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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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projectid2d71c580
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XXXI.

Wie zwei Freunde Feinde werden.

Aldegonde, welche ihren Herrn hatte schreien hören und die Thüre verschlossen fand, war indessen weggelaufen, um die Wache zu holen. Doch ehe sie zurückkam, hatten Philipp und Charny Zeit gehabt, ein glänzendes Feuer mit den ersten Nummern der Zeitung anzuzünden und dann zerrissen die andern Blätter darauf zu werfen, die in Brand geriethen, sobald die Flamme sie berührte.

Die Nachrichter waren bei den letzten Nummern, als die Wache hinter Aldegonde am Ende des Hofes erschien, und zugleich mit der Wache hundert Straßenjungen und Gevatterinnen aller Art.

Die ersten Gewehre erschollen auf den Platten des Vorhauses, als die letzte Nummer der Zeitung flammte.

Zum Glück kannten Philipp und Charny den Weg, den Reteau ihnen unkluger Weise gezeigt hatte; sie eilten durch den geheimen Gang, schoben die Riegel vor, traten durch das Gitter in die Rue des Vieux-Augustins hinaus, schloßen das Gitter dreifach und warfen den Schlüssel in die erste Rinne, die sich fand.

Mittlerweile schrie Reteau, der frei geworden war:

»Zu Hülfe! Meuchler! Mörder! zu Hülfe!« und Aldegonde, welche die Fensterscheiben von den Reflexen des brennenden Papiers sich entflammen sah, schrie: »Feuer! Feuer!«

Die Fusiliere kamen; da sie aber die zwei jungen Leute weggegangen und das Feuer erloschen fanden, so hielten sie es nicht für geeignet, ihre Nachforschungen weiter fortzusetzen; sie ließen Reteau sich den Rücken mit Kampferspiritus einreiben und kehrten nach dem Wachhause zurück.

Aber stets neugieriger als die Wache, lagerte die Menge bis Nachmittag im Hofe des Herrn Reteau, immer in der Hoffnung, daß die Scene vom Morgen sich wiederholen würde. Aldegonde blasphemirte in ihrer Verzweiflung den Namen Marie Antoinette, indem sie diese die Oesterreicherin hieß, und segnete Herrn von Cagliostro, den sie den Beschützer der Wissenschaften nannte.

Als Taverney und Charny sich auf der Rue des Vieux-Augustins befanden, sagte Charny:

»Mein Herr, darf ich nun, da unsere Execution abgethan ist, hoffen, daß ich das Glück haben werde, Ihnen in etwas zu Diensten sein zu können?«

»Ich danke tausendmal, mein Herr, ich wollte eben dieselbe Frage an Sie richten, mein Herr; ich war nach Paris in Privatangelegenheiten gekommen, die mich wahrscheinlich einen Theil des Tages hier aufhalten werden.«

»Und ich auch, mein Herr.«

»Erlauben Sie also, daß ich Abschied von Ihnen nehme und mir zu der Ehre, sie getroffen zu haben, Glück wünsche.«

»Erlauben Sie mir, Ihnen dasselbe Compliment zu machen und beizufügen, es würde mich ungemein freuen, wenn die Angelegenheit, wegen deren Sie hierher gekommen sind, einen glücklichen Verlauf nähme.«

Und die zwei Männer grüßten sich mit einem Lächeln und einer Höflichkeit, wobei leicht zu sehen war, daß bei all den Worten, die sie ausgetauscht, die Lippen allein im Spiele gewesen.

Als sie sich verließen, wandten sie sich den Rücken zu; Philipp ging gegen die Boulevards hinauf, Charny ging am Fluß hinab.

Beide wandten sich zwei- bis dreimal um, bis sie sich aus dem Gesichte verloren hatten. Dann nahm Charny, der, wie gesagt, am Fluß hinabgegangen war, den Weg durch die Rue Beaurepaire, dann nach der Rue Beaurepaire durch die Rue du Renard, dann die Rue du Grand-Hurleur, die Rue Jean-Robert, die Rue des Gravilliers, die Rue Pastourel, die Rue d'Anjou, du Perche, Culture Sainte-Catherine, Saint-Anastase und Saint-Louis.

Hier angelangt ging er die Rue Saint-Louis hinab und schritt nach der Rue Neuve-Saint-Gilles zu.

Als er sich aber dieser Straße näherte, fiel sein Auge auf einen jungen Mann, der ebenfalls die Rue Saint-Louis hinaufging, und den er zu erkennen glaubte. Er blieb einige Male zweifelnd stehen, doch bald verschwand der Zweifel. Der Hinaufgehende war Philipp.

Philipp, der seinerseits den Weg durch die Rue Mauconseil, die Rue aux Ours, die Rue du Grenier-Saint Lazare, die Rue Michel-le-Comte, die Rue des Vieilles-Audriettes, die Rue de l'Homme-Armé, die Rue des Rosiers genommen hatte, war an dem Hotel Lamoignon vorbeigegangen und endlich durch die Rue Saint-Louis an der Ecke der Rue de l'Egout Sainte-Catherine herausgekommen.

Die zwei jungen Leute fanden sich beim Eingang der Rue Neuve-Saint-Gilles zusammen.

Beide blieben stehen und schauten sich mit Augen an, die sich dießmal nicht die Mühe nahmen, ihre Gedanken zu verbergen.

Jeder hatte dießmal denselben Gedanken, nemlich zum Grafen von Cagliostro zu gehen und Genugthuung zu verlangen.

Zu dieser Stelle gelangt, konnte weder der Eine noch der Andere mehr an dem Vorhaben desjenigen zweifeln, welchem er sich abermals gegenüber befand.

»Herr von Charny,« sagte Philipp, »ich habe Ihnen den Verkäufer gelassen, Sie könnten mir wohl den Käufer lassen. Ich ließ Sie die Stockschläge austheilen, lassen Sie mich die Degenstiche geben.«

»Mein Herr,« erwiderte Charny, »ich glaube, Sie haben diese Galanterie gegen mich gehabt, weil ich der Erste war, und aus keinem andern Grund.«

»Ja; aber hierher komme ich zu gleicher Zeit mit Ihnen, und hier, das sage ich Ihnen sogleich, werde ich nichts einräumen.«

»Und wer sagt Ihnen, daß ich eine Einräumung von Ihnen verlange? ich werde nur mein Recht vertheidigen.«

»Und Ihrer Ansicht nach, Herr von Charny, besteht Ihr Recht in was? ...«

»Darin, daß ich Herrn von Cagliostro die tausend Exemplare, die er von diesem Elenden gekauft hat, verbrennen lasse.«

»Sie werden sich erinnern, mein Herr, daß ich zuerst den Gedanken gehabt habe, sie in der Rue Montorgueil zu verbrennen.«

»Wohl! es sei, Sie haben dieselben in der Rue Montorgueil verbrennen lassen, ich lasse sie in der Rue Neuve-Saint-Gilles zerreißen.«

»Alles, was ich für Sie thun kann, mein Herr, ist, daß ich mich dem Schicksal überlasse; ich werde einen Louisd'or in die Luft werfen; wer gewinnt, hat den Vorgang.«

»Ich danke Ihnen, mein Herr; im Allgemeinen habe ich wenig Glück, und vielleicht werde ich so unglücklich sein, zu verlieren.«

Und Philipp machte einen Schritt vorwärts.

Charny hielt ihn zurück.

»Mein Herr,« sagte er, »ein Wort, und ich glaube, daß wir uns verständigen werden.«

Philipp wandte sich lebhaft um. Es lag in Charny's Stimme ein Ausdruck der Drohung, der ihm gefiel.

»Ah!« sagte er. »es sei.«

»Wenn wir, um von Herrn von Cagliostro Genugthuung zu verlangen, durch das Bois de Boulogne gingen, so wäre dieß, ich weiß es wohl, der längste Weg, aber ich glaube, das würde unserer Differenz ein Ende machen. Der Eine von uns würde ohne Zweifel auf dem Wege bleiben, und derjenige, welcher zurückkäme, hätte Niemand Rechenschaft abzulegen.«

»In der That, mein Herr,« erwiderte Philipp, »Sie kommen meinem Gedanken entgegen: ja, das ist es, was Alles ausgleicht. Wollen Sie mir sagen, wo wir uns wiederfinden werden?«

»Wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht zu unerträglich ist ...«

»Wie so?«

»So brauchten wir uns nicht zu trennen. Ich habe meinem Wagen Befehl gegeben, mich auf der Place-Royale zu erwarten, und das ist, wie Sie wissen, nur zwei Schritte von hier.«

»Sie würden mir also wohl gütigst einen Platz geben?«

»Oh! mit dem größten Vergnügen.«

Und die zwei jungen Leute, die sich beim ersten Blick als Nebenbuhler gefühlt, die bei der ersten Gelegenheit Feinde geworden, fingen an, ihre Schritte zu verlängern, um die Place-Royale zu erreichen. An der Ecke der Rue du Pas-de-la-Mule erblickten sie den Wagen Charny's. Dieser machte, ohne daß er sich die Mühe nahm, weiter zu gehen, dem Bedienten ein Zeichen. Der Wagen näherte sich. Charny lud Philipp ein, neben ihm Platz zu nehmen, und der Wagen fuhr in der Richtung der Champs-Elysées ab.

Ehe Charny in den Wagen stieg, hatte er ein paar Worte auf ein Blatt seiner Brieftasche geschrieben und diese paar Worte durch seinen Bedienten in sein Hotel in Paris tragen lassen.

Die Pferde des Herrn von Charny waren vortrefflich, in weniger als einer halben Stunde befanden sie sich im Bois de Boulogne.

Charny ließ seinen Kutscher halten, sobald er in dem Wäldchen einen passenden Ort gefunden hatte.

Das Wetter war herrlich, die Luft ein wenig frisch, schon saugte die Sonne mit Gewalt den ersten Wohlgeruch der Veilchen und der jungen Fliederschößlinge am Rande der Wege und unter dem Saume des Gehölzes ein.

Auf den vergoldeten Blättern des vorhergehenden Jahres stieg das Gras stolz mit seinen beweglichen Halmen empor, die Goldviolen ließen ihre duftenden Häupter längs der alten Mauern herabfallen.

»Es ist heute schönes Wetter für einen Spaziergang, nicht wahr, Herr von Taverney?« sagte Charny.

»Ein schönes Wetter, ja, mein Herr.«

Und Beide stiegen aus.

»Fahre ab, Dauphin,« sagte Charny zu seinem Kutscher.

»Mein Herr,« sprach Taverney, »Sie haben vielleicht Unrecht, Ihren Wagen wegzuschicken, einer von uns könnte wohl desselben bedürfen, um zurückzugehen.«

»Vor Allem, mein Herr, Geheimhaltung,« erwiderte Charny, »Geheimhaltung dieser ganzen Angelegenheit; einem Lakai anvertraut, läuft sie Gefahr, morgen Gegenstand der Gespräche von ganz Paris zu sein.«

»Ganz wie es Ihnen beliebt, mein Herr, aber der Bursche, der uns gebracht hat, weiß sicherlich schon, um was es sich handelt. Dergleichen Menschen kennen die Manieren des Adels zu genau, um nicht zu vermuthen, daß, wenn sich Edelleute in das Wäldchen von Boulogne, von Vincennes oder Satory führen lassen, und zwar so, wie wir uns führen ließen, dieß nicht geschieht, um eine einfache Promenade zu machen. Ich wiederhole also, Ihr Kutscher weiß schon, woran er sich zu halten hat. Ich nehme nun an, er wisse es nicht. Er wird mich oder Sie verwundet, getödtet vielleicht sehen, und das wird genug für ihn sein, daß er begreift, obgleich ein wenig spät. Ist es nicht besser, ihn zu behalten, um denjenigen von uns, der nicht zurückkehren kann, mitzunehmen, als einen von uns in der Verlegenheit des Alleinseins zu lassen?«

»Sie haben Recht, mein Herr,« erwiderte Charny.

Dann wandte er sich gegen seinen Kutscher um und rief diesem zu:

»Dauphin, halt! Du wirst hier warten.«

Dauphin hatte vermuthet, man würde ihn zurückrufen; er hatte seine Pferde nicht angetrieben und war folglich nicht über den Bereich der Stimme hinausgekommen.

Dauphin hielt also an und da er, wie Philipp vorhergesehen, vermuthete, was vorgehen sollte, so machte er es sich auf seinem Sitze bequem, um durch die noch blätterlosen Bäume die Scene zu sehen, bei der ihm sein Herr eine der spielenden Personen sein zu müssen schien.

Philipp und Charny gingen in das Wäldchen hinein; nach Verlauf von fünf Minuten waren sie in der bläulichen Halbtinte, welche die Horizonte desselben gleichsam mischte, verloren.

Philipp, der voranging, traf unter seinem Fuß einen trockenen harten Platz; dieser Platz bildete ein langes, für die Sache, welche die jungen Leute herbeiführte, wunderbar geeignetes Viereck.

»Unbeschadet Ihrer Ansicht, Herr von Charny, scheint mir dieß eine vortreffliche Stelle zu sein.«

»Vortrefflich, mein Herr,« erwiderte Charny, während er seinen Rock auszog. Philipp legte seinen Rock ebenfalls ab, warf seinen Hut auf die Erde und zog vom Leder.

»Mein Herr,« sprach Charny, dessen Degen noch in der Scheide war, »zu jedem Andern, als zu Ihnen, würde ich sagen: Chevalier, ein Wort, wenn nicht der Entschuldigung, doch wenigstens der Milde, und nun sind wir gute Freunde, aber zu Ihnen, aber zu einem Braven, der aus America, das heißt, aus einem Lande kommt, wo man sich so gut schlägt, kann ich nur ...«

»Und ich,« erwiderte Philipp, »ich würde sagen: Mein Herr! ich habe Ihnen gegenüber vielleicht den Anschein eines Unrechts, aber zu Ihnen, zu dem braven Seemann, der eines Abends die Bewunderung des ganzen Hofes durch eine so glorreiche Waffenthat bildete, zu Ihnen, mein Herr von Charny, kann ich nichts anderes sagen als: Herr Graf, erweisen Sie mir die Ehre, sich auszulegen.«

Der Graf verbeugte sich und zog ebenfalls seinen Degen.

»Mein Herr, ich glaube, wir berühren uns, weder der Eine noch der Andere, bei der wahren Ursache des Streites.«

»Ich begreife Sie nicht, Graf,« erwiderte Philipp.

»Oh! Sie begreifen mich im Gegentheil, und zwar vollkommen, und da Sie aus einem Lande kommen, wo man nicht zu lügen versteht, so sind Sie erröthet, als Sie mir sagten, Sie begreifen mich nicht.«

»Ausgelegt!« wiederholte Philipp.

Die Degen kreuzten sich.

Bei den ersten Ausfällen bemerkte Philipp, daß er eine bedeutende Überlegenheit über seinen Gegner hatte; doch statt ihm einen neuen Eifer zu verleihen, schien diese Sicherheit ihn gänzlich abzukühlen.

Da diese Überlegenheit Philipp seine ganze Kaltblütigkeit lieh, so entsprang hieraus, daß sein Spiel bald so ruhig wurde, als wäre er in einem Fechtsaale gewesen und als hätte er statt eines Degens ein Rappier in der Hand.

Philipp beschränkte sich auf das Pariren, und der Kampf dauerte über eine Minute, ohne daß er einen Stoß gethan hatte.

»Sie schonen mich, mein Herr,« sagte Charny, »darf ich Sie fragen, aus welchem Grunde?«

Und eine rasche Finte markirend, fiel er weit gegen Philipp aus.

Aber Philipp umkreiste den Degen seines Gegners in einem noch viel rascheren Contre, und der Stoß war parirt.

Obgleich die Parade Taverney's den Degen Charny's von der Linie abgebracht hatte, that Taverney doch keinen Gegenstoß.

Charny wiederholte sein Manöver, Taverney vereitelte es abermals durch eine einfache Parade; Charny sah sich genöthigt, sich rasch zu erheben.

Charny war jünger, glühender besonders, er schämte sich, daß sein Blut so gewaltig kochte, während sein Gegner völlig ruhig blieb; er wollte ihn nöthigen, aus dieser Ruhe hinauszutreten.

»Ich sagte Ihnen, mein Herr, weder der Eine, noch der Andere von uns habe die wahre Ursache des Duells berührt.«

Philipp antwortete nicht.

»Die wahre Ursache, ich will Sie Ihnen nennen: Sie haben Streit mit mir gesucht, denn der Streit rührt von Ihnen her; Sie haben aus Eifersucht Streit mit mir gesucht.«

Philipp blieb stumm.

»Sprechen Sie,« sagte Charny, den Philipps Kaltblütigkeit immer mehr aufregte, »welches Spiel spielen Sie, Herr von Taverney? Ist es Ihre Absicht, mir die Hand zu ermüden? Das wäre eine Ihrer unwürdige Berechnung. Alle Teufel! tödten Sie mich, wenn Sie können, aber tödten Sie mich wenigstens in voller Verteidigung.«

Philipp schüttelte den Kopf und erwiderte:

»Ja, mein Herr, der Vorwurf, den Sie mir machen, ist ein verdienter; ich habe Streit mit Ihnen gesucht und ich habe Unrecht gehabt.«

»Es handelt sich jetzt nicht mehr um das, mein Herr; Sie haben den Degen in der Hand, bedienen Sie sich Ihres Degens zu etwas Anderem, als zum Pariren, oder, wenn Sie mich nicht besser angreifen, vertheidigen Sie sich weniger.«

»Mein Herr,« erwiderte Philipp, »ich gebe mir die Ehre, Ihnen zum zweiten Male zu sagen, daß ich Unrecht gehabt habe und daß ich es bereue.«

Aber Charny's Blut war zu sehr entflammt, als daß er die Großmuth seines Gegners begriffen hätte; er nahm sie als eine Beleidigung auf.

»Ah!« sagte er, »ich begreife, Sie wollen mir gegenüber Großmuth üben, nicht wahr, so ist es, Chevalier? Heute Abend oder morgen gedenken Sie einigen schönen Damen zu sagen, Sie haben mich auf den Kampfplatz geführt und mir hier das Leben geschenkt.«

»Mein Herr Graf,« entgegnete Philipp, »ich befürchte in der That, daß Sie ein Narr werden.«

»Sie wollten Herrn von Cagliostro tödten, um der Königin zu gefallen, nicht wahr? und um der Königin noch sicherer zu gefallen, wollen Sie mich auch umbringen, aber durch die Lächerlichkeit.«

»Ah! das ist ein Wort zu viel,« rief Philipp, die Stirne faltend. »Und dieses Wort beweist mir, daß Ihr Herz nicht so edel ist, als ich glaubte.«

»Wohl! so durchbohren Sie dieses Herz!« rief Charny. indem er sich gerade in dem Augenblick bloßgab, wo Philipp rasch seinen Degen losmachte und ausfiel.

Der Degen glitt an den Rippen hin und öffnete eine blutige Furche unter dem feinen Leinwandhemd.

»Endlich bin ich verwundet!« rief Charny freudig. »Nun werde ich, wenn ich Sie tödte, die schöne Rolle haben.«

»Ah! mein Herr! Sie sind entschieden verrückt; Sie werden mich nicht tödten und nur eine alltägliche Rolle haben, denn Sie werden ohne Ursache und ohne Nutzen verwundet sein, da Niemand weiß, warum wir uns geschlagen haben.«

Charny that einen so raschen, geraden Stoß, daß Philipp kaum noch zur rechten Zeit zur Parade kam; als er aber zur Parade kam, band er den Degen und schleuderte ihn mit einer kräftigen Drehung zehn Schritte von seinem Gegner weg.

Sogleich stürzte er auf diesen Degen zu und zerbrach ihn mit einem Tritt seines Absatzes.

»Herr von Charny,« sagte er, »Sie haben mir nicht zu beweisen, daß Sie ein Braver sind; Sie hassen mich also ungemein, da Sie sich mit einer solchen Erbitterung mit mir zu schlagen suchten?«

Charny antwortete nicht; er erbleichte sichtbar.

Philipp schaute ihn ein paar Secunden an, um ein Geständniß oder ein Leugnen bei ihm hervorzurufen.

»Ah! mein Herr Graf,« sagte er, »das Loos ist geworfen, wir sind Feinde.«

Charny wankte. Philipp eilte auf ihn zu, um ihn zu halten; doch der Graf stieß seine Hand zuriick.

»Ich danke,« sagte er, »ich hoffe, bis zu meinem Wagen gehen zu können.«

»Nehmen Sie wenigstens dieses Sacktuch, um das Blut zu hemmen.«

»Gern.«

Und er nahm das Sacktuch.

»Und meinen Arm, mein Herr; bei dem geringsten Hinderniß, auf das Sie stoßen, werden Sie, wankend wie Sie sind, fallen, und Ihr Fall wird Ihnen einen unnöthigen Schmerz verursachen.«

»Der Degen hat nur das Fleisch durchstoßen. Ich fühle nichts in meiner Brust.«

»Desto besser, mein Herr.«

»Und ich hoffe bald geheilt zu sein.«

»Abermals desto besser. Doch wenn Sie Ihre Heilung durch Ihre Wünsche beschleunigen, um diesen Kampf wieder anzufangen, sage ich Ihnen zum Voraus, daß Sie in mir schwer einen Gegner finden werden.«

Charny suchte zu antworten, aber die Worte erstarben auf seinen Lippen; er wankte, und Philipp hatte kaum Zeit, ihn in seinen Armen aufzufangen.

Dann hob er ihn wie ein Kind in die Höhe und trug ihn halb ohnmächtig bis zu seinem Wagen.

Dauphin, der durch die Bäume gesehen hatte, was vorging, kürzte allerdings den Weg dadurch ab, daß er seinem Herrn entgegenkam.

Man legte Charny in den Wagen, er dankte Philipp mit einem Kopfnicken.

»Fahren Sie im Schritt, Kutscher,« sagte Philipp.

»Aber Sie, mein Herr?« murmelte der Verwundete.

»Oh! kümmern Sie sich nicht um mich.«

Und er grüßte ebenfalls und schloß den Kutschenschlag.

Philipp schaute dem Wagen nach, wie er sich langsam entfernte; sobald er aber an der Biegung einer Allee verschwunden war, schlug er selbst den kürzesten Weg nach Paris ein.

Doch er drehte sich noch ein letztes Mal um; da erblickte er den Wagen, der, statt wie er nach Paris zurückzukehren, seine Richtung nach Versailles nahm und sich unter den Bäumen verlor. Und er sprach die vier Worte, die nach einem tiefen Nachsinnen tief aus seinem Herzen gerissen wurden;

»Sie wird ihn beklagen,«

 

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