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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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XCI.

Die Taufe des kleinen Beausire.

Frau von La Mothe hatte sich in allen ihren Berechnungen geirrt. Cagliostro irrte sich in keiner.

Kaum in der Bastille, bemerkte er, daß ihm der Vorwand gegeben war, endlich offen auf den Untergang dieser Monarchie hinzuwirken, die er seit so vielen Jahren durch Illuminismus und verborgene Arbeiten untergrub.

Sicher, in nichts überwiesen zu werden, zu der für seine Absichten günstigsten Entwickelung gelangt, hielt er gewissenhaft sein Versprechen gegen alle Welt.

Er bereitete die Materialien zu dem von London datirten berüchtigten Brief vor, der einen Monat nach der Epoche, die wir erreicht haben, erschien und der erste Stoß des Sturmbocks gegen die alten Mauern der Bastille war, die erste Feindseligkeit der Revolution, der erste materielle Angriff, der dem vom 14. Juli 1789 vorherging.

In diesem Brief, worin Cagliostro, nachdem er König, Königin, Cardinal, öffentliche Spekulanten zu Grunde gerichtet hatte, Herrn von Breteuil, der Personification der ministeriellen Tyrannei, das Verderben bereitete, drückte sich unser Zerstörer also aus:

»Ja, ich wiederhole es frei, nachdem ich es als Gefangener gesagt habe, es gibt kein Verbrechen, das nicht durch sechs Monate in der Bastille abgebüßt wird. Es fragte mich Jemand, ob ich je nach Frankreich zurückkehren werde? Sicherlich, antwortete ich, unter der Bedingung, daß die Bastille eine öffentliche Promenade geworden ist. Möge es Gottes Wille sein! Ihr habt Alles, was man braucht, um glücklich zu sein, Ihr Franzosen: einen fruchtbaren Boden, ein mildes Klima, ein gutes Herz, eine allerliebste Heiterkeit, Genie und Anmuth; Ihr seid zu Allem brauchbar, ohne Gleichen in der Kunst zu gefallen, ohne Meister in den andern Künsten; es fehlt Euch, meine Freunde, nur ein kleiner Punkt, nemlich die Gewißheit in Eurem eigenen Bette zu schlafen, wenn Ihr Euch in Nichts vergangen habt.«

Cagliostro hatte sein Wort auch Oliva gehalten. Diese war ihrerseits gewissenhaft treu. Es entschlüpfte ihr kein Wort, das ihren Gönner bloßstellte. Ihre Geständnisse waren nur für Frau von La Mothe verderblich und stellten auf eine unumwundene und unverwerfliche Weise ihre unschuldige Theilnahme an einer Mystification heraus, bei der es, nach ihrer Aussage, auf einen unbekannten Cavalier abgesehen war, den man ihr unter dem Namen Louis bezeichnet hatte.

Während der Zeit, die für die Gefangenen unter Schloß und Riegel und in den Verhören verlaufen war, hatte Oliva ihren theuren Beausire nicht wieder gesehen, sie war jedoch nicht ganz von ihm verlassen, und sie besaß, wie man sehen wird, von ihrem Geliebten ein Andenken, das sich Dido wünschte, als sie träumend sprach: »Ach! wenn es mir vergönnt wäre, auf meinem Schooße einen kleinen Ascan spielen zu sehen!«

Im Monat Mai des Jahres 1776 wartete ein Mann mitten unter den Armen auf den Stufen des Portals in der Rue Saint-Antoine. Er war unruhig, keuchend, und schaute, ohne die Augen abwenden zu können, nach der Bastille.

In seine Nähe stellte sich ein Mann mit langem Bart, einer von den deutschen Dienern Cagliostro's, derjenige, welchen der Graf als Kämmerer bei seinen geheimnißvollen Aufnahmen im alten Hause der Rue Saint-Claude benützte.

Dieser Mann hemmte die stürmische Ungeduld Beausire's und sagte leise zu ihm:

»Warten Sie, warten Sie, sie werden kommen.«

»Ah!« rief der unruhige Mann, »Sie sind es!«

Und da das sie werden kommen, wie es scheint, den unruhigen Mann nicht befriedigte, da dieses mehr als vernünftig zu gesticuliren fortfuhr, sagte ihm der Deutsche in's Ohr:

»Herr Beausire, Sie machen so viel Lärm, daß uns die Policei sehen wird. Mein Herr versprach Ihnen Nachrichten, ich gebe Ihnen welche.«

»Geben Sie, geben Sie, mein Freund.«

»Leise ... Mutter und Kind befinden sich wohl.«

»Oh! oh!« rief Beausire in unbeschreiblichem Entzücken, »sie ist entbunden! sie ist gerettet!«

»Ja, mein Herr; doch ich bitte, treten Sie auf die Seite.«

»Von einem Mädchen?«

»Nein, mein Herr, von einem Knaben.«

»Desto besser! Oh! mein Freund, wie glücklich bin ich, wie glücklich bin ich! Danken Sie Ihrem Herrn, sagen Sie ihm, mein Leben, Alles, was ich habe, gehöre ihm.«

»Ja, Herr Beausire, ja, ich werde ihm das sagen, wenn ich ihn sehe.«

»Mein Freund, warum sagten Sie mir vorhin ... Doch nehmen Sie diese zwei Louisd'or.«

»Ich nehme nur von meinem Herrn an.«

»Oh! verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht beleidigen.«

»Ich glaube es. Doch Sie sagten mir? ...«

»Ah! ich fragte Sie, warum Sie vorhin ausgerufen: »»Sie werden kommen!«« Wer wird kommen, wenn's beliebt?«

»Ich meinte den Wundarzt der Bastille und Frau Chopin, die Hebamme, welche Mlle. Oliva entbunden haben.«

»Sie werden hierher kommen? Warum?«

»Um das Kind taufen zu lassen.«

»Ich werde mein Kind sehen!« rief Beausire, indem er wie ein Verzückter in die Höhe sprang. »Sie sagen, ich werde den Sohn Oliva's sehen? hier, sogleich?«

»Hier, sogleich; doch ich bitte Sie inständig, mäßigen Sie sich; sonst werden die Agenten des Herrn von Crosne, die ich unter den Lumpen dieser Bettler verborgen errathe, Sie entdecken und wittern, daß Sie mit den Gefangenen der Bastille in Verbindung gestanden sind. Sie stürzen sich selbst in's Verderben und gefährden meinen Herrn.«

»Oh!« rief Beausire mit der Religion der Ehrfurcht und Dankbarkeit, »eher sterben, als eine Sylbe aussprechen, welche meinem Wohlthäter schaden könnte. Ich werde ersticken, wenn es sein muß, aber ich sage nichts mehr. Sie kommen nicht! ...«

»Geduld!«

Beausire näherte sich dem Deutschen und fragte, die Hände faltend:

»Ist sie ein wenig glücklich dort?«

»Vollkommen glücklich,« erwiderte der Andere. »Oh! hier kommt ein Fiaker.«

»Ja, ja.«

»Er hält an.«

»Ich sehe Weißes, Spitzen ...«

»Das Taufzeug des Kindes.«

»Guter Gott!« rief Beausire.

Und er war genöthigt, sich an eine Säule anzulehnen, um nicht zu wanken, als er aus dem Fiaker die Hebamme, den Wundarzt und einen Schließer der Bastille aussteigen sah, der bei dieser Veranlassung als Zeuge diente.

Als diese drei Personen vorübergingen, geriethen die Bettler in Bewegung und näselten ihre Forderungen.

Man sah nun seltsamer Weise den Pathen und die Pathin diese Elenden mit dem Ellenbogen stoßen und weiter schreiten, während ein Fremder, vor Freude weinend, seine Münze und seine Thaler unter sie vertheilte.

Als dann der kleine Zug in der Kirche eingetreten war, trat Beausire hinter ihnen mit den Priestern und den Neugierigen ein und suchte sich den besten Platz in der Sacristei aus, wo das Sacrament der Taufe vollzogen werden sollte.

Sobald der Priester die Hebamme und den Wundarzt erkannte, welche schon mehrere Male unter ähnlichen Umständen seine Dienste in Anspruch genommen hatten, nickte er ihnen freundlich lächelnd zu.

Beausire grüßte und lächelte mit dem Priester.

Die Thüre schloß sich, der Priester nahm seine Feder und fing an in sein Register die sacramentlichen Phrasen zu schreiben, welche den Act der Einregistrirung bilden.

Als er nach dem Namen und Vornamen des Kindes fragte, antwortete der Wundarzt:

»Es ist ein Knabe, mehr weiß ich nicht.«

Und ein Gelächter punktirte diese Erklärung, was Beausire nicht sehr ehrerbietig vorkam.

»Es hat doch einen Namen und wäre es der irgend eines Heiligen.«

»Ja, es war der Wille der Demoiselle, daß es den Namen ToussaintAlle Heiligen. bekommen solle.«

»Dann hat es den aller Heiligen!« sagte der Priester lachend über sein Wortspiel, was die Sacristei mit neuer Heiterkeit erfüllte.

Beausire fing an die Geduld zu verlieren, doch der weise Einfluß des Deutschen hielt ihn noch zurück. Er bewältigte sich.

»Nun,« sagte der Priester, »mit diesem Vornamen, mit allen Heiligen als Patronen, kann man eines Vaters entbehren. Schreiben wir: »»Es ist uns heute ein Kind männlichen Geschlechts, geboren gestern in der Bastille, vorgewiesen worden; Sohn von Nicole Oliva Legay und von ... Vater unbekannt.«««

Beausire sprang wüthend an die Seite des Priesters, packte ihn beim Faustgelenke und rief:

»Toussaint hat einen Vater, wie er eine Mutter hat. Er hat einen zärtlichen Vater, der sein Blut nicht verleugnen wird. Ich bitte Sie, schreiben Sie, daß Toussaint, gestern geboren von Nicole Oliva Legay, der Sohn von dem hier gegenwärtigen Jean Baptiste Toussaint von Beausire ist!«

Man denke sich das Erstaunen des Priesters, des Pathen und der Pathin. Die Feder entfiel den Händen des Ersten, das Kind wäre beinahe aus den Händen der Hebamme gefallen.

Beausire empfing es in den seinigen, bedeckte es mit gierigen Küssen und ließ auf die Stirne des armen Kleinen die erste Taufe, die heiligste in dieser Welt nach der, welche von Gott kommt, die Taufe der väterlichen Thränen fallen.

Obgleich an dramatische Scenen gewöhnt und trotz des den wahren Voltairianern dieser Zeit anklebenden Skepticismus, waren die Anwesenden gerührt. Der Priester allein behauptete seine Kaltblütigkeit und zog die Vaterschaft in Zweifel. Vielleicht ärgerte es ihn, daß er seine Schreibereien wieder anfangen mußte.

Doch Beausire errieth die Schwierigkeit; er legte auf den Taufstein drei Louisd'or, welche viel besser, als seine Thränen, sein Vaterrecht begründeten und seine Glaubwürdigkeit an's Licht stellten.

Der Priester verbeugte sich, hob die zwei und siebenzig Livres auf und durchstrich die zwei Sätze, die er spottend in sein Register eingeschrieben hatte.

»Nur, mein Herr,« sagte er, »nur, da die Erklärung des Herrn Wundarztes der Bastille und der Frau Chopin eine förmliche gewesen ist, werden Sie die Güte haben, selbst zu schreiben und zu beurkunden, daß Sie sich als Vater dieses Kindes erklären.«

»Ich!« rief Beausire, in der höchsten Freude, »ich würde mit meinem Blute schreiben.«

Und er ergriff die Feder voll Begeisterung.

»Nehmen Sie sich in Acht,« sagte ganz leise der Schließer Guyon, der seine Rolle als bedenklicher Mann nicht vergessen hatte, zu ihm: »Ich glaube, mein lieber Herr, Ihr Name klingt schlecht an gewissen Orten; es ist gefährlich, ihn in die öffentlichen Register einzuschreiben mit einem Datum, das zugleich den Beweis von Ihrer Gegenwart und von Ihrem Umgang mit einer Angeklagten gibt.«

»Ich danke für Ihren Rath, Freund,« erwiderte Beausire mit Stolz; »er ist der eines redlichen Mannes und wohl die zwei Louisd'or werth, die ich Ihnen anbiete. Doch den Sohn meiner Frau verleugnen ...«

»Sie ist Ihre Frau?« rief der Wundarzt.

»Gesetzlich?« rief der Priester.

»Gott schenke ihr die Freiheit,« erwiderte Beausire zitternd vor Vergnügen, »und am andern Tag wird Nicole Legay von Beausire heißen, wie ihr Sohn und ich.«

»Mittlerweile setzen Sie sich einer Gefahr aus,« wiederholte der Schließer, »ich glaube, daß man Sie sucht.«

»Ich werde Sie nicht verrathen,« sagte der Wundarzt.

»Ich auch nicht,« sprach die Hebamme.

»Ich ebenso wenig,« rief der Priester.

»Und wenn man mich verriethe,« fuhr Beausire mit der Begeisterung der Märtyrer fort, »ich werde dulden bis zum Rade, um mich des Trostes zu erfreuen, meinen Sohn anzuerkennen.«

»Wenn er gerädert würde,« sagte Herr Guyon, der sich auf eine Gegenansicht etwas zu Gut that, ganz leise zur Hebamme, »so geschähe es nicht, weil er sich als Vater des kleinen Toussaint bekannt hat.«

Nach diesem Scherz, der Frau Chopin lächeln machte, wurde nach den Formen zu der Einregistrirung und zu der Anerkennung des kleinen Beausire geschritten.

Beausire schrieb seine Erklärung in herrlichen, aber ein wenig geschwätzigen Phrasen, wie es die Berichte von jeder That sind, auf welche der Autor stolz ist.

Er überlas sie, punktirte sie, unterzeichnete mit einem Namenszug und ließ von den vier anwesenden Personen unterzeichnen; dann, nachdem er Alles noch einmal gelesen und bestätigt hatte, küßte er seinen gebührender Maßen getauften Sohn, schob ihm zehn Louisd'or unter das Tauftuch, hing ihm einen Ring an den Hals, ein Geschenk, das für die Wöchnerin bestimmt war, und öffnete, stolz wie Xenophon bei seinem berühmten Rückzug, die Thüre der Sacristei, entschlossen, nicht die geringste List zu gebrauchen, nicht die kleinste Vorsichtsmaßregel zu nehmen, um den Sbirren zu entgehen, sollte er solche finden, welche entartet genug wären, ihn in diesem Augenblick festnehmen zu wollen.

Die Gruppen der Bettler hatten die Kirche nicht verlassen; hätte Beausire sie mit festeren Augen anschauen können, so hätte er vielleicht den berüchtigten Positiv, den Urheber seines Unglücks unter ihnen erkannt, doch nichts rührte sich. Die neue Austheilung, welche Beausire machte, wurde mit maßlosen: »Vergelt's Gott!« aufgenommen, und der glückliche Vater ging von Saint-Paul mit allem Anschein eines verehrten, auserkorenen, gesegneten, von allen Armen des Kirchspiels umschmeichelten Ehrenmanns weg.

Die Taufzeugen entfernten sich ebenfalls und kehrten, ganz verwundert über dieses Abenteuer, zu dem Fiaker zurück.

Beausire belauerte sie von der Ecke der Rue Culture-Sainte-Catherine, sah sie in den Wagen steigen, warf seinem Sohn ein paar bebende Küsse zu, und als sein Herz sich völlig ergossen hatte, als der Fiaker aus seinen Augen verschwunden war, dachte er, er dürfe weder Gott, noch die Policei mehr versuchen, und wandte sich nach einem Zufluchtsort, der nur ihm allein, Cagliostro und Herrn von Crosne bekannt war.

Das heißt, Herr von Crosne hatte sein Wort auch gehalten und Beausire nicht beunruhigen lassen.

Als das Kind in die Bastille zurückkam und Frau Chopin Oliva so viele erstaunliche Abenteuer mitgetheilt hatte, steckte diese an ihren dicksten Finger den Ring von Beausire, fing auch an zu weinen, küßte ihr Kind, für das man schon eine Amme suchte, und sagte:

»Nein, Herr Gilbert, ein Schüler von Herrn Rousseau, behauptete einst, eine gute Mutter müsse ihr Kind selbst stillen, ich werde meinen Sohn stillen; ich will wenigstens eine gute Mutter sein.«

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