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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXIV.

Rendezvous.

Kaum war Herr von Charny auf seinen Gütern angekommen, kaum hatte er sich nach den ersten Besuchen in seine Wohnung eingeschlossen, als ihm der Arzt verordnete, Niemand mehr zu empfangen und das Zimmer zu hüten, was mit einer solchen Strenge ausgeführt wurde, daß nicht ein einziger Bewohner des Cantons den Helden des Seetreffens mehr erblickte, welches so viel Lärmen durch ganz Frankreich gemacht hatte, während alle junge Mädchen ihn zu sehen suchten, weil er anerkannt tapfer war und man ihn schön nannte.

Charny war indessen nicht so krank an Körper, als man glaubte. Er hatte nur ein Uebel im Herzen und im Kopf, und guter Gott! welch ein Uebel ... einen scharfen und unablässigen, unbarmherzigen Schmerz, den Schmerz einer Erinnerung, welcher brannte, ein Sehnsuchtsschmerz, welcher zerriß.

Die Liebe ist nur ein Heimweh: der Abwesende beweint ein ideales Paradies, statt ein materielles Vaterland zu beweinen.

Herr von Charny hielt es nicht drei Tage aus. Wüthend, alle seine Träume durch die Unmöglichkeit entkräftet, durch den Raum vernichtet zu sehen, ließ er die von uns erwähnte Verordnung des Arztes den ganzen Canton durchlaufen; dann übertrug Olivier die Bewachung seiner Thüren einem erprobten Diener und ritt in der Nacht auf einem sehr sanften und sehr raschen Pferde fort. Nach acht Stunden war er in Versailles, wo er durch die Vermittelung seines Kammerdieners ein kleines Haus hinter dem Park miethete.

Dieses Haus, das seit dem tragischen Tod eines adeligen Jägermeisters, der sich den Hals abgeschnitten, verlassen war, sagte Charny vortrefflich zu, denn er wollte sich hier mehr verbergen, als auf seinen Gütern.

Es war anständig ausgestattet, hatte zwei Thüren, von denen die eine auf eine öde Straße, die andere auf die Rundallee des Parkes ging, und von den Fenstern gegen Süden konnte Charny in die Hagenbuchenalleen schauen, denn die Fenster, deren Läden sich umgeben von Weinreben und Epheu öffneten, waren nur Thüren eines für Jeden, der in den königlichen Park hätte springen wollen, etwas erhabenen Erdgeschosses.

Diese damals schon sehr seltene Nachbarschaft war das Privilegium, das man einem Jagdaufseher gegeben hatte, damit er ohne Mühe das Damwild und die Fasanen Seiner Majestät bewachen konnte.

Man stellte sich, wenn man nur diese heiter von einem kräftigen Grün umrahmten Fenster sah, den schwermüthigen Jägermeister vor, wie er sich an einem Herbstabend mit den Ellbogen auf das mittlere Fenster stützte, während die Hirschkühe ihre schlanken Beine auf dem dürren Laub krachen ließen und auf dem von Bäumen umschlossenen Rasen unter einem falben Strahl der untergehenden Sonne spielten.

Diese Einsamkeit gefiel Charny vor allem Anderen. Ob dieß Liebe für die Landschaft war, werden wir bald sehen.

Sobald er eingerichtet, sobald Alles gut verschlossen war und sein Bedienter die ehrerbietige Neugierde der Nachbarschaft getilgt hatte, fing Charny, vergessen wie er vergaß, ein Leben an, das schon in der Idee Jeden beben machen wird, welcher in seinem Erdenwallen geliebt oder von Liebe sprechen gehört hat.

In weniger als vierzehn Tagen kannte er alle Gewohnheiten des Schlosses, wie der Wachen, er kannte die Stunden, zu denen der Vogel aus den Lachen trinkt, zu denen der scheue Damhirsch den scheuen Kopf vorstreckend vorüberzieht. Er wußte die guten Augenblicke der Stille, die Stunden der Spaziergänge der Königin oder ihrer Damen, den Augenblick der Runden; er lebte mit einem Wort von fern mit denjenigen, welche in diesem Trianon, dem Tempel seiner wahnsinnigen Anbetungen, lebten.

Da die Jahreszeit schön war, da die milden, duftenden Nächte seinen Augen mehr Freiheit und seiner Seele mehr unbestimmte Träumerei gaben, so brachte er einen Theil derselben unter den Jasminen seines Fensters zu, lauschte auf die entfernten Geräusche, welche vom Palast kamen, und folgte durch die Oeffnungen im Blätterwerk dem Spiel der bis zur Stunde des Schlafengehens in Bewegung gesetzten Lichter.

Bald genügte ihm das Fenster nicht mehr. Er war zu entfernt von diesem Geräusch und diesen Lichtern. Sicher, zu dieser Stunde Niemand zu begegnen, nicht Hunden, nicht Wachen, sprang er von seinem Hause auf den Rasen hinab und suchte die köstliche, die gefährliche Wollust, bis an den Saum des Gehölzes zu gehen, auf die Grenze, welche den dichten Schatten vom glänzenden Mondschein trennt, um von da die Silhouetten zu befragen, welche schwarz und bleich hinter den weißen Vorhängen der Königin hinzogen.

Auf diese Art sah er sie alle Tage, ohne daß sie es wußte.

Er erkannte sie auf eine Viertelmeile, wenn sie, mit ihren Damen oder mit einem ihr befreundeten Cavalier wandelnd, mit ihrem chinesischen Sonnenschirm spielte, der ihren großen, mit Blumen verzierten Hut beschützte.

Kein Gang, keine Haltung konnte ihn täuschen. Er wußte alle Kleider der Königin auswendig und errieth mitten unter den Blättern den großen grünen Ueberwurf mit schwarzen moirirten Bändern, den sie durch eine keusch verführerische Körperbewegung wogen ließ.

Und wenn die Erscheinung verschwunden war, wenn der Abend, die Spaziergänger vertreibend, ihm gestattet hatte, bis zu den Statuen des Säulenganges die letzten Schwingungen dieses geliebten Schattens zu belauern, kam Charny zu seinem Fenster zurück, betrachtete von fern durch eine Oeffnung, die er im Walde zu machen gewußt hatte, das glänzende Licht an den Fenstern der Königin, hernach das Verschwinden dieses Lichtes, dann lebte er von der Erinnerung und der Hoffnung, wie er von der Bewegung und der Bewunderung gelebt hatte.

Eines Abends, als er nach Hause zurückgekehrt war, als er zwei Stunden mit seinem letzten Lebewohl an die abwesenden Schatten zugebracht hatte, als der von den Sternen fallende Thau seine weißen Perlen auf den Epheublättern zu destilliren anfing, war Charny im Begriff, sein Fenster zu verlassen und sich zu Bette zu begeben; da klirrte das Geräusch eines Schlosses schüchtern an sein Ohr, er kehrte auf seinen Beobachtungsposten zurück und horchte.

Die Stunde war vorgerückt, es schlug Mitternacht in den von Versailles entferntesten Kirchspielen. Charny wunderte sich, daß er ein Geräusch hörte, an das er nicht gewöhnt war.

Dieses widerspenstige Schloß war das eines Pförtchens vom Park, ungefähr fünf und zwanzig Schritte vom Hause Oliviers, das nie geöffnet wurde, außer etwa an großen Jagdtagen, um die Wildpretkörbe durchzulassen.

Charny bemerkte, daß diejenigen, welche öffneten, nicht sprachen; sie schlossen wieder und traten in die Allee, die sich unter den Fenstern seines Hauses vorbeizog.

Die Baumstämme und die hängenden Weinreben verkleideten Mauern und Läden stark genug dadurch, daß man sie im Vorübergehen nicht genau erblickte.

Ueberdieß bückten die Gehenden ihre Köpfe und beschleunigten ihre Schritte. Charny sah sie verworren im Schatten. Nur erkannte er am Rauschen der flatternden Röcke zwei Frauen, deren seidene Mantillen an den Zweigen hinstreiften.

Diese Frauen wurden, indem sie sich um die große, dem Fenster Charny's gegenüber liegende Allee wandten, vom freisten Mondstrahl umhüllt, und Charny hätte beinahe einen Schrei freudigen Erstaunens ausgestoßen, als er die Haltung und den Kopfputz von Marie Antoinette, sowie den untern Theil ihres Gesichtes trotz des düsteren Reflexes vom Hutschild erkannte. Sie hielt eine schöne Rose in der Hand.

Mit bebendem Herzen glitt Charny von seinem Fenster herab in den Park. Er lief auf dem Grase, um kein Geräusch zu machen, verbarg sich dabei hinter den dicksten Bäumen, und folgte mit dem Blick den zwei Frauen, welche jede Minute langsamer gingen.

Was solle er thun? Die Königin hatte eine Begleiterin; sie lief keine Gefahr. Oh! warum war sie nicht allein! er hätte den Foltern getrotzt, um sich ihr zu nähern und auf den Knieen zu ihr zu lagen: Ich liebe Sie! Oh! warum war sie nicht von einer ungeheuren Gefahr bedroht! er hätte sein Leben hingeworfen, um dieses kostbare Leben zu retten.

Während er, tausend tolle Zärtlichkeiten träumend, an dieß Alles dachte, standen die zwei Wandlerinnen plötzlich stille: die Eine, die Kleinere, sagte ein paar Worte zu ihrer Gefährtin und verließ sie.

Die Königin blieb allein; man sah die andere Dame ihren Gang gegen ein Ziel beschleunigen, das Charny noch nicht errieth. Die Königin, welche mit ihrem kleinen Fuß auf den Sand klopfte, lehnte sich an einen Baum an und hüllte sich so in ihre Mantille, daß sie sogar den Kopf mit der Caputze bedeckte, welche einen Augenblick zuvor in weiten seidenen Falten auf ihren Schultern wogte.

Als Charny sie allein und so träumerisch sah, machte er einen Sprung, als wollte er ihr zu Füßen fallen.

Doch er überlegte, daß wenigstens dreißig Schritte ihn von ihr trennten, daß sie ihn, ehe er diese dreißig Schritte zurückgelegt, sehen und, wenn sie ihn nicht erkannte, Angst bekommen, daß sie schreien oder entfliehen würde, daß ihr Geschrei zuerst ihre Gefährtin und dann einige Wachen herbeiziehen müßte; daß man den Park durchsuchen, mindestens den Indiscreten, vielleicht aber auch den Zufluchtsort entdecken würde, und daß es dann um das Geheimniß, um das Glück und die Liebe geschehen wäre.

Er wußte sich zurückzuhalten und that wohl daran. Denn kaum hatte er diesen unwiderstehlichen Ausbruch bewältigt, als die Gefährtin der Königin wiedererschien und nicht allein zurückkam.

Charny sah zwei Schritte hinter ihr einen Mann von schöner Gestalt, begraben unter einem breiten Hut, verloren unter einem weiten Mantel, gehen.

Dieser Mann, der Herrn von Charny vor Haß und Eifersucht zittern machte, schritt nicht wie ein Triumphator einher. Er schwankte, schleppte den Fuß mit Zögern und schien tappend in der Nacht zu gehen, als hätte er nicht die Gefährtin der Königin zur Führerin und die Königin selbst, weiß und aufrecht unter ihrem Baume stehend, zum Ziel gehabt.

Sobald er Marie Antoinette erblickte, wurde das Zittern das Charny an ihm bemerkt hatte, nur noch stärker. Der Unbekannte zog seinen Hut ab und fegte damit gleichsam den Boden. Er schritt weiter. Charny sah ihn in den dichten Schatten eintreten; er verbeugte sich tief und zu wiederholten Malen.

Charny's Staunen hatte sich indessen in starre Verwunderung verwandelt. Von der Verwunderung sollte er bald zu einer andern Gemüthsbewegung übergehen. Was wollte die Königin im Park zu einer so vorgerückten Stunde? Was wollte dieser Mann? Warum hatte er verborgen gewartet? Warum hatte ihn die Königin durch ihre Begleiterin holen lassen, statt selbst zu ihm zu gehen?

Charny hätte beinahe den Kopf verloren. Er erinnerte sich indessen, daß sich die Königin mit geheimnißvoller Politik beschäftigte, daß sie oft Intriguen mit den deutschen Höfen anknüpfte, Verbindungen, auf welche der König eifersüchtig war und die er streng verbot.

Vielleicht war dieser mysteriöse Cavalier ein Curier aus Berlin oder Schönbrunn, ein adeliger Herr, der eine geheime Botschaft überbrachte, eine jener deutschen Figuren, wie Ludwig XVI keine mehr in Versailles sehen wollte, seitdem der Kaiser Joseph II. sich erlaubt hatte, in Frankreich einen Cursus der Philosophie und der kritischen Politik zum Nutzen seines Schwagers, des allerchristlichsten Königs, zu halten.

Der Eisbinde ähnlich, welche der Arzt auf eine vom Fieber glühende Stirne legt, erquickte diese Idee Olivier, den armen Olivier, gab ihm den Verstand wieder und beschwichtigte das Delirium seines ersten Zornes. Die Königin beobachtete übrigens eine Haltung voll Anstand und sogar voll Würde.

Drei Schritte entfernt stehend, unruhig, aufmerksam, lauernd, wie die Freundinnen oder die Duennen bei Watteau'schen parties carrées, störte die Begleiterin durch ihre diensteifrige Angst Herrn von Charny in seinem ganz keuschen Visiren. Doch es ist ebenso gefährlich, bei politischen Rendezvous ertappt zu werden, als es beschämend ist, bei Liebesrendezvous ertappt zu werden. Und nichts gleicht mehr einem Verliebten, als ein Verschwörer. Beide haben denselben Mantel, dieselbe Empfindlichkeit des Ohrs, dieselbe Unsicherheit der Beine.

Charny hatte nicht viel Zeit, diesen Betrachtungen nachzuhängen. Die Begleiterin verließ ihre Stellung und durchbrach das Gespräch. Der Cavalier machte eine Bewegung, als wollte er sich niederwerfen; er erhielt ohne Zweifel seinen Abschied nach der Audienz.

Charny versteckte sich hinter einem dicken Baum. Sicherlich mußte die Gruppe, indem sie sich trennte, theilweise an ihm vorüberkommen. Seinen Athem zurückhalten, die Gnomen und Sylphen bitten, daß sie alle Echos der Erde und des Himmels unterdrücken möchten, dieß war das Einzige, was ihm zu thun übrig blieb.

In diesem Augenblick glaubte er einen Gegenstand von heller Nuance an der königlichen Mantille hinabgleiten zu sehen; der Cavalier verbeugte sich lebhaft bis zum Grase, erhob sich dann wieder mit einer ehrfurchtsvollen Bewegung und entfloh, denn die Geschwindigkeit seines Abgangs ließ sich unmöglich anders bezeichnen.

Doch er wurde in seinem Laufe von der Begleiterin der Königin aufgehalten, die ihn mit einem kurzen Schrei zurückrief und ihm, als er angehalten hatte, mit halber Stimme das Wort zuwarf:

»Warten Sie!«

Es war ein sehr gehorsamer Kavalier, denn er blieb auf der Stelle stehen und wartete.

Charny sah nun die zwei Frauen, Arm in Arm, zwei Schritte von seinem Verstecke vorübergehen; die durch den Rock der Königin bewegte Luft machte die Pflanzenstiele des Rasens beinahe unter Charny's Händen wogen.

Er fühlte den Wohlgeruch, den er bei der Königin anzubeten gewohnt war: Eisenkraut und Reseda vermischt – eine doppelte Trunkenheit für seine Sinne und seine Erinnerung.

Die Frauen gingen vorüber und verschwanden.

Dann, nach einigen Minuten, kam der Unbekannte, um den sich der junge Mann während des ganzen Ganges der Königin bis zur Thüre nicht mehr bekümmert hatte: er küßte mit Leidenschaft, mit Wahnsinn eine ganz frische, balsamische Rose, welche sicherlich diejenige war, deren Schönheit Charny bemerkt hatte, als die Königin in den Park eintrat, und die er so eben den Händen seiner Fürstin hatte entfallen sehen.

Eine Rose, ein Kuß auf diese Rose! Handelte es sich um Botschaft und Staatsgeheimnisse?

Charny wäre beinahe von Sinnen gekommen. Er war im Begriff, auf diesen Menschen loszustürzen und ihm die Blume zu entreißen, als die Begleiterin der Königin wiedererschien und dem Unbekannten zurief:

»Kommen Sie, Monseigneur.«

Charny glaubte, ein Prinz von Geblüt sei gegenwärtig, und lehnte sich an einen Baum, um nicht halb todt auf den Rasen zu sinken.

Der Unbekannte eilte auf die Seite, woher die Stimme kam, und verschwand mit der Dame.

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