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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXXXIII.

Worin es sich erklärt, warum der Baron fett wurde.

Während die Königin über das Schicksal des Fräuleins von Taverney in Saint-Denis entschied, beschleunigte Philipp, auf den Tod betrübt über Alles was er erfahren und entdeckt hatte, die Vorkehrungen zu seiner Abreise.

Ein Soldat, der in der Welt umherzulaufen gewohnt ist, braucht nie lange, um zu packen und seinen Reisemantel anzuziehen. Aber Philipp hatte mächtigere Beweggründe, als jeder Andere, um sich rasch von Versailles zu entfernen; er wollte nicht Zeuge der wahrscheinlichen und nahe bevorstehenden Schande der Königin, seiner einzigen Leidenschaft, sein.

Man sah ihn daher eifriger als je beschäftigt, seine Pferde satteln zu lassen, seine Gewehre zu laden, in einem Mantelsack das Vertrauteste zusammenzuhäufen, was er besaß, um das Leben der Gewohnheit fortzuführen, und als er dieß Alles beendigt, ließ er Herrn von Taverney, Vater, melden, er habe mit ihm zu sprechen.

Der kleine Greis kam von Versailles zurück; er schüttelte nach besten Kräften seine mageren Waden, die einen rundlichen Bauch trugen. Der Baron wurde seit drei bis vier Monaten fett, was ihm einen Stolz verlieh, der sich leicht begreifen läßt, wenn man bedenkt, daß die große Rundung des Leibes bei ihm das Merkmal einer vollkommenen Zufriedenheit sein mußte.

Die vollkommene Zufriedenheit Taverney's ist ein Wort, das mancherlei Sinn in sich schließt.

Der Baron kam also ganz heiter von seiner Promenade nach dem Schloß zurück. Er hatte am Abend seinen Theil an dem Scandal des Tages genommen. Er hatte Herrn von Breteuil gegen Herrn von Rohan zugelächelt; Herrn von Soubise und Herrn von Guémenée gegen Herrn von Breteuil; Herrn von Provence gegen die Königin; Herrn von Artois gegen Herrn von Provence; er hatte hundert Personen gegen hundert zugelächelt, und nicht einer einzigen für Jemand. Er hatte seine Vorräthe an Bosheiten und kleinen Schändlichkeiten eingesammelt und kehrte ganz glücklich mit dem vollen Korbe zurück.

Als er von seinem Bedienten erfuhr, sein Sohn wünsche ihn zu sprechen, durchschritt er, statt auf Philipps Besuch zu warten, einen ganzen Ruheplatz, um den Reisenden aufzusuchen.

Er trat, ohne sich melden zu lassen, in das Zimmer ein, das von jener Unordnung voll war, welche einer Abreise vorhergeht.

Philipp erwartete keine Ausbrüche von Empfindsamkeit, wenn sein Vater seine Abreise erfahren würde, aber er erwartete auch keine allzu große Gleichgültigkeit. In der That, Andrée hatte schon das väterliche Haus verlassen, das war eine Existenz weniger, die er quälen konnte; der Baron mußte die Leere fühlen, und wenn diese Leere durch die Abwesenheit des letzten Märtyrers vollständig gemacht wurde, konnte der Baron, den Kindern ähnlich, denen man ihren Hund und ihren Vogel nimmt, wohl wimmern, und wäre es nur aus Selbstsucht.

Aber Philipp war sehr erstaunt, als er den Baron mit einem jubelnden Gelächter ausrufen hörte:

»Ah! mein Gott! er reist ...«

Philipp hielt inne und schaute seinen Vater ganz verwundert an.

»Ich war dessen sicher,« fuhr der Baron fort!, »ich hätte darauf gewettet. Gut gespielt, Philipp, gut gespielt.«

»Wie beliebt, mein Herr,« sagte der junge Mann, »ich bitte, was ist gut gespielt?«

Der Greis trällerte auf einem Beine hüpfend und seinen zunehmenden Bauch mit beiden Händen haltend.

Er blinzelte zu gleicher Zeit Philipp angestrengt mit den Augen zu, damit dieser seinen Kammerdiener entließe.

Philipp begriff dieß und gehorchte. Der Baron schob Champagne hinaus und schloß die Thüre hinter seinen Fersen. Dann kehrte er zu seinem Sohn zurück und sagte mit leiser Stimme:

»Bewunderungswürdig! bewunderungswürdig!«

»Sie spenden mir viel Lob, mein Herr, ohne daß ich weiß, wodurch ich es verdient habe,« erwiderte Philipp mit kaltem Tone.

»Ah! ah! ah!« rief der Greis, sich auf den Hüften wiegend.

»Wenn nicht etwa diese Heiterkeit durch meine Abreise verursacht wird, die Sie von mir befreit, mein Herr.«

»Oh! oh! oh! ...« lachte der alte Baron aus einer andern Tonart. »La! la! ärgere Dich nicht vor mir, es ist nicht der Mühe werth, Du weißt wohl, daß ich mich nicht von Dir bethören lasse ... Ah! ah! ah!«

Philipp kreuzte die Arme und fragte sich, ob dieser Greis nicht verrückt würde.

»Bethören, wodurch?« fragte er.

»Durch Deine Abreise, bei Gott! bildest Du Dir etwa ein, ich glaube an Deine Abreise?«

»Sie glauben nicht daran?«

»Ich wiederhole Dir, Champagne ist nicht mehr hier, ärgere Dich nicht mehr; überdies; gestehe ich, daß Du keinen andern Entschluß zu fassen hattest, und Du fassest ihn, das ist gut.«

»Mein Herr, Sie setzen mich dermaßen in Erstaunen ...«

»Ja, es ist ziemlich wunderbar, daß ich dieß errathen habe; aber was willst Du, Philipp? es gibt keinen Menschen, der neugieriger ist, als ich, und wenn ich neugierig bin, suche ich; es gibt keinen Menschen, der glücklicher im Finden ist, als ich, wenn ich suche; ich habe also gefunden, daß Du Dir den Anschein gibst, als wolltest Du abreisen, und ich wünsche Dir Glück hiezu.«

»Ich gebe mir den Anschein?« rief Philipp ärgerlich.

Der Greis näherte sich ihm, berührte die Brust des jungen Mannes mit seinen Fingern, welche so knochig waren wie die eines Todtengerippes, und sprach immer vertraulicher:

»Bei meinem Ehrenwort, ich bin fest überzeugt, ohne dieses Auskunftsmittel war Alles entdeckt. Du greifst die Sache zur rechten Zeit an. Höre, morgen wäre es zu spät gewesen. Geh geschwind, mein Sohn, geh geschwind.«

»Mein Herr,« sprach Philipp mit eisigem Tone, »ich betheure Ihnen, daß ich nicht ein Wort, nicht ein einziges Wort von Allem dem, was Sie mir zu sagen mich beehren, verstehe.«

»Wo wirst Du Deine Pferde verbergen?« fuhr der Greis fort, ohne unmittelbar zu antworten; »Du hast eine Stute, welche sehr leicht zu erkennen ist; nimm Dich in Acht, daß man sie nicht hier sieht, während man glauben wird, Du seist ... Ah! wohin reisest Du dem Anschein nach?«

»Ich gehe nach Taverney Maison-Rouge, mein Herr.«

»Gut ... sehr gut ... Du stellst Dich, als gingest Du nach Maison-Rouge ... Niemand wird sich hierüber Klarheit verschaffen ... Oh! sehr gut. Doch sei vorsichtig; es sind sehr viele Augen auf euch Beide gerichtet.«

»Auf uns Beide! ... Wen meinen Sie denn?«

»Sie ist ungestüm, siehst Du,« fuhr der Greis fort. »Sie hat Ausbrüche des Zorns, durch welche sie Alles zu Grunde zu richten im Stande ist. Nimm Dich in Acht, sei vernünftiger als sie.«

»Ah! in der That,« lief Philipp mit einem dumpfen Zorn, »ich denke, Sie belustigen sich auf meine Kosten, was nicht liebreich ist, das schwöre ich Ihnen, was nicht gut ist, denn Sie setzen mich, betrübt und gereizt wie ich bin, der Unannehmlichkeit aus, die Achtung gegen Sie zu verletzen.«

»Ah! ja wohl, die Achtung; ich spreche Dich davon frei, Du bist groß genug, um unsere Angelegenheiten zu betreiben, und Du entledigst Dich derselben so gut, daß Du mir Achtung einflößest. Du bist der Geronte, ich bin der Etourdi; gib mir eine Adresse, an welche ich Dir eine Nachricht zukommen lassen kann, im Fall sich etwas Dringendes ereignet.«

»Nach Taverney, mein Herr,« sprach Philipp im Glauben, der Greis kehre endlich zu seinem gesunden Verstande zurück.

»Ei! Du gibst mir eine schöne Adresse! ... nach Taverney, auf achtzig Meilen. Du bildest Dir ein, wenn ich Dir einen wichtigen, dringenden Rath zukommen zu lassen habe, werde ich mich damit belustigen, daß ich Couriere auf der Landstraße nach Taverney der Wahrscheinlichkeit wegen umbringe? Ich sage nicht, Du sollst mir die Adresse von Deinem Hause im Park geben, weil man meinen Emissären dahin folgen oder meine Livreen erkennen könnte, aber wähle eine dritte Adresse, in der Entfernung von einer Viertelstunde; Du hast Einbildungskraft... was Teufels, hat man für seine Liebschaft gethan, was Du gethan hast, so ist man ein Mann von Mitteln.«

»Ein Haus im Park, Liebschaft, Einbildungskraft! Mein Herr, wir spielen Räthsel, nur behalten Sie die Schlüssel für sich.«

»Ich kenne kein schrofferes und verschlossenes Thier, als Du bist,« rief der Vater voll Aerger, »ich kenne keines, dessen Zurückhaltung verletzender ist. Sollte man nicht glauben, Du habest bange, von mir verrathen zu werden? Das wäre seltsam!«

»Mein Herr!« rief Philipp außer sich.

»Es ist gut! es ist gut! behalte Deine Geheimnisse für Dich; behalte das Geheimniß der von Dir gemietheten alten Jägermeisterei für Dich.«

»Ich habe die Jägermeisterei gemiethet? ich!«

»Behalte das Geheimniß Deiner nächtlichen Spaziergänge, die Du zwischen zwei anbetungswürdigen Freundinnen gemacht hast.«

»Ich!... ich bin spazieren gegangen?« murmelte Philipp erbleichend.

»Bewahre das Geheimniß der honigsüßen unter den Blumen und dem Thau gewechselten Küsse.«

»Mein Herr,« brüllte Philipp, trunken vor wüthender Eifersucht, »mein Herr, werden Sie schweigen?«

»Es ist gut, sage ich Dir noch einmal. Alles was Du gethan, habe ich erfahren. Du hast nur bezweifelt, daß ich es wüßte. Alle Teufel! das müßte Dir Vertrauen geben. Dein inniges Verhältniß mit der Königin, Deine begünstigten Unternehmungen, Deine Ausflüge in die Apollo-Bäder, mein Gott! das bringt uns Allen Leben und Glück. Habe also nicht bange vor mir, Philipp ... Vertraue Dich mir an.«

»Mein Herr, Sie sind Entsetzen erregend,« rief Philipp, indem er sein Gesicht in seine Hände verbarg.

Es war allerdings ein Entsetzen, was der unglückliche Philipp gegen den Mann empfand, der seine Wunden entblöste und, nicht zufrieden sie entblöst zu haben, sie vergrößerte und mit einer Art von Wuth auseinanderriß. Es war Entsetzen, was er gegen den Mann empfand, der ihm das ganze Glück eines Andern zuschrieb und ihn, im Glauben, er liebkose, mit dem Glück eines Andern geißelte.

Alles was der Vater erfahren, Alles was er errathen hatte, Alles was die Böswilligen auf Rechnung des Herrn von Rohan, die besser Unterrichteten auf Rechnung des Herrn von Charny setzten, berichtete der Baron seinem Sohn. Für ihn war es Philipp, den die Königin liebte und allmälig im Schatten auf die höchsten Stufen des Günstlingthums emporhob. Daher die Zufriedenheit, welche seit einigen Wochen den Bauch des Herrn von Taverney rundete.

Als Philipp diesen neuen Sumpf von Schändlichkeit entdeckt hatte, schauderte er, da er sich durch das einzige Wesen darein versenkt sah, das mit ihm gemeinschaftliche Sache für die Ehre hatte machen müssen; doch der Schlag war so heftig gewesen, daß er betäubt, stumm blieb, wahrend der Baron eifriger als je schwatzte.

»Siehst Du, Du hast da ein Meisterstück gemacht,« sagte er, »Du hast alle Welt von der Fährte abgebracht. Diesen Abend sagten mir fünfzig Augen: Es ist Rohan. Hundert sagten mir: Es ist Charny! Zweihundert sagten mir: Es ist Rohan und Charny! Nicht ein einziges hat mir gesagt: Es ist Taverney. Ich wiederhole Dir, Du hast ein Meisterstück gemacht, und es ist das Wenigste, daß ich Dir mein Kompliment hierüber ausspreche... Uebrigens gereicht es Dir wie ihr zur Ehre, mein Lieber. Ihr, weil sie Dich genommen hat, Dir, weil Du sie festhältst.«

In dem Augenblick, wo Philipp, durch diesen letzten Zug wüthend gemacht, mit einem verzehrenden, Sturm verkündenden Blick den unbarmherzigen Greis niederschmetterte, vernahm man das Rasseln eines Wagens im Hof des Hotels, und gewisse Geräusche, ein gewisses Hin- und Hergehen von seltsamem Charakter lenkten die Aufmerksamkeit nach Außen.

Man hörte Champagne rufen.

»Das Fräulein! es ist das Fräulein!«

Und mehrere Stimmen wiederholten:

»Das Fräulein!«

»Wie, das Fräulein?« fragte Taverney, »welches Fräulein ist da?«

»Es ist meine Schwester,« murmelte Philipp, als er Andrée erkannte, die aus dem durch das Licht des Portier beleuchteten Wagen stieg.

»Deine Schwester!« wiederholte der Greis ... »Andrée ... ist es möglich?«

Champagne trat ein, um zu bestätigen, was Philipp angekündigt hatte.

»Gnädiger Herr,« sagte er zu Philipp, »das Fräulein, Ihre Schwester, ist im Boudoir neben dem großen Salon: sie erwartet den gnädigen Herrn, um mit ihm zu sprechen.«

»Gehen wir ihr entgegen,« rief der Greis.

»Mit mir will sie sprechen,« erwiderte Philipp, sich vor dem Greise verbeugend; »ich werde zuerst gehen, wenn Sie mir erlauben.«

In demselben Augenblick fuhr ein zweiter Wagen geräuschvoll in den Hof.

»Wer Teufels kommt noch!« murmelte der Baron, »das ist eine Stunde der Abenteuer.«

»Der Graf Olivier von Charny!« rief die mächtige Stimme des Portier den Bedienten zu.

»Führen Sie den Grafen in den Salon,« sagte Philipp zu Champagne, »der Herr Baron wird ihn empfangen ... ich gehe in das Boudoir, um mit meiner Schwester zu sprechen.«

Die zwei Männer stiegen langsam die Treppe hinab.

»Was will der Graf hier?« fragte sich Philipp.

»Warum ist Andrée hierhergekommen?« dachte der Baron.

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