschein der seelenreinen Geduld der Märtyrer und der Engel war.

Die Königin nahm ihn beim Arm und führte ihn zu dem Kastanienbaum, unter dem sie ihren ersten Halt gemacht hatten,

»Sie sagen,« flüsterte sie, »hier sei es gewesen, wo Sie diese Leute gesehen?«

»Hier, auf dieser Stelle, Madame.«

»Hier hat die Frau dem Mann eine Rose gegeben?«

»Ja, Eure Majestät.«

Die Königin war so schwach, so angegriffen von dem langen Verweilen in diesem feuchten Park, daß sie sich an den Stamm des Baumes anlehnte und den Kopf auf ihre Brust sinken ließ.

Allmälig bogen sich ihre Beine! er gab ihr den Arm nicht; sie fiel nun mehr auf das Gras und das Moos, als daß sie sich darauf setzte.

Er blieb unbeweglich und düster.

Sie drückte ihre beiden Hände auf ihr Gesicht, und Charny konnte nicht sehen, wie eine Thräne dieser Königin zwischen ihren langen weißen Fingern herabglitt.

Plötzlich erhob sie den Kopf und sprach:

»Mein Herr, Sie haben Recht; ich bin verurtheilt. Ich hatte versprochen, heute zu beweisen, daß Sie mich verleumdet; Gott will es nicht; ich beuge mich.«

»Madame ...« murmelte Charny.

»Ich habe gethan,« fuhr sie fort, »was keine Frau an meiner Stelle gethan hätte. Ich spreche nicht von Königinnen. Oh! mein Herr, was ist eine Königin, wenn sie nicht einmal über ein Herz gebieten kann? Was ist eine Königin, wenn sie nicht einmal die Wertschätzung eines redlichen Mannes erlangt? Oh! mein Herr, helfen Sie mir wenigstens aufstehen, damit ich gehen kann; verachten Sie mich nicht so sehr, daß Sie mir Ihre Hand verweigern.«

Charny stürzte wie ein Wahnsinniger auf seine Kniee.

»Madame,« sagte er, während er mit seiner Stirne auf die Erde schlug, »nicht wahr, wenn ich nicht ein Unglücklicher wäre, der Sie liebt, Sie würden mir vergeben?«

»Sie!« rief die Königin mit einem bittern Gelächter, »Sie! Sie lieben mich, und Sie halten mich für schändlich! ...«

»Oh! ... Madame.«

»Sie! ... Sie, der Sie ein Gedächtniß haben müßten, Sie beschuldigen mich, ich habe hier eine Rose, dort einen Kuß, dort meine Liebe einem andern Mann geschenkt! ... Mein Herr, keine Lüge, Sie lieben mich nicht!«

»Madame, dieses Gespenst war da, dieses Gespenst einer verliebten Königin. Da auch, wo ich bin, war das Gespenst des Geliebten. Reißen Sie mir das Herz aus, da diese zwei höllischen Bilder in meinem Herzen leben und es verzehren.«

Sie nahm seine Hand und zog ihn mit einer exaltirten Geberde zu sich.

»Sie haben gesehen ... Sie haben gehört ... Nicht wahr, ich war es sicherlich?« sprach sie mit erstickter Stimme ... »Oh! ich war es, suchen Sie nichts Anderes. Nun wohl! wenn ich auf eben diesem Platze, unter eben diesem Kastanienbaum sitzend wie ich saß, Sie zu meinen Füßen, wie der Andere war, wenn ich Ihnen die Hände drücke, wenn ich Sie an meine Brust ziehe, wenn ich Sie in meine Arme nehme, wenn ich Ihnen sage: Ich, die ich dieß Alles dem Andern gethan habe, nicht wahr? ich, die ich dasselbe dem Andern gesagt habe, nicht wahr? wenn ich Ihnen sage: Herr von Charny, nur ein einziges Wesen auf der Welt liebte, liebe und werde ich lieben ... und das sind Sie! ... Mein Gott! mein Gott! wird das genügen, um Sie zu überzeugen, daß von keiner Schande die Rede sein kann, wenn man im Herzen, neben dem Blute der Kaiserinnen, das göttliche Feuer einer Liebe wie diese hat?«

Charny stieß einen Seufzer aus, ähnlich dem eines Verscheidenden. Die Königin hatte ihn, indem sie so mit ihm sprach, mit ihrem Athem berauscht: er hatte sie sprechen gefühlt, ihre Hand hatte auf seiner Schulter gebrannt, ihre Brust hatte sein Herz versengt, ihr Athem hatte seine Lippen verzehrt.

»Lassen Sie mich Gott danken,« flüsterte er. »Oh! wenn ich nicht an Gott dächte, dächte ich zu viel an Sie.«

Sie erhob sich langsam; sie heftete auf ihn zwei Augen, deren Thränen die Flammen ertränkten.

»Wollen Sie mein Leben?« sagte er ganz verwirrt.

Sie schwieg einen Augenblick, ohne daß sie ihn anzuschauen aufhörte.

»Geben Sie mir Ihren Arm,« sagte sie, »und führen Sie mich überallhin, wohin die Anderen gegangen sind. Zuerst hier ... hier, wo eine Rose gegeben wurde ...«

Sie zog unter ihrem Kleide eine noch von dem Feuer, das ihre Brust versengte, warme Rose hervor und sprach:

»Nehmen Sie!«

Er athmete den balsamischen Duft der Blume ein und verschloß sie in seiner Brust.

»Hier,« sagte sie, »hier hat die Andere ihre Hand zum Kusse gegeben.«

»Ihre beiden Hände!« sprach Charny schwankend und trunken in dem Augenblick, wo sich sein Gesicht in den brennenden Händen der Königin eingeschlossen fand.

»Das ist ein gereinigter Platz,« sagte die Königin mit einem anbetungswürdigen Lächeln» »Sind sie nun nicht in die Apollo-Bäder gegangen?«

Charny blieb, als wäre der Himmel auf seinen Kopf gefallen, erstaunt, halb todt stehen.

»Das ist ein Ort,« sagte die Königin heiter, »wo ich nie anders, als bei Tage eintrete. Sehen wir mit einander die Thüre, durch welche der Liebhaber der Königin entfloh.«

Freudig, leicht, am Arme des glücklichsten Mannes hängend, den Gott je gesegnet, schritt sie, beinahe laufend, über den Rasen hin, der das Gebüsch von der Rundmauer trennte. So kamen sie an die Thüre, vor welcher man die Spuren der Pferdehufe sah.

»Es ist hier, außen,« sagte Charny.

»Ich habe alle Schlüssel,« erwiderte die Königin. »Oeffnen Sie, Herr von Charny, wir wollen uns unterrichten.«

Sie gingen hinaus und bückten sich, um zu sehen; der Mond trat aus einer Wolke hervor, als wollte er sie in ihren Nachforschungen unterstützen.

Der weiße Strahl hing sich zärtlich an dem schönen Gesichte der Königin an, die sich horchend und im Gesträuche umherschauend auf Charny's Arm stützte.

Als sie wohl überzeugt war, ließ sie Charny zurückkehren, indem sie ihn mit einem sanften Drucke an sich zog.

Die Thüre schloß sich wieder hinter ihnen.

Es schlug zwei Uhr.

»Gute Nacht,« sagte sie. »Kehren Sie in Ihre Wohnung zurück. Morgen.«

Sie drückte ihm die Hand und entfernte sich, ohne ein weiteres Wort, rasch unter den Hagebuchen, in der Richtung des Schlosses.

Jenseits der Thüre, die sie geschlossen hatten, erhob sich ein Mann mitten aus dem Gesträuche und verschwand unter den Bäumen längs der Straße.

Dieser Mann trug das Geheimniß der Königin mit sich fort.

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