Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
Schließen

Navigation:

LXIII.

Die zwei Nachbarinnen.

Von dem Augenblick an, wo die Frauen sich gesehen hatten, stellte sich Oliva, schon bezaubert durch die Anmuth ihrer Nachbarin, nicht mehr, als verachte sie dieselbe, und indem sie sich vorsichtig unter ihren Blumen umwandte, erwiderte sie mit einem Lächeln jedes Lächeln, das man an sie richtete.

Cagliostro hatte bei seinem Besuch nicht unterlassen, ihr die größte Umsicht zu empfehlen.

»Besonders halten Sie nicht zur Nachbarschaft,« hatte er gesagt.

Dieses Wort war wie ein böser Hagel auf das Haupt Oliva's gefallen, die sich bereits mit den Geberden und Grüßen der Nachbarin beschäftigte.

Nicht zur Nachbarschaft halten hieß den Rücken dieser reizenden Frau zuwenden, deren Augen so glänzend und so sanft waren, bei der jede Bewegung eine Verführung enthielt; es hieß auf einen telegraphischen Notenwechsel über den Regen und das schöne Wetter verzichten, es hieß mit einer Freundin brechen. Denn die Einbildungskraft Oliva's lief dergestalt, daß Jeanne bereits ein interessanter und theurer Gegenstand für sie war.

Die Duckmäuserin antwortete ihrem Beschützer, sie würde sich wohl hüten, ihm ungehorsam zu sein, und nichts unternehmen, um mit der Nachbarschaft in Verbindung zu treten. Doch er war nicht so bald weggegangen, als sie sich so auf dem Balcon einrichtete, daß sie die ganze Aufmerksamkeit ihrer Nachbarin in Anspruch nahm.

Dieser, man kann es wohl glauben, war nichts lieber; denn die ersten Avancen, die man ihr machte, erwiderte sie mit Grüßen und mit Kußhänden.

Oliva entsprach nach besten Kräften diesen liebenswürdigen Zuvorkommenheiten; sie bemerkte, daß die Unbekannte das Fenster nicht mehr verließ, und daß sie, immer aufmerksam, um entweder ein Lebewohl zu senden, wenn sie wegging, oder einen guten Morgen, wenn sie zurückkam, alle ihre Liebesfähigkeiten auf den Balcon Oliva's concentrirt zu haben schien.

Auf einen solchen Zustand der Dinge mußte rasch ein Annäherungsversuch folgen.

Man vernehme, was geschah.

Als Cagliostro zwei Tage nachher zu Oliva kam, beklagte er sich über einen Besuch, der im Hotel von einer unbekannten Person gemacht worden sei.

»Wie so?« fragte Oliva, ein wenig erröthend.

»Ja,« erwiderte der Graf, »eine sehr hübsche, junge, elegante Dame ist erschienen und hat mit einem Bedienten gesprochen, den sie durch ihr beharrliches Läuten herbeigezogen. Sie fragte diesen Menschen, wer die junge Person sein möchte, die den Pavillon des dritten Stockes, Ihre Wohnung, meine Theure, inne hätte. Diese Frau bezeichnete sicherlich Sie. Sie wollte Sie sehen. Sie kennt Sie also; sie hat Absichten auf Sie; Sie sind also entdeckt. Nehmen Sie sich in Acht, die Policei hat weibliche Spione, wie männliche Agenten, und ich sage Ihnen zum Voraus, daß ich es Herrn von Crosne nicht abschlagen kann, Sie herauszugeben, wenn er Sie von mir fordert.«

Statt zu erschrecken, erkannte Oliva schnell das Bild ihrer Nachbarin, sie wußte ihr unendlich Dank für ihre Zuvorkommenheit, und entschlossen, ihr dieß durch alle in ihrer Gewalt stehenden Mittel zu beweisen, verstellte sie sich vor dem Grafen.

»Sie zittern nicht?« sagte Cagliostro.

»Niemand hat mich gesehen,« erwiderte Nicole.

»Also wollte man nicht Sie besuchen?«

»Ich denke nicht.«

»Doch um zu errathen, daß eine Frau in diesem Pavillon ... Ah! nehmen Sie sich in Acht, nehmen Sie sich in Acht.«

»Ei! Herr Graf,« entgegnete Oliva, »wie könnte ich fürchten? Hat man mich gesehen, was ich nicht glaube, so wird man mich nicht mehr sehen, und wenn man mich sähe, so wäre es von fern, denn nicht wahr, das Haus ist undurchdringlich?«

»Undurchdringlich, ganz richtig,« erwiderte der Graf, »denn wenn man nicht die Mauern erklettert, was nicht sehr bequem ist, oder die Eingangsthüre mit einem Schlüssel, wie der meinige, öffnet, was nicht leicht ist, insofern ich ihn nicht von mir lasse ...«

Bei diesen Worten zeigte er den Schlüssel, der ihm zum Eintritt durch die hintere Thüre diente.

»Da ich aber,« fuhr er fort, »da ich kein Interesse dabei habe, Sie in's Verderben zu stürzen, so werde ich den Schlüssel Niemand leihen, und da Ihnen kein Vortheil daraus erwüchse, wenn Sie Herrn von Crosne in die Hände fielen, so werden Sie Ihre Mauern nicht erklettern lassen. Sie sind also gewarnt, mein liebes Kind, richten Sie Ihre Sache so ein, wie es Ihnen beliebt.«

Oliva ergoß sich in Betheurungen aller Art und beeilte sich, den Grafen zur Thüre hinauszubringen, was ihr nicht schwer wurde, da er nicht auf längerem Bleiben bestand.

Am andern Morgen war sie von sechs Uhr an auf dem Balcon; sie athmete die reine Luft der benachbarten Hügel ein und schoß neugierige Blicke nach den geschlossenen Fenstern ihrer artigen Freundin.

Diese, die gewöhnlich erst gegen elf Uhr erwachte, zeigte sich, sobald Oliva erschien. Es war sogar, als lauerte sie hinter den Vorhängen auf die Gelegenheit, sich sehen zu lassen.

Die zwei Frauen grüßten sich, und Jeanne legte sich vor ihr Fenster hinaus und schaute nach allen Seiten, ob sie Jemand hören könnte.

Niemand erschien. Nicht nur die Straße, sondern auch die Fenster der Häuser waren verlassen.

Sie hielt nun ihre beiden Hände in Form eines Sprachrohrs vor ihren Mund und sagte mit einer vibrirenden und getragenen Betonung, welche kein Schreien ist, aber weiter geht, als der Schall der Stimme, zu Oliva:

»Ich wollte Sie besuchen, Madame.«

»St!« machte Oliva, indem sie erschrocken zurückwich.

Und sie legte einen Finger auf ihre Lippen.

Jeanne tauchte ihrerseits hinter ihre Vorhänge, im Glauben, es sei eine indiscrete Person zugegen; doch sogleich erschien sie wieder, beruhigt durch Nicole's Lächeln.

»Man kann Sie also nicht besuchen?« fragte sie.

»Leider nein!« antwortete Oliva mit der Geberde.

»Warten Sie,« sagte Jeanne. »Kann man Briefe an Sie richten?«

»Oh! nein,« rief Oliva erschrocken.

Jeanne dachte einige Augenblicke nach.

Oliva, um ihr für ihre zarte Theilnahme zu danken, sandte ihr einen reizenden Kuß zu, den Jeanne doppelt zurückgab, worauf sie ihr Fenster schloß und ausging.

Oliva sagte sich, ihre Freundin habe ein neues Mittel gefunden, das Schaffen ihrer Einbildungskraft habe sich in ihrem letzten Blicke geoffenbart.

Jeanne kehrte in der That nach zwei Stunden zurück; die Sonne strahlte in ihrer ganzen Kraft; das Pflaster der Straße glühte wie der Sand Spaniens während des Fuego.

Oliva sah ihre Nachbarin an ihrem Fenster mit einer Armbrust erscheinen. Jeanne bedeutete ihr lachend durch ein Zeichen, sie möge auf die Seite treten.

Oliva gehorchte wie ihre Gefährtin lachend, und flüchtete sich hinter ihren Laden.

Jeanne zielte sorgfältig und schoß eine kleine bleierne Kugel ab, welche leider, statt über den Balcon zu fliegen, an einer der eisernen Stangen anprallte und auf die Straße fiel.

Oliva stieß einen Schrei des Verdrusses aus. Jeanne zuckte zornig die Achseln, suchte einen Moment ihr Wurfgeschoß auf der Straße und verschwand dann auf einige Minuten.

Oliva schaute, vorgebeugt, vom Balcon hinab; eine Art von Lumpensammler ging rechts und links suchend vorüber: sah er die Kugel in der Gosse oder sah er sie nicht? Oliva wußte es nicht; sie verbarg sich, um selbst nicht gesehen zu werden.

Jeanne's zweiter Versuch war glücklicher.

Ihre Armbrust schleuderte getreu über den Balcon in Nicole's Zimmer eine zweite Kugel, um welche ein in folgenden Worten abgefaßtes Billet gewickelt war:

»Sie interessiren mich, schönste Dame. Ich finde Sie reizend und liebe Sie schon vom bloßen Sehen. Sie sind also eine Gefangene? Wissen Sie, daß ich einen vergeblichen Versuch gemacht habe Sie zu besuchen? Wird der Zauberer, der Sie mit scharfen Augen bewacht, je mich Ihnen nähern lassen, damit ich Ihnen sagen kann, welche Sympathie ich für ein armes Opfer der Männertyrannei empfinde?

»Ich habe, wie Sie, die Einbildungskraft, um meinen Freundschaften zu dienen. Wollen Sie meine Freundin sein? Es scheint, Sie können nicht ausgehen; doch Sie können ohne Zweifel schreiben, und da ich ausgehe, wann ich will, warten Sie, bis ich unter Ihrem Balcon vorüberkomme, und werfen Sie mir Ihre Antwort zu.

»Würde das Spiel mit der Armbrust gefährlich und man entdeckte es, so wählen wir ein Mittel, leichter zu correspondiren. Lassen Sie von Ihrem Balcon in der Abenddämmerung einen Knäuel Bindfaden herabhängen; befestigen Sie Ihr Billet daran, ich werde dann das meinige daran knüpfen, das Sie hinaufziehen können, ohne gesehen zu werden.

»Bedenken Sie, daß ich, wenn Ihre Augen keine Lügner sind, ein wenig auf die Zuneigung zähle, die Sie mir eingeflößt haben, und daß wir Beide das Weltall besiegen werden, Ihre Freundin.«

»P.S. Haben Sie Jemand mein erstes Billet aufheben sehen?«

Jeanne unterzeichnete nicht; sie hatte sogar ihre Handschrift gänzlich verstellt.

Oliva bebte vor Freude, als sie dieses Billet erhielt. Sie antwortete mit folgenden Zeilen:

»Ich liebe Sie, wie Sie mich lieben. Ich bin in der That ein Opfer der Männerbosheit. Doch derjenige, welcher mich hier zurückhält, ist ein Beschützer und kein Tyrann. Er besucht mich insgeheim einmal des Tags. Ich erkläre Ihnen dieß Alles später. Das Heraufziehen des Billets am Ende eines Fadens ist mir lieber, als die Armbrust.«

»Ach! nein, ich kann nicht ausgehen; ich bin unter Schloß und Riegel, doch das ist zu meinem Besten. Oh! wie viele Dinge hätte ich Ihnen zu sagen, wäre ich je so glücklich, mit Ihnen zu plaudern! Es gibt so viele Einzelnheiten, die man nicht schreiben kann.«

»Ihr erstes Billet ist von Niemand aufgehoben worden außer vielleicht von einem schmutzigen Lumpensammler, der vorüberging, doch solche Leute können nicht lesen, und für sie ist Blei Blei«

Ihre Freundin
Oliva Legay

Oliva unterzeichnete unbedenklich.

Sie machte der Gräfin das Zeichen des Abwickelns eines Fadens. Sie wartete dann bis der Abend kam, und ließ den Knäuel auf die Straße hinabrollen.

Jeanne war unter dem Balcon, ergriff den Faden und nahm das Billet ab, lauter Bewegungen, welche ihre Correspondentin an dem Faden, der als Leiter diente, bemerkte; dann kehrte sie in ihr Haus zurück, um zu lesen.

Nach einer halben Stunde knüpfte sie an die beglückende Schnur ein Billet folgenden Inhalts:

»Man thut Alles, was man will ... Sie werden nicht unablässig bewacht, da ich Sie immer allein sehe ... Sie müssen also alle Freiheit haben, die Leute zu empfangen, oder vielmehr selbst auszugehen. Wie wird Ihr Haus geschlossen? mit einem Schlüssel? Wer hat diesen Schlüssel? nicht wahr, der Mann, der Sie besucht? Bewacht er diesen Schlüssel so hartnäckig, daß Sie ihn nicht entwenden oder einen Abdruck davon nehmen können? ... Es handelt sich nicht darum, Böses zu thun, sondern Ihnen einige Stunden der Freiheit, süße Spaziergänge am Arm einer Freundin zu verschaffen, die Sie über all Ihr Unglück trösten und Ihnen mehr geben wird, als Sie verloren haben. Es handelt sich sogar, wenn Sie durchaus wollen, um vollständige Freiheit. Wir wollen diesen Gegenstand bei der ersten Zusammenkunft, die wir haben werden, in allen seinen Einzelnheiten verhandeln.«

Oliva verschlang dieses Billet. Sie fühlte das Fieber der Unabhängigkeit zu ihrer Wange, die Wollust der verbotenen Frucht zu ihrem Herzen emporsteigen.

Sie hatte bemerkt, daß der Graf, so oft er zu ihr eintrat, wobei er ihr bald ein Buch, bald einen Juwel brachte, seine Blendlaterne auf ein Arbeitstischen stellte und seinen Schlüssel auf die Laterne legte.

Sie hielt zum Voraus ein Stück geknetetes Wachs bereit, womit sie den Abdruck seines Schlüssels bei dem ersten Besuche Cagliostro's nahm.

Dieser wandte nicht ein einziges Mal den Kopf um; während sie diese Operation bewerkstelligte, schaute er auf dem Balcon die neu erschlossenen Blumen an. Oliva konnte also ohne Bangen ihr Vorhaben durchführen.

Als der Graf weggegangen war, ließ Oliva in einer Schachtel den Abdruck des Schlüssels hinab, den Jeanne mit einem kleinen Billet empfing.

Und schon am andern Tag gegen Mittag schleuderte die Armbrust, ein außerordentlich rasches Beförderungsmittel, das gegen die Korrespondenz mit dem Faden dasselbe war, was der Telegraph gegen den berittenen Curier ist, schleuderte, sagen wir, die Armbrust ein also abgefaßtes Billet:

»Meine Theuerste, heute Abend um elf Uhr, wenn der Graf weggegangen sein wird, kommen Sie herab; Sie ziehen die Riegel zurück und befinden sich in den Armen derjenigen, welche sich nennt Ihre zärtliche Freundin.«

Oliva bebte vor Freude stärker, als sie es je bei Gilberts zärtlichsten Billeten im Frühling der ersten Liebe und der ersten Rendezvous gethan.

Sie ging um elf Uhr hinab, ohne daß sie irgend einen Argwohn bei dem Grafen bemerkt hatte. Sie fand unten Jeanne, die sie zärtlich in die Arme schloß, in einen auf dem Boulevard stehenden Wagen steigen ließ, und ganz betäubt, ganz bebend, ganz berauscht, machte sie mit ihrer Freundin eine Spazierfahrt von zwei Stunden, während welcher Geheimnisse, Küsse, Entwürfe für die Zukunft ohne Unterlaß zwischen den zwei Gefährtinnen ausgetauscht wurden.

Jeanne rieth zuerst Oliva, nach Hause zurückzukehren, um keinen Verdacht bei ihrem Beschützer zu erregen. Sie hatte erfahren, daß dieser Beschützer Cagliostro war. Sie fürchtete den erhabenen Geist dieses Mannes und sah nur im tiefsten Geheimniß Sicherheit für ihre Pläne.

Oliva hatte sich ohne Rückhalt erschlossen; Beausire, die Policei, sie hatte Alles gestanden.

Jeanne gab sich für ein Fräulein aus, das ohne Wissen seiner Familie mit einem Geliebten lebe.

Die Eine wußte Alles, die Andere wußte gar nichts; so war die beschworene Freundschaft zwischen diesen zwei Frauen beschaffen.

Von diesem Tage an hatten sie weder die Armbrust, noch den Faden mehr nöthig. Jeanne hatte ihren Schlüssel. Sie ließ Oliva nach ihrer Laune herabkommen.

Ein feines Abendbrod, eine geheime Spazierfahrt waren die Köder, an denen sich Oliva immer fangen ließ.

»Entdeckt Herr von Cagliostro nichts?« fragte Jeanne zuweilen ängstlich.

»Er! wahrhaftig, wenn ich es ihm sagte, er würde es mir nicht glauben wollen,« erwiderte Oliva.

Acht Tage machten aus diesen nächtlichen Entweichungen eine Gewohnheit, ein Bedürfniß und mehr noch, ein Vergnügen. Nach Verlauf von acht Tagen fand sich der Name von Jeanne noch viel öfter auf Oliva's Lippen, als je die Namen Gilbert und Beausire.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.