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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXXII.

Der Brief und der Empfangschein.

Am folgenden Tage war die letzte Frist der von der Königin selbst den Juwelieren Böhmer und Bossange bestimmten Bezahlung.

Da das Schreiben Ihrer Majestät Vorsicht empfahl, so warteten sie, bis ihnen die fünfmal hunderttausend Livres gebracht würden.

Und da bei allen Kaufleuten, so reich sie auch sein mögen, der Einzug von fünfmal hunderttausend Livres eine wichtige Sache ist, so hielten die Associés einen Empfangsschein von der schönsten Handschrift des Hauses bereit.

Der Schein blieb unnütz: Niemand kam, um ihn gegen die fünfmal hunderttausend Livres auszutauschen.

Die Nacht verging für die Juweliere sehr qualvoll in der Erwartung eines beinahe unwahrscheinlichen Boten. Doch die Königin hatte so außerordentliche Ideen; sie mußte sich verbergen: ihr Bote würde vielleicht erst nach Mitternacht kommen.

Die Morgenröthe des andern Tages enttäuschte Böhmer und Bossange in ihren Chimären. Böhmer faßte seinen Entschluß, und begab sich nach Versailles in einem Wagen, in dessen Hintergrund sein Associé auf ihn wartete.

Er verlangte bei der Königin eingeführt zu werden. Man antwortete ihm, wenn er nicht einen Audienzbrief habe, könne es nicht sein.

Erstaunt, unruhig, beharrte er auf seinem Verlangen, und da er seine Leute kannte, da er das Talent hatte, da und dort in den Vorzimmern einen kleinen, für ihn unnützen Stein anzubringen, so begünstigte man ihn so, daß man ihn auf den Weg Ihrer Majestät stellte, wenn sie von ihrem Spaziergange in Trianon zurückkommen würde.

Noch ganz bebend von ihrer Zusammenkunft mit Charny, wo sie die Liebhaberin gespielt hatte, ohne die Geliebte zu werden, kehrte Marie Antoinette wirklich voll Vergnügen und Freude in's Schloß zurück, als sie das ein wenig zerknirschte, jedoch ehrfurchtsvolle Gesicht Böhmers erblickte.

Sie lächelte ihm zu, was er auf die glücklichste Weise deutete, und er wagte es, um einen Augenblick Audienz zu bitten; die Königin bewilligte ihm dieß auf zwei Uhr, das heißt, nach ihrem Mittagsmahle. Er überbrachte diese vortreffliche Kunde Bossange; dieser wartete auf ihn in einem Wagen; an einem Flusse leidend, hatte er ihrer Majestät kein unfreundliches Gesicht zeigen wollen.

»Es ist kein Zweifel,« sagten sie zu einander, indem sie sich die geringsten Geberden, die kleinsten Worte Marie Antoinette's auslegten, »es unterliegt keinem Zweifel, Ihre Majestät hat in ihrer Schublade die Summe, die sie gestern noch nicht bekommen konnte; sie hat gesagt, um zwei Uhr, weil sie um zwei Uhr allein sein wird.«

Und sie fragten sich, wie die Cameraden in der Fabel, ob sie die Summe in Billets, in Gold, oder in Silber wegbringen würden.

Es schlug zwei Uhr, der Juwelier war an seinem Posten, man führte ihn in's Boudoir Ihrer Majestät ein.

»Was haben Sie wieder, Böhmer?« fragte die Königin, sobald sie ihn von fern erblickte, »wollen Sie mir von Juwelen sprechen? Sie wissen, Sie haben Unglück.«

Böhmer glaubte, es sei irgend Jemand verborgen, die Königin fürchte gehört zu werden. Er nahm also eine Miene des Einverständnisses an und erwiderte umherschauend:

»Ja, Madame.«

»Was suchen Sie da?« sagte die Königin erstaunt.

Ein wenig bedrückt durch diese Verstellung, antwortete er nichts.

»Dasselbe Geheimniß wie neulich; ein Geschmeide zu verkaufen,« fuhr die Königin fort; »ein unvergleichliches Stück? Oh! erschrecken Sie nicht so; es ist Niemand hier, der uns hören könnte.«

»Dann ...« murmelte Böhmer.

»Nun, dann! was?«

»Dann darf ich Ihrer Majestät sagen ...

»Sagen Sie geschwind, mein lieber Böhmer.«

Der Juwelier näherte sich mit einem anmuthigen Lächeln und sprach, seine etwas gelben, aber ganz wohlwollenden Zähne zeigend:

»Ich darf Ihrer Majestät sagen, daß die Königin uns gestern vergessen hat.«

»Vergessen! worin?« fragte die Königin erstaunt.

»Darin, daß gestern der ... Termin war ...«

»Der Termin? ... welcher Termin?«

»Oh! ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, wenn ich mir erlaube ... Ich weiß wohl, daß es eine Unbescheidenheit ist. Vielleicht ist die Königin nicht vorbereitet. Das wäre ein großes Unglück, aber ...«

»Ah! Böhmer, ich begreife kein Wort von Allem, was Sie mir da sagen. Erklären Sie sich doch, mein Lieber.«

»Eure Majestät hat es aus dem Gedächtniß verloren, das ist inmitten so vieler Sorgen und Geschäfte ganz natürlich.«

»Was habe ich aus dem Gedächtnis verloren?«

»Es war gestern der erste Termin der Bezahlung des Halsbandes,« antwortete Böhmer schüchtern.

»Sie haben also Ihr Halsband verkauft?«

»Nun ja, freilich ...« versetzte Böhmer, der die Königin ganz erstaunt anschaute, »ich glaube es wohl.«

»Und diejenigen, an welche Sie es verkauft, haben Sie nicht bezahlt, mein armer Böhmer; das ist schlimm. Diese Leute müssen es machen, wie ich es gemacht habe; wenn sie das Halsband nicht kaufen können, so müssen sie es Ihnen zurückgeben und Ihnen die Abschlagszahlung überlassen.«

»Wie beliebt?« stammelte der Juwelier, welcher schwankte, dem unvorsichtigen Reisenden ähnlich, der einen Sonnenstich auf den Kopf bekommen. »Was erweist mir Ihre Majestät die Ehre zu sagen?«

»Mein armer Böhmer, ich sage, wenn Ihnen zehn Käufer Ihr Halsband zurückgeben, wie ich es Ihnen zurückgegeben habe, das heißt, indem sie Ihnen zweimal hunderttausend Livres Reukauf lassen, so haben Sie zwei Millionen nebst dem Halsband.«

»Eure Majestät ...« rief Böhmer, von Schweiß triefend, »Eure Majestät sagt wohl, sie habe mir das Halsband zurückgegeben?«

»Ja wohl, ich sage das,« erwiderte die Königin ganz ruhig. »Was haben Sie?«

»Wie!« fuhr der Juwelier fort. »Eure Majestät leugnet, das Halsband gekauft zu haben?«

»Ah! was für eine Komödie spielen wir da?« sprach die Königin mit strengem Tone. »Hat dieses verdammte Halsband die Bestimmung, daß immer Jemand den Kopf darüber verlieren muß?«

»Aber,« versetzte Böhmer, an allen seinen Gliedern zitternd, »mir schien, als hätte ich aus dem Munde Eurer Majestät selbst gehört, Sie haben es mir zurückgegeben. Eure Majestät hat gesagt, das Diamanthalsband zurückgegeben.«

Die Königin schaute Böhmer mit gekreuzten Armen an und sprach:

»Zum Glück habe ich hier etwas, womit ich Ihr Gedächtnis auffrischen kann, denn Sie sind ein sehr vergeßlicher Mensch, Herr Böhmer, um Ihnen nichts Unangenehmeres zu sagen.«

Sie ging gerade auf einen Arbeitstisch zu, zog ein Papier heraus, öffnete es, durchflog es und reichte es dann langsam dem unglücklichen Böhmer.

»Der Styl ist ziemlich klar, wie mir scheint,« sagte sie. Und sie setzte sich, um den Juwelier, während er las, besser anzuschauen.

Das Gesicht des Mannes drückte zuerst gänzliche Ungläubigkeit und dann stufenweise den furchtbarsten Schrecken aus

»Nun!« sagte die Königin, »Sie erkennen diesen Schein, der in so guter Form bezeugt, daß Sie das Halsband zurückerhalten; und wenn Sie nicht auch vergessen haben, daß Sie Böhmer heißen ...«

»Aber, Madame,« stammelte Böhmer, zugleich vor Wuth und Angst erstickend, »ich habe diesen Schein nicht unterzeichnet.«

Die Königin wich, den Juwelier mit ihren flammenden Augen niederschmetternd, zurück und rief:

»Sie leugnen!«

»Durchaus ... Ich habe, und müßte ich für die Freiheit meiner Sprache das Leben lassen, das Halsband nie zurückerhalten, diesen Schein nie unterzeichnet. Wäre der Block hier, stände der Henker hier, ich würde abermals wiederholen: nein, Eure Majestät, dieser Empfangsschein ist nicht von mir.«

»Mein Herr,« sagte die Königin leicht erbleichend, dann habe ich Sie also betrogen, dann habe ich also Ihr Halsband?«

Böhmer suchte in seinem Portefeuille und zog ein Papier heraus, das er ebenfalls der Königin überreichte.

»Madame,« sagte er mit ehrerbietiger, aber vor Aufregung bebender Stimme; »ich glaube nicht, daß Eure Majestät, wenn sie mir das Halsband hätte zurückgeben wollen, diese Schuldurkunde hier geschrieben haben würde.«

»Ei! was für ein Fetzen ist denn das?« rief die Königin. »Ich habe das nicht geschrieben! Ist das meine Handschrift?«

»Es ist unterzeichnet,« entgegnete Böhmer vernichtet.

» Marie Antoinette von Frankreich ... Sie sind verrückt! bin ich von Frankreich? Bin ich nicht Erzherzogin von Österreich? Ist es nicht albern, daß ich das geschrieben haben soll? Gehen Sie doch, Herr Böhmer, die Falle ist zu plump, sagen Sie das Ihren Fälschern.«

»Meinen Fälschern ...« stammelte der Juwelier, der beinahe in Ohnmacht fiel, als er diese Worte hörte. »Eure Majestät hat mich, Böhmer, im Verdacht?«

»Sie haben wohl mich, Marie Antoinette, im Verdacht?« versetzte Marie Antoinette voll Stolz.

»Aber diese Schrift,« entgegnete abermals der Juwelier, auf das Papier deutend, das sie immer noch in ihren Händen hielt.

»Und dieser Empfangschein?« sagte sie, auf das Papier deutend, das er nicht von sich gelassen hatte.

Böhmer war genöthigt, sich auf einen Lehnstuhl zu stützen; der Boden wirbelte unter ihm. Er athmete die Luft in großen Wogen ein, und die Purpurfarbe des Schlagflusses ersetzte die Leichenblässe der Ohnmacht.

»Geben Sie mir meinen Schein zurück,« sagte die Königin, »ich halte ihn für gut, und nehmen Sie Ihre Schrift, unterzeichnet Antoinette von Frankreich; der Staatsanwalt wird Ihnen sagen, was das werth ist.«

Und sie warf ihm die Verschreibung zu, nachdem sie ihm den Schein aus den Händen gerissen hatte; dann wandte sie sich um, ging in ein anstoßendes Zimmer und überließ der Etikette zuwider den Unglücklichen, der gar keinen Gedanken mehr hatte und in einen Lehnstuhl sank, sich selbst. Nach einigen Minuten jedoch, in denen er sich wieder ein wenig erholte, stürzte er ganz betäubt aus dem Gemach und suchte Bossange auf, dem er das Abenteuer so erzählte, daß er selbst bei seinem Associé in Verdacht gerieth.

Doch er widerholte so gut und so oft seine Aussage, daß Bossange anfing, seine Perücke auszureißen, während Böhmer seine Haare ausriß, was für die Vorübergehenden, die ihren Blick in den Wagen tauchten, zugleich das schmerzlichste und komischste Schauspiel war.

Da man jedoch nicht einen ganzen Tag im Wagen zubringen kann, da man, nachdem man sich Haare oder Perücke ausgerissen, die Hirnschale findet, und da unter der Hirnschale Gedanken sind oder sein sollen, so fanden die zwei Juweliere für gut, sich zu verbünden, um wo immer möglich die Thüre der Königin zu sprengen und etwas einer Erklärung Aehnliches zu erlangen.

Sie gingen nach dem Schlosse in einem Zustand, daß sie Mitleid erregen mußten, als ihnen einer der Officianten der Königin begegnete, der den Einen oder Andern von ihnen zu berufen hatte. Man denke sich ihre Freude und den Eifer, mit dem sie gehorchten.

Sie wurden ohne Verzug eingeführt.

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