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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXXV.

Edelmann, Cardinal und Königin.

In der Stunde, wo Herr von Breteuil beim König erschienen war, hatte Herr von Charny, bleich, bewegt, sich eine Audienz bei der Königin erbitten lassen.

Diese kleidete sich an; sie sah durch das Fenster ihres Boudoir, das auf die Terrasse ging, Charny, der demüthig eingeführt zu werden verlangte.

Marie Antoinette ertheilte Befehl, ihn eintreten zu lassen, als er kaum sein Gesuch ausgesprochen hatte.

Denn sie gab dem Bedürfnisse ihres Herzens nach; denn sie sagte sich mit einem edlen Stolz, eine reine und unkörperliche Liebe, wie die seinige, habe das Eintrittsrecht zu jeder Stunde selbst in den Palast der Königinnen.

Charny trat ein, berührte zitternd die Hand, die ihm die Königin reichte, und sprach mit erstickter Stimme:

»Ah! Madame, welch ein Unglück!«

»Was haben Sie denn?« rief die Königin erbleichend, als sie ihren Freund so bleich sah.

»Madame, wissen Sie, was ich so eben erfahren habe? wissen Sie, was man sagt? wissen Sie, was der König vielleicht weiß, oder was er morgen erfahren wird?«

Sie schauderte beim Gedanken an die Nacht keuscher Wonne, wo vielleicht ein eifersüchtiges, feindseliges Auge sie mit Charny im Park von Versailles gesehen hatte.

»Sagen Sie Alles, ich bin stark,« erwiderte sie, eine Hand auf ihr Herz drückend.

»Madame, man sagt, Sie haben ein Halsband von Böhmer und Bossange gekauft.«

»Ich habe es zurückgegeben,« entgegnete rasch Marie Antoinette.

»Hören Sie, man sagt, Sie haben es nur scheinbar zurückgegeben. Sie haben es bezahlen zu können geglaubt, der König habe Sie dadurch daran verhindert, daß er es verweigert, eine Anweisung des Herrn von Calonne zu unterzeichnen; dann haben Sie sich an Jemand gewendet, um Geld zu finden, und dieser Jemand sei Ihr Geliebter.«

»Sie!« rief die Königin mit einer Bewegung erhabenen Vertrauens. »Sie! mein Herr? he! lassen Sie diejenigen reden, welche das sagen. Die im Titel eines Geliebten liegenden Injurie kann ihnen nicht so angenehm sein, als der Freundestitel eine süße, fortan zwischen uns Beiden geheiligte Wahrheit ist.«

Charny hielt, ganz verwirrt durch die männliche und fruchtbare Beredtsamteit, welche aus der wahren Liebe entströmt, wie der wesentliche Wohlgeruch aus dem Herzen jeder edelmüthigen Frau, inne.

Doch der Zwischenraum, den er zwischen die Worte der Königin und eine Erwiderung von ihm setzte, verdoppelte die Bangigkeit Marie Antoinettes, und sie rief:

»Wovon wollen Sie sprechen, Herr von Charny? Die Verleumdung hat eine Sprache, die ich nie verstehe; haben Sie dieselbe verstanden?«

»Madame, wollen Sie mir eine ununterbrochene Aufmerksamkeit schenken, denn die Sache ist sehr ernster Natur. Gestern ging ich mit meinem Oheim, Herrn von Suffren, zu den Hofjuwelieren Böhmer und Bossange; mein Oheim hatte nämlich Diamanten von Indien mitgebracht und wollte sie schätzen lassen. Man sprach von Allem und von Allen. Die Juweliere erzählten dem Herrn Bailli eine abscheuliche Geschichte mit den Commentaren der Feinde Eurer Majestät. Madame, ich bin in Verzweiflung; haben Sie das Halsband gekauft, so sagen Sie es mir; haben Sie es nicht bezahlt, so sagen Sie es mir auch. Aber lassen Sie mich nicht glauben, Herr von Rohan habe es bezahlt.«

»Herr von Rohan!« rief die Königin.

»Ja, Herr von Rohan, der Mann, welcher für den Liebhaber der Königin gilt; der Mann, von welchem die Königin Geld entlehnt; der Mann, den ein Unglücklicher, welchen man Herrn von Charny nennt, im Parke von Versailles der Königin zulächeln, vor der Königin niederknieen, der Königin die Hand küssen sah; der Mann ...«

»Mein Herr,« rief Marie Antoinette, »glauben Sie, wenn ich nicht mehr da bin, so geschieht dieß, weil Sie mich nicht lieben, wenn ich da bin.«

»Oh!« erwiderte der junge Mann, »es waltet eine dringliche Gefahr ob; ich komme weder um Offenherzigkeit, noch um Muth von Ihnen zu fordern; ich komme, um einen Dienst von Ihnen zu erflehen.«

»Sagen Sie mir vor Allem, welche Gefahr dieß ist.«

»Welche Gefahr! Madame, ein Wahnsinniger ist der, welcher sie nicht erräth. Indem der Cardinal sich für die Königin verbürgt, indem er für die Königin bezahlt, richtet er sie zu Grunde. Ich spreche hier nicht von dem tödtlichen Mißvergnügen, das Herrn von Charny ein Vertrauen, wie das, welches Herr von Rohan Ihnen einflößt, verursachen kann. Nein. An solchen Schmerzen stirbt man, aber man beklagt sich nicht darüber.«

»Sie sind verrückt!« entgegnete Marie Antoinette zornig.

»Ich bin nicht verrückt, Madame, aber Sie sind unglücklich, Sie sind verloren. Ich habe Sie im Park gesehen ... Ich sagte es Ihnen wohl. Ich hatte mich nicht getäuscht. Heute ist die gräßliche, die tödtliche Wahrheit an's Tageslicht gekommen ... Herr von Rohan rühmt sich vielleicht ...«

Die Königin ergriff Charny beim Arm und wiederholte mit unaussprechlicher Bangigkeit:

»Wahnsinniger! Wahnsinniger! glauben Sie an den Haß, glauben Sie an Schatten, glauben Sie an das Unmögliche; aber in des Himmels Namen! nach dem was ich Ihnen gesagt habe, glauben Sie nicht, ich sei schuldig!... Schuldig! Dieses Wort würde mich in einen Haufen glühender Kohlen springen machen. Schuldig ... mit ... Ich, die ich nie an Sie gedacht habe, ohne Gott zu bitten, er möge mir diesen einzigen Gedanken verzeihen, den ich ein Verbrechen nannte. Oh! Herr von Charny, wenn Sie nicht wollen, daß ich heute verloren, morgen todt bin, sagen Sie mir, Sie beargwöhnen mich nicht, oder fliehen Sie so weit, daß Sie nicht einmal das Geräusch meines Sturzes im Augenblick meines Todes hören.«

Olivier rang voll Angst die Hände und rief:

»Hören Sie mich an, wenn ich Ihnen einen wirksamen Dienst leisten soll.«

»Ein Dienst von Ihnen!« rief die Königin, »von Ihnen, der Sie grausamer sind, als meine Feinde; ... denn meine Feinde schuldigen mich nur an, während Sie Verdacht gegen mich hegen! Ein Dienst von Seiten des Mannes, der mich verachtet, nie ... mein Herr! nie! ...«

Olivier näherte sich der Königin, nahm ihre Hand in die seinige und sprach:

»Sie werden wohl sehen, daß ich kein Mann bin, der seufzt und weint; die Augenblicke sind kostbar; diesen Abend wäre es zu spät, um zu thun, was uns zu thun übrig bleibt. Wollen Sie mich von der Verzweiflung retten, indem Sie sich selbst von der Schande retten?«

»Mein Herr! ...«

»Oh! im Angesicht des Todes werde ich meine Worte nicht mehr ängstlich abwägen. Wenn Sie mich nicht hören, sage ich Ihnen, so sind wir heute Abend Beide gestorben, Sie aus Scham, ich, weil ich Sie habe sterben sehen.«

»Mein Herr!«

»Gerade auf den Feind los, Madame, wie in unseren Schlachten! gerade der Gefahr entgegen! gerade in den Tod! Gehen wir mit einander, ich als der unbekannte, aber muthige Soldat. Sie mit der Majestät, mit der Stärke in das dichteste Kampfgewühl. Unterliegen Sie, wohl, dann werden Sie nicht allein sein. Hören Sie, Madame, sehen Sie in mir einen Bruder ... Sie brauchen vielleicht ... Geld, um ... das Halsband zu bezahlen?«

»Ich?«

»Leugnen Sie es nicht.«

»Ich sage Ihnen ...«

»Sagen Sie nicht, daß Sie das Halsband nicht haben.«

»Ich schwöre Ihnen ...«

»Schwören Sie nicht, wenn Sie wollen, daß ich Sie noch liebe.«

»Olivier!«

»Es bleibt Ihnen ein Mittel, zugleich Ihre Ehre und meine Liebe zu retten. Das Halsband kostet sechszehnmal hunderttausend Livres, Sie haben zweimal hundert und fünfzigtausend bezahlt; hier sind anderthalb Millionen, nehmen Sie dieselben.«

»Was ist das?«

»Schauen Sie nicht, nehmen und bezahlen Sie.«

»Ihre Güter verkauft! Olivier! Ihre Güter von mir erkauft und berichtigt! Sie berauben sich um meinetwillen! Sie sind ein gutes und edles Herz, und ich werde bei einer solchen Liebe nicht mehr um die Geständnisse feilschen. Olivier, ich liebe Sie!«

»Nehmen Sie an?«

»Nein; doch ich liebe Sie.«

»Herr von Rohan wird also bezahlen? Bedenken Sie wohl, Madame, das ist keine Großmuth mehr von Ihrer Seite, sondern eine Grausamkeit, die mich zu Boden drückt. Sie nehmen vom Cardinal an?«

»Ich! gehen Sie doch, Herr von Charny! Ich bin die Königin, und wenn ich meinen Unterthanen Liebe oder Vermögen gebe, so nehme ich doch nie an.«

»Was werden Sie denn thun?«

»Sie sollen mir mein Benehmen vorschreiben. Was sagen Sie, daß Herr von Rohan denkt?«

»Er denkt, Sie seien seine Geliebte.«

»Sie sind hart, Olivier ...«

»Ich spreche, wie man im Angesicht des Todes spricht.«

»Was sagen Sie, daß die Juweliere denken?«

»Da die Königin nicht bezahlen könne, so werde Herr von Rohan bezahlen.«

»Was sagen Sie, daß man im Publikum in Betreff des Halsbandes denkt?«

»Daß Sie es haben, daß Sie es verborgen haben, daß Sie es erst zugestehen werden, wenn es entweder vom Cardinal aus Liebe für Sie, oder vom König aus Furcht vor dem Aergerniß bezahlt sei.«

»Gut; und Sie, Charny, Ihrerseits, ich schaue Ihnen in's Gesicht und frage Sie: Was halten Sie von den Scenen, die Sie im Parke von Versailles gesehen?«

»Madame, ich glaube, daß Sie Ihre Unschuld zu beweisen nöthig haben,« erwiderte energisch der würdige Edelmann.

Die Königin wischte sich den Schweiß ab, der von ihrer Stirne floß.

»Der Prinz Louis, Cardinal von Rohan, Großalmosenier von Frankreich!« rief die Stimme eines Huissier im Vorgemach,

»Er!« murmelte Charny.

»Sie sind nach Wünschen bedient,« sagte die Königin.

»Sie wollen ihn empfangen?«

»Ich war im Begriff, ihn rufen zu lassen.«

»Aber ich ...«

»Treten Sie in mein Boudoir und lassen Sie die Thüre ein wenig offen, um gut zu hören.«

»Madame!«

»Gehen Sie geschwind, der Cardinal kommt.«

Sie schob Herrn von Charny in das Zimmer, das sie ihm bezeichnet hatte, zog die Thüre so viel als nöthig an und ließ den Cardinal eintreten.

Herr von Rohan erschien auf der Schwelle des Gemaches; er war glänzend in seiner priesterlichen Tracht. Hinter ihm, in einer gewissen Entfernung, erblickte man ein zahlreiches Gefolge, dessen Kleider glänzten, wie das ihres Gebieters.

Unter diesen gebückten Leuten konnte man die Herren Böhmer und Bossange wahrnehmen, die in ihren Galakleidern etwas verlegen aussahen.

Die Königin ging dem Cardinal entgegen und versuchte dabei ein Lächeln, das jedoch bald auf ihren Lippen erstarb.

Louis von Rohan war ernst, sogar traurig. Er hatte die Ruhe des muthigen Mannes, der kämpfen soll, die unmerkliche Drohung des Priesters, der zu verzeihen haben kann.

Die Königin bezeichnete ihm durch die Geberde ein Tabouret; der Cardinal blieb stehen.

»Madame«, sagte er, nachdem er sich sichtbar zitternd verbeugt, »ich hatte mehrere wichtige Dinge Eurer Majestät mitzutheilen, die es sich zur Aufgabe macht, mir auszuweichen.«

»Ich!« entgegnete die Königin, »ich weiche Ihnen so wenig aus, Herr Cardinal, daß ich im Begriff war, Sie rufen zu lassen.«

Der Cardinal warf einen Blick nach dem Boudoir und fragte dann mit leiser Stimme:

»Bin ich allein mit Eurer Majestät? habe ich das Recht, mit voller Freiheit zu sprechen?«

»In voller Freiheit, Herr Cardinal; thun Sie sich keinen Zwang an, wir sind allein.«

Und ihre Stimme schien ihre Worte dem im anstoßenden Zimmer verborgenen Edelmann zusenden zu wollen.

Sie freute sich voll Stolz über ihren Muth und die Gewißheit, welche der ohne Zweifel sehr aufmerksame Charny gleich bei den ersten Worten bekommen würde.

Der Cardinal faßte seinen Entschluß. Er rückte das Tabouret zum Lehnstuhl der Königin, um sich so fern als möglich von der Doppelthüre zu befinden.

»Das sind viele Vorbereitungen,« rief die Königin, Heiterkeit heuchelnd.

»Dieß geschieht, weil ...« sagte der Cardinal.

»Weil ...?« wiederholte die Königin.

»Wird der König nicht kommen?« fragte Herr von Rohan.

»Fürchten Sie sich weder vor dem König, noch vor irgend Jemand,« erwiderte lebhaft Marie Antoinette.

»Oh! nur vor Ihnen habe ich bange,« versetzte der Cardinal mit bewegter Stimme.

»Ein Grund mehr, ich bin nicht sehr furchtbar; sprechen Sie in wenigen Worten, sprechen Sie mit lauter und vernehmlicher Stimme, ich liebe die Offenherzigkeit, und wenn Sie mich schonen, werde ich glauben, Sie seien kein Mann von Ehre. Oh! keine Geberden mehr: man hat mir gesagt, Sie haben Beschwerden gegen mich. Sprechen Sie, ich liebe den Krieg, ich bin von einem Blut, das nicht erschrickt! Sie auch, ich weiß es wohl. Was haben Sie mir vorzuwerfen?«

Der Cardinal stieß einen Seufzer aus und stand auf, als wollte er die Luft des Zimmers in größerem Umfang einsaugen.

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