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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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XCVI.

Die Hochzeit.

Am Tage dieser Execution, gegen Mittag, kam der König aus seinem Cabinet in Versailles, und man sah ihn Herrn von Provence mit den hart ausgesprochenen Worte entlassen:

»Mein Herr, ich wohne heute einer Hochzeitmesse bei. Sprechen Sie mir nicht von Ehe und schlechter Ehe; das wäre ein schlimmes Vorzeichen für die Verlobten, die ich liebe und beschützen werde.«

Der Graf von Provence faltete lächelnd die Stirne, verbeugte sich tief vor seinem Bruder und kehrte in seine Gemächer zurück.

Seinen Weg mitten unter den in den Gallerien zerstreuten Höflingen verfolgend, lächelte der König dem Einen zu und schaute den Andern stolz an, je nachdem er sie in der Angelegenheit, worin das Parlament sein Urtheil gefällt, ihm günstig oder ungünstig gesehen hatte.

Er kam bis in den viereckigen Salon, in welchem die Königin ganz geschmückt im Kreise ihrer Ehrendamen und ihrer Edelleute verweilte.

Bleich unter ihrer Schminke, hörte Marie Antoniette mit einer geheuchelten Aufmerksamkeit auf die freundlichen Fragen, welche Frau von Lamballe und Frau von Calonne über ihre Gesundheit an sie richteten.

Doch oft schaute sie verstohlen nach der Thüre, suchend wie eine Frau, die vor Verlangen zu sehen brennt, und sich abwendend, wie eine, die gesehen zu haben zittert.

»Der König!« lief einer der Huissiers. Und in einer Woge von Spitzen, Stickereien und Licht sah sie Ludwig XVI. eintreten, dessen erster Blick von der Schwelle des Salons aus auf sie gerichtet war.

Die Königin stand auf und machte drei Schritte gegen den König, der ihr liebreich die Hand küßte.

»Sie sind heute schön, Madame, wunderschön,« sagte er.

Sie lächelte traurig und suchte noch einmal mit irrem Auge unter der Menge den unbekannten Punkt, von dem wir gesagt, sie suche ihn.

»Unsere jungen Verlobten sind nicht da?« fragte der König. »Mir scheint, die Mittagsstunde wird sogleich schlagen.«

»Sire,« erwiderte die Königin mit einer so heftigen Anstrengung, daß ihre Schminke aufsprang und stellenweise abfiel »Herr von Charny ist allein angekommen; er wartet in der Gallerie, bis Eure Majestät ihm einzutreten befiehlt.«

»Charny!« rief der König, ohne das ausdrucksvolle Stillschweigen zu bemerken, das auf die Worte der Königin gefolgt war, »Charny ist da? er komme! er komme!«

Einige Edelleute machten sich von der Gruppe los, um Herrn von Charny entgegenzugehen.

Die Königin drückte ihre Finger nervig an ihr Herz und setzte sich wieder, der Thüre den Rücken zuwendend.

»Es ist wahrhaftig Mittag,« wiederholte der König, »die Braut müßte da sein.«

Als der König dieß sagte, erschien Charny am Eingang des Salons; er hörte die letzten Worte des Königs und erwiderte sogleich:

»Eure Majestät wolle die unwillkürliche Zögerung von Fräulein von Taverney entschuldigen; seit dem Tode ihres Vaters hat sie das Bett nicht verlassen. Heute steht sie zum ersten Mal auf, und sie hätte schon den Befehlen des Königs entsprochen, wäre sie nicht von einer Ohnmacht befallen worden.«

»Die Theure liebte ihren Vater so sehr,« sprach der König laut; »doch da sie einen guten Gatten findet, so dürfen wir hoffen, daß sie sich trösten wird.«

Die Königin horchte, oder hörte vielmehr, ohne eine Bewegung zu machen. Jeder, der ihr mit den Augen gefolgt wäre, so lange Charny sprach, hätte sehen können, wie ihr Blut, gleich einem sich senkenden Niveau, von ihrer Stirne in ihr Herz sich zurückzog.

Als der König wahrnahm, wie der herbeiströmende Adel und die Geistlichkeit den Salon füllten, erhob er plötzlich das Haupt und sprach:

»Herr von Breteuil, haben Sie den Verbannungsbefehl für Cagliostro ausgefertigt?«

»Ja, Sire,« erwiderte demüthig der Minister.

Der Athem eines schlafenden Vogels hätte die Stille der Versammlung gestört.

»Und diese La Mothe, welche sich von Valois nennt,« fuhr der König mit starker Stimme fort, »hat man sie gebrandmarkt?«

»In diesem Augenblick muß es geschehen sein,« erwiderte der Siegelbewahrer.

Das Auge der Königin funkelte. Ein billigendes Gemurmel durchkreiste den Saal.

»Es wird den Herrn Cardinal ärgern, wenn er erfährt, daß man seine Genossin gebrandmarkt hat,« sprach Ludwig XVI. mit einer zähen Strenge, die man vor dieser Angelegenheit nie an ihm wahrgenommen hatte.

Und nach diesem Worte Genossin, gegen einen Angeklagten gebraucht, den das Parlament freigesprochen, nach diesem Worte, welches den Götzen der Pariser brandmarkte, nach diesem Worte, das einen der ersten Kirchenfürsten, einen der ersten französischen Prinzen als Dieb und Fälscher verdammte, ließ der König, als hätte er der Geistlichkeit, dem Adel, den Parlamenten, dem Volke eine feierliche Herausforderung zugesandt, um die Ehre seiner Frau zu behaupten, ein Auge umherlaufen, flammend von jenem Zorn und jener Majestät, wie Niemand in Frankeich sie empfunden, seitdem die Augen Ludwigs XIV. sich zum ewigen Schlummer geschlossen hatten.

Kein Gemurmel, kein Wort der Beipflichtung wurde dieser Rache zu Theil, die der König an Allen nahm, welche zur Entehrung der Monarchie conspirirt hatten. Dann näherte er sich der Königin, und diese reichte ihm ihre beiden Hände mit dem Erguß tiefer Dankbarkeit.

In demselben Augenblick erschienen am Ende der Gallerie Fräulein von Taverney, weiß von Gewändern, wie eine Braut, weiß von Angesicht, wie ein Gespenst, und Philipp von Taverney, der ihr seine Hand gab.

Andrée kam mit raschen Schritten, unruhigen Blicken, keuchendem Busen herbei: sie sah und hörte nicht; die Hand ihres Bruders verlieh ihr die Stärke, den Muth und gab ihr die Richtung.

Die Menge der Höflinge lächelte, als die Braut vorüberkam. Alle Frauen nahmen Platz hinter der Königin, alle Männer stellten sich hinter den König.

Der Bailli von Suffren, der Olivier von Charny an der Hand hielt, kam Andrée und ihrem Bruder entgegen, begrüßte sie und vermischte sich dann mit der Gruppe der Freunde und Verwandten.

Philipp schritt weiter, ohne daß sein Auge dem von Olivier begegnet war, ohne daß der Druck seiner Finger Andrée benachrichtigt hatte, daß sie ihren Kopf erheben müsse.

Als er vor den König gelangt war, drückte er seiner Schwester die Hand, und diese öffnete, wie eine galvanisirte Todte, ihre großen Augen und sah Ludwig XVI., der ihr voll Güte zulächelte.

Sie verbeugte sich unter dem allgemeinen Gemurmel der Anwesenden, welche ihrer Schönheit Beifall spendeten.

»Mein Fräulein,« sprach der König, indem er sie bei der Hand nahm, »Sie mußten das Ende Ihrer Trauer abwarten, um Herrn von Charny zu heirathen; hätte ich Sie nicht ersucht, die Heirath zu beschleunigen, würde Ihnen Ihr zukünftiger Gatte, trotz seiner Ungeduld, vielleicht noch einen Monat Aufschub gestattet haben; doch Sie leiden, wie ich höre, und das ist mir sehr leid; aber ich muß mir das Glück guter Edelleute sichern, die mir dienen wie Herr von Charny; hätten Sie ihn nicht heute geheirathet, so wohnte ich Ihrer Hochzeit nicht bei, da ich morgen mit der Königin eine Reise durch Frankreich antrete. So aber werde ich das Vergnügen haben, Ihren Heirathsvertrag heute zu unterzeichnen und Sie in meiner Capelle getraut zu sehen. Begrüßen Sie die Königin, mein Fräulein, und danken Sie ihr, denn Ihre Majestät ist sehr gut gegen Sie.«

Zu gleicher Zeit führte er selbst Andrée zu Marie Antoinette.

Diese hatte sich erhoben; ihre Kniee zitterten, ihre Hände waren eiskalt. Sie wagte es nicht, die Augen aufzuschlagen, und sah nur etwas Weißes, was sich ihr näherte und sich vor ihr verneigte.

Das war das Hochzeitkleid Andrée's.

Der König gab sogleich die Hand der Braut Philipp zurück, reichte die seinige Marie Antoinette und sprach mit lauter Stimme:

»In die Capelle, meine Herren!«

Diese ganze Menge ging stillschweigend hinter Ihren Majestäten, um ihre Plätze zu nehmen.

Die Messe begann alsbald. Die Königin hörte sie, auf ihr Betpult gebeugt, den Kopf in ihren Händen begraben, an. Sie betete mit ihrer ganzen Seele, mit allen ihren Kräften; sie sandte zum Himmel so glühende Gelübde empor, daß der Hauch ihrer Lippen die Spuren ihrer Thränen verzehrte.

Bleich und schön, die Last aller Blicke auf sich fühlend, war Herr von Charny ruhig und muthig, wie er es an seinem Bord gewesen, inmitten der Flammenwirbel und Orkane der englischen Geschütze.

Das Auge auf seine Schwester geheftet, die er beben und wanken sah, schien Philipp bereit, dieser den Beistand eines Wortes, einer Geberde des Trostes oder der Freundschaft zu leisten.

Doch Andrée verleugnete sich nicht; sie blieb, den Kopf erhoben, jede Minute an ihrem Fläschchen mit Salzen riechend, sterbend und schwankend wie die Flamme einer Wachskerze, aber aufrecht und beharrlich lebend durch die Stärke ihres Willens.

Sie richtete keine Gebete an den Himmel, sie that keine Gelübde für die Zukunft, sie hatte nichts zu hoffen, nichts zu fürchten; sie war nichts für die Menschen, nichts für Gott.

Als der Priester sprach, als die Glocke ertönte, als um sie her das göttliche Mysterium in Erfüllung ging, da sagte sie zu sich selbst:

»Bin ich auch eine Christin? Bin ich ein Wesen wie die anderen, ein Geschöpf den anderen ähnlich? Hast Du mich für das Mitleid gemacht. Du, den man den erhabenen, unumschränkten Gott, den Gebieter aller Dinge nennt? Du, den man vorzugsweise gerecht nennt, und der Du mich immer bestraft hast, ohne daß ich je gesündigt? Du, den man den Gott des Friedens und der Liebe nennt, und dem ich es verdanke, daß ich in der Bangigkeit, im Zorn, in der blutigen Rache lebe? Du, dem ich es verdanke, daß ich den einzigen Mann, den ich geliebt hatte, zum tödtlichsten Feind habe?

»Nein,« fuhr sie fort, »nein, die Dinge dieser Welt und die Gesetze Gottes gehen mich nichts an. Ohne Zweifel bin ich schon vor meiner Geburt verflucht gewesen und nach derselben außer das Gesetz gestellt worden.«

Dann zu ihrer schmerzlichen Vergangenheit zurückkehrend murmelte sie:

»Seltsam! seltsam! Es ist hier in meiner Nähe ein Mann, dessen Name, wenn er nur ausgesprochen wurde, mich vor Glück sterben machte. Hätte mich dieser Mann um meiner selbst willen verlangt, ich wäre genöthigt gewesen, mich zu seinen Füßen zu wälzen und ihn wegen meines Fehlers von Einst, wegen Deines Fehlers, mein Gott, um Verzeihung zu bitten! Und der Mann, den ich anbetete, würde mich vielleicht zurückgestoßen haben. Heute heirathet mich dieser Mann, und er wird mich auf beiden Knieen um Verzeihung bitten. Seltsam! oh! ja, sehr seltsam!«

In diesem Augenblick traf die Stimme des Priesters an ihr Ohr. Sie sprach:

»Jacques Olivier von Charny, nehmen Sie Marie Andrée von Taverney zur Gattin?«

»Ja,« antwortete mit fester Stimme Olivier.

»Und Sie, Marie Andrée von Taverney, nehmen Sie Jacques Olivier von Charny zum Gatten?«

»Ja,« antwortete Andrée mit einer beinahe wilden Betonung, welche die Königin schaudern und mehr als eine Frau in der Versammlung beben machte.

Dann steckte Charny den goldenen Ring an den Finger seiner Frau, und dieser Ring glitt daran zurück, ohne daß Andrée die Hand, die ihr denselben bot, gefühlt hatte.

Bald stand der König auf. Die Messe war beendigt. Alle Höflinge begrüßten in der Gallerie das neue Ehepaar.

Herr von Suffren nahm, als er zurückkehrte, die Hand seiner Nichte und versprach ihr im Namen Oliviers alles Glück, das sie verdiente.

Andrée dankte dem Bailli, ohne sich einen Augenblick zu entrunzeln, und bat nur ihren Oheim, sie rasch zum König zu führen, um ihm danken zu können, denn sie fühlte sich schwach.

Zu gleicher Zeit überströmte eine furchtbare Blässe ihr Gesicht.

Der Bailli durchschritt den großen Salon und führte Andrée zum König. Dieser küßte sie auf die Stirne und sprach:

»Frau Gräfin, gehen Sie zur Königin; Ihre Majestät will Ihnen Ihr Hochzeitgeschenk geben.«

Nach diesen Worten, die er für äußerst liebreich hielt, zog sich der König, gefolgt vom ganzen Hofe, zurück und ließ die Neuvermählte verwirrt, in Verzweiflung, am Arm Philipps.

»Oh!« murmelte sie, »das ist zu viel, das ist zu viel, Philipp! Mir schien doch, ich habe genug erduldet.«

»Muth,« sagte Philipp leise, »noch diese Prüfung, meine Schwester.«

»Nein, nein!« erwiderte Andrée, »ich vermag es nicht. Die Kräfte eines Weibes sind begrenzt; vielleicht werde ich thun, was man von mir verlangt; doch bedenke, Philipp, wenn sie mit mir spricht, wenn sie mich beglückwünscht, so werde ich sterben.«

»Du wirst sterben, wenn es sein muß, meine theure Schwester,« sagte bei junge Mann, »und dann wirst Du glücklicher sein als ich, denn wie gern wäre ich todt!«

Er sprach diese Worte mit einem so düstern und so schmerzlichen Ausdruck, daß Andrée, als würde sie von einem Stachel zerrissen, vorwärts stürzte und zur Königin drang.

Olivier sah sie vorübergehen; er trat an die Wand zurück, um nicht ihr Kleid zu streifen.

Er blieb allein im Salon mit Philipp, neigte das Haupt, wie sein Schwager, und erwartete den Ausgang der Unterredung, welche die Königin mit Andrée haben sollte.

Diese fand Marie Antoinette in ihrem großen Cabinet. Trotz der Jahreszeit, im Monat Juni, hatte sich die Königin Feuer anzünden lassen; sie saß in ihrem Lehnstuhl, den Kopf zurückgeworfen, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet wie eine Todte.

Sie bebte vor Kälte.

Frau von Misery, welche Andrée eingeführt hatte, zog die Thürvorhänge zu, schloß die Thüre und verließ das Gemach.

Zitternd vor Aufregung und Zorn, zitternd auch vor Schwäche, wartete Andrée mit niedergeschlagenen Augen, daß ein Wort zu ihrem Herzen käme; sie wartete auf die Stimme der Königin, wie der Verurtheilte auf das Beil wartet, das sein Leben durchschneiden soll.

Hätte Marie Antoinette den Mund in diesem Augenblick geöffnet, Andrée würde, gelähmt wie sie war, unterlegen sein, bevor sie begriffen oder geantwortet.

Eine Minute, ein Jahrhundert dieses gräßlichen Leidens verging, ehe die Königin eine Bewegung gemacht hatte.

Endlich stand sie auf, indem sie ihre Hände auf die Arme ihres Lehnstuhles stützte, und nahm von ihrem Tisch ein Papier, das ihre wankenden Finger mehrere Male entschlüpfen ließen.

Dann schritt sie wie ein Schatten, ohne daß man ein anderes Geräusch, als das Streifen ihres Kleides auf dem Teppich hörte, die Arme gegen Andrée ausgestreckt, auf diese zu und überreichte ihr das Papier, ohne ein Wort zu sprechen.

Zwischen diesen beiden Herzen war das Wort überflüssig: die Königin hatte nicht nöthig, das Verständnis Andrée's hervorzurufen; Andrée konnte keinen Augenblick an der Seelengröße Marie Antoinette's zweifeln.

Jede Andere hätte vermuthet, die Königin werde ihr ein reiches Leibgedinge, die Urkunde einer Güterschenkung oder das Patent einer Stelle bei Hof bieten.

Andrée errieth, daß das Papier etwas Anderes enthielt. Sie nahm es und las, ohne sich von der Stelle zu rühren, auf der sie stand.

»Andrée,« hatte die Königin geschrieben, »Sie haben mich gerettet. Meine Ehre kommt mir von Ihnen zu, mein Leben gehört Ihnen. Im Namen dieser Ehre, die Sie so viel kostet, schwöre ich Ihnen, daß Sie mich Ihre Schwester nennen können. Versuchen Sie es, Sie werden mich nicht erröthen sehen.

»Ich lege diese Schrift in Ihre Hände; es ist das Pfand meiner Dankbarkeit; es ist die Mitgift, die ich Ihnen schenke.

»Ihr Herz ist das edelste aller Herzen; es wird mir Dank wissen für das Geschenk, das ich Ihnen biete.

»Unterz.: Marie Antoinette von Oesterreich Lothringen.«

Andrée schaute ihrerseits die Königin an. Sie sah ihre Augen mit Thränen befeuchtet, sie sah sie, den Kopf zurückgeworfen, auf eine Antwort warten.

Sie durchschritt langsam das Zimmer, verbrannte an dem beinahe erloschenen Feuer das Billet der Königin, verbeugte sich tief, ohne ein Wort zu sprechen, und verließ das Cabinet.

Marie Antoinette machte einen Schritt, um sie aufzuhalten oder ihr zu folgen; aber die unbeugsame Gräfin, welche die Thüre offen ließ, kehrte wieder zu ihrem Bruder in den anstoßenden Salon zurück.

Philipp rief Charny, nahm seine Hand und legte sie in die Hand Andrée's, während die Königin auf der Schwelle des Cabinets, hinter dem Thürvorhang, den sie mit dem Arm auf die Seite schob, dieser schmerzlichen Scene beiwohnte.

Charny ging wie der Bräutigam des Todes, den seine leichenbleiche Braut wegführt; er ging und schaute rückwärts nach dem blassen Gesichte Marie Antoinette's, die ihn Schritt für Schritt auf immer verschwinden sah.

Sie glaubte es wenigstens.

Vor dem Thore des Schlosses warteten zwei Reisewagen. Andrée stieg in den ersten. Als Charny sich anschickte, ihr zu folgen, sagte die neue Gräfin:

»Mein Herr, Sie reisen, glaube ich, nach der Picardie ab.«

»Ja, Madame,« erwiderte Charny.

»Und ich, ich reise nach der Gegend, wo meine Mutter gestorben ist, Herr Graf. Gott befohlen!«

Charny verbeugte sich, ohne zu antworten. Die Pferde führten Andrée allein fort.

»Bleiben Sie bei mir, um mir anzukündigen, daß Sie mein Feind sind?« sagte nun Olivier zu Philipp.

»Nein, Herr Graf,« erwiderte dieser; »Sie sind nicht mein Feind, da Sie mein Schwager sind.«

Olivier reichte ihm die Hand, stieg in einen zweiten Wagen und fuhr ebenfalls weg.

Philipp, der allein geblieben, rang einen Augenblick mit der Bangigkeit der Verzweiflung die Hände und sprach dann mit erstickter Stimme:

»Mein Gott, behältst Du denen, welche ihre Pflicht auf Erden thun, ein wenig Freude im Himmel vor? Freude,« wiederholte er verdüstert, indem er zum letzten Mal nach dem Schlosse schaute, »ich spreche von Freude! ... Wozu! ... Diejenigen allein dürfen auf ein anderes Leben hoffen, welche dort oben die Herzen, die sie liebten, finden werden. Niemand liebt mich hienieden, ich habe nicht einmal, wie sie, die Wonne, den Tod zu wünschen!«

Dann warf er einen Blick ohne Galle, einen sanften Vorwurf des Christen, dessen Glauben wankte, zum Himmel empor, und nun verschwand er wie Andrée, wie Charny, im letzten Wirbel des Sturmes, der einen Thron entwurzelt und dabei so viel Ehre und so viel Liebe zermalmt hatte!

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