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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXXVI.

Erklärungen.

Die Königin und der Cardinal befanden sich erwähnter Maßen einander von Angesicht zu Angesicht gegenüber, Charny konnte im Cabinet auch das geringste Wort der Sprechenden hören, und die auf beiden Seiten ungeduldig erwarteten Erklärungen sollten endlich beginnen.

»Madame,« sagte der Cardinal, sich verbeugend, »Sie wissen, was in Beziehung auf unser Halsband vorgeht!«

»Nein, mein Herr, ich weiß es nicht, und es ist mir lieb, wenn ich es von Ihnen erfahre.«

»Warum beschränkt mich Eure Majestät seit langer Zeit darauf, daß ich mich ihr nur durch Vermittlung mittheilen kann? Warum läßt sie es zu keiner Erklärung kommen, wenn sie einen Grund des Hasses gegen mich hat?«

»Ich weiß nicht, was Sie hiemit sagen wollen, Herr Cardinal, und ich habe keinen Grund, Sie zu hassen. Doch das ist, glaube ich, nicht der Gegenstand unserer Unterredung. Wollen Sie mir also über das unglückliche Halsband eine bestimmte Auskunft geben, und vor Allem ... wo ist Frau von La Mothe?«

»Ich war im Begriff, dieß Eure Majestät zu fragen.«

»Verzeihen Sie, wenn Jemand wissen kann, wo Frau von La Mothe ist, so sind Sie es, Herr Cardinal, glaube ich.«

»Ich, Madame, aus welchem Grunde?«

»Oh! ich bin nicht hier um Bekenntnisse entgegenzunehmen, Herr Cardinal, ich muß Frau von La Mothe nothwendig sprechen, ich habe sie rufen lassen, man hat sie zehnmal in ihrem Hause gesucht, sie hat nicht geantwortet. Dieses Verschwinden ist seltsam, das werden Sie zugestehen.«

»Ich wundere mich auch über dieses Verschwinden, Madame, denn ich habe Frau von La Mothe bitten lassen, zu mir zu kommen; sie hat mir eben so wenig geantwortet, als Eurer Majestät.«

»Dann lassen wir die Gräfin, mein Herr, und sprechen wir von uns selbst.«

»Oh! nein, Madame, sprechen wir zuerst von ihr, denn gewisse Worte Eurer Majestät haben einen schmerzlichen Verdacht bei mir erregt: mir scheint, Eure Majestät warf mir emsige Bewerbungen um die Gunst der Gräfin vor.«

»Ich habe Ihnen noch gar nichts vorgeworfen, mein Herr, doch Geduld.«

»Oh! Madame, ein solcher Verdacht würde mir alle Empfindlichkeiten Ihrer Seele erklären, und dann würde ich, während ich verzweifeln müßte, die bis daher unfaßliche Strenge begreifen, die Sie mir gegenüber gebraucht haben.«

»Hier ist es wo wir aufhören, uns zu verstehen,« sprach die Königin; »Sie sind von einer undurchdringlichen Dunkelheit, und damit wir uns nicht mehr im Nebel verlieren, verlange ich Erläuterungen von Ihnen. Zur Sache! zur Sache!«

»Madame!« rief der Cardinal, indem er die Hände faltete und sich der Königin näherte, »haben Sie die Gnade, das Gespräch nicht zu wechseln: zwei Worte mehr über den Gegenstand, den wir so eben verhandelten, und wir hätten uns verständigt.«

»In der That, mein Herr, Sie sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe; ich bitte, lassen Sie uns zum Französischen zurückkehren. Wo ist das Halsband, das ich den Juwelieren zurückgegeben habe?«

»Das Halsband, das Sie zurückgegeben haben?« rief Herr von Rohan.

»Ja, was haben Sie damit gemacht?«

»Ich! ei ich weiß nicht, Madame ...«

»Hören Sie, Eines ist da ganz einfach ... Frau von La Mothe hat das Halsband genommen, sie hat es in meinem Namen zurückgegeben. Die Juweliere behaupten, sie haben es nicht zurückerhalten. Ich habe in meinen Händen einen Empfangschein, der das Gegentheil beweist; die Juweliere sagen, der Schein sei falsch. Frau von La Mothe könnte mit einem Worte Alles aufklären ... sie findet sich nicht; nun denn! lassen Sie mich Muthmaßungen an die Stelle dunkler Thatsachen setzen: Frau von La Mothe hat das Halsband zurückgeben wollen. Sie, dessen ohne Zweifel wohlwollende Manie es immer war, mich zum Ankauf des Halsbandes zu veranlassen, Sie, der Sie es mir brachten, mit dem Anerbieten, für mich zu bezahlen, einem Anerbieten ...«

»Das Eure Majestät sehr hart ausgeschlagen hat,« fiel der Cardinal mit einem Seufzer ein.

»Nun wohl! ja, Sie beharrten bei der fixen Idee, daß ich im Besitze des Halsbandes bleiben sollte, und werden es den Juwelieren nicht zurückgegeben haben, in der Absicht, es mir bei irgend einer Gelegenheit wieder in die Hand zu spielen. Frau von La Mothe war schwach, während sie mein Widerstreben, die Unmöglichkeit, in der ich mich in Betreff des Bezahlens befand, und meinen unerschütterlichen Entschluß, das Halsband mir nicht ohne Geld zu erwerben, kannte; Frau von La Mothe hat aus Eifer für mich mit Ihnen conspirirt, und heute fürchtet sie meinen Zorn und zeigt sich nicht. Ist es so? habe ich die Sache mitten in der Finsternis wiederaufgebaut? sagen Sie ja. Lassen Sie mich Ihnen diesen Leichtsinn, diesen Ungehorsam gegen meine förmlichen Befehle vorwerfen, Sie werden mit einem Verweise davon kommen, und Alles ist dann abgethan. Ich thue mehr, ich verspreche Ihnen Verzeihung für Frau von La Mothe, sie trete aus ihrer Reue hervor. Doch ich bitte, Klarheit, mein Herr, ich will nicht, daß in diesem Augenblick ein Schatten über meinem Leben schwebe, ich will das nicht, hören Sie wohl!«

Die Königin hatte diese Worte mit einer solchen Lebhaftigkeit gesprochen, sie hatte sie so kräftig betont, daß der Cardinal sie weder unterbrechen konnte noch wollte; aber sobald sie aufgehört, sagte er, einen Seufzer unterdrückend:

»Madame, ich will alle Ihre Muthmaßungen erwidern. Nein, ich beharrte nicht bei der Idee, Sie müßten das Halsband bekommen, in Betracht, daß ich der festen Ueberzeugung lebte, es sei in Ihren Händen. Nein, ich habe durchaus nicht mit Frau von La Mothe in Betreff dieses Halsbands conspirirt; nein, ich habe es ebenso wenig als die Juweliere es haben, als wie Sie sagen, Sie selbst es haben.«

»Das ist nicht möglich,« rief die Königin ganz erstaunt: »Sie haben das Halsband nicht?«

»Nein, Madame.«

»Sie haben Frau von La Mothe nicht gerathen, sich fern zu halten?«

»Nein, Madame.«

»Sie verbergen sie nicht?«

»Nein. Madame.«

»Sie wissen nicht, was aus ihr geworden ist?«

»Ebenso wenig als Sie, Madame.«

»Aber wie erklären Sie sich dann das, was geschieht?«

»Madame, ich bin genöthigt, zu gestehen, daß ich es mir nicht erklären kann. Ueberdieß ist das nicht das erste Mal, daß ich mich bei der Königin beklage, nicht von ihr verstanden worden zu sein.«

»Wann ist dieß schon vorgekommen? Ich erinnere mich nicht.«

»Madame, haben Sie die Gnade, in Gedanken noch einmal meine Briefe zu durchlesen.«

»Ihre Briefe!« rief die Königin erstaunt. »Sie haben mir geschrieben?«

»Zu selten Madame, für Alles, was ich im Herzen hatte.«

Die Königin erhob sich und sprach:

»Mir scheint, wir täuschen uns Beide; endigen wir rasch diesen Scherz. Was sprechen Sie von Briefen, und was haben Sie auf dem Herzen oder im Herzen, ich weiß nicht genau, wie Sie das so eben gesagt haben?«

»Mein Gott! Madame, ich habe mich vielleicht hinreißen lassen, das Geheimniß meiner Seele zu laut auszusprechen.«

»Welches Geheimniß? Sind Sie denn bei gesundem Verstand, Herr Cardinal?«

»Madame!«

»Oh! lassen wir die Ausflüchte ... Sie sprechen wie ein Mensch, der mir eine Falle stellen oder mich vor Zeugen in Verwirrung bringen will.«

»Ich schwöre Ihnen, Madame, daß ich nichts gesagt habe ... Horcht wirklich Jemand?«

»Nein, mein Herr, tausendmal nein, es ist Niemand da... erklären Sie sich also, jedoch vollständig, und wenn Sie im Besitze Ihrer Vernunft sind, beweisen Sie es.«

»Oh! Madame, warum ist Frau von La Mothe nicht da? Sie, unsere Freundin, würde mir, wenn nicht die Zuneigung, doch das Gedächtniß Eurer Majestät wiedererwecken helfen.«

» Unsere Freundin? meine Zuneigung? mein Gedächtniß? Ich falle aus den Wolken.«

»Ah! Madame, ich bitte Sie,« rief der Cardinal, empört durch den scharfen Ton der Königin, »schonen Sie mich. Es steht Ihnen frei, nicht mehr zu lieben, aber beleidigen Sie nicht.«

»Ah! mein Gott!« rief die Königin erbleichend, »ah! mein Gott! was sagt dieser Mann!«

»Sehr gut! fuhr Herr von Rohan fort, der immer lebhafter wurde, je mehr sein Zorn aufsprudelte; »sehr gut! Madame, ich glaube discret und zurückhaltend genug gewesen zu sein, daß Sie mich nicht mißhandeln sollten; ich werfe Ihnen auch nur unbedeutende Benachtheiligungen vor. Ich begehe das Unrecht, daß ich mich wiederhole, denn ich hätte wissen sollen, daß, wenn eine Königin gesagt hat: ich will nicht mehr, dieß ein ebenso gebieterisches Gesetz ist, als wenn eine Frau gesagt hat: ich will!«

Die Königin stieß einen heftigen Schrei aus, faßte den Cardinal bei seinem Spitzenärmel und rief mit zitternder Stimme:

»Sprechen Sie geschwind, mein Herr. Ich habe gesagt: Ich will nicht mehr; und ich hatte gesagt: Ich will. Wem habe ich das Eine, wem habe ich das Andere gesagt?«

»Mir Beides.«

»Ihnen?«

»Vergessen Sie, daß Sie das Eine gesagt, ich werde nicht vergessen, daß Sie das Andere gesagt haben.«

»Sie sind ein Elender, Herr von Rohan, Sie sind ein Lügner.«

»Ich!«

»Sie sind ein Verräther, Sie beleidigen die Königin.«

»Und Sie, Sie sind eine Frau ohne Herz, eine Königin ohne Treue.«

»Unglücklicher!«

»Sie haben mich stufenweise dazu gebracht, daß ich eine tolle Liebe für Sie faßte. Sie ließen mich Hoffnungen nähren ...«

»Hoffnungen! Mein Gott! Bin ich eine Wahnsinnige? Ist er ein Ruchloser?«

»Hätte ich es je gewagt, mir die nächtlichen Audienzen von Ihnen zu erbitten, die Sie mir bewilligten?«

Die Königin gab ein Wuthgeschrei von sich, worauf ein Kreischen im Nebenzimmer antwortete.

»Würde ich,« fuhr Herr von Rohan fort, »würde ich es gewagt haben, allein in den Park von Versailles zu kommen, hätten Sie nicht Frau von La Mothe zu mir geschickt?«

»Mein Gott!«

»Hatte ich es gewagt, den Schlüssel zu stehlen, der die Thüre der Jägermeisterei öffnet?«

»Mein Gott!«

»Hätte ich es gewagt, Sie zu bitten, mir diese Rose hier zu bringen? Eine angebetete Rose! eine verfluchte Rose! eine unter meinen Küssen verdorrte, versengte Rose!«

»Mein Gott!«

»Hätte ich Sie genöthigt, am andern Tag herabzukommen und mir Ihre beiden Hände zu geben, deren Duft unablässig mein Gehirn verzehrt und mich wahnsinnig machte? Sie haben Recht mit Ihren Vorwürfen!«

»Oh! genug! genug!«

»Hätte ich es endlich in meinem wüthendsten Stolze gewagt, mir jene dritte Nacht mit dem weißen Himmel, mit dem süßen Schweigen, mit der treulosen Liebe zu träumen?«

»Mein Herr! mein Herr!« rief die Königin vor dem Cardinal zurückweichend, »Sie blasphemieren!«

»Mein Gott! sprach der Cardinal, die Augen zum Himmel aufschlagend, »Du weißt, ob ich, um fortwährend von dieser betrügerischen Frau geliebt zu werden, meine Güter, meine Freiheit, mein Leben hingegeben hätte!«

»Mein Herr, wenn Sie dieß Alles behalten wollen, so werden Sie hier auf der Stelle sagen, daß Sie mich zu Grunde zu richten suchen; daß Sie alle diese Abscheulichkeiten erfunden haben; daß Sie nicht in der Nacht nach Versailles gekommen sind ...«

»Ich bin gekommen,« erwiderte hochherzig der Cardinal.

»Sie sind ein Mann des Todes, wenn Sie diese Sprache behaupten.«

»Ein Rohan lügt nicht. Ich bin gekommen.«

»Herr von Rohan, Herr von Rohan, im Namen des Himmels, sagen Sie, Sie haben mich nicht im Parke gesehen ...«

»Ich werde sterben, wenn es sein muß, wie Sie mich so eben bedrohten; aber ich habe nur Sie im Parke von Versailles gesehen, wohin mich Frau von La Mothe führte.«

»Noch ein Mal!« rief die Königin leichenbleich und zitternd »nehmen Sie zurück?«

»Nein!«

»Zum zweiten Male, sagen Sie, Sie haben diese Schändlichkeit gegen mich angezettelt!«

»Nein!«

»Zum zweiten Male, Herr von Rohan, gestehen Sie zu, daß man Sie selbst getäuscht haben kann, daß dieß Alles eine Verleumdung, ein Traum, die Unmöglichkeit, ich weiß nicht was war? aber gestehen Sie, daß ich unschuldig bin, daß ich es sein kann?«

»Nein.«

Die Königin erhob sich furchtbar und feierlich und sprach:

»Sie werden es also mit der Gerechtigkeit des Königs zu thun haben, da Sie die Gerechtigkeit Gottes verwerfen.«

Der Cardinal verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen.

Die Königin läutete so heftig, daß mehrere von ihren Frauen zugleich eintraten.

»Man melde seiner Majestät, ich bitte ihn, er möge mir die Ehre erweisen, zu mir zu kommen,« sprach sie, indem sie sich die Lippen trocknete.

Der Befehl wurde sogleich vollzogen. Zu Allem entschlossen, blieb der Cardinal unerschrocken in einer Ecke des Zimmers.

Marie Antoinette ging zehnmal zu der Thüre des Boudoir, ohne einzutreten, als ob sie ihre Vernunft, nachdem sie dieselbe verloren, zehnmal vor dieser Thüre wiederfände.

Es waren nicht zehn Minuten in diesem furchtbaren Scenenwechsel vergangen, als der König, die Hand in seinem Spitzenjabot, auf der Schwelle erschien.

Man sah immer noch in der Tiefe der Gruppe außen die angstvollen Mienen von Böhmer und Bossange, die den Sturm witterten.

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