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Das Halsband der Königin - 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 3 - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 3
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
volumeDritter Band
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100729
projectid328c6dd7
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LXX.

Die Eifersucht des Cardinals.

Indessen hatte der Cardinal drei Nächte aufeinander folgen sehen, die sehr verschieden von denen waren, welche seine Einbildungskraft ihm unaufhörlich von Neuem vorführte.

Keine Nachricht von irgend Jemand, keine Hoffnung auf einen Besuch. Diese Todesstille nach der Aufregung der Leidenschaft war die Dunkelheit eines Kellers nach dem heitern Sonnenlicht.

Der Cardinal schmeichelte sich Anfangs mit der Hoffnung, seine Geliebte, ein Weib, bevor sie Königin war, wolle erproben, welcher Natur die Liebe sei, die man ihr bezeigte, und ob sie nach der Prüfung, wie vor derselben gefalle. Ein ganz männliches Gefühl, dessen Materialismus eine zweischneidige Waffe wurde, die den Cardinal sehr schmerzlich verwundete, wenn sie sich gegen ihn kehrte.

Als er nichts kommen sah und nichts hörte als das Stillschweigen, wie Herr Delille sagt, da fürchtete der Unglückliche in der That, diese Prüfung sei für ihn selbst ungünstig gewesen. Hievon rührte eine Angst, eine Bangigkeit her, von der man sich keinen Begriff machen kann, wenn man nicht an den allgemeinen Nervenschmerzen gelitten hat, die jede nach dem Gehirn ausmündende Fiber zu einer Feuerschlange machen, die sich durch ihren eigenen Willen krümmt oder abspannt.

Dieses Mißbehagen wurde dem Cardinal unerträglich; er schickte zehnmal an einem halben Tage in die Wohnung der Frau von La Mothe, zehnmal nach Versailles.

Der zehnte Eilbote brachte ihm endlich Jeanne, welche dort Charny und die Königin bewachte und sich innerlich zu dieser Ungeduld des Cardinals, der sie bald den günstigen Erfolg ihres Unternehmens zu verdanken haben sollte, Glück wünschte.

Sobald der Cardinal sie erblickte, brach er los.

»Wie!« rief er, »Sie leben mit dieser Ruhe! Wie! Sie wissen, daß ich auf der Folter bin, und Sie, die Sie sich meine Freundin nennen, lassen diese Folter bis zum Tode gehen!«

»Ei, Monseigneur,« erwiderte Jeanne, »Geduld, wenn's beliebt. Was ich in Versailles fern von Ihnen that, ist viel nützlicher, als was Sie hier in Ihrer Sehnsucht nach mir thaten.«

»Man ist nicht in diesem Grade grausam,« sagte Seine Eminenz, besänftigt durch die Hoffnung, Nachrichten zu erhalten. »Sprechen Sie, was sagt man, was thut man dort?«

»Die Abwesenheit ist ein schmerzliches Uebel, mag man nun in Paris oder in Versailles daran leiden.«

»Das entzückt mich, und ich danke Ihnen dafür; aber ...«

»Aber?«

»Beweise!«

»Oh! guter Gott,« rief Jeanne, »was sagen Sie da, Monseigneur! Beweise! ... Sind Sie bei Troste, Monseigneur, daß Sie von einer Frau Beweise für ihre Fehler verlangen?«

»Ich verlange keine Urkunde für einen Proceß, Gräfin; ich verlange ein Liebespfand.«

»Mir scheint,« erwiderte sie, nachdem sie Seine Eminenz auf eine gewisse Weise angeschaut hatte, »Sie werden sehr anspruchsvoll, wo nicht sehr vergeßlich.«

»Oh! ich weiß, was Sie mir sagen wollen ... ich weiß, daß ich mich für sehr befriedigt ... für sehr geehrt halten müßte; doch beurtheilen Sie mein Herz nach dem Ihrigen, Gräfin ... Wie nähmen Sie es auf, wenn Sie so, nachdem Sie den Anschein der Gunst genossen, auf die Seite geworfen würden?«

»Sie haben, glaube ich, gesagt, den Anschein?« erwiderte Jeanne mit demselben spöttischen Tone.

»Oh! es ist gewiß, Sie können mich ungestraft schlagen, Gräfin, es ist wahr, nichts berechtigt mich zu einer Klage; doch ich beklage mich ...«

»Monseigneur, ich kann nicht für Ihre Unzufriedenheit verantwortlich sein, wenn sie nur unstichhaltige oder gar keine Gründe hat.«

»Gräfin; Sie behandeln mich schlecht.«

»Monseigneur, ich wiederhole Ihre Worte. Ich folge Ihrer Erörterung.«

»Inspiriren Sie sich durch sich selbst, statt mir meine Tollheiten vorzuwerfen: helfen Sie mir, statt mich zu martern.«

»Ich kann Ihnen nicht helfen, wo ich nichts zu thun sehe.«

»Sie sehen nichts zu thun?« sagte der Cardinal, indem er auf jedes Wort einen Nachdruck legte.

»Nichts.«

»Wohl! Madame,« rief Herr von Rohan voll Heftigkeit, »es sagt vielleicht nicht Jedermann, was Sie sagen.«

»Ach! Monseigneur, nun sind wir bis zum Zorn gelangt und wir verstehen uns nicht mehr. Eure Eminenz wird mir verzeihen, wenn ich ihr dieß bemerke.«

»Zum Zorn! ja ... Ihr böser Wille treibt mich dazu, Gräfin.«

»Und Sie berechnen nicht, ob dieß Ungerechtigkeit ist?«

»Oh! nein! Wenn Sie mir nicht mehr dienen, so ist dieß der Fall, weil Sie es nicht mehr anders machen können, das sehe ich wohl.«

»Sie beurtheilen mich gut; warum klagen Sie mich dann an?«

»Weil Sie mir die ganze Wahrheit sagen müßten, Madame.«

»Die Wahrheit! ich habe Ihnen diejenige gesagt, welche ich weiß.«

»Sie sagen mir nicht, daß die Königin eine Treulose, eine Cokette ist, daß sie die Leute anreizt sie anzubeten und sie hernach der Verzweiflung überantwortet.«

Jeanne schaute ihn mit erstaunter Miene an.

»Erklären Sie sich,« sagte sie zitternd, nicht vor Angst, sondern vor Freude.

Sie hatte in der That in der Eifersucht des Cardinals einen Ausgang erblickt, den ihr die Umstände vielleicht nicht gegeben hätten, um aus einer so schwierigen Lage herauszukommen.

»Gestehen Sie mir,« fuhr der Cardinal fort, der mehr mit seiner Leidenschaft rechnete, »gestehen Sie mir, ich bitte Sie, daß die Königin sich weigert, mich zu sehen.«

»Ich sage das nicht, Monseigneur.«

»Gestehen Sie, daß sie, wenn sie mich nicht mit ihrem vollen Willen zurückstößt, was ich immer noch hoffe, mich aus dem Besitze setzt und fern von sich hält, um nicht irgend einen andern Liebhaber zu beunruhigen, bei dem meine Huldigungen Verdacht erregt haben.«

»Ah! Monseigneur,« rief Jeanne mit einem so honigsüßen Tone, daß sie noch viel mehr errathen ließ, als sie verbergen wollte.

»Hören Sie mich,« sagte der Cardinal, »als ich Ihre Majestät zum letzten Male sah, glaubte ich im Gebüsche gehen zu hören.«

»Tollheit!«

»Und ich werde Alles sagen, was ich muthmaße.«

»Sagen Sie nicht ein Wort mehr, Monseigneur, Sie beleidigen die Königin, und überdieß, wenn es wahr wäre, wenn sie so unglücklich wäre, daß sie die Ueberwachung eines Liebhabers befürchten müßte, was ich nicht glaube, wären Sie ungerecht genug, ihr ein Verbrechen aus der Vergangenheit zu machen, die sie Ihnen zum Opfer bringt?«

»Die Vergangenheit! die Vergangenheit! Das ist ein großes Wort; aber es fällt, Gräfin, wenn diese Vergangenheit noch die Gegenwart ist und die Zukunft sein soll!«

»Pfui! Monseigneur; Sie sprechen mit mir, als sprächen Sie mit einem Mäkler, dem Sie vorwerfen würden, er habe Sie zu einem schlechten Geschäfte veranlaßt. Ihr Argwohn, Monseigneur, ist so verletzend für die Königin, daß er es am Ende auch für mich wird.«

»Dann, Gräfin, beweisen Sie mir ...«

»Ah! Monseigneur, wenn Sie dieses Wort wiederholen, so nehme ich die Beleidigung auf meine Rechnung.«

»Kurz! ... liebt sie mich ein wenig?«

»Da gibt es etwas ganz Einfaches, Monseigneur,« sagte Jeanne, indem sie auf den Tisch des Cardinals und auf das darauf stehende Schreibzeug deutete. »Setzen Sie sich dorthin und fragen Sie die Königin selbst.«

Der Cardinal ergriff voll Entzücken Jeanne's Hand und rief:

»Sie werden ihr das Billet zustellen?«

»Wenn ich es ihr nicht zustellte, wer würde es denn sonst übernehmen?«

»Und ... Sie versprechen mir eine Antwort?«

»Wenn Sie keine Antwort bekämen, wie würden Sie erfahren, woran Sie sich zu halten haben?«

»Oh! so ist es gut, Gräfin, so liebe ich Sie.«

»Nicht wahr?« sagte sie mit ihrem feinen Lächeln.

Er setzte sich, nahm die Feder und fing einen Brief an. Herr von Rohan hatte eine beredte Feder, einen leichten Brief; doch er zerriß zehn Blätter, ehe er sich selbst gefiel.

»Wenn Sie immer so fortmachen, werden Sie nie zum Ziele kommen,« sagte Jeanne.

»Sehen Sie, Gräfin, ich mißtraue meiner Zärtlichkeit; sie überströmt unwillkürlich und würde vielleicht die Königin ermüden.«

»Ah!« versetzte Jeanne mit Ironie, »wenn Sie ihr als Politiker schreiben, so wird sie Ihnen mit einem diplomatischen Billet antworten. Das ist Ihre Sache.«

»Sie haben Recht, und Sie sind eine ächte Frau nach Geist und Herz. Hören Sie, Gräfin, warum sollten wir ein Geheimniß vor Ihnen haben, da Sie das unsere besitzen?«

Sie lächelte.

»Es ist wahr,« sagte sie, »Sie haben mir wenig zu verbergen.«

»Lesen Sie über meine Schulter, lesen Sie so schnell, als ich schreiben werde; denn mein Herz brennt, meine Feder wird das Papier verzehren.«

Er schrieb in der That; er schrieb einen Brief so glühend, so toll, so voll von Liebesvorwürfen und gefährlichen Betheuerungen, daß, als er geendet hatte, Jeanne, die seinen Gedanken bis zur Unterschrift folgte, zu sich selbst sagte:

»Er hat geschrieben, was ich ihm nicht zu dictiren gewagt hätte.«

Der Cardinal überlas sein Billet und fragte dann Jeanne:

»Ist es so gut?«

»Wenn die Königin Sie liebt,« erwiderte die Verrätherin, »so werden Sie sie morgen sehen; nun aber verhalten Sie sich ruhig.«

»Bis morgen, ja.«

»Ich verlange nicht mehr, Monseigneur.«

Sie nahm das versiegelte Billet, ließ sich von Monseigneur auf die Augen küssen, und kehrte gegen Abend nach Hause zurück. Ausgekleidet, erfrischt, fing sie hier an nachzudenken.

Die Lage war so, wie sie sich dieselbe seit ihrem ersten Auftreten versprochen hatte.

Noch zwei Schritte, und sie war am Ziel.

Wen von beiden war es besser zum Schilde zu wählen: die Königin oder den Cardinal?

Dieser Brief des Cardinals versetzte ihn in die Unmöglichkeit, je Frau von La Mothe anzuklagen, wenn sie ihn nöthigen würde, die für das Halsband schuldige Summe zurückzubezahlen.

Angenommen, der Cardinal und die Königin würden sich sehen, um sich zu verständigen, wie sollten sie es wagen, Frau von La Mothe, die Verwahrerin eines so ärgerlichen Geheimnisses, zu Grunde zu richten?

Die Königin würde keinen Lärmen machen und an den Haß des Cardinals glauben, der Cardinal würde an die Coketterie der Königin glauben, doch die Debatte, wenn eine entstände, würde bei geschlossenen Thüren stattfinden, und beim ersten Argwohn würde Frau von La Mothe diesen Vorwand ergreifen, um sich mit der schönen Summe von anderthalb Millionen aus dem Vaterlande zu verbannen.

Der Cardinal würde wohl wissen, daß Jeanne diese Brillanten genommen, die Königin würde es wohl errathen; doch wozu sollte es ihnen nützen, eine Angelegenheit ruchbar zu machen, welche so eng mit der des Parks und der Apollo-Bäder in Verbindung gebracht war?

Nur genügte ein einziger Brief nicht, um dieses ganze Vertheidigungssystem festzustellen; der Cardinal hatte gute Federn, er würde sieben- bis achtmal schreiben.

Was die Königin betrifft, wer weiß, ob sie nicht mit Herrn von Charny Waffen für Jeanne von La Mothe schmiedete?

So viele Wirrsale und Umwege liefen im schlimmsten Fall auf eine Flucht aus, und Jeanne vergegenwärtigte sich zum Voraus die ganze Stufenfolge.

Zuerst Verfall des Termins, Anzeige der Juweliere. Die Königin ging gerade zu Herrn von Rohan.

Wie?

Durch die Vermittlung Jeanne's, das war unvermeidlich. Jeanne benachrichtigte den Cardinal und forderte ihn auf, zu bezahlen.

Weigerte er sich ... Drohung, die Briefe zu veröffentlichen; er bezahlte.

Nach geleisteter Bezahlung keine Gefahr mehr. Was den öffentlichen Lärm betrifft, so blieb noch die Intriguenfrage auszubeuten. In diesem Punkt vollkommene Befriedigung. Die Ehre einer Königin und eines Kirchenfürsten um den Preis von anderthalb Millionen, das war noch zu wohlfeil. Jeanne glaubte sicher zu sein, sie würde drei Millionen bekommen, wenn sie wollte.

Und warum war Jeanne ihrer Sache in Beziehung auf die Intriguenfrage so sicher?

Weil der Cardinal der Ueberzeugung lebte, er habe drei Nächte hinter einander die Königin in den Gebüschen von Versailles gesehen ... und weil keine Macht der Erde dem Cardinal beweisen würde, er habe sich getäuscht ... Weil ein einziger Beweis des Betrugs übrig blieb, ein lebendiger, unverwerflicher Beweis, den aber Jeanne aus der Debatte zu entfernen im Begriff stand.

Bei diesem Punkt ihres Nachsinnens angelangt, trat Jeanne an's Fenster und erblickte Oliva, die ganz unruhig, ganz neugierig auf ihrem Balcon stand.

»Jetzt haben wir beide miteinander zu schaffen,« dachte Jeanne, indem sie ihre Gefährtin zärtlich grüßte ...

Die Gräfin machte Oliva das verabredete Zeichen, daß sie am Abend herabkomme.

Ganz freudig über diese officielle Mittheilung kehrte Oliva in ihr Zimmer zurück, und Jeanne versank wieder in ihr Nachdenken.

Das Werkzeug zerbrechen, wenn es nicht mehr dienen kann, das ist die Gewohnheit aller Intriganten; nur scheitert die Mehrzahl derselben, entweder weil sie dieses Werkzeug so zerbrechen, daß es einen Seufzer ausstößt, der das Geheimniß verräth, oder weil sie es unvollständig genug zerbrechen, daß es noch Andern zu dienen vermag.

Jeanne dachte, die lebenslustige kleine Oliva würde sich nicht zerbrechen lassen, ohne einen Seufzer von sich zu geben.

Man mußte nothwendig für sie eine Fabel ersinnen, die sie zur Flucht bestimmte, und eine andere, die ihr sehr gern zu fliehen gestattete.

Die Schwierigkeiten erhoben sich auf jedem Schritt; doch gewisse Geister finden ein eben so großes Vergnügen daran, die Schwierigkeiten aufzulösen, als andere, die Rosen mit Füßen zu treten.

So entzückt Oliva über die Gesellschaft ihrer neuen Freundin war, war sie es doch nur beziehungsweise, das heißt, insofern sie diese Verbindung durch die Scheiben ihres Gefängnisses erschaute, fand sie dieselbe kostbar.

Doch die aufrichtige Nicole verbarg ihrer Freundin nicht, der lichte Tag, die Spazierfahrten im hellen Sonnenschein, kurz alle die Wirklichkeiten des Lebens wären ihr lieber gewesen, als die nächtlichen Promenaden und das erdichtete Königthum.

Jeanne, ihre Liebkosungen und ihre Vertraulichkeit waren für sie nur ein halbes Leben; die Wirklichkeit des Lebens waren Geld und Beausire.

Jeanne, welche diese Theorie gründlich studirt hatte, gelobte sich, dieselbe bei der ersten Gelegenheit anzuwenden.

Indem sie sich zusammenfaßte, gab sie als Thema ihrer Unterredung mit Nicole die Nothwendigkeit, den Beweis der strafbaren im Park von Versailles begangenen Betrügereien ganz und gar verschwinden zu machen.

Die Nacht brach ein, Oliva kam herab. Jeanne erwartete sie vor der Thüre.

Beide gingen wieder die Rue Saint-Claude bis zu dem verödeten Boulevard hinauf, wo sie ihren Wagen erreichten, den sie, um besser mit einander sprechen zu können, im Schritt auf dem Wege fahren ließen, welcher sich kreisförmig nach Vincennes zieht.

Nicole war wohl eingehüllt in ein einfaches Kleid und in eine weite Caputze; Jeanne war als Grisette gekleidet, und Niemand vermochte sie zu erkennen. Man hätte zu diesem Behuf überdieß in den Wagen tauchen müssen, und die Policei allein war hiezu befugt. Nichts aber hatte bis jetzt Verdacht bei der Policei erweckt.

Dabei trug dieser Wagen, statt nur glatt zu sein, an seinen Füllungen das Wappen der Valois, eine beachtenswerthe Schildwache, deren Verbot zu durchbrechen oder zu überschreiten die Gewaltthat eines Agenten nie gewagt hätte.

Oliva fing damit an, daß sie Jeanne mit Küssen bedeckte, und diese erwiderte dieselben mit Wucher.

»Oh! was habe ich mich gelangweilt,« sagte Oliva, »ich suchte Sie, ich rief nach Ihnen.«

»Unmöglich, meine Freundin, ich konnte Sie unmöglich besuchen, ich wäre eine zu große Gefahr gelaufen und hätte Sie auch einer solchen preisgegeben.«

»Wie dieß?« fragte Nicole erstaunt.

»Eine furchtbare Gefahr, meine Kleine, worüber ich noch zittere.«

»Oh! erzählen Sie mir das geschwind.«

»Sie wissen, daß Sie hier viele Feinde haben?«

»Leider, ja!«

»Und daß Sie, um sich zu zerstreuen, auszugehen wünschten?«

»Wozu Sie mir so freundschaftlich verholfen haben.«

»Sie wissen auch, daß ich Ihnen von jenem Mundschenk sprach, der etwas verrückt, aber sehr angenehm und in die Königin verliebt ist, welcher Sie ein wenig gleichen.«

»Ja, ich weiß das.«

»Ich hatte die Schwäche, Ihnen eine unschuldige Unterhaltung vorzuschlagen, die darin bestand, daß wir uns über den armen Jungen lustig machen und ihn so mystificiren wollten, daß er an eine Laune der Königin für ihn glauben sollte.«

»Ach! ja,« seufzte Oliva,

»Ich erinnere Sie nicht an die zwei ersten Promenaden, die wir bei Nacht im Garten von Versailles in Gesellschaft dieses armen Jungen machten.«

Oliva seufzte abermals.

»In diesen zwei Nächten spielten Sie Ihre kleine Rolle so gut, daß unser Verliebter die Sache im Ernste nahm.«

»Das war vielleicht schlimm,« sagte Oliva leise; »denn in der That, wir täuschten ihn, und er verdient es nicht; es ist ein reizender Cavalier.«

»Nicht wahr?«

»Oh! ja.«

»Doch! warten Sie, hierin liegt das Schlimme nicht. Daß Sie ihm eine Rose geschenkt haben, daß Sie sich Majestät nennen ließen ... daß Sie ihm Ihre Hand zum Küssen gaben, das sind muthwillige Streiche ... Aber ... meine kleine Oliva, es scheint, das ist noch nicht Alles.«

Oliva erröthete so sehr, daß Jeanne ohne die tiefe Nacht es hätte bemerken müssen. Als gescheidtes Weib schaute sie allerdings den Weg und nicht ihre Gefährtin an.

»Wie ...« stammelte Nicole, »in welcher Hinsicht ... ist das noch nicht Alles?«

»Es fand eine dritte Zusammenkunft statt,« erwiderte Jeanne.

»Ja,« sagte Oliva zögernd; »Sie wissen es, da Sie dabei waren.«

»Verzeihen Sie, liebe Freundin, ich war, wie immer, in der Entfernung und lauerte, oder gab mir den Anschein, als lauerte ich, um Ihrer Rolle mehr Wahrheit zu verleihen. Ich habe also weder gehört, noch gesehen, was in jener Grotte vorgegangen ist. Ich weiß nur das, was Sie mir davon erzählt haben. Sie erzählten mir aber, als Sie zurückkamen, Sie seien spazieren gegangen, Sie haben geplaudert, und die Rosen und die Handküsse haben ihr Spiel fortgesetzt. Ich, meine Kleine, glaube Alles, was man mir sagt.«

»Nun denn! ... aber ...« machte Oliva zitternd.

»Nun denn! meine Liebenswürdigste, es scheint, unser Narr sagt mehr, als ihm die vorgebliche Königin bewilligt hat.«

»Was?«

»Berauscht, betäubt, verwirrt, rühmte er sich, wie es scheint, von der Königin einen unverwerflichen Beweis getheilter Liebe erhalten zu haben. Dieser arme Teufel ist entschieden ein Narr.«

»Mein Gott! mein Gott!« murmelte Oliva.

»Es ist ein Narr, schon weil er lügt, nicht wahr?«

»Gewiß,« stammelte Oliva.

»Sie hätten sich nicht einer so furchtbaren Gefahr aussetzen sollen, ohne es mir zu sagen, meine liebe Kleine.«

Oliva schauerte vom Scheitel bis zu den Zehen.

»Welche Wahrscheinlichkeit hat es,« fuhr die furchtbare Freundin fort, »daß Sie, die Herrn Beausire liebt und mich als ihre Gefährtin besitzt, daß Sie, eine Dame, welcher der Graf von Cagliostro den Hof macht, dessen Bemühungen Sie zurückweisen, daß Sie aus Laune diesem Narren das Recht geben ... zu ... sagen ... Nein, er hat den Kopf verloren, das lasse ich mir nicht nehmen.«

»Nun!« rief Nicole, »was für eine Gefahr ist dabei? sprechen Sie.«

»Bemerken Sie wohl, wir haben es mit einem Narren zu thun, der nichts fürchtet und nichts schont. So lange es sich nur um eine geschenkte Rose, um einen Handkuß handelte, da war nichts zu sagen; eine Königin hat Rosen in ihrem Park, sie hat Hände zur Verfügung aller ihrer Unterthanen; doch wenn es wahr wäre, daß bei der dritten Zusammenkunft ... Ach! ich lache nicht mehr, seitdem ich diese Idee habe.«

Oliva fühlte, wie sich ihre Zähne aus Angst an einander preßten.

»Was wird dann geschehen, meine gute Freundin?« fragte sie.

»Es wird vor Allem geschehen, daß Sie nicht die Königin sind, wenigstens nicht, daß ich wüßte.«

»Nein.«

»Und daß, da Sie die Eigenschaft Ihrer Majestät usurpirt haben, um eine Leichtfertigkeit dieser Art zu begehen ...«

»Nun?«

»Nun, das nennt man Majestätsbeleidigung. Man führt die Leute sehr weit mit diesem Wort.«

Oliva verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.

»Im Ganzen,« fuhr Jeanne fort, »da Sie nicht das gethan haben, womit er sich brüstet, so werden Sie damit davon kommen, daß Sie es beweisen. Die zwei vorhergehenden Leichtfertigkeiten werden mit zwei bis vier Jahren Gefängniß und mit der Verbannung bestraft.«

»Gefängniß! Verbannung!« rief Oliva bestürzt.

»Das ist kein Unglück, das sich nicht wieder gut machen ließe; aber ich will immerhin meine Vorsichtsmaßregeln nehmen und mich sicher stellen.«

»Wie! Sie würden auch beunruhigt?«

»Bei Gott! wird dieser Wahnsinnige nicht auch mich sogleich angeben? Oh! meine arme Oliva, diese Mystification wird uns theuer zu stehen kommen.«

Oliva zerfloß in Thränen.

»Und ich, ich,« sagte sie, »die ich nicht einen Augenblick ruhig sein kann! Oh! wüthender Geist! Oh! Dämon! Sehen Sie, ich bin besessen. Nach diesem Unglück werde ich mir noch ein anderes zuziehen.«

»Verzweifeln Sie nicht, suchen Sie nur das Aufsehen zu vermeiden.«

»Oh! wie werde ich mich bei meinem Beschützer einsperren! Wenn ich ihm Alles sagen würde?«

»Ein schöner Gedanke! Ein Mann, der Sie ätzt, während er Ihnen seine Liebe verbirgt; ein Mann, der nur ein Wort von Ihnen erwartet, um Sie anzubeten ... einem solchen Mann wollen Sie gestehen, Sie haben diese Unvorsichtigkeit mit einem Andern begangen! Ich sage Unvorsichtigkeit, bemerken Sie das wohl... abgesehen davon, daß er argwöhnen wird.«

»Mein Gott! Sie haben Recht.«

»Mehr noch: das Gerücht von dieser Sache wird sich verbreiten, die Nachforschungen der Beamten werden Bedenklichkeiten bei Ihrem Beschützer erregen. Wer weiß, ob er Sie nicht, um sich bei Hofe angenehm zu machen, ausliefern wird?«

»Oh!«

»Nehmen Sie an, er jage Sie ganz einfach weg, was wird dann aus Ihnen werden?«

»Ich weiß, daß ich verloren bin.«

»Und Herr Beausire, wenn er dieß erfährt?« sagte Jeanne langsam, die Wirkung dieses letzten Streiches studirend.

Oliva sprang auf. Mit einem heftigen Stoß zerstörte sie das ganze Gebäude ihrer Frisur.

»Er wird mich umbringen. Oh! nein, ich werde mich selbst tödten.«

Dann wandte sie sich gegen Jeanne um und sagte ganz in Verzweiflung:

»Sie können mich nicht retten, nein, da Sie selbst verloren sind.«

»Ich habe,« erwiderte Jeanne, »tief in der Picardie ein Gütchen, einen Pachthof. Wenn man, ohne gesehen zu werden, diesen Zufluchtsort, ehe der Lärm ausbricht, erreichen könnte, so bliebe vielleicht noch eine Möglichkeit.«

»Aber dieser Narr, er kennt Sie, er wird Sie wohl auffinden.«

»Oh! wenn Sie weggegangen, wenn Sie verborgen, wenn Sie unfindbar wären, würde ich den Narren nicht mehr fürchten. Ich würde laut zu ihm sagen: ›Sie sind ein Narr, da Sie solche Dinge behaupten, beweisen Sie dieselben,‹« was ihm unmöglich wäre; und ganz leise würde ich zu ihm sagen: ›Sie sind ein Schurke!‹«

»Ich werde abreisen, wann und wie es Ihnen beliebt,« sprach Oliva.

»Ich glaube, das ist vernünftig,« erwiderte Jeanne.

»Soll ich sogleich gehen?«

»Nein, warten Sie, bis ich alle Anstalten für einen günstigen Erfolg getroffen habe. Verbergen Sie sich, zeigen Sie sich nicht, nicht einmal mir. Verkleiden Sie sich sogar, wenn Sie in Ihren Spiegel schauen.«

»Ja, ja, zählen Sie auf mich, theure Freundin.«

»Und um anzufangen, kehren wir nach Hause zurück: wir haben einander nichts mehr zu sagen.«

»Kehren wir zurück. Wie viel Zeit brauchen Sie zu Ihren Vorbereitungen?«

»Ich weiß es nicht; doch merken Sie wohl auf Eines: von jetzt an bis zum Tag Ihrer Abreise werde ich mich nicht mehr an meinem Fenster zeigen. Wenn Sie mich daran sehen, so rechnen Sie darauf, daß Ihre Abreise noch an demselben Tag stattfinden soll.«

»Ja; ich danke, meine liebe Freundin.«

Sie kehrten langsam nach der Rue Saint-Claude zurück: Oliva wagte es nicht mehr, mit Jeanne zu sprechen, Jeanne war zu tief in Gedanken versunken, um mit Oliva zu sprechen. Als sie an Ort und Stelle waren, umarmten sie sich: Oliva bat ihre Freundin demüthig um Verzeihung für alles Unglück, das sie durch ihre Unbesonnenheit verursacht habe.

»Ich bin Weib, und keine Weiberschwäche ist mir fremd,« sprach Frau von La Mothe, den römischen Dichter parodirend.

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