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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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XC.

Eine letzte Hoffnung.

Bei der Wendung, welche Jeanne der Sache gegeben hatte, wurde es, wie man sieht, unmöglich, die Wahrheit zu entdecken.

Auf eine unverwerfliche Weise durch zwanzig von glaubwürdigen Personen herrührende Zeugschaften des Diamanten-Diebstahls überwiesen, konnte sich Jeanne nicht entschließen, für eine gemeine Diebin zu gelten. Sie bedurfte der Schande von irgend Jemand an der Seite der ihrigen. Sie überredete sich, der Lärm von dem Scandal in Versailles werde ihr eigenes Verbrechen so vollständig übertäuben, daß im Fall einer Verurtheilung der Spruch hauptsächlich die Königin treffen müßte.

Ihre Berechnung war gescheitert. Die Königin, indem sie offen die Debatte über die doppelte Ungelegenheit annahm, der Cardinal, indem er sich seinem Verhör, den Richtern und dem Scandal unterzog, raubten ihrer Feindin die Glorie der Unschuld, die sie mit allen ihren heuchlerischen Zurückhaltungen zu vergolden sich gefallen hatte.

Aber eine seltsame Erscheinung! Das Publicum sollte vor seinen Augen einen Proceß sich entrollen sehen, in dem Niemand unschuldig wäre, selbst nicht diejenigen, welche die Gerichte freisprechen würden.

Nach zahllosen Confrontationen, in denen der Cardinal beständig ruhig und artig blieb, selbst gegen Jeanne, während diese sich heftig und bösartig gegen Alle geberdete, war die öffentliche Meinung im Allgemeinen und die der Richter in's Besondere unwiderruflich festgestellt.

Alle Zwischenfälle waren beinahe unmöglich geworden, alle Offenbarungen waren erschöpft. Jeanne bemerkte, daß sie keine Wirkung auf ihre Richter hervorgebracht hatte.

Sie faßte in der Stille des Kerkers alle ihre Kräfte, alle ihre Hoffnungen zusammen.

Von Allem, was Herrn Breteuil umgab oder ihm diente, kam Jeanne der Rath zu, die Königin zu schonen und den Cardinal mitleidslos im Stich zu lassen.

Von Allem, was mit dem Cardinal in Berührung stand, einer mächtigen Familie, für die volksthümliche Sache parteiischen Richtern, einer an Mitteln fruchtbaren Geistlichkeit, kam Frau von La Mothe der Rath zu, die volle Wahrheit zu sagen, die Intriguen des Hofes zu entlarven und den Lärm auf einen Grad zu treiben, daß daraus eine für die gekrönten Häupter tödtliche Betäubung erfolgte.

Diese Partei suchte Jeanne einzuschüchtern, sie stellte ihr abermals vor, was sie nur zu gut wußte, nämlich, daß die Mehrzahl der Richter sich auf die Seite des Cardinals neige, daß sie ohne Nutzen in dem Kampf scheitern und in Stücke gehen werde, und man fügte bei, halb verloren, wie sie sei, wäre es besser für sie, sich wegen der Sache der Diamanten verurtheilen zu lassen, als Verbrechen der Majestätsbeleidigung aufzurühren, einen blutigen, im Grunde der Feudalgesetzbücher eingeschlafenen Schlamm, den man nie an die Oberfläche eines Processes rufe, ohne auch zugleich den Tod aufsteigen zu machen.

Diese Partei schien ihres Sieges gewiß. Sie war es. Die Begeisterung des Volks gab sich mit dieser zu Gunsten des Cardinals kund. Die Männer bewunderten seine Geduld und die Frauen seine Discretion. Die Männer waren darüber entrüstet, daß man ihn so schändlich hintergangen; die Frauen wollten es nicht glauben. Oliva, obgleich sie lebte, existirte für eine Anzahl Leute mit ihrer Aehnlichkeit und ihren Geständnissen gar nicht, oder wenn sie existirte, so hatte die Königin sie ausdrücklich für diesen Umstand erfunden.

Jeanne überlegte dieß Alles. Ihre Advocaten selbst verließen sie, ihre Richter verhehlten ihren Widerwillen nicht; die Rohan belasteten sie kräftig; die öffentliche Meinung verachtete sie. Sie beschloß einen letzten Schlag zu thun, um ihren Richtern Unruhe, den Freunden des Kardinals Angst einzuflößen, und den öffentlichen Haß gegen Marie Antoinette noch mehr aufzustacheln.

Ihr Mittel in Beziehung auf den Hof sollte folgendes sein:

Glauben machen, sie habe fortwährend die Königin geschont, und sie würde Alles entschleiern, wenn man sie auf das Aeußerste triebe.

In Beziehung auf den Cardinal mußte sie glauben machen, sie behaupte ihr Stillschweigen nur, um seine Zartheit nachzuahmen; doch sobald er spräche, würde sie, durch dieses Beispiel ihrer Pflicht entbunden, auch sprechen, und alle Beide würden zugleich ihre Unschuld und die Wahrheit enthüllen.

Das war wirklich nur ein Inbegriff ihres Benehmens während der Instruction des Processes. Doch ist es nicht zu leugnen, alle bekannten Gerichte lassen sich durch neue Würze verjüngen. Man vernehme, was die Gräfin ersann, um ihre zwei Stratageme aufzufrischen.

Sie schrieb an die Königin einen Brief, dessen Ausdrücke allein seinen Character und seine Tragweite enthüllen können:

»Madame,

»Was meine Lage auch Peinliches und Hartes hat, es ist mir doch nicht eine Klage entschlüpft. Alle Winkelzüge und Schleichwege, deren man sich bedient, um mir Geständnisse zu erpressen, haben nur dazu beigetragen, mich zu bestärken in dem Entschluß, meine Gebieterin nicht bloßzustellen.

»So sehr ich aber überzeugt bin, daß meine Beharrlichkeit und meine Verschwiegenheit mir die Mittel erleichtern müssen, der Verlegenheit zu entkommen, in der ich mich befinde, so bekenne ich doch, daß die Anstrengungen der Familie des Sclaven (so nannte die Königin den Cardinal in den Tagen ihrer Versöhnung) mich befürchten lassen, daß ich ihr Opfer werde.

»Eine lange Haft, Confrontationen, welche kein Ende nehmen, die Scham und die Verzweiflung, daß ich mich eines Verbrechens bezüchtigt sehe, dessen ich nicht schuldig bin, haben meinen Muth geschwächt, und ich habe bange, meine Standhaftigkeit könnte so vielen gleichzeitigen Schlägen erliegen.

»Madame könnte dieser unglücklichen Angelegenheit mit einem einzigen Wort ein Ziel setzen durch die Vermittlung des Herrn von Breteuil, der ihr in den Augen des Ministers (des Königs) die Wendung zu geben im Stande ist, die ihm sein Verstand einflüstern wird, ohne daß Madame auf irgend eine Weise bloßgestellt ist. Die Furcht, ich dürfte genöthigt sein, Alles zu enthüllen, veranlaßt mich zu dem Schritt, den ich heute in der Ueberzeugung thue, Madame werde die Beweggründe berücksichtigen, die mich zwingen, meine Zuflucht hiezu zu nehmen, und sie werde Befehle geben, mich der schmerzlichen Lage zu entziehen, in der ich mich befinde.

»Ich bin mit tiefer Ehrfurcht Eurer Majestät unterthänigste Dienerin,

Gräfin Valois von La Mothe

Jeanne hatte, wie man sieht, Alles berechnet.

Entweder würde der Brief an die Königin gelangen und sie durch die Beharrlichkeit, die er nach so vielen Querzügen verrieth, erschrecken, und dann würde sich die Königin, die des Kampfes müde sein müßte, entschließen, der Sache durch die Freilassung Jeanne's ein Ende zu machen, da ihre Haft und ihr Proceß zu nichts geführt hatten.

Oder, was noch viel wahrscheinlicher und durch das Ende des Briefes selbst dargethan ist, Jeanne zählte in keiner Hinsicht auf den Brief, und das ist leicht zu erweisen: denn so in den Proceß hinein versetzt, konnte die Königin nichts aufhalten, ohne sich selbst zu verurtheilen. Es ist also augenscheinlich, daß Jeanne nie darauf gerechnet hatte, der Brief würde der Königin übergeben werden.

Sie wußte, daß alle ihre Wächter dem Gouverneur der Bastille, das heißt Herrn von Breteuil ergeben waren. Sie wußte, daß alle Welt in Frankreich aus der Halsband-Sache eine ganz politische Speculation machte, was seit den Parlamenten des Herrn von Maupeou nicht mehr geschehen. Es war gewiß, daß der Bote, den sie mit diesem Briefe beauftragte, wenn er ihn nicht dem Gouverneur gab, ihn für sich oder für die Richter von seiner Meinung behalten würde. Sie hatte endlich Alles so eingerichtet, daß dieser Brief, in irgend welche Hände fallend, darin einen Sauerteig von Haß, Verachtung und Unehrerbietigkeit gegen die Königin niederlegte.

Zu gleicher Zeit, da sie diesen Brief an die Königin schrieb, faßte sie einen anderen an den Cardinal ab:

»Ich kann nicht begreifen, Monseigneur, warum Sie sich hartnäckig weigern, klar zu sprechen. Mir scheint, Sie können nichts Besseres thun, als unseren Richtern ein unbegrenztes Vertrauen gewähren: unser Loos würde sich glücklicher gestalten. Ich meines Theils bin entschlossen, zu schweigen, wenn Sie mir nicht beistehen wollen. Doch warum sprechen Sie nicht? Erklären Sie alle Umstände dieser geheimnißvollen Angelegenheit, und ich schwöre Ihnen, daß ich Alles bestätige, was Sie behaupten werden, bedenken Sie wohl, Herr Cardinal, wenn ich es auf mich nehme, zuerst zu sprechen, und Sie in Abrede ziehen, was ich sagen dürfte, so bin ich verloren, so werde ich der Rache derjenigen nicht entgehen, welche uns aufopfern will.

»Doch Sie haben nichts Aehnliches von meiner Seite zu befürchten, meine Ergebenheit ist Ihnen bekannt. Sollte sie unversöhnlich sein, so wäre Ihre Sache immer die meinige; ich würde Alles opfern, um Sie den Wirkungen ihres Hasses zu entziehen, oder unsere Ungnade wäre eine gemeinschaftliche.

»N.S. Ich habe einen Brief an sie geschrieben, der sie hoffentlich bestimmen wird, wenn nicht die Wahrheit zu sagen, doch wenigstens uns nicht zu erdrücken, da wir uns kein anderes Verbrechen vorzuwerfen haben, als unsern Irrthum oder unser Stillschweigen.«

Diesen künstlichen Brief übergab sie dem Cardinal bei ihrer letzten Confrontation im großen Sprechzimmer der Bastille, und man sah den Cardinal einer solchen Frechheit gegenüber erröthen, erbleichen, beben. Er ging hinaus, um Athem zu schöpfen.

Den Brief an die Königin übergab die Gräfin in demselben Augenblick dem Abbé Lekel, Almosenier der Bastille, der den Cardinal in's Sprechzimmer begleitet hatte und den Interessen der Rohan ergeben war.

»Mein Herr,« sagte sie zu ihm, »Sie können, indem Sie diesen Auftrag vollziehen, eine Aenderung im Schicksal des Herrn von Rohan und in dem meinigen herbeiführen. Nehmen Sie Kenntniß von dem, was er enthält. Sie sind ein durch seine Pflichten zur Verschwiegenheit verbundener Mann. Sie werden sehen, daß ich an der einzigen Thüre angeklopft habe, wo wir, der Cardinal und ich, Hilfe suchen können.

Der Almosenier weigerte sich.

»Sie sehen keinen andern Geistlichen als mich,« erwiderte er, »Ihre Majestät wird glauben, Sie haben meinen Rathschlägen gemäß geschrieben, und Sie haben mir alles gestanden; ich kann mich nicht selbst ins Verderben stürzen.«

»Nun wohl!« sprach Jeanne, am Gelingen ihrer List verzweifelnd, während sie jedoch den Cardinal durch die Einschüchterung zwingen wollte, »sagen Sie dem Herrn Cardinal, es bleibe mir ein Mittel, meine Unschuld zu beweisen, nemlich wenn ich die Briefe lesen lasse, die er an die Königin geschrieben hat. Es widerstrebte mir, von diesem Mittel Gebrauch zu machen; doch in unserem gemeinschaftlichen Interesse werde ich mich hiezu entschließen.«

Und als sie den Almosenier über diese Drohung erschrocken sah, versuchte sie es zum letzten Mal, ihm ihren furchtbaren Brief an die Königin in die Hand zu schieben.

»Nimmt er den Brief,« sagte sie zu sich selbst, »so bin ich gerettet, weil ich ihn dann in voller Sitzung frage, was er damit gemacht, ob er ihn der Königin übergeben und sie aufgefordert habe, darauf zu antworten; hat er ihn nicht übergeben, so ist die Königin verloren; das Zögern der Rohan wird ihr Verbrechen und meine Unschuld bewiesen haben.«

Doch kaum hatte der Abbé Lekel den Brief in den Händen, so gab er ihr denselben zurück, als ob er ihn brennte.

»Bedenken Sie wohl, daß Sie keine Gefahr laufen,« sagte Jeanne bleich vor Zorn, »ich habe den Brief der Königin in einem Umschlag unter der Adresse der Frau von Misery verborgen.«

»Ein Grund mehr!« rief der Abbé, »zwei Personen würden das Geheimiß erfahren. Ein doppeltes Motiv des Unwillens für die Königin. Nein, nein, ich thue es nicht.«

Und er stieß dis Finger der Gräfin zurück.

»Bemerken Sie wohl,« sagte sie, »Sie treiben mich so weit, daß ich von den Briefen des Herrn von Rohan Gebrauch mache.«

»Gut,« erwiderte der Abbé, »machen sie davon Gebrauch, Madame.«

»Aber,« sprach Jeanne zitternd vor Wuth, »da ich Ihnen erkläre, daß der Beweis eines geheimen Briefwechsels mit Ihrer Majestät den Kopf des Cardinals auf einem Schaffot fallen macht, steht es Ihnen frei, zu sagen: Gut! ... Ich werde Sie gewarnt haben.«

Die Thüre öffnete sich wieder, der Cardinal erschien stolz und zornmüthig auf der Schwelle und rief:

»Lassen Sie das Haupt eines Rohan auf einem Schaffot fallen, Madame, es wird nicht das erste Mal sein, daß die Bastille dieses Schauspiel gesehen hat. Doch da dem so ist, erkläre ich Ihnen, daß ich dem Schaffot, auf das mein Kopf rollt, nichts zum Vorwurf machen werde, wenn ich nur das Gerüste sehe, auf dem man Sie als Diebin und Fälscherin brandmarken wird. Kommen Sie, Abbé, kommen Sie.«

Nach diesen niederschmetternden Worten wandte er Jeanne den Rücken zu, ging mit dem Almosenier hinaus und überließ diese Unglückliche, welche keine Bewegung machen konnte, ohne immer tiefer in den Koth zu gerathen, in dem sie bald ganz versinken sollte, ihrer Wuth und Verzweiflung.

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