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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXV.

Die Hand der Königin.

Als Charny, von diesem furchtbaren Schlag ganz zermalmt, in seine Wohnung zurückgekehrt war, fand er keine Kräfte mehr gegen das neue Unglück, das ihn traf.

So hatte ihn die Vorsehung nach Versailles zurückgeführt, ihm dieses kostbare Versteck gegeben, einzig und allein, um seiner Eifersucht zu dienen und ihn auf die Spur eines Verbrechens zu leiten, das die Königin mit Hintansetzung aller ehelichen Redlichkeit, aller königlichen Würde, aller Liebestreue beging.

Es ließ sich nicht bezweifeln, der auf solche Art im Park empfangene Mann war ein neuer Liebhaber. Im Fieber der Nacht, im Delirium seiner Verzweiflung suchte sich Charny vergebens zu überreden, der Mann, der die Rose erhalten, sei ein Botschafter, und die Rose sei nur ein Pfand geheimer Uebereinkunft, bestimmt, einen allzu gefährdenden Brief zu ersetzen.

Nichts konnte gegen den Verdacht die Oberhand gewinnen. Es blieb dem armen Olivier nichts mehr übrig, als sein eigenes Benehmen zu prüfen und sich zu fragen, warum er sich in Gegenwart eines solchen Unglücks so durchaus leidend verhalten habe.

Mit ein wenig Nachdenken war nichts leichter, als den Instinct zu begreifen, der diese Passivität geboten hatte.

In den heftigsten Crisen des Lebens springt die Handlung augenblicklich aus dem Grunde der menschlichen Natur hervor, und dieser Instinct, der den Impuls gegeben hat, ist nichts Anderes, als eine Zusammensetzung der Gewohnheit und der Ueberlegung auf ihren höchsten Grad von Geschwindigkeit und Bequemlichkeit getrieben. Hatte Charny nicht gehandelt, so war dieß der Fall, weil ihn die Angelegenheiten der Fürstin nichts angingen, weil er, seine Neugierde zeigend, seine Liebe zeigte, weil er die Königin compromittirend, sich selbst verrieth, und der beiderseitige Verrath eine schlechte Stellung bei Verräthern ist, die man überweisen will.

Hatte er nicht gehandelt, so war dieß der Fall, weil er, um einen mit dem königlichen Vertrauen geehrten Mann anzugehen, Gefahr laufen mußte, in einen gehässigen, widerlichen Streit, in eine Art von Hinterhalt zu gerathen, was die Königin nie verziehen hätte.

Das Wort Monseigneur, das die gefällige Begleiterin zuletzt hingeschleudert, war ferner gleichsam eine heilsame, wenn auch späte Warnung, welche Charny, indem sie ihm gerade in seiner größten Wuth die Augen öffnete, gerettet hatte. Was wäre aus ihm geworden, wenn er, den Degen gegen diesen Mann in der Hand, ihn hätte Monseigneur nennen hören? Und welches Gewicht bekam nicht sein Fehler, indem er von einer so großen Höhe herabfiel?

Dieß waren die Gedanken, welche Charny während der ganzen Nacht und der ersten Hälfte des folgenden Tages in Anspruch nahmen. Sobald die Mittagsstunde geschlagen hatte, war der vorhergehende Tag nichts mehr für ihn. Es blieb nur noch die fieberhafte, verzehrende Erwartung der kommenden Nacht, während welcher vielleicht andere Offenbarungen erscheinen konnten.

Mit welcher Bangigkeit stellte sich der arme Charny an das Fenster, das der einzige Aufenthalt, der unüberschreitbare Rahmen seines Lebens geworden war! Betrachtete man ihn unter den Weinranken, hinter den im Laden angebrachten Löchern, denn er befürchtete, sehen zu lassen, daß dieses Haus bewohnt war, betrachtete man ihn in diesem Viereck von Eichenholz und grünem Laubwerk, hätte man nicht glauben sollen, er wäre eines von den alten Porträts, verborgen unter den Vorhängen, welche den Ahnen in den alten Herrenhäusern die fromme Sorge der Familien zuwirft?

Der Abend kam und brachte unserem glühenden Späher die düsteren Wünsche und die tollen Gedanken.

Die gewöhnlichen Geräusche schienen ihm neue Bedeutungen zu haben. Er erblickte in der Ferne die Königin, welche mit einigen Fackeln, die man ihr vorantrug, über die Freitreppe schritt. Die Haltung der Königin kam ihm nachdenkend, unsicher, ganz bewegt von der Aufregung der Nacht vor.

Allmälig erloschen alle Lichter vom Dienste. Der Park füllte sich mit Stillschweigen und Kühle. Sollte man nicht glauben, die Bäume, welche sich bei Tage anstrengen, zu strotzen, um den Blicken zu gefallen und die Vorübergehenden zu liebkosen, arbeiten in der Nacht, wenn Niemand sie sieht und Niemand sie berührt, an der Wiederherstellung ihrer Frische, ihrer Wohlgerüche und ihrer Geschmeidigkeit? Die Bäume und die Pflanzen schlafen in der That wie wir.

Charny hatte die Stunde des Rendezvous der Königin wohl behalten. Es schlug Mitternacht.

Charny's Herz wäre bald in seiner Brust gebrochen. Er drückte sein Fleisch an das Geländer des Fensters, um die Schläge zu ersticken, welche laut und geräuschvoll wurden. »Bald,« sagte er zu sich selbst, »bald wird die Thüre sich öffnen, werden die Riegel klirren.«

Nichts störte den Frieden des Gehölzes.

Charny wunderte sich dann, daß er zum ersten Mal daran dachte, zwei Tage hinter einander fallen dieselben Ereignisse nicht vor; nichts sei verbindlich in dieser Liebe, außer die Liebe selbst, und diejenigen seien sehr unklug, welche, so starke Gewohnheiten annehmend, nicht zwei Tage hinbringen könnten, ohne sich zu sehen.

»Ein gewagtes Geheimniß,« dachte Charny, »wenn sich die Tollheit darein mischt.«

Ja, es war eine unbestreitbare Wahrheit, die Königin würde am zweiten Tag die Unvorsichtigkeit vom vorhergehenden nicht wiederholen.

Plötzlich klirrten die Riegel und die kleine Thüre wurde geöffnet.

Todesblässe überströmte Oliviers Wangen, als er die zwei Damen in der Kleidung der vorhergehenden Nacht erblickte.

»Wie muß sie verliebt sein!« murmelte er.

Die zwei Damen machten dasselbe Manöver, das sie an Tage vorher gemacht hatten, und gingen rasch unter Charny's Fenstern vorüber.

Er sprang wie am vorhergehenden Tage hinab, so bald sie fern genug waren, daß sie ihn nicht mehr hören konnten, und während er hinter jedem ein wenig dicken Baum ging, schwur er sich, klug, stark, unempfindlich zu sein; nicht zu vergessen, daß er der Unterthan war und sie die Königin; er ein Mann, das heißt zur Ehrfurcht verbunden, sie eine Frau, das heißt berechtigt, Rücksichten zu verlangen.

Und da er seinem ungestümen, stets zum Ausbruch geneigten Character mißtraute, so warf er seinen Degen hinter einen Holderbusch, der einen Kastanienbaum umgab.

Mittlerweile waren die zwei Damen zu demselben Ort wie am Tage zuvor gelangt. Ebenfalls wie am vorhergehenden Tage, erkannte Charny die Königin, und diese umhüllte ihre Stirne mit ihrer Caputze, während die diensteifrige Freundin den Unbekannten, den man Monseigneur nannte, aus seinem Versteck holte.

Dieses Versteck, was war es? das fragte sich Charny. Wohl lag in der Richtung, welche die Gefällige nahm, der Saal der Apollo-Bäder, beschützt von den hohen Hagebuchen und dem Schatten seiner marmornen Piaster; doch wie konnte sich der Unbekannte hier verbergen? wo kam er herein?

Charny erinnerte sich, daß auf dieser Seite des Parks eine kleine Thüre vorhanden war, ähnlich der, welche die Damen öffneten, um zum Rendezvous zu kommen. Der Unbekannte hatte ohne Zweifel einen Schlüssel zu dieser Thüre. Er schlüpfte hier durch bis zu den Apollo-Bädern und wartete, bis man ihn holte.

Alles war auf diese Art festgestellt; dann entfloh Monseigneur durch dieselbe Thüre nach seiner Unterredung mit der Königin.

Charny erblickte nach einigen Minuten den Mantel und den Hut, wie er es am Tage vorher gesehen hatte.

Dießmal ging der Unbekannte auf die Königin nicht mehr mit der ehrfurchtsvollen Zurückhaltung zu; er kam mit großen Schritten, ohne daß er zu laufen wagte, doch fehlte nicht viel dazu.

An ihren großen Baum angelehnt, setzte sich die Königin auf den Mantel, den dieser moderne Raleigh für sie ausbreitete, und während die wachsame Freundin, wie am Tage vorher, lauerte, kniete der verliebte Herr auf das Moos nieder und fing an mit einer leidenschaftlichen Geschwindigkeit zu reden.

Einer verliebten Schwermuth preisgegeben, neigte die Königin das Haupt. Charny hörte die Worte des Cavaliers nicht, aber die Melodie. Die Rede hatte das Gepräge der Poesie und Liebe. Jede der Betonungen ließ sich in eine glühende Betheurung übersetzen.

Die Königin antwortete nichts. Der Unbekannte verdoppelte indessen die Liebkosung seiner Reden; zuweilen kam es Charny, dem unglückseligen Charny, vor, als sollte das Wort, in jenes harmonische Schauern gehüllt, verständlich werden, und dann wäre er vor Wuth und Eifersucht gestorben. Doch nichts, nichts. In dem Augenblick, wo die Stimme sich aufklärte, zwang eine bezeichnende Geberde der horchenden Begleiterin den leidenschaftlichen Redner, den Klang seiner Elegie zu dämpfen.

Die Königin beobachtete ein hartnäckiges Stillschweigen.

Bitten auf Bitten häufend, was Charny aus der vibrirenden Melodie seiner Tonbiegungen errieth, erhielt der Andere nur die süße Einwilligung des Stillschweigens, eine ungenügende Gunst für die glühenden Lippen, welche die Liebe zu trinken angefangen haben.

Doch plötzlich entschlüpften der Königin ein paar Worte. Man muß es wenigstens glauben. Sehr unterdrückte, sehr erstickte Worte, da der Unbekannte allein sie vernommen hatte; doch kaum hatte er sie vernommen, als er im Uebermaß seines Entzückens, so daß er sich selbst hörbar machte, ausrief:

»Dank, o meinen Dank, süße Majestät! Morgen also?«

Die Königin verbarg ihr schon so gut verborgenes Gesicht vollends gänzlich.

Charny fühlte einen eisigen Schweiß, den Todesschweiß, langsam in schweren Tropfen von seinen Schläfen herabfließen.

Der Unbekannte hatte die beiden Hände der Königin gegen sich ausstrecken sehen. Er nahm sie in die seinigen und drückte einen so langen und zärtlichen Kuß darauf, daß Charny während seiner Dauer den Schmerz aller Martern kennen lernte, welche die wilde Menschheit den höllischen Barbareien gestohlen hat.

Als dieser Kuß gegeben war, erhob sich die Königin rasch und ergriff den Arm ihrer Gefährtin.

Beide entflohen, wie am Tage vorher, an Charny vorüber.

Der Unbekannte entfloh ebenfalls, und Charny, der den Boden nicht hatte verlassen können, an den ihn die Lähmung eines unsäglichen Schmerzes gefesselt hielt, vernahm unbestimmt das gleichzeitige Geräusch zweier Thüren, die man wieder schloß.

Wir werden es nicht versuchen, die Lage zu schildern, in der sich Charny nach dieser gräßlichen Entdeckung befand.

Die Nacht verging für ihn in wüthenden Gängen durch den Park, durch die Alleen, denen er in Verzweiflung ihre strafbare Mitschuld zum Vorwurf machte.

Einige Stunden lang wahnsinnig, fand Charny seine Vernunft erst wieder, als er in seinem blinden Lauf an den Degen stieß, den er weggeworfen hatte, um nicht in Versuchung zu gerathen, sich desselben zu bedienen.

Diese Klinge, die ihm zwischen die Beine kam und seinen Fall verursachte, rief ihn plötzlich zum Gefühl seiner Stärke wie seiner Würde zurück. Ein Mann, der einen Degen in seiner Faust fühlt, kann, wenn er noch wahnwitzig ist, nur entweder sich selbst oder seinen Beleidiger damit durchbohren; er hat kein Recht mehr, schwach oder furchtsam zu sein.

Charny wurde wieder, was er immer war, ein starker Geist, ein kräftiger Körper. Er unterbrach seine wahnsinnigen Läufe, bei denen er an die Bäume anrannte, und ging gerade und schweigsam in die noch von den Tritten der zwei Frauen und des Unbekannten durchfurchte Allee.

Er wollte den Platz besuchen, wo die Königin gesessen hatte. Die noch niedergedrückten Moose enthüllten ihm sein Unglück und das Glück eines Andern. Statt zu seufzen, statt die Dünste des Zorns abermals in sein Gehirn aufsteigen zu lassen, dachte Olivier über die Natur dieser verborgenen Liebe und über den Rang der Person nach, die dieselbe einflößte.

Er untersuchte die Tritte dieses vornehmen Herrn mit derselben Aufmerksamkeit, womit er bei Untersuchung der Fährte eines wilden Thieres zu Werke gegangen wäre. Er erkannte die Thüre hinter den Apollo-Bädern, Er sah, indem er die Mauerkappe erkletterte, Eindrücke von Pferdehufen und eine Verheerung im Grase.

»Er kommt von dort her! Er kommt nicht von Versailles, sondern von Paris,« dachte Olivier. »Er kommt allein, und morgen wird er wieder kommen, da man ihm gesagt hat: Morgen.

»Bis dahin will ich schweigend, nicht mehr die Thränen, die meinem Auge entfließen, sondern das Blut, das in Wellen aus meinem Herzen strömt, verschlucken.

»Morgen wird der letzte Tag meines Lebens sein, sonst bin ich ein Feigling und habe nie geliebt.

»Sachte, sachte,« sprach er, indem er sanft an sein Herz klopfte, wie der Reiter seinem Pferde, das in Hitze geräth, auf den Hals klopft, »Ruhe, Stärke, da die Prüfung noch nicht beendigt ist.«

Nach diesen Worten schaute er zum letzten Male umher und wandte die Augen vom Schlosse ab, indem er das Fenster der treulosen Königin beleuchtet zu sehen fürchtete; denn dieses Licht wäre eine Lüge, ein neuer Flecken gewesen.

»Bedeutet nicht in der That ein beleuchtetes Fenster ein bewohntes Zimmer? und warum so lügen, wenn man das Recht der Unverschämtheit und der Ehrlosigkeit besitzt, wenn man eine so geringe Entfernung zwischen der verborgenen Schande und dem öffentlichen Aergerniß zurückzulegen hat?«

Das Fenster der Königin war erleuchtet.

»Glauben zu machen, sie sei zu Hause, während sie in Gesellschaft eines Liebhabers im Parke umherläuft! Wahrhaftig, das ist ganz vergebliche Keuschheit!« sagte Charny, der seine Worte mit einer bittern Ironie abstieß.

»Sie ist zu gut, diese Königin, daß sie sich so gegen uns verstellt. Allerdings fürchtet sie vielleicht, ihren Gemahl zu ärgern.«

Charny drückte sich nun die Nägel in's Fleisch und schlug mit gemessenen Schritten wieder den Weg nach seinem Hause ein.

»Sie haben gesagt: Morgen,« fügte er bei, nachdem er über den Balcon geschritten war. »Ja, morgen! ... für alle Welt, denn morgen werden wir zu vier beim Rendezvous sein, Madame!«

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