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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXXXIV.

Der Vater und die Braut.

Der Salon des Hauses lag im Erdgeschoß; zu seiner Linken war das Boudoir, mit einem Ausgang auf die Treppe, welche nach der Wohnung Andrée's führte.

Zu seiner Rechten war ein anderer Salon, durch den man in den großen eintrat.

Philipp kam zuerst in das Boudoir, wo ihn seine Schwester erwartete. Er hatte in der Flur seine Schritte verdoppelt, um früher in den Armen dieser theuren Gefährtin zu sein.

Sobald er die Doppelthüre des Salons geöffnet hatte, nahm ihn Andrée beim Halse und umarmte ihn mit einer freudigen Miene, an welche dieser traurige Liebende, dieser unglückliche Bruder seit langer Zeit nicht mehr gewöhnt war.

»Gütiger Himmel! was begegnet Dir denn?« fragte der junge Mann Andrée.

»Etwas Glückliches! ... oh! etwas sehr Glückliches, mein Bruder!«

»Und Du kommst zurück, um es mir mitzutheilen?«

»Ich komme für immer zurück!« sagte sie mit einem Entzücken des Glücks, das aus ihrem Ausruf einen schallenden Schrei machte.

»Leise, Schwesterchen, leise.« sagte Philipp; »das Täfelwerk dieses Hauses ist nicht an die Freude gewöhnt, und dann ist dort, oder wird sogleich dort in dem Salon Jemand sein, der Dich hören könnte.«

»Jemand, wer denn?« fragte Andrée.

»Horche,« erwiderte Philipp.

»Der Herr Graf von Charny,« meldete der Lakai, Olivier aus dem kleinen Saale in den großen einführend.

»Er! er!« lief Andre«, ihre Liebkosungen bei ihrem Bruder verdoppelnd. »Oh! ich weiß wohl, was er hier will.«

»Du weißt es?«

»Ich weiß es so gut, daß ich die Unordnung in meinem Anzug wahrnehme, und daß ich, da ich den Augenblick vorhersehe, wo ich ebenfalls in den Salon werde eintreten müssen, um dort mit meinen Ohren zu hören, was Herr von Charny zu sagen beabsichtigt ...«

»Sprichst Du im Ernste, meine liebe Andrée?«

»Höre, höre, Philipp, und laß mich in mein Zimmer hinaufgehen. Die Königin hat mich ein wenig schnell zurückgeführt; ich will mein Klosternegligee gegen ein Gewand ... gegen ein Brautgewand vertauschen.«

Und nach diesen Worten, die sie leise und in Begleitung eines freudigen Kusses zu Philipp sprach, verschwand Andrée leicht und brausend auf der Treppe, die nach ihrer Wohnung führte.

Philipp blieb allein, legte seine Wange an die Thüre, welche das Boudoir mit dem Salon verband, und horchte.

Der Graf von Charny war eingetreten. Er ging langsam auf und ab und schien mehr nachzusinnen, als zu warten.

Herr von Taverney Vater trat ebenfalls ein und begrüßte den Grafen mit ausgezeichneter, wenn auch gezwungener Höflichkeit.

»Welchem Umstand,« sagte er, »verdanke ich die Ehre dieses unerwarteten Besuches, Herr Graf? in jedem Fall glauben Sie mir, daß ich im höchsten Grade darüber erfreut bin.«

»Ich komme, wie Sie sehen, in Ceremonie, mein Herr, und ich bitte Sie, mich zu entschuldigen, wenn ich meinen Oheim, den Herrn Bailli von Suffren, nicht mitgebracht habe, wie ich es hätte thun sollen.«

»Wie!« stammelte der Baron, »ich entschuldige Sie, mein lieber Herr von Charny.«

»Ich weiß, es wäre dieß der Schicklichkeit gemäß gewesen, bei der Bitte, die ich Ihnen vorzutragen im Begriff bin.«

»Eine Bitte?«

»Ich habe die Ehre,« sprach Charny mit einer Stimme, welche seine Aufregung beherrschte, »ich habe die Ehre, um die Hand von Fräulein Andrée von Taverney, Ihrer Tochter, zu bitten.«

Der Baron machte gleichsam einen Sprung in seinem Lehnstuhl. Er riß funkelnd die Augen auf, welche jedes von den Worten, die der Graf von Charny gesprochen, zu verschlingen schienen.

»Meine Tochter!« murmelte er, »Sie verlangen Andrée von mir zur Frau?«

»Ja, Herr Baron; wenn nicht etwa Fräulein von Taverney einen Widerwillen gegen diese Verbindung hegt.«

»Ah!« dachte der Greis, »steht Philipp schon so hoch in der Gunst, daß einer seiner Nebenbuhler diese durch eine Heirath mit seiner Schwester ausbeuten will? Meiner Treu, das ist auch nicht schlecht gespielt, Herr von Charny.«

Und mit einem Lächeln erwiderte er laut:

»Dieses Gesuch ist so ehrenvoll für unser Haus, Herr Graf, daß ich ihm, was mich betrifft, mit großer Freude entspreche, und da mir daran gelegen ist, daß Sie eine vollständige Einwilligung von hier mitnehmen, so werde ich meine Tochter benachrichtigen lassen ...«

»Mein Herr,« unterbrach ihn der Graf mit kaltem Tone, »Sie machen sich eine unnöthige Mühe. Die Königin hat die Gnade gehabt, Fräulein von Taverney hierüber zu befragen, und die Antwort des Fräuleins ist günstig für mich gewesen.«

»Ah!« rief der Baron, immer mehr erstaunt, »die Königin ist es ...«

»Die sich zu diesem Behufe nach Saint-Denis begeben hat, ja, mein Herr,«

Der Baron stand auf und sprach:

»Herr Graf, ich habe Sie nur noch von den Verhältnissen des Fräuleins von Taverney in Kenntniß zu setzen. Ich habe hier oben die Urkunden vom Vermögen ihrer Mutter. Sie heirathen kein reiches Mädchen, Herr Graf, und ehe Sie abschließen ...«

»Unnöthig, Herr Baron,« unterbrach ihn Charny trocken. »Ich bin reich für Zwei, und Fräulein von Taverney gehört nicht zu den Frauen, um die man handelt. Doch es ist für mich unerläßlich, die Frage, die Sie für Ihre Rechnung behandeln wollten, für die meinige zu behandeln.«

Er hatte kaum diese Worte gesprochen, als sich die Thüre des Boudoir öffnete und Philipp bleich, verstört, eine Hand in seiner Weste, die andere krampfhaft geschlossen, erschien.

Charny begrüßte ihn ceremoniös und empfing einen ähnlichen Gruß.

»Mein Herr,« sprach Philipp, »mein Vater hatte Recht, Ihnen eine Unterredung über die Familienrechnungen vorzuschlagen; wir haben Ihnen Beide Aufklärungen zu geben. Während der Herr Baron in sein Zimmer hinauf geht, um die Papiere zu holen, von denen er sprach, werde ich die Ehre haben, die Frage mit Ihnen mehr im Einzelnen zu verhandeln.«

Und mit einem Blicke unabweisbarer Autorität schickte Philipp den Baron weg. der sich mit großem Mißbehagen entfernte, da er einen Querstrich vorhersah.

Philipp begleitete den Baron bis an die Ausgangsthüre des kleinen Salons, um sicher zu sein, daß dieses Zimmer leer blieb. Er schaute auch in das Boudoir, kreuzte, nachdem er sich überzeugt hatte, daß er von Niemand gehört werden konnte, als vom Grafen, diesem gegenüber die Arme und sprach:

»Herr Graf, wie kommt es, daß Sie es wagen, die Hand meiner Schwester zu verlangen?«

Olivier wich zurück und erröthete. Philipp aber fuhr fort:

»Etwa, um besser Ihre Liebschaft mit der Frau zu verbergen, welche Sie verfolgen, mit der Frau, die Sie liebt? Damit man, wenn man Sie verheirathet sieht, nicht sagen könne, Sie haben eine Geliebte?«

»Wahrhaftig, mein Herr ...« stammelte Charny schwankend, niedergeschmettert.

»Etwa,« fügte Philipp bei, damit Sie als Gatte einer Frau, welche zu jeder Stunde in der Nähe Ihrer Geliebten kommen wird, bessere Gelegenheit haben, diese angebetete Geliebte zu sehen?«

»Mein Herr, Sie überschreiten die Grenzen.«

»Es geschieht vielleicht, und ich glaube das eher,« fuhr Philipp näher tretend fort, »es geschieht ohne Zweifel, damit ich, Ihr Schwager geworden, nicht enthülle, was ich von Ihren früheren Liebesgeschäften weiß?«

»Was Sie wissen?« rief Charny erschrocken, »nehmen Sie sich in Acht, nehmen Sie sich in Acht!«

»Ja,« sagte Philipp, sich belebend, »das von Ihnen gemiethete Haus des Jägermeisters; Ihre geheimnißvollen Spaziergange im Parke von Versailles ... in der Nacht... Ihre Händedrücke... Ihre Seufzer, und besonders jener zärtliche Austausch von Blicken an der kleinen Thüre des Parks ...«

»Mein Herr, im Namen des Himmels ... mein Herr, Sie wissen nichts, sagen Sie, daß Sie nichts wissen.«

»Ich weiß nichts?« rief Philipp mit einer blutigen Ironie. »Wie sollte ich nichts wissen, ich, der ich im Gesträuche vor der Thüre der Apollo-Bäder verborgen war, als Sie mit der Königin am Arm heraustraten?«

Charny machte zwei Schritte, wie ein Mensch, der auf den Tod getroffen ist und eine Stütze um sich her sucht.

Philipp schaute ihn mit einem finstern Stillschweigen an. Er ließ ihn leiden, er ließ ihn durch diese vorübergehende Marter die Stunden unaussprechlicher Wonne sühnen, die er ihm zum Vorwurf machte.

Charny erhob sich von seinem Zusammensinken und sprach zu Philipp:

»Nun wohl, mein Herr, selbst nach dem, was Sie mir gesagt haben, bitte ich Sie um die Hand des Fräuleins von Taverney. Wäre ich nur ein feiger Berechner, wie Sie dieß vor einem Augenblick vermutheten; heirathete ich meinetwegen, so wäre ich so erbärmlich, daß ich vor dem Mann, der mein Geheimniß und das der Königin in seiner Gewalt hält, bange hätte. Aber die Königin muß gerettet werden, das muß geschehen.«

»In welcher Beziehung ist die Königin verloren?« sagte Philipp. »Weil Herr von Taverney, sie den Arm des Herrn von Charny drücken und vom Glück feuchte Augen zum Himmel aufschlagen sah? In welcher Hinsicht ist sie verloren? weil ich weiß, daß sie Sie liebt? Oh! das ist kein Grund, meine Schwester zu opfern, mein Herr, und ich werde sie nicht opfern lassen.«

»Mein Herr,« erwiderte Olivier, »wissen Sie, warum die Königin verloren ist, wenn diese Heirath nicht zu Stande kommt? Weil diesen Morgen, während man Herrn von Rohan verhaftete, der König mich auf den Knieen vor der Königin überrascht hat.«

»Mein Gott!«

»Und von ihrem eifersüchtigen Gemahl befragt, hat die Königin geantwortet, ich sei vor ihr niedergekniet, um mir die Hand Ihrer Schwester zu erbitten. Darum, mein Herr, ist die Königin, wenn ich Ihre Schwester nicht heirathe, verloren. Begreifen Sie nun?«

Ein doppeltes Geräusch unterbrach hier Olivier: ein Schrei und ein Seufzer; der eine kam aus dem kleinen Salon, der andere aus dem Boudoir.

Olivier lief zum Seufzer; er sah in dem Boudoir Andrée von Taverney, weiß gekleidet wie eine Braut. Sie hatte Alles gehört und war in Ohnmacht gefallen.

Philipp lief zum Schrei in den kleinen Salon. Er erblickte den Leib des Barons von Taverney, den diese Offenbarung der Liebe der Königin für Charny auf den Ruin aller seiner Hoffnungen niedergeschmettert hatte.

Vom Schlage getroffen, hatte der Baron den letzten Seufzer von sich gegeben.

Die Weissagung Cagliostro's war in Erfüllung gegangen.

Philipp begriff Alles, selbst die Schmach dieses Todes, verließ stillschweigend den Leichnam und kehrte in den Salon zu Charny zurück, der dieses kalte, leblose schöne Mädchen, zitternd und ohne daß er es zu berühren wagte, betrachtete.

Die zwei offenen Thüren ließen die zwei Körper erblicken, welche gleichsam symmetrisch an dem Orte lagen, wo der Schlag dieser Enthüllung sie getroffen hatte.

Die Augen angeschwollen, das Herz kochend, hatte Philipp den Muth, das Wort zu nehmen und zu Herrn von Charny zu sagen:

»Der Herr Baron von Taverney ist so eben gestorben. Nach ihm bin ich das Haupt der Familie. Wenn Fräulein von Taverney wieder zum Leben kommt, so gebe ich sie Ihnen zur Frau.«

Charny schaute den Leichnam des Barons mit Entsetzen, den Körper Andrée's mit Verzweiflung an.

Philipp riß sich die Haare mit beiden Händen aus, und schleuderte zum Himmel einen Ausruf, der das Herz Gottes auf seinem ewigen Thron bewegen mußte.

»Graf von Charny,« sagte er, nachdem er den Sturm in seinem Innern beschwichtigt hatte, »ich übernehme diese Verbindlichkeit im Namen meiner Schwester, die mich nicht hört: sie wird ihr Glück unserer Königin geben, und ich werde vielleicht eines Tags glücklich genug sein, für sie mein Leben hinzugeben. Gott befohlen, Herr von Charny; Gott befohlen, mein Schwager.«

Nach diesen Worten grüßte er Olivier, der nicht wußte, wie er sich entfernen sollte, ohne an einem der Opfer vorbeizukommen; er hob Andrée auf, erwärmte sie in seinen Armen und machte so den Weg für den Grafen frei, worauf dieser durch das Boudoir verschwand.

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