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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXVII.

Weib und Dämon.

Jeanne hatte die Unruhe Charny's, die Besorgniß der Königin, das beiderseitige Verlangen nach einer Besprechung bemerkt.

Für eine Frau von der Stärke Jeanne's war dieß mehr als es brauchte, um viele Dinge zu errathen; wir haben nicht nöthig, beizufügen, was schon alle Welt begriffen hat.

Nach dem durch Cagliostro zwischen Frau von La Mothe und Oliva veranlaßten Zusammentreffen kann die Comödie der letzten drei Tage der Commentare entbehren.

Zu der Königin zurückgekehrt, horchte, beobachtete Jeanne; sie wollte auf dem Gesichte Marie Antoinettens die Beweise dessen erkennen, was sie argwöhnte.

Doch die Königin war seit einiger Zeit gewohnt, aller Welt zu mißtrauen. Sie ließ nichts durchschauen. Jeanne war also auf die Muthmaßungen beschränkt.

Schon hatte sie einem ihrer Lakaien befohlen, Herrn von Charny zu folgen. Der Diener kam zurück und meldete, Herr von Charny sei an einem Hause am Ende des Parkes in der Nähe der Hagebuchen verschwunden.

»Es unterliegt keinem Zweifel mehr,« dachte Jeanne, »dieser Mensch ist ein Verliebter, der Alles gesehen hat.«

Sie hörte die Königin zu Frau von Misery sagen:

»Ich fühle mich sehr schwach, meine liebe Misery, und ich werde mich heute Abend um acht Uhr zu Bette legen.«

Und als die Ehrendame fragend in sie drang, fügte die Königin bei:

»Ich werde Niemand empfangen.«

»Das ist klar genug,« sagte Jeanne zu sich selbst, »eine Wahnsinnige, die das nicht begreifen würde.«

Einer heftigen Gemüthsbewegung in Folge der Scene, die sie mit Charny gehabt, preisgegeben, entließ die Königin bald ihr ganzes Gefolge. Jeanne wünschte sich zum ersten Mal, seitdem sie bei Hofe eingetreten, Glück.

»Die Karten sind verwirrt,« sagte sie; »nach Paris! Es ist Zeit, aufzulösen, was ich verwickelt habe.«

Und sie fuhr sogleich von Versailles weg.

Nach ihrem Hause in der Rue Saint-Claude geführt, fand sie hier ein herrliches Geschenk in Silberzeug, das der Cardinal an demselben Morgen geschickt hatte.

Nachdem sie diesem Geschenk, obgleich es werthvoll war, nur einen gleichgültigen Blick gegönnt hatte, schaute sie hinter ihrem Vorhange nach Oliva, deren Fenster noch nicht geöffnet waren. Oliva schlief ohne Zweifel noch vor Müdigkeit; es herrschte eine sehr große Hitze an diesem Tag.

Jeanne fuhr zum Cardinal, den sie strahlend, aufgeblasen, unverschämt vor Freude und Stolz fand; an seinem reichen Schreibtisch, einem Meisterstück von Boule, sitzend, zerriß und schrieb er wieder, ohne müde zu werden, einen Brief, der immer wieder anfing und nie endete.

Bei der Meldung seines Kammerdieners rief der Cardinal:

»Diese theure Gräfin!«

Und er stürzte ihr entgegen.

Jeanne empfing die Küsse, mit denen der Prälat ihre Arme und ihre Hände bedeckte. Sie setzte sich bequem, um so gut als möglich das Gespräch auszuhalten.

Monseigneur begann mit Betheuerungen seiner Dankbarkeit, denen es nicht an einer aufrichtigen Beredtsamkeit mangelte.

Jeanne unterbrach ihn und sagte:

»Wissen Sie, daß Sie ein zartfühlender Liebhaber sind, Monseigneur, und daß ich Ihnen danke?«

»Warum?«

»Nicht wegen des reizenden Geschenkes, das Sie mir diesen Morgen zustellen ließen, sondern weil Sie so vorsichtig waren, es mir nicht in das kleine Haus zu schicken. Wahrhaftig, das ist zartfühlend.«

»Bei wem anders kann man von Zartgefühl sprechen als bei Ihnen?« erwiderte der Cardinal.

»Sie sind kein glücklicher Mensch,« sagte Jeanne; »Sie sind ein triumphirender Gott.«

»Ich gestehe es, und das Glück erschreckt mich; es beengt mich; es macht mir den Anblick der anderen Menschen unerträglich. Ich erinnere mich der heidnischen Fabel von Jupiter der seiner Strahlen müde geworden.«

Jeanne lächelte.

»Sie kommen von Versailles?« fragte er gierig.

»Ja.«

»Sie haben sie gesehen?«

»Ich ... komme so eben von ihr ...«

»Sie hat ... hat... nichts gesagt?«

»Ei! was soll sie sagen?«

»Verzeihen Sie; es ist nicht mehr Neugierde, es ist Wuth.«

»Fragen Sie mich nicht.«

»Oh! Gräfin.«

»Nein, sage ich Ihnen.«

»Wie Sie das ankündigen! man sollte glauben, wenn man Sie sieht, Sie bringen eine schlimme Nachricht.«

»Monseigneur, heißen Sie mich nicht sprechen.«

»Gräfin! Gräfin ...«

Und der Cardinal erbleichte.

»Ein zu großes Glück,« sagte er, »gleicht dem Culminationspunkte eines Glücksrades; neben seinem höchsten Punkt ist der Anfang der Abnahme. Doch schonen Sie mich nicht, wenn ein Unglück im Anzug ist; nicht wahr ... es ist nicht so?«

»Ich werde das im Gegentheil ein sehr großes Glück nennen, Monseigneur,« erwiderte Jeanne.

»Das? ... was denn? ... was wollen Sie damit sagen? welche Sache ist ein Glück?«

»Nicht entdeckt worden zu sein,« erwiderte Jeanne trocken.

»Oh! ...« rief lächelnd der Cardinal. »Mit Vorsichtsmaßregeln, mit dem Verstande zweier Herzen und eines Geistes ...«

»Ein Geist und zwei Herzen, Monseigneur, verhindern die Augen nie, im Blätterwerk zu sehen.«

»Man hat gesehen!« rief Herr von Rohan erschrocken.

»Ich habe alle Ursache, es zu glauben.«

»Dann ... wenn man gesehen hat, hat man auch erkannt?«

»Oh! daran denken Sie nicht, Monseigneur; wenn man erkannt hätte, wenn sich dieses Geheimniß in der Gewalt irgend eines Menschen befände, so wäre Jeanne von Valois schon am Ende der Welt, und Sie, Sie müßten todt sein.«

»Das ist wahr, Gräfin; mit allem diesem Zögern, mit all diesem absichtlichen Schweigen braten Sie mich am kleinen Feuer. Man hat gesehen, gut ... doch man hat Leute in einem Park spazieren gehen sehen, ist das nicht erlaubt?«

»Fragen Sie den König.«

»Der König weiß!«

»Ich wiederhole Ihnen noch einmal, wenn der König wüßte, wären Sie in der Bastille und ich im Hospital. Doch da ein vermiedenes Unglück so viel werth ist, als zwei verheißene Glücke, so komme ich, um Ihnen zu sagen: versuchen Sie Gott nicht noch einmal.«

»Wie beliebt?« rief der Cardinal; »was bedeuten Ihre Worte, theure Gräfin?«

»Begreifen Sie dieselben nicht?«

»Ich fürchte ...«

»Ich hätte bange, wenn Sie mich nicht beruhigten.«

»Was muß ich zu diesem Ende thun?«

»Nicht mehr nach Versailles gehen.«

Der Cardinal machte einen Sprung.

»Bei Tage?« sagte er lächelnd.

»Zuerst bei Tage, und dann bei Nacht!«

Herr von Rohan bebte und ließ die Hand der Gräfin los.

»Unmöglich,« sagte er.

»Nun ist die Reihe an mir, Ihnen in's Gesicht zu schauen,« sprach sie; »Sie haben, glaube ich, gesagt, unmöglich. Warum unmöglich?«

»Weil ich im Herzen eine Liebe habe, die nur mit meinem Leben endigen wird.«

»Ich bemerke es,« unterbrach die Gräfin ironisch, »und um schneller zum Resultat zu gelangen, beharren Sie darauf, nach dem Parke zurückzukehren. Ja, wenn Sie dahin zurückkehren, wird Ihre Liebe nur mit Ihrem Leben endigen, und beide werden mit einem Schlage abgeschnitten werden.«

»Welche Beängstigungen, Gräfin ... Sie, die gestern noch so muthig waren?«

»Ich habe den Muth der Thiere. Ich fürchte nichts, so lange nicht eine Gefahr vorhanden ist.«

»Ich, ich habe den Muth meines Geschlechtes. Ich bin nur glücklich in Gegenwart der Gefahr selbst.«

»Sehr gut; doch dann erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen ...«

»Nichts, Gräfin, nichts!« rief der verliebte Prälat, »das Opfer ist gebracht, der Würfel liegt, den Tod, wenn man will, oder die Liebe! Ich werde nach Versailles zurückkehren.«

»Ganz allein?«

»Sollten Sie mich verlassen?« erwiderte Herr von Rohan im Tone des Vorwurfs.

»Ich zuerst.«

»Sie wird kommen.«

»Sie täuschen sich, sie wird nicht kommen.«

»Haben Sie mir das etwa von ihrer Seite anzukündigen?« fragte zitternd der Cardinal.

»Das ist der Streich, den ich seit einer halben Stunde für Sie zu schwächen suchte.«

»Sie will mich nicht mehr sehen?«

»Nie, und ich selbst habe ihr das gerathen.«

»Madame,« sprach der Prälat mit innigem Tone, »es ist schlimm von Ihnen, daß Sie das Messer in ein Herz bohren, welches Sie als so zart kennen.«

»Es wäre noch viel schlimmer von mir, Monseigneur, wenn ich zwei tolle Geschöpfe in Ermangelung eines guten Rathes sich in's Verderben stürzen ließe. Ich gebe den Rath, benütze ihn, wer da will.«

»Gräfin, Gräfin, eher sterben.«

»Das ist Ihre Sache, und es ist leicht.«

»Sterben, um zu sterben,« sprach der Cardinal mit dumpfer Stimme, »das Ende des Verdammten ist mir lieber. Gesegnet sei die Hölle, wo ich meine Mitschuldige finden werde.«

»Frommer Prälat, Sie blasphemiren,« sagte die Gräfin; »Unterthan, Sie entthronen Ihre Königin! Mann, Sie stürzen eine Frau in's Verderben.«

Der Cardinal faßte die Gräfin bei der Hand und rief wie in einem Delirium:

»Gestehen Sie. daß sie Ihnen das nicht gesagt hat, und daß sie mich nicht so verleugnen wird?«

»Ich spreche zu Ihnen in ihrem Namen.«

»Sie verlangt eine Frist?«

»Nehmen Sie es, wie Sie wollen, doch beobachten Sie ihren Befehl.«

»Der Park ist nicht der einzige Ort, wo man sich sehen kann, es gibt tausend sicherere Orte ... Die Königin ist ja zu Ihnen gekommen?«

»Monseigneur, nicht ein Wort mehr; ich trage ein tödtliches Gewicht in mir, das Ihres Geheimnisses. Ich fühle mich nicht stark genug, es lange zu tragen. Was die Indiscretionen, was der Zufall, was die Böswilligkeit Ihrer Feinde nicht thun, werden die Gewissensbisse thun. Sehen Sie, ich weiß, daß sie fähig ist, dem König in einem Augenblick der Verzweiflung Alles zu gestehen.«

»Guter Gott! ist es möglich!« rief der Cardinal, »sie würde das thun!«

»Wenn Sie sie sähen, sie müßte Ihr Mitleid erregen!«

Der Cardinal stand hastig auf.

»Was ist zu thun? sagte er.

»Man muß ihr den Trost des Stillschweigens geben.«

»Sie wird glauben, ich habe sie vergessen.«

Jeanne zuckte die Achseln.

»Sie wird mich beschuldigen, ich sei ein Feigling.«

»Feigling, um sie zu retten, nie!«

»Verzeiht eine Frau, daß man sich ihrer Gegenwart beraubt?«

»Beurtheilen Sie diese nicht, wie Sie mich beurtheilen würden ...«

»Ich halte sie für groß und stark. Ich liebe sie wegen ihres Muthes und ihres edlen Herzens. Sie kann also auf mich zählen, wie ich auf sie zählen werde. Ich will sie ein letztes Mal sehen; sie soll meinen ganzen Gedanken erfahren, und was sie nun, nachdem sie mich angehört hat, entscheiden mag, das werde ich erfüllen, wie ein heiliges Gelübde.«

Jeanne stand auf.

»Wie es Ihnen beliebt. Gehen Sie, nur werden Sie allein gehen. Ich habe den Schlüssel zum Park in die Seine geworfen, als ich heute zurückkehrte. Sie werden also nach Ihrem Belieben nach Versailles gehen, während ich nach der Schweiz oder nach Holland abreise. Je weiter ich von der Bombe entfernt bin, desto weniger werde ich ihr Zerplatzen fürchten.«

»Gräfin, Sie würden mich verlassen! Oh! mein Gott, mit wem würde ich dann von ihr sprechen?«

Jeanne erinnerte sich hier der Scenen von Molière; nie hatte ein wahnsinnigerer Valère einer verschmitzteren Dorine bequemere Erwiderungen in den Mund gegeben.

»Haben Sie nicht den Park und die Echos?« sagte Jeanne, »Sie werden sie den Namen Amaryllis lehren.«

»Gräfin, haben Sie Mitleid. Ich bin in Verzweiflung,« rief der Prälat mit einem aus dem Herzen hervorgegangenen Ausdruck.

»Nun wohl!« sprach Jeanne mit der ganz rohen Energie des Wundarztes, der die Amputation eines Gliedes entscheidet; »sind Sie in Verzweiflung, Herr von Rohan, so lassen Sie sich nicht zu Kindereien verleiten, welche gefährlicher sind als Pulver, Pest und Tod! Ist Ihnen so viel an dieser Frau gelegen, so erhalten Sie sich dieselbe, statt sie zu Grunde zu richten, und wenn es Ihnen nicht durchaus an Herz und an Gedächtniß gebricht, wagen Sie es nicht, diejenigen in Ihren Ruin hineinzuziehen, welche Ihnen aus Freundschaft gedient haben. Ich spiele nicht mit dem Feuer. Schwören Sie mir, keinen Schritt zu thun, um die Königin zu sehen. Nur sie zu sehen, hören Sie? ich sage nicht, sie innerhalb vierzehn Tagen von heute an zu sprechen; schwören Sie das, so bleibe ich, und werde Ihnen noch dienen können. Sind Sie entschlossen, Allem zu trotzen, um mein Verbot und das ihrige zu übertreten? ich werde es erfahren, und zehn Minuten nachher reise ich ab! Sie werden sich herausziehen, wie Sie können.«

»Das ist gräßlich,« murmelte der Cardinal, »der Sturz ist zerschmetternd; von diesem Glück herabfallen! Oh! ich werde darüber sterben.«

»Gehen Sie doch,« flüsterte ihm Jeanne in's Ohr, »Sie liebten ohnedieß nur aus Eitelkeit.«

»Heute aus wahrer Liebe,« entgegnete der Cardinal.

»So leiden Sie also heute; das ist eine Bedingung des Standes. Auf, Monseigneur, entscheiden Sie sich; bleibe ich hier? bin ich auf dem Wege nach Lausanne?«

»Bleiben Sie, Gräfin, aber finden Sie nur ein schmerzstillendes Mittel. Die Wunde ist zu gräßlich.«

»Schwören Sie mir, zu gehorchen?«

»Bei meinem Worte als Rohan.«

»Gut! Ihr schmerzstillendes Mittel ist gefunden. Ich verbiete Ihnen die Zusammenkünfte, aber ich verbiete Ihnen die Briefe nicht.«

»Wahrhaftig!« rief der Wahnsinnige, wieder belebt durch diese Hoffnung. »Ich werde schreiben können?«

»Versuchen Sie es.«

»Und ... sie würde mir antworten?«

»Ich werde es versuchen.«

Der Cardinal verschlang Jeanne's Hand mit seinen Küssen. Er nannte sie seinen Schutzengel.

Er mußte sehr lachen, der Dämon, der im Herzen der Gräfin wohnte.

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