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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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XCIII.

Von einem Gitter und einem Abbé.

Nach Beendigung der Debatten, nach dem Wiederhall des Verhöres und den Erschütterungen des Schemels wurden alle Gefangenen für diese Nacht in der Conciergerie einquartirt.

Die Menge stellte sich, wie gesagt, am Abend in stillschweigenden, obgleich belebten Gruppen auf dem Platze vor dem Palast auf, um frisch die Kunde von dem Spruch zu erhalten, sobald er gefällt wäre.

In Paris sind seltsamer Weise die großen Geheimnisse gerade diejenigen, welche die Menge kennt, ehe sie in ihrer ganzen Entwickelung an's Licht gekommen sind.

Die Menge wartete also, mit Anis gewürztes Süßholzwasser schlürfend, dessen Hauptbestandtheil ihre wandernden Lieferanten unter dem ersten Bogen des Pont au Change fanden.

Es war heiß. Die Juniwolken rollten schwerfällig übereinander wie dicke Rauchwirbel. Der Himmel glänzte am Horizont in bleichen, zuckenden Feuern.

Während der Cardinal, welchem die Gunst, auf den Verbindungsterrassen zwischen den Thürmen spazieren zu gehen, bewilligt worden war, sich mit Cagliostro über den wahrscheinlichen Erfolg ihrer gegenseitigen Vertheidigung unterhielt; während Oliva in ihrer Zelle ihr kleines Kind liebkoste und in ihren Armen wiegte; während Reteau, mit trockenen Augen und an seinen Nägeln kauend, in Gedanken die ihm von Herrn von Crosne versprochenen Thaler zählte und sie als Gesammtsumme den Monaten der Gefangenschaft, die ihm das Parlament versprach, gegenüberstellte, versuchte es Jeanne, welche sich in die Stube der Concierge, Frau Hubert, zurückgezogen hatte, ihren brennenden Geist mit einigem Geräusch, einiger Bewegung zu zerstreuen.

Diese Stube war sehr hoch bis zu ihrer Decke, weit und geräumig wie ein Saal, geplattet wie eine Gallerie, und am Quai durch ein gewölbtes Fenster erleuchtet. Die kleinen Scheiben dieses Fensters fingen den größten Theil des Lichtes auf, und, als ob man selbst in diesem Zimmer, das freie Menschen bewohnten, die Freiheit hätte erschrecken müssen, verdoppelte ein ungeheures, eisernes, außen unmittelbar an den Scheiben angebrachtes Gitter die Dunkelheit durch die Durchkreuzung der Stangen und der bleiernen Streifen, mit denen jede Glasraute eingerahmt war.

Das durch dieses Doppelsieb gedämpfte Licht war gleichsam gemildert für das Auge der Gefangenen. Es hatte nichts, um diejenigen zu verletzen, welche nicht heraus konnten. Es gibt in allen Dingen, selbst in den schlimmen, die der Mensch gemacht hat, wenn die Zeit, diese Wiederherstellerin des Gleichgewichts zwischen dem Menschen und Gott, darüber gegangen ist, es gibt Harmonien, welche mildern und einen Uebergang vom Schmerz zum Lächeln gestatten.

In dieser Stube lebte Frau von La Mothe, seitdem sie in der Conciergerie eingesperrt war, in Gesellschaft der Concierge, ihres Sohnes und ihres Mannes. Sie hatte sich bei diesen Leuten beliebt gemacht; sie hatte Mittel gefunden, ihnen zu beweisen, daß die Königin im höchsten Grad strafbar sei. Es müsse ein Tag kommen, wo in derselben Stube eine andere Concierge, von Mitleid ergriffen bei dem Unglück einer Gefangenen, diese für unschuldig halten würde, weil sie dieselbe geduldig und gut sehe, und diese Gefangene werde die Königin sein.

Frau von La Mothe vergaß also – sie selbst sagte es – in Gesellschaft dieser Concierge und ihrer Bekannten ihre schwermüthigen Gedanken und bezahlte durch ihre gute Laune die Gefälligkeiten, die man gegen sie hatte. Als Jeanne am Schließungstag der Sitzungen zu den guten Leuten zurückkam, fand sie dieselben sorgenvoll und verlegen.

Keine Nuance war dieser schlauen Frau gleichgültig; sie hoffte bei einem Nichts, sie beunruhigte sich über Alles. Vergebens versuchte sie Frau Hubert die Wahrheit zu entreißen, sie und die Ihrigen verschlossen sich in nichtssagende Allgemeinheiten.

An diesem Tag erblickte Jeanne an einer Ecke des Kamins einen Abbé, der von Zeit zu Zeit ein Tischgenosse des Hauses war. Es war ein ehemaliger Secretär vom Hofmeister des Grafen von Provence. Ein Mann von einfachen Manieren, satyrisch mit Maßhaltung, mit Allem, was den Hof betraf, wohl vertraut, war er, nachdem er geraume Zeit vom Hause der Frau Hubert weggeblieben, seit der Ankunft der Frau von La Mothe in der Conciergerie wieder ein fleißiger Gast geworden.

Es waren auch ein paar höhere Beamte des Palastes da; man schaute Frau von La Mothe viel an; man sprach wenig.

Sie ergriff heiter die Initiative und sagte:

»Ich bin fest überzeugt, man spricht lauter da oben, als wir hier sprechen.«

Ein schwaches Gemurmel der Beistimmung, vom Concierge und seiner Frau herrührend, erwiderte allein diese Herausforderung.

»Oben?« versetzte der Abbé, den Unwissenden spielend. »Wo dieß, Frau Gräfin?«

»In dem Saale, wo meine Richter sich berathen,« antwortete Jeanne.

»Oh! ja, ja,« sagte der Abbé.

Und das frühere Stillschweigen trat wieder ein.

»Ich glaube, meine heutige Haltung hat eine gute Wirkung hervorgebracht?« fragte sie. »Sie müssen das wissen, nicht wahr?«

»Ja, Madame,« antwortete schüchtern der Concierge.

Und er stand auf, als wollte er das Gespräch abbrechen.

»Was ist Ihre Meinung. Herr Abbé?« sage Jeanne. »Gewinnt meine Angelegenheit nicht ein gutes Ansehen? Man spricht keinen Beweis aus.«

»Es ist wahr, Madame, Sie haben auch viel zu hoffen,« erwiderte der Abbé.

»Nicht wahr?« rief sie.

»Bedenken Sie jedoch,« fügte der Abbé bei, »daß der König ...«

»Nun! was wird der König thun?« fragte Jeanne voll Heftigkeit.

»Ei! Madame, der König kann nicht wollen, daß man ihn Lügen straft.«

»Er würde also Herrn von Rohan verurtheilen lassen... das ist unmöglich.«

»Es ist allerdings schwierig,« antwortete man von allen Seiten.

»Und wer in dieser Sache Herr von Rohan sagt, sagt auch Gräfin von La Mothe,« fügte sie eiligst bei.

»Nein, nein, Sie machen sich eine Illusion, Madame,« entgegnete der Abbé. »Ein Angeklagter wird freigesprochen werden. Ich denke, Sie werden es sein, und hoffe es sogar. Doch es wird nur Einer sein. Der König braucht einen Schuldigen, was sollte sonst aus der Königin werden?«

»Das ist wahr,« sprach Jeanne, beleidigt, daß man ihr selbst bei einer nur geheuchelten Hoffnung widersprach. »Der König braucht einen Schuldigen. Nun! dann ist Herr von Rohan eben so gut dazu als ich.«

Ein für die Gräfin schreckliches Stillschweigen trat nach diesen Worten ein.

Der Abbé unterbrach es zuerst.

»Madame,« sagte er, »der König hegt keinen Groll, und ist sein erster Zorn befriedigt, so wird er nicht mehr an die Vergangenheit denken.«

»Was nennen Sie denn einen befriedigten Zorn?« fragte Jeanne ironisch. »Nero hatte seine Zornanfälle, wie Titus die seinigen hatte.«

»Irgend eine Verurtheilung,« antwortete hastig der Abbé, »das ist eine Befriedigung.«

»Irgend eine ... mein Herr!« rief Jeanne, »welch ein abscheuliches Wort! ... Es ist zu unbestimmt. Irgend eine... das heißt Alles sagen.«

»Oh! ich spreche nur von einer Einsperrung in ein Kloster,« erwiderte kalt der Abbé; »das ist nach den Gerüchten, die im Umlaufe sind, der Gedanke, dem der König in Beziehung auf Sie am liebsten beigetreten sein soll.«

Jeanne schaute diesen Mann mit einem Schrecken an, der alsbald der wüthendsten Exaltation Platz machte.

»Einschließung in ein Kloster!« sagte sie; »das heißt ein langsamer, durch die Einzelnheiten schmählicher Tod; ein grausamer Tod, der als ein Act der Milde erscheinen wird. Die Einschließung in das In paceIn pace war in den Klöstern das Einsperren auf Lebenszeit nicht wahr? Die Qualen des Hungers, der Kälte und der Züchtigungen! Nein, genug der Strafen, genug der Schmach, genug des Unglücks für die Unschuld, während die Schuldige frei, mächtig und geehrt ist. Den Tod auf der Stelle, aber den Tod, den ich mir gewählt haben werde. Den freien Willen, mich dafür zu bestrafen, daß ich auf dieser Welt geboren bin.«

Und ohne auf Vorstellungen und Bitten zu hören, ohne es zu dulden, daß man sie aufhielt, stieß sie den Concierge zurück, warf den Abbé nieder, schob Frau Hubert auf die Seite und lief nach einem Anrichttisch, um ein Messer zu suchen.

Den drei Personen gelang es, sie von dieser Seite abzubringen; doch sie nahm ihren Ansatz wie ein Pantherthier, das die Jäger beunruhigt, aber nicht erschreckt haben, stieß ein Gebrülle des Zorns aus, das zu geräuschvoll war, um natürlich zu sein, stürzte in ein an die Stube stoßendes Cabinet, hob eine ungeheure Vase von Fayence auf, worin ein ärmlicher Rosenstock vegetirte, und schlug sich damit zu wiederholten Malen an den Kopf.

Die Vase zerbrach, ein Stück davon blieb in der Hand dieser Furie; man sah das Blut auf ihrer Stirne durch die Ritze der Haut stießen, die sich gespalten hatte. Die Concierge warf sich weinend in ihre Arme. Man setzte sie in einen Lehnstuhl und begoß sie mit Riechwasser und Essig. Sie war nach gräßlichen Konvulsionen ohnmächtig geworden.

Als sie wieder zu sich kam, dachte der Abbé, sie ersticke.

»Seht,« sagte er, »dieses Gitterwerk fängt das Licht und die Luft auf. Ist es nicht möglich, die arme Frau athmen zu lassen?«

Alles vergessend, lief nun Frau Hubert an einen Schrank, der beim Kamin stand, zog einen Schlüssel heraus, welcher ihr zum Oeffnen dieses Gitters diente, und sogleich strömten Luft und Leben in Wogen in die Stube.

»Ah!« rief der Abbé, »ich wußte nicht, daß sich dieses Gitter mit Hilfe eines Schlüssels öffnen läßt. Mein Gott! warum solche Vorsichtsmaßregeln!«

»Es ist der Befehl,« erwiderte die Concierge.

»Ja, ich verstehe,« sagte der Abbé mit einer markirten Absichtlichkeit, »dieses Fenster ist nur ungefähr sieben Fuß vom Boden und geht auf den Quai. Wollten Gefangene aus dem Innern der Conciergerie durch Ihre Stube entweichen, so fänden sie die Freiheit, ohne auf einen Schließer oder eine Schildwache zu stoßen.

»Ganz richtig,« erwiderte der Concierge.

Der Abbé bemerkte aus dem Augenwinkel, daß Frau von La Mothe gehörig verstanden, daß sie sogar gebebt und sogleich, nachdem sie die Worte des Abbé aufgefaßt, die Augen zu dem nur mit einem messingenen Knopf verschlossenen Schrank aufgeschlagen hatte, in welchem die Concierge den Schlüssel des Gitters verwahrte.

Das war genug für ihn. Seine Gegenwart schien von keinem Nutzen mehr zu sein, und er nahm Abschied.

Er kehrte jedoch noch einmal um, wie die Theaterpersonen, die sich einen falschen Abgang machen, und sagte:

»Wie viel Leute sind auf dem Platz! Die ganze Menge drängt sich mit solchem Ungestüm nach dem Palaste zu, daß nicht eine Seele mehr auf dem Quai ist.«

Der Concierge beugte sich hinaus.

»Es ist wahr,« bestätigte er.

»Denkt man nicht,« fuhr der Abbé fort, als ob Frau von La Mothe ihn nicht hören könnte, – und sie hörte ihn sehr gut, – »glaubt man nicht, der Spruch werde in der Nacht gefällt werden? Nein, nicht wahr?«

»Ich denke nicht, daß das Urtheil vor morgen früh gesprochen wird,« sagte der Concierge.

»Nun wohl!« fügte der Abbé bei, »seien Sie bemüht, diese arme Frau von La Mothe ein wenig ruhen zu lassen. Nach so vielen Erschütterungen muß sie der Ruhe bedürfen.«

»Wir werden uns in unser Zimmer zurückziehen und Madame hier in dem Lehnstuhl lassen,« sagte der brave Concierge zu seiner Frau, »wenn sie sich nicht etwa zu Bette legen will.«

Jeanne erhob sich und begegnete dem Auge des Abbé, der auf ihre Antwort lauerte.

Sie stellte sich, als entschliefe sie wieder.

Da verschwand der Abbé, und der Concierge und seine Frau gingen auch weg, nachdem sie das Gitter wieder geschlossen und den Schlüssel an seinen Platz gelegt hatten.

Sobald Jeanne allein war, öffnete sie die Augen.

»Der Abbé räth mir, zu fliehen,« dachte sie. »Kann man mir klarer sowohl die Notwendigkeit der Flucht, als das Mittel hiezu bezeichnen? Man bedroht mich schon vor dem Richterspruch mit einer Verurteilung; das kann nur ein Freund thun, der mich antreibt, meine Freiheit zu suchen, nicht ein Barbar, der mich beleidigt.

»Um zu fliehen, brauche ich nur einen Schritt zu machen; ich öffne den Schrank, dann dieses Gitter, und bin auf dem verödeten Quai.

»Verödet, ja! ... Niemand; der Mond selbst verbirgt sich in den Wolken.

»Fliehen! ... Oh! die Freiheit! Das Glück, meine Reichthümer wiederzufinden ... das Glück, meinen Feinden zu vergelten, was sie mir gethan haben!«

Sie stürzte nach dem Schrank und ergriff den Schlüssel. Schon näherte sie sich dem Schlosse des Gitters.

Plötzlich glaubte sie auf der schwarzen Linie der Brüstung der Brücke eine schwarze Gestalt zu sehen, welche die eintönige Regelmäßigkeit unterbrach.

»Ein Mann ist dort im Schatten!« sagte sie; »der Abbé vielleicht: er wacht über meiner Flucht; er wartet, um mir Beistand zu leisten. Ja, doch wenn es eine Falle wäre, wenn ich, auf den Quai hinabgestiegen, ergriffen, auf der That der Entweichung ertappt würde? ... Die Entweichung, das ist das Geständniß des Verbrechens, wenigstens das Zugeständniß der Furcht! Wer entweicht, flieht vor seinem Gewissen ... Woher kommt dieser Mensch? ... Er scheint mit Herrn von Provence in Verbindung zu stehen ... Wer sagt mir, daß er nicht ein Emissär der Königin oder der Rohan ist? ... Wie theuer würde man auf dieser Seite einen falschen Schritt von mir bezahlen ... Ja, es lauert Jemand dort!

»Mich ein paar Stunden vor dem Spruch fliehen lassen? Konnte man das nicht früher, wenn man mir wirklich dienen wollte? Mein Gott! wer weiß, ob meinen Feinden nicht schon die Kunde von meiner im Rathe der Richter beschlossenen Freisprechung zugekommen ist? wer weiß, ob man nicht diesen für die Königin furchtbaren Schlag mit einem Beweise oder einem Geständniß meiner Schuld pariren will? Geständniß und Beweis lägen in meiner Flucht. Ich werde bleiben!«

Von diesem Augenblick an war Jeanne überzeugt, sie sei einer Falle entgangen. Sie lächelte, richtete ihren schlauen, kühnen Kopf auf, ging mit sicherem Schritt auf den kleinen Schrank am Kamin zu und legte den Schlüssel des Gitters wieder hinein.

Dann setzte sie sich in den Lehnstuhl zwischen dem Licht und dem Fenster, und beobachtete von ferne, während sie sich schlafend stellte, den Schatten des lauernden Mannes, der, ohne Zweifel des Wartens müde, endlich aufstand und mit dem ersten Schimmer der Morgendämmerung, um halb drei Uhr, als das Auge das Wasser des Flusses zu unterscheiden anfing, verschwand.

 

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