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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXXVIII.

Die Protocolle.

Kaum war der König ganz glücklich in sein Gemach zurückgekehrt, kaum hatte er den Befehl, Herrn von Rohan in die Bastille zu führen, unterzeichnet, als der Graf von Provence erschien, der bei seinem Eintritt in das Cabinet Herrn von Breteuil Zeichen machte, die dieser, trotz seiner Ehrfurcht und seines guten Willens, nicht verstehen konnte.

Doch nicht an den Siegelbewahrer waren diese Zeichen gerichtet; der Prinz vervielfältigte sie, in der Absicht, die Aufmerksamkeit des Königs, der, während er seinen Befehl abfaßte, in den Spiegel sah, auf sich zu ziehen.

Der Prinz verfehlte seinen Zweck nicht, der König erblickte die Zeichen und fragte seinen Bruder, nachdem er Herrn von Breteuil weggeschickt hatte:

»Warum machten Sie Herrn von Breteuil Zeichen?«

»Oh! Sire ...«

»Diese Lebhaftigkeit der Geberden, diese geschäftige Miene haben etwas zu bedeuten?«

»Allerdings, aber...«

»Es steht Ihnen frei, nicht zu sprechen, mein Bruder,« versetzte der König mit einer gereizten Miene.

»Sire, ich habe so eben die Verhaftung des Herrn Cardinals von Rohan erfahren.«

»Nun! in welcher Hinsicht, mein Bruder, kann diese Nachricht eine solche Aufregung bei Ihnen verursachen? Scheint Ihnen Herr von Rohan nicht schuldig? Habe ich Unrecht, selbst den Mächtigen zu schlagen?«

»Unrecht? nein, mein Bruder, Sie haben nicht Unrecht. Das ist es nicht, was ich sagen will.«

»Ich hätte mich sehr gewundert, Herr Graf von Provence, wenn Sie den Proceß gegen die Königin einen Menschen gewinnen ließen, der sie zu entehren sucht. Ich bin so eben bei der Königin gewesen, mein Bruder, ein Wort von ihr hat genügt ...«

»Oh! Sire, Gott soll mich behüten, daß ich die Königin anklage, das wissen Sie wohl. Ihre Majestät... meine Schwägerin hat keinen ergebeneren Freund, als mich. Wie oft ist es mir im Gegentheil geschehen, daß ich sie vertheidigt habe, und zwar, es sei dieß ohne Vorwurf gesagt, sogar gegen Sie!«

»Wahrhaftig, mein Bruder, klagt man sie denn so oft an!«

»Ich habe Unglück, Sire; Sie packen mich bei jedem von meinen Worten ... Ich wollte nur sagen, die Königin selbst würde mir nicht glauben, wenn ich an ihrer Unschuld zu zweifeln schiene.«

»So gratuliren Sie mir zu der Demüthigung, die ich den Cardinal erdulden lasse, zu dem Proceß, der daraus hervorgehen muß, zu dem Aergerniß, das all den Verleumdungen ein Ziel stecken soll, die man sich gegen eine einfache Frau von Hofe nicht erlauben würde, während Jeder sich zum Echo derselben zu machen wagt, weil die Königin, wie Sie sagen, über all diesen Erbärmlichkeiten steht.«

»Ja, Sire, ich billige ganz und gar das Benehmen Eurer Majestät, und ich sage, in Betreff des Halsbandes gehe Alles auf's Beste.«

»Bei Gott! mein Bruder, nichts kann klarer sein. Sieht man nicht von hier Herrn von Rohan sich der vertrauten Freundschaft der Königin rühmen, in ihrem Namen einen Handel für Diamanten abschließen, die sie ausgeschlagen, und sagen lassen, diese Diamanten seien von der Königin oder bei der Königin genommen worden ... das ist ganz abscheulich und, wie sie bemerkte: Was würde man sagen, wenn ich Herrn von Rohan zum Theilnehmer bei diesem geheimnißvollen Handel hätte?«

»Sire!«

»Und dann wissen Sie nicht, mein Bruder, daß nie eine Verläumdung auf halbem Weg stehen geblieben ist, daß die Leichtfertigkeit des Herrn von Rohan die Königin compromittirt, daß die Erzählung dieser Leichtfertigkeiten sie entehrt?«

»Oh! ja, mein Bruder, ja, Sie haben sehr Recht gehabt, was die Angelegenheit mit dem Halsbande betrifft.«

»Nun!« fragte der König erstaunt, »gibt es noch eine andere Angelegenheit?«

»Sire ... die Königin mußte Ihnen sagen ...«

»Was denn?«

»Sire ... Sie wollen mich in Verlegenheit bringen, die Königin muß Ihnen nothwendig gesagt haben ...«

»Was denn, mein Herr? was denn?«

»Sire ...«

»Ah! die Prahlereien des Herrn von Rohan? sein absichtliches Schweigen, der vorgebliche Briefwechsel?«

»Nein, Sire, nein.«

»Was also? die Unterredungen, welche die Königin Herrn von Rohan in der fraglichen Halsbandsache bewilligt haben soll?«

»Nein, Sire, das ist es nicht.«

»Ich weiß nur so viel,« sprach der König, »daß ich zu der Königin ein unbegrenztes Vertrauen habe, welches sie durch den Adel ihres Characters verdient. Es war ihr leicht, zu bezahlen oder schwatzen zu lassen; die Königin, die diese Geheimnisse, welche zu Aergernissen wurden, plötzlich im Laufe aufhielt, hat mir bewiesen, daß sie an mich appellire, ehe sie an das ganze Publikum appelliren würde. Mich hat die Königin rufen lassen, mir wollte sie die Sorge, ihre Ehre zu rächen, anvertrauen. Sie hat mich zum Beichtiger, zum Richter genommen, die Königin hat mir folglich Alles gesagt.«

»Nun wohl,« erwiderte der Graf von Provence, minder verlegen, als er es hätte sein sollen, weil er fühlte, daß die Ueberzeugung des Königs weniger fest war, als er zur Schau stellen wollte, »Sie machen abermals meiner Freundschaft, meiner Ehrfurcht vor der Königin, meiner Schwägerin, den Proceß; wenn Sie gegen mich mit dieser Empfindlichkeit verfahren, so werde ich Ihnen nichts mehr sagen, denn während ich vertheidige, muß ich fürchten, für einen Feind oder einen Ankläger gehalten zu werden. Und dennoch sehen Sie, wie sehr Sie sich in dieser Hinsicht gegen die Logik verfehlen. Die Bekenntnisse der Königin haben Sie schon dahin geführt, daß Sie eine Wahrheit finden, die meine Schwägerin vertheidigt. Warum wollten Sie nicht, daß man in Ihren Augen andere Klarheiten glänzen ließe, die noch viel mehr geeignet wären, die ganze Unschuld unserer Königin zu offenbaren?«

»Mein Bruder,« erwiderte der König verlegen, »Sie beginnen immer mit Umschweifen und Krümmungen, in denen ich mich verliere.«

»Oratorische Vorsichtsmaßregeln, mein Bruder, in Ermangelung von Wärme. Ach! ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, es ist das ein Erziehungsfehler bei mir. Cicero hat mich verdorben.«

»Mein Bruder, Cicero ist immer nur dann trübe, wenn er eine schlimme Sache vertheidigt; Sie haben eine gute, seien Sie um Gottes willen klar.«

»Wenn Sie mich in meiner Sprechweise critisieren, so verurtheilen Sie mich zum Stillschweigen.«

»Ah! ja, irritabile genus rhetorum, das sogleich in Hitze geräth,« rief der König, bethört durch dieses verschmitzte Wesen des Grafen von Provence, »zur Sache, Advocat, zur Sache! was wissen Sie mehr, als mir die Königin gesagt hat?«

»Mein Gott! Sire, Nichts und Alles. Erörtern wir zuerst das, was die Königin gesagt hat.«

»Die Königin hat mir gesagt, sie besitze das Halsband nicht.«

»Gut.«

»Sie hat mir gesagt, sie habe den Schein der Juweliere nicht unterzeichnet.«

»Gut.«

»Sie hat mir gesagt, Alles was sich auf eine Verabredung mit Herrn von Rohan beziehe, sei eine von ihren Feinden erfundene Unwahrheit.«

»Sehr gut, Sire.«

»Sie behauptet endlich, nie habe sie Herrn von Rohan das Recht gegeben, zu glauben, er sei mehr als einer ihrer Unterthanen, mehr als ein Gleichgültiger, mehr als ein Unbekannter.«

»Ah! ... sie hat das gesagt?«

»Und zwar mit einem Tone, der keine Erwiderung zuließ, denn der Cardinal hat nichts erwidert.«

»Somit, Sire, da der Cardinal nichts erwiderte, bekennt er sich als Lügner, und durch diesen Widerruf gibt er anderen Gerüchten Recht, welche über gewisse von der Königin gewissen Personen zugestandene Bevorzugungen im Umlauf sind.«

»Ei, mein Gott! was denn noch?« rief der König entmuthigt.

»Etwas ganz Albernes, wie Sie sehen werden. Sobald erwiesen ist, daß Herr von Rohan nicht mit der Königin spazieren gegangen ...«

»Wie!« sprach der König, »man sagt, Herr von Rohan sei mit der Königin spazieren gegangen ...«

»Was durch die Königin selbst, Sire, und durch den Widerruf des Herrn von Rohan vollkommen Lügen gestraft worden ist; doch sobald sich dieß erwiesen hat, mußte man, wie Sie wohl begreifen, zu erforschen suchen – die Bosheit hat sich dessen auch nicht enthalten – wie es komme, daß die Königin der Nacht im Parke von Versailles spazieren gegangen.«

»Bei Nacht! im Parke von Versailles! ... die Königin? ...«

»Und mit wem sie spazieren gegangen,« fuhr kalt der Graf von Provence fort.

»Mit wem? ...« murmelte der König.

»Gewiß ... sind nicht Aller Augen auf das gerichtet, was eine Königin thut? sind diese Augen, die der Glanz des Tages oder der Glanz der Majestät nie blendet, nicht noch viel scharfsichtiger, wenn es sich darum handelt, in der Nacht zu sehen?«

»Aber, mein Bruder, nehmen Sie sich in Acht. Sie sagen da schändliche Dinge.«

»Sire, ich wiederhole, und ich wiederhole mit einer solchen Entrüstung, daß ich ganz gewiß Eure Majestät zur Entdeckung der Wahrheit antreiben werde.«

»Wie, mein Herr! man sagt, die Königin sei bei Nacht in Gesellschaft ... im Parke von Versailles spazieren gegangen!«

»Nicht in Gesellschaft, Sire, sondern mit einer einzigen Person ... Oh! wenn man sagte, in Gesellschaft, dann wäre es nicht der Mühe werth, daß wir darauf achteten.«

Der König brach plötzlich los:

»Sie werden mir beweisen, was Sie wiederholen, und zu diesem Ende beweisen Sie, was man gesagt hat.«

»Oh! das ist allzu leicht,« erwiderte Herr von Provence. »Es sind vier Zeugnisse da: das erste ist das meines Jagdcapitäns, der die Königin zwei Tage, oder vielmehr zwei Nächte hintereinander aus dem Parke von Versailles durch die Thüre der Jägermeisterei herausgehen sah; hier ist der Beweis, er ist mit seiner Unterschrift versehen, lesen Sie.«

Der König nahm zitternd das Papier, las es und gab es dann seinem Bruder zurück.

»Sie werden ein noch interessanteres Schreiben sehen, Sire: es ist von dem Nachtwächter, der in Trianon aufgestellt ist. Er erklärt, die Nacht sei gut gewesen, ein Schuß sei gefallen, ohne Zweifel von Wildschützen im Walde von Satory: in den Parken sei es ruhig geblieben, ausgenommen an dem Tag, an welchem die Königin mit einem Cavalier, dem sie den Arm gegeben, spazieren gegangen. Sehen Sie, das Protocoll ist ausführlich.«

Der König las abermals, schauerte und ließ seine Arme an seinem Leib herabfallen.

»Der dritte Zeuge,« fuhr unstörbar der Herr Graf von Provence fort, »ist ein Portier vom Ostthor. Dieser Mann hat die Königin gesehen und erkannt, in dem Augenblick, wo sie durch die Thüre der Jägermeisterei herauskam. Er sagt, wie die Königin gekleidet gewesen, sehen Sie, Sire; er sagt auch, von fern habe er den Cavalier, der Ihre Majestät gerade verlassen, nicht zu erkennen vermocht, doch seiner Haltung nach habe es ihm geschienen, es sei ein Officier gewesen. Dieses Protocoll ist unterzeichnet. Er fügt etwas Interessantes bei, nämlich, die Anwesenheit der Königin könne nicht in Zweifel gezogen werden, weil Ihre Majestät von Frau von La Mothe, einer Freundin der Königin, begleitet gewesen sei.«

»Einer Freundin der Königin!« rief wüthend der König. »Ja, es steht hier so, Freundin der Königin!«

»Seien Sie deßhalb einem ehrlichen Diener nicht böse, Sire, er kann nur eines Uebermaßes von Eifer beschuldigt werden, er ist beauftragt zu hüten, und er hütet, zu wachen, und er wacht.

»Der letzte Bericht,« fuhr der Graf von Provence fort, »scheint mir der klarste von Allen. Er ist vom Schlossermeister, welcher den Auftrag hat, nachzusehen, ob alle Thüren und Thore, nachdem man Retraite geschlagen, gut geschlossen seien. Dieser Mann, Eure Majestät kennt ihn, bezeugt, er habe die Königin mit einem Cavalier in die Apollo-Bäder eintreten gesehen.«

Bleich und seinen Groll erstickend riß der König dem Grafen das Papier aus den Händen und las es.

Herr von Provence fuhr nichtsdestoweniger während dieses Lesens fort:

»Es ist wahr, Frau von La Mothe war außen, etwa zwanzig Schritte von den Bädern entfernt, und die Königin blieb nur ungefähr eine halbe Stunde im Saale.«

»Aber der Name des Cavaliers!« rief der König.

»Sire, er ist in dem Berichte nicht genannt, und Eure Majestät muß sich zu diesem Behuf die Mühe nehmen, ein letztes Certificat, das ich hier habe, zu durchgehen; es ist von einem Forstwart, der hinter der Ringmauer bei den Apollo-Bädern auf dem Anstand war.«

»Datirt vom andern Tag,« sagte der König.

»Ja, Sire, und er hat die Königin aus dem Park durch die kleine Thüre hervorkommen und hinausschauen sehen; sie war am Arme des Herrn von Charny.«

»Am Arme des Herrn von Charny!« rief der König, halb wahnsinnig vor Zorn und Scham, »gut ... gut. Warten Sie hier auf mich, Graf, wir werden endlich die Wahrheit erfahren.«

Und der König stürzte aus seinem Cabinet.

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