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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXXXVI.

Wie es kam, daß Herr von Beausire, während er den Hasen jaget, selbst von den Agenten des Herrn von Crosne gejagt wurde.

Frau von La Mothe wurde nach dem Willen der Königin eingesperrt.

Kein Ersatz konnte angenehmer für den König sein, der diese Frau instinktartig haßte. Der Proceß über das Halsband wurde mit all der Wuth instruirt, womit zu Grunde gerichtete Kaufleute, die sich aus der Verlegenheit zu ziehen hoffen, Angeklagte, die der Anklage entgehen wollen, und volksthümliche Richter zu Werke gehen können, welche in den Händen die Ehre oder das Leben einer Königin haben, abgesehen von der Eitelkeit oder dem Parteigeist.

Es war nur ein Schrei durch ganz Frankreich. An den Nuancen dieses Schreies vermochte die Königin ihre Parteigänger oder ihre Feinde zu erkennen und zu zählen.

Herr von Rohan verlangte seit seiner Einsperrung dringend, mit Frau von La Mothe confrontirt zu werden. Diese Befriedigung wurde ihm gewährt. Der Prinz lebte in der Bastille wie ein vornehmer Herr in einem Hause, das er gemiethet. Außer der Freiheit wurde ihm auf sein Verlangen Alles bewilligt.

Der Proceß hatte im Anfang geringfügige Verhältnisse angenommen, wenn man den Stand der angeschuldigten Personen in's Auge faßt. Man wunderte sich, wie ein Rohan des Diebstahls angeklagt werden konnte. Die Officiere und der Gouverneur der Bastille bezeigten auch dem Cardinal jede Ehrfurcht, jede dem Unglück schuldige Achtung. Für sie war er kein Angeklagter, sondern ein in Ungnade Gefallener.

Das wurde noch ganz anders, als es sich im Publicum verbreitete, Herr von Rohan falle als Opfer von Hofintriguen. Es war nicht mehr Sympathie für den Prinzen, sondern Begeisterung.

Und Herr von Rohan, einer der Ersten unter den Edlen des Reiches, begriff nicht, daß ihm die Liebe des Volks einzig und allein dadurch zukam, daß er durch Edleres als er verfolgt wurde. Herr von Rohan, das letzte Opfer des Despotismus, war factisch einer der ersten Revolutionäre von Frankreich.

Seine Unterredung mit Frau von La Mothe ward durch einen merkwürdigen Umstand bezeichnet. Der Gräfin, der man, so oft es sich um die Königin handelte, leise zu sprechen gestattete, gelang es, zum Cardinal zu sagen:

»Entfernen Sie Jedermann und ich werde Ihnen die Aufklärungen geben, die Sie haben wollen.«

Da verlangte Herr von Rohan allein zu sein und leise zu fragen.

Man verweigerte es ihm, aber man ließ seinen Consulenten sich mit der Gräfin besprechen.

Was das Halsband betrifft, so erwiderte sie, sie wisse nicht, was daraus geworden, aber man hätte es wohl ihr geben können.

Und als der Consulent, betäubt von der Frechheit dieser Frau, darüber aufschrie, fragte sie ihn, ob der Dienst, den sie der Königin und dem Cardinal geleistet, nicht eine Million werth sei.

Der Advocat wiederholte diese Worte dem Cardinal. Dieser erbleichte, neigte das Haupt und errieth, daß er in die Schlinge dieser höllischen Vogelfängerin gerathen war.

Doch wenn er schon daran dachte, den Lärm dieser Angelegenheit, welcher die Königin zu Grunde richtete, zu ersticken, so trieben ihn seine Freunde an, die Feindseligkeiten nicht zu unterbrechen.

Man wandte ihm ein, seine Ehre sei im Spiel; es handle sich um einen Diebstahl; ohne einen Spruch des Parlaments wäre die Unschuld nicht erwiesen.

Um aber diese Unschuld zu beweisen, mußte man die Beziehungen des Cardinals zu der Königin und folglich das Verbrechen dieser Letzteren beweisen.

Bei dieser Betrachtung erwiderte Jeanne, sie würde die Königin eben so wenig anklagen, als den Cardinal; wenn man sie aber beharrlich für das Halsband verantwortlich mache, so würde sie thun, was sie nicht thun wollte, das heißt, sie würde beweisen, daß die Königin und der Cardinal ein Interesse dabei haben, sie der Lüge zu beschuldigen.

Als man diese Schlüsse dem Cardinal mittheilte, bezeigte der Prinz seine ganze Verachtung gegen diejenige, welche davon sprach, ihn opfern zu wollen. Er fügte bei, er begreife bis auf einen gewissen Grad das Benehmen Jeanne's, aber er begreife das der Königin durchaus nicht.

Der Königin überbracht und mit Commentaren versehen, erzürnten diese Worte Marie Antoinette dermaßen, daß sie von ihrem Sitz auffuhr. Sie wollte dann, daß ein besonderes Verhör auf die geheimnißvollen Theile dieses Processes gelenkt werden sollte. Der große Beschwerdepunkt der nächtlichen Zusammenkünfte erschien nun enthüllt im breitesten Lichte vor den Verleumdern und Neuigkeitskrämern.

Da sah sich aber die unglückliche Königin schwer bedroht ... Jeanne behauptete, das, wovon man ihr sprach, nicht zu kennen, und zwar vor den Leuten der Königin; doch den Leuten des Cardinals gegenüber war sie nicht so discret, und sie wiederholte immer:

»Man lasse mich in Ruhe, sonst werde ich sprechen.«

Diese Halbsagereien, diese Bescheidenheiten hatten ihr die Stellung einer Heldin gegeben und verwirrten den Proceß dergestalt, daß die muthigsten Actenklauber beim Studium der Beweisstücke erbebten und daß kein Instructionsrichter es wagte, die Verhöre der Gräfin fortzusetzen.

War der Cardinal schwächer, war er offenherziger? gestand er einem Freunde, was er sein Liebesgeheimniß nannte? Man weiß es nicht; man darf es nicht glauben. Denn der Prinz war ein edles, ein sehr ergebenes Herz. Aber so loyal er auch in seinem Stillschweigen gewesen war, so verbreitete sich doch das Gerücht von seiner Unterredung mit der Königin. Alles, was der Graf von Provence gesagt, Alles, was Charny und Philipp erfahren oder gesehen hatten, alle diese Heimlichkeiten, welche für jeden Andern, als einen Prätendenten, wie der Bruder des Königs, oder für Liebesnebenbuhler, wie Philipp und Charny, unverständlich blieben, dieses ganze Geheimniß der so sehr verleumdeten und so keuschen Liebesangelegenheit verdunstete wie ein Wohlgeruch und verlor, zerschmolzen in der gemeinen Atmosphäre, das herrliche Aroma seines Ursprungs.

Man kann sich denken, ob die Königin warme Vertheidiger, ob Herr von Rohan eifrige Streiter fand.

Die Frage war nicht mehr: Hat die Königin das Diamanten-Halsband gestohlen, oder hat sie es nicht gestohlen?

Eine doch an und für sich genugsam entehrende Frage; aber das genügt nicht einmal. Die Frage war:

Hat die Königin das Halsband durch Jemand stehlen lassen, der in das Geheimniß ihrer ehebrecherischen Liebschaft eingedrungen war?

So hatte Frau von La Mothe die Schwierigkeit zu drehen gewußt. So fand sich die Königin auf einem Wege eingeschlossen, der keinen andern Ausgang hatte als die Schande.

Sie ließ sich niederschlagen; sie beschloß zu kämpfen; der König unterstützte sie.

Das Ministerium unterstützte sie auch und zwar mit allen seinen Kräften. Die Königin erinnerte sich, daß Herr von Rohan ein ehrlicher Mann und unfähig war, eine Frau zu Grunde zu richten. Sie erinnerte sich seiner Sicherheit, als er schwur, zu den Rendezvous in Versailles zugelassen worden zu sein.

Sie schloß daraus, der Cardinal sei nicht ihr unmittelbarer Feind, und er habe wie sie nur ein Interesse der Ehre bei der Frage.

Man lenkte von da an den Proceß mit aller Anstrengung gegen die Gräfin; und man suchte auf's Eifrigste die Spuren des verlorenen Halsbands.

Der Debatte über die Beschuldigung ehebrecherischer Schwäche anwohnend, warf die Königin auf Jeanne die niederschmetternde Anklage des Betrugs und des Diebstahls zurück.

Alles sprach gegen die Gräfin, die Vorgänge in ihrem früheren Leben, ihre erste Armuth, ihre seltsame Erhebung; der Adel nahm diese Zufallsprinzessin nicht an, das Volk konnte sie nicht als sein Eigenthum zurückfordern; das Volk haßt instinctartig die Abenteurer, es verzeiht ihnen nicht einmal den glücklichen Erfolg.

Jeanne bemerkte, daß sie einen falschen Weg eingeschlagen hatte, und daß die Königin, indem sie sich der Anklage unterzog, indem sie der Furcht vor dem Lärmen nicht wich, den Cardinal aufforderte, sie nachzuahmen: daß diese zwei redlichen Personen am Ende sich verständigen und das Licht finden würden, und daß, selbst wenn sie unterlägen, dieß in einem so furchtbaren Sturze geschehen müßte, daß sie, die arme kleine Valois, diese Prinzessin einer gestohlenen Million, die sie nicht einmal mehr bei der Hand hatte, um ihre Richter zu bestechen, unter sich zermalmten.

Man war so weit, als eine neue Episode eintrat, die das Angesicht der Dinge veränderte.

Herr von Beausire und Mademoiselle Oliva lebten glücklich und reich in einem Landhause, als eines Tages der gnädige Herr, der Madame allein gelassen hatte, um auf die Jagd zu gehen, in die Gesellschaft zweier Agenten gerieth, welche Herr von Crosne über ganz Frankreich aussandte, um eine Entwicklung dieser Intrigue zu erlangen.

Die zwei Liebenden wußten nichts von dem, was in Paris vorging; sie dachten nur an sich selbst. Mademoiselle Oliva wurde fett wie ein Wiesel auf einem Speicher, und Herr von Beausire hatte, mit dem Glück, jene unruhige Neugierde verloren, die das unterscheidende Merkmal der Raubvögel wie der Raubmenschen bildet, den Charakter, welchen die Natur den Einen und den Andern für ihre Erhaltung gegeben hat.

Beausire war, wie gesagt, an diesem Tage auf die Hasenjagd gegangen. Er stieß auf einen Flug Rebhühner, was ihn veranlaßte, quer über eine Straße zu gehen. So fand er, etwas Anderes suchend, als er hätte suchen sollen, das was er nicht suchte.

Auch die Agenten suchten Oliva, und sie fanden Beausire. Das sind die gewöhnlichen Launen der Jagd.

Einer von diesen Spürhunden war ein Mensch von Geist. Als er ihn erkannt hatte, machte er, statt ihn ohne alles Weitere zu verhaften, was nichts eingetragen haben würde, folgenden Entwurf mit seinem Gefährten:

»Beausire jagt, er ist also ziemlich reich und ziemlich frei; er hat vielleicht fünf oder sechs Louisd'or in seiner Tasche, aber er kann möglicher Weise drei- bis vierhundert Louisd'or in seiner Behausung haben: dringen wir dort ein und setzen wir ihn auf Lösegeld. Nach Paris zurückgebracht, wird uns Beausire nur hundert Livres eintragen, wie jeder gewöhnliche Fang; man wird uns noch ausschelten, daß wir das Gefängniß wegen einer unbedeutenden Person überfüllt haben. Machen wir aus Beausire eine persönliche Speculation.«

Sie fingen an, Rebhühner zu jagen wie Herr Beausire, Hasen wie Herr Beausire, und indem sie den Hund aufmunterten, wenn es dem Hasen galt, und durch den Klee trieben, wenn es dem Rebhuhn galt, verließen sie ihren Mann nicht um eine Sohle.

Als Beausire die Fremden sah, die sich in die Jagd mischten, war er Anfangs sehr erstaunt, dann sehr zornig. Er war eifersüchtig auf sein Wildpret geworden, wie jeder gute Strohjunker; er war aber auch argwöhnisch in Betreff neuer Bekanntschaften. Statt diese Jünger, die ihm der Zufall gab, selbst zu befragen, ging er gerade auf einen Feldschützen zu, den er auf der Ebene fand, und beauftragte ihn, die Herren zu fragen, warum sie auf diesem Gute jagten.

Der Feldschütz erwiderte, er kenne die Herren nicht als in der Gegend zu Hause, und fügte bei, es sei sein Wunsch, sie in ihrer Jagd zu unterbrechen, was er auch that. Doch die zwei Fremden erwiderten, sie jagen mit ihrem Freunde, dem Herrn dort.

So bezeichneten sie Beausire. Der Feldschütze führte sie zu ihm, trotz alles Verdrusses, den diese Confrontation dem edlen Jäger bereitete.

»Herr von Linville,« sagte er, »diese Herren behaupten, sie jagen mit Ihnen.«

»Mit mir!« rief Beausire aufgebracht; »ah! ja wohl.«

»Wie!« sagte einer von den Agenten leise zu ihm, »Sie heißen also auch Herr von Linville, mein lieber Beausire?«

Beausire bebte; er hatte seinen Namen in dieser Gegend so gut verborgen.

Er schaute den Agenten, dann dessen Gefährten betreten an, glaubte unbestimmt diese Gesichter zu erkennen, und entließ, um die Dinge nicht zu verschlimmern, den Feldschützen mit der Bemerkung, er nehme die Jagd dieser Herren auf sich.

»Sie kennen sie also?« fragte der Feldschütze.

»Ja, wir haben uns erkannt,« erwiderte einer der Agenten.

Beausire fand sich nun, sehr verlegen, wie er mit ihnen sprechen sollte, ohne sich zu gefährden, den zwei Jägern gegenüber.

»Bieten Sie uns ein Frühstück an, Beausire,« sagte der Gewandtere von den beiden Agenten; »in Ihrem Hause.«

»In meinem Hause! aber ...« rief Beausire.

»Sie werden nicht so unhöflich gegen uns sein, Beausire ...«

Beausire hatte den Kopf verloren, er ließ sich mehr führen, als er führte.

Die Agenten, sobald sie das kleine Haus erblickten, lobten seine Eleganz, seine Lage, die Bäume, die Aussicht, wie es Leute von Geschmack thun mußten, und Beausire hatte auch in der That einen reizenden Ort gewählt, um sein Liebesnest darein zu setzen.

Es war ein Thal mit vielen Baumgruppen und von einem Flüßchen durchschnitten; das Haus erhob sich auf einer Anhöhe gegen Osten. Ein Schilderhaus, eine Art von Glockenthurm ohne Glocke, diente Beausire als Observatorium, um die Gegend an Tagen der Schwermut zu überschauen, wenn seine rosigen Ideen verwelkten und er in jedem über seinen Pflug gebückten Ackersmann einen Alguazil erblickte.

Nur auf einer Seite war dieses Gebäude lachend und sichtbar, auf der andern verschwand es unter den Baumgruppen und den Erhöhungen des Terrain.

»Wie gut ist man da innen verborgen!« sagte einer der Agenten mit Bewunderung zu ihm.

Beausire bebte bei dem Scherz und trat zuerst in sein Haus, unter dem Gebell der Hofhunde.

Die Agenten folgten ihm mit vielen Ceremonien.

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