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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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XCV.

Die Execution.

Jeanne erwartete immer, daß der vom Concierge versprochene Gerichtsschreiber käme, um ihr den gegen sie gefällten Spruch vorzulesen.

Da sie die Bangigkeiten des Zweifels nicht mehr hatte und kaum die der Vergleichung, das heißt des Stolzes behielt, sagte sie in der That zu sich selbst:

»Was kann mir, einem, sollte ich meinen, gediegenen Geist daran liegen, daß Herr von Rohan minder schuldig erachtet worden ist, als ich?

»Bin ich es, über die man die Strafe eines Fehlers verhängt? Nein. Wäre ich gebührender Maßen von aller Welt als Valois anerkannt worden, hätte ich, wie dieß beim Herrn Cardinal der Fall war, ein ganzes Spalier von Prinzen und Herzogen, welche durch ihre Haltung, durch ihren Flor am Degen, durch ihre Trauerbinden flehten, am Wege aufgestellt gehabt, ich glaube nicht, daß man der armen Gräfin von La Mothe etwas verweigert haben würde, und sicherlich hätte man, in Voraussetzung dieser vornehmen Supplik, der Abkömmlingin der Valois die Schmach des Schemels erspart.

»Doch warum sich mit dieser ganzen Vergangenheit beschäftigen, welche todt ist? Sie ist nun beendigt, diese große Angelegenheit meines Lebens. Auf eine zweideutige Weise in die Welt gestellt, der Gefahr ausgesetzt, vom ersten von oben kommenden Hauch niedergeworfen zu werden, vegetirte ich bloß, ich kehrte vielleicht zu dem ursprünglichen Elend zurück, das die schmerzliche Lehrzeit meines Lebens war. Nun nichts Aehnliches mehr.

»Verbannt, ich bin verbannt! das heißt, ich habe das Recht, meine Million in meiner Casse mitzunehmen, unter den Pomeranzenbäumen von Sevilla oder von Agrigent im Winter, in Deutschland oder England im Sommer zu leben; das heißt, jung, schön, berühmt und im Stande, meinen Proceß selbst zu erklären, wird mich nichts abhalten, zu leben, wie es mir beliebt, sei es mit meinem Mann, wenn er wie ich verbannt ist, und ich ihn frei weiß, sei es mit den Freunden, welche das Glück und die Jugend immer geben!

»Und,« fügte Jeanne in ihre glühenden Gedanken verloren bei, »man komme dann und sage mir, mir, der Verurtheilten, mir, der Verbannten, mir, der armen Gedemüthigten, ich sei nicht reicher als die Königin, ich sei nicht geehrter als die Königin, ich sei nicht vollständiger freigesprochen als die Königin; denn es handelte sich bei ihr nur um eine Verurtheilung. Dem Löwen ist nichts am Erdenwurm gelegen. Es handelte sich darum, Herrn von Rohan zu verurtheilen, und Herr von Rohan ist freigesprochen.

»Wie werden sie sich nun benehmen, um mir den Spruch mitzutheilen, und wie, um mich aus dem Königreich zu führen? Werden sie sich an einer Frau dadurch rächen, daß sie sie dem strengsten Vollzuge der Strafe unterwerfen? Werden sie mich den Schützen übergeben, um mich an die Gränze zu führen? Wird man mir öffentlich sagen: Unwürdige! der König verbannt Sie aus seinem Reiche? Nein, meine Herren sind gutmüthig,« sprach sie lächelnd; »sie grollen mir nicht mehr. Sie grollen nur dem guten Pariser Volk, das unter ihren Balconen brüllt: Es lebe der Herr Cardinal! es lebe Cagliostro! es lebe das Parlament! Das ist ihr wahrer Feind: das Volk. Oh! ja, es ist ihr unmittelbarer Feind, da ich auf die moralische Unterstützung der öffentlichen Meinung rechnete ... und da es mir gelungen ist!«

Jeanne war so weit, sie machte im Stillen ihre kleinen Vorbereitungen und ordnete mit sich ihre Rechnungen. Sie beschäftigte sich schon mit der Unterbringung ihrer Diamanten, mit ihrer Niederlassung in England, man war im Sommer, als plötzlich die Erinnerung an Reteau von Villette, nicht ihr Herz, sondern ihren Geist durchzuckte.

»Armer Junge,« sagte sie mit einem boshaften Lächeln, »er hat für Alle bezahlt. Es bedarf also für die Sühnungen immer einer niederträchtigen Seele im philosophischen Sinn, und so oft dergleichen Notwendigkeiten entstehen, erhebt sich der Sündenbock von der Erde, mit dem Streich, der ihn vernichten wird.

»Armer, gebrechlicher, elender Reteau, er bezahlt heute seine Pamphlete gegen die Königin, seine Federverschwörungen, und Gott, der Jedem seinen Theil in der Welt zurechnet, hat ihm wohl eine Existenz von Stockprügeln, von zeitweisen Louisd'ors, von Hinterhalten, von Verstecken mit einer Endentwicklung von Galeeren zugedacht. So geht es der Verschmitztheit statt des Verstandes, der Arglist statt der Bosheit, dem Geiste des Angriffs ohne die Ausdauer und die Stärke. Wie viele böse, schädliche Wesen gibt es in der Schöpfung von der giftigen Milbe an bis zum Scorpion, dem ersten der kleinen Wesen, das sich bei den Menschen gefürchtet macht. Alle diese ärmlichen Geschöpfe wollen schaden, aber sie haben nicht die Ehre des Kampfes; man zertritt sie.«

Und Jeanne begrub mit diesem bequemen Wortschwall ihren Genossen Reteau, fest entschlossen, sich nach dem Bagno zu erkundigen, wo der Elende eingeschlossen wäre, um auf ihrer Reise nicht dahin zu gerathen, um nicht einem Unglücklichen die Demüthigung anzuthun, ihm das Glück einer alten Bekannten zu zeigen. Jeanne hatte ein gutes Herz.

Sie nahm heiter ihr Mahl mit dem Concierge und seiner Frau ein. Diese aber hatten ihre Heiterkeit gänzlich vergessen; sie gaben sich nicht einmal die Mühe, ihre Beklemmung gänzlich zu verbergen. Jeanne schrieb ihre Kälte der Verurtheilung zu, deren Gegenstand sie war. Sie machte ihnen eine Bemerkung darüber. Sie antworteten, nichts sei so schmerzlich für sie, als der Anblick der Personen nach einem gefällten Urtheil.

Jeanne war im Grunde ihres Herzens so glücklich, es that ihr so wehe, ihre Freude verbergen zu müssen, daß ihr die Gelegenheit, allein, frei mit ihren Gedanken zu bleiben, nur sehr angenehm sein konnte. Sie gedachte sich nach dem Mittagessen auf ihr Zimmer zurückführen zu lassen.

Wie staunte sie, als der Concierge Hubert beim Nachtisch das Wort nahm und mit einer gezwungenen Feierlichkeit, die seinen Reden sonst durchaus fremd war, zu ihr sprach:

»Madame, wir haben den Befehl, die Personen, über deren Schicksal das Parlament entschieden, nicht in der Kerkermeisterei zu behalten.«

»Gut,« dachte Jeanne, »er kommt meinen Wünschen entgegen.«

Und sie stand auf und erwiderte:

»Ich möchte Sie nicht zu einer Uebertretung Ihrer Vorschriften veranlassen ... Das hieße die Güte, die Sie für mich gehabt haben, schlecht erkennen ... Ich kehre also in mein Zimmer zurück.«

Sie schaute das Ehepaar an, um die Wirkung ihrer Worte zu beobachten. Hubert drehte einen Schlüssel in seinen Fingern hin und her. Die Concierge wandte ihren Kopf ab, als wollte sie eine neue Bewegung ihres Gemüths verbergen.

»Aber wohin wird man denn kommen, um mir den Spruch zu verlesen, und wann wird man kommen?« fragte die Gräfin.

»Man wartet vielleicht, bis Madame in ihrem Zimmer ist,« antwortete Hubert hastig.

»Er entfernt mich entschieden,« dachte Jeanne.

Und ein unbestimmtes Gefühl der Bangigkeit machte sie beben, doch kaum in ihrem Herzen erschienen, verdunstete es wieder.

Jeanne stieg die drei Stufen hinauf, welche von dieser Stube in den Gang der Kanzlei führten.

Als Frau Hubert die Gräfin weggehen sah, eilte sie auf sie zu und ergriff ihre Hände, nicht mit Ehrfurcht, nicht mit wahrer Freundschaft, nicht mit jener Empfindungsfülle, die für beide Theile gleich ehrenvoll ist, sondern mit einem Erguß tiefen Mitleids, welcher der verständigen Jeanne, ihr, die Alles bemerkte, nicht entging.

Dießmal war der Eindruck so scharf, daß Jeanne sich gestand, der Schrecken erfasse sie; doch der Schrecken wurde abgeschüttelt, wie sie die Bangigkeit abgeschüttelt hatte, und aus der bis an den Rand mit Freude und Hoffnung erfüllten Seele vertrieben.

Jeanne wollte sich von Frau Hubert die Ursache ihres Mitleids erklären lassen; sie öffnete den Mund und stieg wieder zwei Stufen herab, um eine Frage, so entschieden und kräftig wie ihr Geist, zu stellen. Doch sie hatte keine Zeit dazu. Hubert nahm sie, weniger höflich als lebhaft, bei der Hand und öffnete die Thüre.

Die Gräfin sah sich im Gange. Acht Schützen von der Vogtei warteten hier. Worauf warteten sie? das fragte sich Jeanne, als sie dieselben erblickte. Doch die Thüre des Concierge war schon wieder geschlossen. Vor den Schützen stand einer der gewöhnlichen Gefängnißschließer, derjenige, welcher die Gräfin jeden Abend in ihr Zimmer zurückführte.

Dieser Mensch schritt der Gräfin voran, als wollte er ihr den Weg zeigen.

»Ich gehe in mein Zimmer zurück?« sagte die Gräfin mit dem Tone einer Frau, welche dessen, was sie sagt, gern sicher scheinen möchte, aber zweifelt.

»Ja, Madame,« erwiderte der Schließer.

Jeanne faßte das eiserne Geländer an und stieg hinter dem Mann hinauf. Sie hörte die Schützen, welche einige Schritte von ihr entfernt zischelten, aber sich nicht von der Stelle rührten.

Beruhigt, ließ sie sich in ihr Zimmer einsperren und dankte sogar freundlich dem Schließer. Dieser entfernte sich.

Jeanne sah sich nicht so bald frei und allein, als ihre Freude ausschweifend hervorbrach, eine Freude, welche zu lange durch die Larve geknebelt gewesen war, unter der sie heuchlerisch ihr Gesicht beim Concierge verborgen hatte. Dieses Zimmer der Conciergerie war ihr Behältniß, das Behältniß eines einen Augenblick durch die Menschen gefesselten wilden Thieres, das durch eine Laune Gottes abermals in den freien Raum der Welt versetzt werden sollte.

Und in seiner Höhle oder in seinem Behältniß, wenn es finstere Nacht ist, wenn kein Geräusch dem gefangenen Thiere die Wachsamkeit seiner Hüter verkündigt, wenn sein feiner Geruch keine Spur in der Umgegend erkennt, beginnen dann die Sprünge dieser wilden Natur. Es reckt seine Glieder, um sie für die Bewegungen der erwarteten Unabhängigkeit geschmeidig zu machen. Dann hat es Schreie, dann hat es Aufschwingungen und Extasen, welche das Auge des Menschen nie erlauert.

Bei Jeanne war es so. Plötzlich hörte sie in ihrer Flur gehen; sie hörte die Schlüssel am Bunde des Schließers klirren; sie hörte das massive Schloß berühren.

»Was will man von mir?« dachte sie, indem sie sich stumm und aufmerksam erhob.

»Was gibt es, Jean?« fragte die Gräfin mit sanftem, gleichgültigem Tone.

»Madame wolle mir folgen,« erwiderte er.

»Wohin?«

»Hinab.«

»Wie? hinab ...«

»In die Kanzlei.«

»Ich bitte, warum?«

»Madame ...«

Jeanne ging auf diesen Mann zu, welcher zögerte, und sah am Ende der Flur die Schützen der Vogtei, welche sie zuerst unten getroffen hatte.

»Sagen Sie mir doch, was man in der Kanzlei von mir will?« rief sie bewegt.

»Madame, Herr Voillot, Ihr Vertheidiger, möchte Sie gern sprechen.«

»In der Kanzlei? Warum nicht hier, da er mehrere Male die Erlaubniß gehabt hat, hierher zu kommen?«

»Madame, Herr Voillot hat Briefe von Versailles erhalten, und er will Ihnen Kenntniß davon geben.«

Jeanne bemerkte nicht, wie unlogisch diese Antwort war. Ein einziges Wort fiel ihr auf: Briefe von Versailles, Briefe vom Hof ohne Zweifel, vom Vertheidiger selbst überbracht.

Sollte die Königin beim König nach Verkündigung des Spruches vermittelt haben? Sollte ...

Doch wozu Muthmaßungen? hatte man Zeit dazu, war das nöthig, wenn man in zwei Minuten die Lösung des Räthsels finden konnte?

Ueberdieß wurde der Schließer dringlich; er schüttelte seine Schlüssel wie ein Mensch, der in Ermangelung guter Gründe einen Befehl entgegenhält.

»Warten Sie ein wenig auf mich,« sagte Jeanne, »Sie sehen, daß ich mich schon ausgekleidet hatte, um ein wenig zu ruhen; ich bin in den letzten Tagen so müde geworden.«

»Ich werde warten, Madame, aber bedenken Sie, daß Herr Voillot Eile hat.«

Jeanne schloß ihre Thüre, zog ein etwas frischeres Kleid an, nahm eine Mantille und ordnete rasch ihre Haare. Sie brauchte keine fünf Minuten zu diesen Vorbereitungen. Ihr Herz sagte ihr, Herr Voillot bringe den Befehl, auf der Stelle abzugehen, und das Mittel, Frankreich auf eine zugleich discrete und bequeme Weise zu durchreisen. Ja, die Königin mußte dafür gesorgt haben, daß ihre Feindin so bald als möglich weggeführt wurde. Die Königin mußte, nachdem man den Spruch gefällt, sich's angelegen sein lassen, diese Feindin so wenig als möglich zu reizen, denn ist der Panther in Fesseln gefährlich, wie muß man ihn erst fürchten, wenn er frei ist? In diesen glücklichen Gedanken gewiegt, ging oder flog vielmehr Jeanne hinter dem Schließer her, der sie die kleine Treppe hinabgehen ließ, auf der man sie schon in den Sitzungssaal geführt hatte. Doch statt bis zu diesem Saale zu gehen, statt sich links zu wenden, um in die Kanzlei einzutreten, wandte sich der Schließer nach einer kleinen Thüre rechts.

»Wohin gehen Sie denn?« fragte Jeanne, »die Kanzlei ist dort.«

»Kommen Sie, kommen Sie, Madame,« sagte mit honigsüßem Tone der Schließer, »hier erwartet Sie Herr Voillot.«

Er trat zuerst ein und zog die Gefangene nach, welche geräuschvoll die äußeren Riegel dieser dicken Thüre hinter ihr schließen hörte.

Erstaunt, doch ohne noch etwas in der Finsterniß zu sehen, wagte es Jeanne nicht mehr, ihren Wächter zu fragen.

Sie machte ein paar Schritte und blieb dann stehen. Ein bläuliches Licht verlieh der Stube, in der sie sich befand, das Aussehen vom Innern eines Grabes.

Die Helle drang oben von einem alterthümlichen Gitterwerk durch Spinnengewebe und eine hundertfache Lage uralten Staubes ein, und nur einige bleiche Strahlen gaben den Wänden ein wenig von ihrem Wiederschein.

Jeanne fühlte plötzlich die Kälte, sie fühlte die Feuchtigkeit des Kerkers; sie errieth etwas Entsetzliches an den flammenden Augen des Schließers.

Indessen sah sie noch nichts, als diesen Mann; er allein mit der Gefangenen nahm in diesem Augenblick das Innere dieser vier Wände ein, welche ganz mit Grün überzogen waren von dem Wasser, das sie überall ausschwitzten, ganz schimmelig vom Durchzug einer Luft, welche die Sonne nie erwärmt hatte.

»Mein Herr,« sagte sie nun, den Eindruck des Schreckens beherrschend, der sie schauern machte, »was thun wir Beide hier? Wo ist Herr Voillot, zu welchem Sie mich zu führen versprochen haben?«

Der Schließer antwortete nicht: er wandte sich um, als wollte er nachschauen, ob die Thüre, durch die sie eingetreten waren, fest geschlossen sei.

Jeanne folgte dieser Bewegung voll Angst. Es kam ihr der Gedanke, sie habe es, wie in den schwärzlichen Romanen jener Zeit, mit einem jener Kerkermeister zu thun, welche, in wilder Liebe für ihre eingekerkerten Frauen entbrannt, an dem Tage, wo ihnen ihre Beute durch die offene Thüre ihres Käfigs entgehen soll, sich zu Tyrannen der schönen Gefangenen machen und ihnen Freiheit gegen Liebe antragen.

Jeanne war stark, sie fürchtete sich nicht vor Ueberfällen, sie hatte nicht die Schamhaftigkeit der Seele. Ihre Einbildungskraft kämpfte mit Vortheil gegen die sophistischen Launen der Herren Crébillon Sohn und Louvet. Sie ging mit lächelndem Auge gerade auf den Schließer zu und sagte:

»Mein Herr, was verlangen Sie von mir? Haben Sie mir etwas zu sagen? Die Zeit einer Gefangenen, wenn sie der Freiheit nahe steht, ist kostbar. Sie scheinen, um mit mir zu sprechen, einen sehr unheimlichen Ort der Zusammenkunft gewählt zu haben.«

Der Schließer antwortete nicht, weil er nicht begriff. Er setzte sich an die Ecke des niedrigen Kamins und wartete.

»Ich frage Sie noch einmal: was machen wir?« sagte sie.

Sie fürchtete, es mit einem Narren zu thun zu haben.

»Wir warten auf Herrn Voillot.«

Den Kopf schüttelnd entgegnete Jeanne:

»Sie werden mir zugestehen, daß Herr Voillot, wenn er mir Briefe von Versailles mitzutheilen hat, seine Zeit und sein Audienzzimmer schlecht wählte. Herr Voillot kann mich unmöglich hier warten lassen. Es ist etwas Anderes.«

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als eine Thüre, die sie nicht bemerkt hatte, ihr gegenüber sich öffnete.

Es war eine von den runden Fallthüren, wahren Monumenten von Holz und Eisen, welche, wenn sie sich in dem Hintergrund, den sie verbargen, öffnen, ein kabbalistisches Rund ausschneiden, in dessen Mittelpunkt Mensch oder Landschaft durch Zauberei lebendig zu sein scheinen.

Hinter dieser Thüre waren in der That Stufen, die sich in einen schlecht beleuchteten Corridor voll Wind und Kühle senkten, und jenseits dieses Korridors sah Jeanne in einem einzigen Augenblick so schnell wie der Blitz, indem sie sich auf die Zehen erhob, eine Art von öffentlichem Platz, wo ein Haufe von Männern und Weibern mit funkelnden Augen wartete.

Doch wir wiederholen, es war dieß für Jeanne mehr eine Vision, als ein Anblick; sie hatte nicht einmal Zeit, sich Rechenschaft davon zu geben. Vor ihr, auf einem Plan, der viel näher war, als der erwähnte Platz, erschienen drei Personen, die letzte Stufe heraufsteigend.

Hinter diesen Personen, ohne Zweifel von den unteren Stufen, erhoben sich vier Bajonette, weiß und scharf, unheimlichen Kerzen ähnlich, welche diese Scene hätten beleuchten wollen.

Doch die runde Thüre schloß sich wieder. Die drei Männer traten allein in den Kerker ein, in dem sich Jeanne befand.

Diese ging von einem Erstaunen zum andern, oder vielmehr von der Unruhe zum Schrecken über.

Den Schließer, den sie einen Augenblick zuvor fürchtete, suchte sie nun auf, um seinen Schutz gegen die Unbekannten anzusprechen.

Der Schließer lehnte sich an die Wand des Kerkers an und zeigte durch diese Bewegung, daß er passiver Zuschauer dessen, was geschehen sollte, bleiben wolle und müsse.

Jeanne wurde angeredet, ehe ihr der Gedanke, das Wort zu nehmen, gekommen war.

Einer von den drei Männern, der jüngste, fing an. Er war schwarz gekleidet, hatte seinen Hut auf dem Kopf und drehte in seiner Hand Papiere hin und her, die gleich der Skytala der Alten geschlossen waren.

»Madame,« sagte der Unbekannte, »Sie sind Jeanne von Saint-Rémy von Valois, Gattin von Marie Antoine Nicolas Grafen von La Mothe?«

»Ja, mein Herr,« erwiderte Jeanne.

»Sie sind geboren in Fontette am 22. Juli 1756?«

»Ja, mein Herr.«

»Sie wohnen in Paris in der Rue Neuve-Saint-Gilles?«

»Ja, mein Herr ... Doch wozu richten Sie alle diese Fragen an mich?«

»Madame, es thut mir leid, daß Sie mich nicht erkennen: ich bin der Gerichtsschreiber des Hofes.«

»Ich erkenne Sie.«

»Dann kann ich meine Functionen in meiner Eigenschaft, die Sie anerkannt haben, vollziehen.«

»Ich bitte einen Augenblick ... Wollen Sie mir sagen, wozu Ihre Functionen Sie verpflichten?«

»Ihnen den Spruch vorzulesen, der in der Sitzung vom 31. Mai 1786 gegen Sie gefällt worden ist.«

Jeanne bebte. Sie ließ einen Blick voll Bangigkeit und Mißtrauen umherlaufen. Nicht ohne Grund setzen wir das Wort Mißtrauen, das als das minder starke erscheinen dürfte, zuletzt. Jeanne schauerte von einer unsäglichen Angst; sie ließ ein in der Finsterniß furchtbares Augenpaar flammen, um Acht zu geben.

»Sie sind der Kanzleischreiber Breton,« sagte sie; »doch wer sind diese beide Herren, Ihre Gehülfen?«

Der Gerichtsschreiber wollte antworten, als der Schließer, seinem Worte zuvorkommend, auf ihn zueilte und ihm die von einer Angst oder einem beredten Mitleid erfüllten Worte zuflüsterte:

»Sagen Sie es ihr nicht.«

Jeanne hörte dieß; sie schaute die zwei Männer aufmerksamer an, als sie bis dahin gethan hatte. Sie wunderte sich, als sie den eisengrauen Rock und die eisernen Knöpfe des Einen, das behaarte Wamms und die Pelzmütze des Andern sah; die seltsame Schürze, welche die Brust des Letzteren bedeckte, erregte Jeanne's Aufmerksamkeit; diese Schürze schien an verschiedenen Stellen verbrannt, an andern mit Blut und mit Oel befleckt.

Sie wich zurück. Es war, als böge sie sich, um einen kräftigen Ansatz zu nehmen.

Der Gerichtsschreiber näherte sich ihr und sprach:

»Knieen Sie nieder, Madame.«

»Ich, niederknieen!« rief Jeanne; »niederknieen! ich! ... ich, eine Valois, niederknieen!«

»So lautet der Befehl, Madame,« sprach der Gerichtsschreiber sich verbeugend.

»Aber, mein Herr,« entgegnete Jeanne mit einem unseligen Lächeln, »was fällt Ihnen ein? ich muß Sie also das Gesetz lehren? Man kniet nur nieder, um öffentliche Abbitte zu thun!«

»Nun, Madame?«

»Nun! mein Herr, man thut nur Abbitte in Folge eines Spruchs, der zu einer entehrenden Strafe verurtheilt. Die Verbannung ist, so viel ich weiß, keine entehrende Strafe im französischen Gesetz.«

»Madame, ich habe Ihnen nicht gesagt, Sie seien zur Verbannung verurtheilt,« sprach der Gerichtsschreiber mit tiefer Traurigkeit.

»Nun!« rief Jeanne ausbrechend, »wozu bin ich beim verurtheilt?«

»Das werden Sie erfahren, wenn Sie den Spruch anhören, und um ihn anzuhören, wollen Sie für's Erste niederknieen.«

»Nie, nie!«

»Madame, das ist der erste Artikel meiner Instruktionen.«

»Nie, nie, sage ich Ihnen.«

»Madame, es ist geschrieben, wenn die Verurtheilte sich weigere niederzuknieen ...«

»Nun?«

»So werde man sie mit Gewalt dazu zwingen.«

»Gewalt! gegen eine Frau!«

»Eine Frau darf eben so wenig als ein Mann der dem König und der Gerechtigkeit schuldigen Achtung ermangeln.«

»Und der Königin! nicht wahr?« rief Jeanne wüthend, »denn ich erkenne wohl hierin die Hand eines feindseligen Weibes.«

»Sie haben Unrecht, die Königin anzuklagen, Madame. Ihre Majestät hat keinen Antheil an der Abfassung der Parlamentssprüche. Auf, Madame, ersparen Sie uns die Nothwendigkeit, Gewalt zu brauchen; auf die Kniee!«

»Nie! nie! nie!«

Der Gerichtsschreiber rollte sein Papier zusammen und zog aus seiner weiten Tasche ein sehr dickes, das er in Voraussicht dessen, was jetzt geschah, in Reserve hielt.

Und er las den vom Generalanwalt an die öffentliche Gewalt erlassenen Befehl, die widerspänstige Angeklagte zum Niederknieen zu zwingen, um der Gerechtigkeit Genüge zu leisten.

Jeanne stemmte sich in eine Ecke des Gefängnisses und forderte mit ihren Blicken die öffentliche Gewalt heraus, welche sie in den Bajonetten zu erblicken geglaubt hatte, die sich aus der Treppe vor der Thüre erhoben.

Doch der Gerichtsschreiber ließ diese Thüre nicht öffnen, er machte den erwähnten zwei Männern ein Zeichen, und diese näherten sich ruhig, wie jene untersetzten, unerschütterlichen Kriegsmaschinen, mit denen man eine Mauer bei Belagerungen angreift.

Ein Arm jedes dieser Männer packte Jeanne unter der Schulter und zog sie mitten in den Saal, trotz ihres Geschreis, trotz ihres Brüllens.

Der Gerichtsschreiber setzte sich unempfindlich und wartete.

Jeanne sah nicht, daß sie, um sich so schleppen zu lassen, zu drei Vierteln hatte niederknieen müssen. Ein Wort des Gerichtsschreibers machte sie darauf aufmerksam.

»Es ist gut so,« sagte er.

Sogleich spannte sich die Feder ab, Jeanne sprang zwei Fuß vom Boden in den Armen der Männer, die sie hielten.

»Es ist ganz unnütz, daß Sie so schreien,« sagte der Gerichtsschreiber, »denn man hört Sie außen nicht, und dann werden Sie das Urtheil nicht hören, das ich Ihnen jetzt vorlesen muß.«

»Erlauben Sie, daß ich stehend höre, und ich werde stillschweigend zuhorchen,« rief Jeanne keuchend.

»Sobald die Schuldige zum Staupbesen verurtheilt wird,« sprach der Gerichtsschreiber, »ist die Strafe entehrend und zieht die Kniebeugung nach sich.«

»Zum Staupbesen!« brüllte Jeanne. »Zum Staupbesen! Ah! Elender! Zum Staupbesen, sagen Sie? ...«

Und diese Schreie wurden so gewaltig, daß sie den Schließer, den Gerichtsschreiber und die zwei Gehülfen betäubten, und daß diese Leute den Kopf verloren und gleich Betrunkenen die Materie durch die Materie bändigen zu wollen anfingen.

Da warfen sie sich auf Jeanne und suchten sie niederzuziehen, doch sie widerstand siegreich. Sie wollten sie die Kniee biegen machen, aber sie stemmte ihre Muskeln an wie stählerne Klingen.

Sie blieb in der Luft in den Händen dieser Männer schweben und bewegte ihre Hände und ihre Füße so, daß sie ihnen grausame Wunden beibrachte.

Sie theilten sich in die Arbeit; einer von ihnen hielt ihr die Füße wie in einem Schraubstock; die zwei Andern hoben sie an den Faustgelenken auf und riefen dem Gerichtsschreiber zu:

»Lesen Sie, lesen Sie immerhin Ihren Spruch, Herr Gerichtsschreiber, sonst werden wir mit dieser Wüthenden nie zu Ende kommen!«

»Nie werde ich einen Spruch lesen lassen, der mich zur Ehrlosigkeit verurtheilt,« rief Jeanne, sich mit einer übermenschlichen Stärke sträubend. Und sie verband die That mit der Drohung und übertäubte die Stimme des Gerichtsschreibers durch ein so gellendes Gebrüll und Geschrei, daß sie kein Wort von dem Vorgelesenen hörte.

Nach beendigter Lesung legte er seine Papiere wieder zusammen und steckte sie in seine Tasche.

Als Jeanne glaubte, er habe geendigt, schwieg sie und suchte wieder Kraft zu sammeln, um diesen Männern abermals zu trotzen. Sie ließ aus das Gebrülle ein Gelächter folgen, das noch wilder war.

»Und,« sprach der Gerichtsschreiber, indem er gelassen mit der herkömmlichen Formel schloß, »und der Spruch wird auf dem Executionsplatz im Justizhof vollzogen werden!«

»Oeffentlich!« brüllte die Unglückliche ... »Oh!«

»Meister von Paris, ich überantworte Euch dieses Weib,« vollendete der Gerichtsschreiber, indem er sich an den Mann mit der ledernen Schürze wandte.

»Wer ist dieser Mann?« fragte Jeanne in einem letzten Paroxismus der Angst und Wuth.

»Der Henker,« antwortete der Gerichtsschreiber, wahrend er seine Manschetten zurecht richtete, mit einer Verbeugung.

Kaum hatte der Gerichtsschreiber dieses Wort gesprochen, als sich die zwei Henker der Gräfin bemächtigten und sie aufhoben, um sie nach der Gallerie zu tragen, welche sie bemerkt hatte. Wir müssen darauf verzichten, die Art zu schildern, wie sie sich zur Wehr setzte. Diese Frau, welche im gewöhnlichen Leben über eine Schramme in Ohnmacht fiel, ertrug beinahe gegen eine Stunde die Mißhandlungen und Schläge der beiden Henker; sie wurde bis zur äußeren Thüre geschleppt, ohne daß sie einen Augenblick aufgehört hatte, das gräßlichste Geschrei auszustoßen.

Jenseits dieser Pforte, wo die versammelten Soldaten die Menge im Zaum hielten, erschien plötzlich der kleine Hof, genannt der Justizhof, mit den zwei- bis dreitausend Zuschauern, welche die Neugierde seit den Vorbereitungen und der Errichtung des Schaffots herbeigelockt hatte.

Auf einer ungefähr acht Fuß hohen Estrade erhob sich ein schwarzer Pfahl, mit eisernen Ringen versehen und überragt von einer Schrift, welche der Gerichtsschreiber, ohne Zweifel auf Befehl, unleserlich zu machen bemüht gewesen war.

Diese Estrade hatte kein Geländer, man stieg auf einer Leiter ebenfalls ohne Geländer zu ihr hinauf. Die einzige Einfassung, die man hier bemerkte, waren die Bajonette der Schützen. Sie schlossen den Zugang wie ein Gitter mit glänzenden Spitzen.

Als die Menge sah, daß die Thüren des Palastes sich öffneten, und daß die Commissäre mit ihren Stäbchen kamen, daß der Gerichtsschreiber mit seinen Papieren in der Hand herbeischritt, fing sie ihre wellenförmige Bewegung an, welche ihr Ähnlichkeit mit dem Meere verleiht.

Bon allen Seiten erschollen die Rufe: »Hier kommt sie! hier kommt sie!« mit nicht sehr ehrenvollen Beiwörtern für die Verurtheilte, und da und dort mit nicht sehr freundlichen Bemerkungen für die Richter.

Denn Jeanne hatte Recht, sie hatte sich seit ihrer Verurtheilung eine Partei gemacht. Leute, die sie zwei Monate vorher verachteten, hatten sie wieder in Ehren eingesetzt, seitdem sie sich als Gegnerin der Königin aufgeworfen.

Herr von Crosne hatte Alles vorhergesehen. Die ersten Reihen dieses Schauspielsaales waren von einem Parterre besetzt, das denjenigen ergeben war, welche die Kosten des Schauspiels bezahlten. Man bemerkte hier, neben breitschultrigen Agenten, die eifrigsten Anhängerinnen des Cardinals von Rohan. Man hatte Mittel gefunden, für die Königin die gegen sie erweckten Leidenschaften des Zorns zu benützen. Diejenigen sogar, welche Herrn von Rohan aus Antipathie gegen Marie Antoinette so stark Beifall zugeklatscht hatten, zischten oder pfiffen Frau von La Mothe aus, welche so unklug gewesen war, ihre Sache von der des Cardinals abzusondern.

Folge hievon war, daß bei ihrer Erscheinung auf dem kleinen Platze die wüthenden Schreie: » Nieder mit La Mothe! Hol die Fälscherin,« die Mehrzahl bildeten und den kräftigsten Lippen entströmten.

Es geschah auch, daß diejenigen, welche ihr Mitleid für Jeanne oder ihre Entrüstung gegen den Spruch, der sie traf, auszudrücken versuchten, von den Damen der Halle für Feinde des Cardinals, von den Agenten für Feinde der Königin gehalten und in dieser doppelten Eigenschaft von den beiden Geschlechtern mißhandelt wurden, welche bei der Erniedrigung von Frau von La Mothe interessirt waren. Jeanne war mit ihren Kräften zu Ende, aber noch nicht mit ihrer Wuth; sie hörte auf zu schreien, weil sich ihre Schreie in der Gesammtheit der Geräusche und des Kampfes verloren. Doch mit ihrer scharfen, vibrirenden, metallischen Stimme schleuderte sie ein paar Worte unter die Menge, welche wie durch einen Zauber alles Gemurmel zum Schweigen brachten.

»Wißt Ihr, wer ich bin!« sagte sie, »wißt Ihr, daß ich vom Blute Eurer Könige bin? Wißt Ihr, daß man in mir nicht eine Schuldige, sondern eine Nebenbuhlerin schlägt? Nicht nur eine Nebenbuhlerin, sondern eine Genossin!«

Hier wurde sie zu rechter Zeit durch das Geschrei der verständigsten Agenten des Herrn von Crosne unterbrochen.

Aber sie hatte, wenn nicht die Theilnahme, doch wenigstens die Neugierde erregt, und die Neugierde des Volks ist ein Durst, der gestillt werden will.

»Ja,« wiederholte sie, »eine Genossin! Man bestraft in mir diejenige, welche genau eingeweiht war in die Geheimnisse von ...«

»Nehmen Sie sich in Acht,« sagte ihr der Gerichtsschreiber in's Ohr.

Sie wandte sich um, der Henker hielt eine Peitsche in der Hand.

Bei diesem Anblick vergaß Jeanne ihre Rede, ihren Haß, ihren Wunsch, die Menge für sich zu gewinnen; sie sah nur noch die Schande, sie fürchtete nur noch den Schmerz.

»Gnade! Gnade!« rief sie mit einer herzzerreißender Stimme.

Ein ungeheures Gezische übertönte ihr Flehen. Jeanne klammerte sich, vom Schwindel ergriffen, an die Kniee des Henkers an, und es gelang ihr, seine Hand zu fassen. Doch er hob den andern Arm auf und ließ die Peitsche weich auf die Schultern der Gräfin fallen.

Da ereignete sich etwas Unerhörtes; diese Frau, welche der körperliche Schmerz vielleicht niedergeworfen, geschmeidig gemacht, gezähmt hätte, erhob sich, als sie sah, daß man sie schonte; sie stürzte sich auf den Andern, auf den Gehülfen, und suchte ihn auf den Boden zu schleudern, um sich vom Schaffot herab auf den Platz zu werfen. Plötzlich wich sie zurück.

Dieser Mann hielt in der Hand ein geröthetes Eisen, das er so eben aus glühenden Kohlen gezogen hatte. Er hob dieses Eisen auf, und die verzehrende Hitze, die es ausströmte, machte Jeanne unter einem wilden Gebrülle zurückspringen.

»Gebrandmarkt!« rief sie, »gebrandmarkt!«

Alles Volk antwortete auf ihren Schrei durch einen nicht minder furchtbaren Schrei.

»Ja! ja!« brüllten dreitausend Stimmen.

»Zu Hilfe!« stöhnte Jeanne ganz verwirrt, indem sie die Stricke, mit welchen man ihre Hände gebunden hatte, zu zerreißen suchte.

Zu gleicher Zeit schlitzte der Henker das Kleid der Gräfin, da er es nicht öffnen konnte, auf, und während er mit zitternder Hand den zerfetzten Stoff auf die Seite schob, suchte er das glühende Eisen zu nehmen, das sein Gehülfe ihm darbot.

Doch Jeanne stürzte sich auf diesen Mann, und machte ihn beständig zurückweichen, denn er wagte es nicht, sie zu berühren, so daß der Henker, daran verzweifelnd, daß er das unselige Werkzeug nehmen könnte, zu horchen anfing, ob sich in den Reihen der Menge eine Verfluchung gegen ihn erhebe. Die Eitelkeit hatte sich seiner bemächtigt.

Die Menge begann die kräftige Vertheidigung dieser Frau zu bewundern und bebte von dumpfer Ungeduld; der Gerichtsschreiber war die Leiter hinabgestiegen; die Soldaten betrachteten dieses Schauspiel: es herrschte eine Unordnung, eine Verwirrung, die einen bedrohlichen Anblick bot.

»Macht ein Ende!« rief eine Stimme, welche aus der ersten Reihe der Menschen hervorkam.

Eine gebieterische Stimme, die der Henker ohne Zweifel erkannte, denn mit einem kräftigen Ansatz warf er Jeanne zurück, drückte sie nieder, und bog mit seiner linken Hand ihren Kopf auf die Seite.

Sie erhob sich glühender als das Eisen, mit dem sie bedroht war, und rief mit einer Stimme, welche den ganzen Tumult des Platzes, alle Verwünschungen der ungeschickten Henker beherrschte:

»Feige Franzosen, Ihr vertheidigt mich nicht, Ihr laßt mich martern!«

»Schweigen Sie!« lief der Gerichtsschreiber.

»Schweigen Sie!« rief der erste Commissär.

»Ich, schweigen! ... Ah! ja wohl!« schrie Jeanne, »was wird man mir thun? ... Ja, wenn ich diese Schmach erdulde, ist es meine Schuld ...«

»Ah! ah! ah!« rief die Menge, die sich im Sinn dieses Bekenntnisses täuschte.

»Schweigen Sie!« wiederholte der Gerichtsschreiber.

»Ja, meine Schuld,« fuhr Jeanne sich krümmend fort, »denn wenn ich hätte sprechen wollen ...«

»Schweigen Sie!« schrieen Gerichtsschreiber, Commissäre und Henker.

»Wenn ich Alles hätte sagen wollen, was ich über die Königin weiß ... nun, ich wäre gehenkt, aber nicht entehrt worden.«

Sie konnte nicht mehr sprechen, denn der Commissär sprang auf das Schaffot, gefolgt von Agenten, welche die Elende knebelten und sie ganz zuckend, ganz gequetscht, das Gesicht angeschwollen, bleifarbig, blutend, den zwei Henkern übergaben, von denen der eine sein Opfer abermals niederbog; zu gleicher Zeit ergriff er das Eisen, das ihm sein Gehülfe zu reichen vermochte. Doch Jeanne benützte wie eine Natter die Unzulänglichkeit dieser Hand, die ihr Genick preßte; sie sprang zum letzten Mal auf, wandte sich mit einer wüthenden Freude um, und bot dem Henker, indem sie ihn mit einem herausfordernden Auge anschaute, ihre Brust, so daß das unselige Werkzeug, das sich auf ihre Schulter senkte, sie am rechten Busen traf und seine rauchende, verzehrende Furche in das lebendige Fleisch eindrückte, was dem Opfer, trotz des Knebels, ein Gebrülle entriß, dem keine Intonation gleichkommt, welche die menschliche Stimme hervorzubringen vermag.

Jeanne sank unter ihrer Schmach zusammen. Sie war besiegt. Ihre Lippen ließen keinen Ton mehr entschlüpfen, ihre Glieder hatten kein Beben mehr; dießmal war sie wirklich ohnmächtig.

Der Henker trug sie, gleichsam auf seiner Schulter entzweigebogen, fort und stieg unsicheren Tritts die Leiter der Schande mit ihr hinab.

Das Volk, mochte es nun den Vorgang billigen oder bestürzt sein, war ebenfalls verstummt, verlief sich aber durch die vier Ausgänge des Platzes erst, nachdem es hinter Jeanne die Thüren der Conciergerie hatte schließen, nachdem es das Schaffot langsam, Stück für Stück, hatte zerstören sehen, nachdem es sich versichert hatte, daß es keinen Epilog bei dem furchtbaren Drama gab, womit das Parlament ihm eine Vorstellung gegeben.

Die Agenten überwachten Alles bis auf die letzten Eindrücke der Anwesenden; ihre ersten Einschärfungen wurden so klar ausgesprochen, daß es Tollheit gewesen wäre, ihrer mit Knütteln und Handschellen bewaffneten Logik irgend eine Einwendung entgegenzusetzen.

Die Einwendung, wenn eine vorkam, war gelassen und ganz innerlich. Allmälig nahm der Platz seine gewöhnliche Ruhe wieder an. Nur hatten am Ende der Brücke, als der ganze Haufe sich zerstreut, zwei Männer, junge und bedächtliche Männer, welche sich ebenfalls entfernten, folgendes Gespräch mit einander:

»Ist es wirklich Frau von La Mothe, die der Henker gebrandmarkt hat? Glauben Sie es, Maximilian?«

»Man sagt es, doch ich glaube es nicht,« erwiderte der Größere von den zwei Sprechenden.

»Nicht wahr, Sie sind der Meinung, daß sie es nicht sei? sagte der Andere, ein kleiner Mann mit gemeinem Gesicht, mit einem Auge rund und leuchtend wie das der Nachtvögel, mit kurzem, schmierigem Haar, »nicht wahr, es ist nicht Frau von La Mothe, die man gebrandmarkt hat? Die Stützen dieser Tyrannen haben ihre Mitschuldige verschont. Sie haben, um Marie Antoinette von der Anklage zu entlasten, eine Mlle. Oliva gefunden, die sich als prostituirt bekannte; sie werden auch eine falsche Frau von La Mothe haben finden können, die sich als Betrügerin bekannte. Sie werden mir sagen, es sei da die Brandmarkung ... Bah! Comödie, wofür sich der Henker und das Opfer haben bezahlen lassen, das ist nur theurer!«

Der Begleiter dieses Mannes horchte, den Kopf wiegend. Er lächelte, ohne zu antworten.

»Warum antworten Sie nicht?« fragte der häßliche kleine Mann; »billigen Sie meine Ansicht nicht?«

»Es will viel heißen, wenn man sich am Busen brandmarken läßt,« erwiderte er; »die Comödie, von der Sie sprechen, scheint mir nicht erwiesen. Sie sind mehr Arzt als ich, und Sie hätten das verbrannte Fleisch riechen müssen. Ich gestehe, ein unangenehmes Andenken.«

»Eine Geldsache, habe ich Ihnen gesagt: man bezahlt eine Verurtheilte, welche wegen irgend einer andern Sache gebrandmarkt würde, man bezahlt sie dafür, daß sie drei bis vier pomphafte Phrasen sagt, dann knebelt man sie, wenn sie im Begriff ist, zu verzichten ...«

»La, la, la!« rief phlegmatisch derjenige, welchen man Maximilian genannt hatte, »ich werde Ihnen nicht auf diesen Boden folgen, er ist nicht solid.«

»Hm!« sprach der Andere, »dann werden Sie es machen, wie die übrigen Maulaffen, Sie werden am Ende sagen, Sie haben Frau von La Mothe brandmarken sehen. Das sind so Ihre Launen. Vorhin drückten Sie sich nicht so aus, denn Sie sagten positiv: »Ich glaube nicht, daß es Frau von La Mothe ist, die man gebrandmarkt hat.«

»Nein, ich glaube es noch nicht,« erwiderte lächelnd der junge Mann, »doch es ist auch keine von jenen Verurtheilten, die Sie nennen.«

»Wer ist es denn? Sprechen Sie, wer ist die Person, die man hier auf dem Platze statt der Frau von La Mothe gebrandmarkt hat?«

»Es ist die Königin!« sagte der junge Mann mit scharfem Tone zu seinem unheimlichen Gefährten, und er punktirte diese Worte mit einem unerklärbaren Lächeln.

Der Andere wich laut lachend und diesem Scherze Beifall klatschend zurück, dann schaute er umher und rief:

»Adieu, Robespierre.«

»Adieu, Marat,« erwiderte der Andere.

Und sie trennten sich.

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