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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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projectid2d71c580
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XXVII.

Die Herren Böhmer und Bossange.

Herr Ducorneau segnete noch den Himmel, daß er ihm einen Gesandten geschickt, der die französische Sprache der portugiesischen und die portugiesischen Weine den französischen vorzog; er schwamm in jener köstlichen Glückseligkeit, die der befriedigte und dankbare Magen dem Gehirn bereitet, als ihn Herr von Suza zum Schlafengehen ermahnte.

Ducorneau stand auf, und in einer sehr gefährlichen Reverenz, die sich an eben so vielen Möbeln anhing wie der Zweig eines wilden Rosenstocks an Blättern in einem Gebüsch, erreichte der Kanzler die Thüre und die Straße.

Beausire und Don Manoel hatten dem Wein der Gesandtschaft nicht genug zugesprochen, um sogleich dem Schlafe zu unterliegen.

Ueberdieß mußte der Kammerdiener nach seinen Herren ebenfalls zu Nacht speisen, ein Geschäft, das der Commandeur mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit den von dem Herrn Gesandten und seinem Secretär gegebenen Vorschriften gemäß vollführte.

Der ganze Plan für den nächsten Tag war entworfen. Die drei Verbündeten nahmen eine Recognoscirung im Hotel vor, nachdem sie sich versichert hatten, daß der Portier schlief.

Durch die Thätigkeit des nüchternen Ducorneau ging am andern Morgen die Gesandtschaft aus ihrer Lethargie hervor. Schreibtische, Mappen, Schreibzeuge, Galakleider, im Hofe tänzelnde Pferde zeigten das Leben da an, wo am Tage zuvor noch Alles still und todt gewesen war.

Rasch verbreitete sich das Gerücht im Quartier, eine hohe Person, mit wichtigen Geschäften beauftragt, sei in der Nacht von Portugal angekommen.

Dieses Gerücht, das unsern drei Schelmen Credit geben sollte, war für sie eine Quelle immer neuer Beängstigungen.

Die Polizei der Herren von Crosne und von Breteuil hatte in der That große Ohren, die sie bei einer solchen Vorkommenheit gut zu schließen sich wohl hüten mußte; sie hatte Argus-Augen, die sie sicherlich nicht zumachte, wenn es sich um die Herren Diplomaten von Portugal handelte.

Don Manoel bemerkte aber Beausire, mit Kühnheit könnte man es verhindern, daß die Nachforschungen der Polizei vor acht Tagen zu Verdachten, die Verdachte vor vierzehn Tagen zu Gewißheiten würden, daß folglich vor zehn Tagen, was der Mittelzeitpunkt, nichts die Verbindung in ihrer Bewegung beengen würde, welche Verbindung, um gut zu Werke zu gehen, ihre Operationen vor Ablauf von sechs Tagen beendigt haben mußte.

Die Morgenröthe war eben angebrochen, als zwei Miethwagen das Gepäcke der neun Bursche, welche das Personal der Gesandtschaft zu bilden bestimmt waren, in's Hotel brachten.

Sie wurden von Beausire sehr rasch in ihre Stellen eingesetzt. Einen verwendete man bei der Casse, den Andern bei den Archiven, ein Dritter nahm die Stelle des bisherigen Portier ein, dem Ducorneau selbst unter dem Vorwand, er verstehe nicht Portugiesisch, den Abschied gab. Das Hotel war also von dieser Garnison bevölkert, welche die Zugänge jedem Profanen verwehren sollte.

Die Polizei ist im höchsten Grade profan gegen diejenigen, welche politische oder andere Geheimnisse haben.

Gegen Mittag stieg Don Manoel, genannt Suza, sehr elegant gekleidet, in einen anständigen Wagen, den Beausire um 500 Livres für einen Monat, wobei er vierzehn Tage vorausbezahlte, gemiethet hatte.

Er fuhr nach dem Hause der Herren Böhmer und Bossange in Gesellschaft seines Secretärs und seines Kammerdieners.

Der Kanzler erhielt den Befehl, unter seinem Couvert und wie gewöhnlich in Abwesenheit der Gesandten alle Geschäfte in Beziehung auf Pässe, Entschädigungen und Unterstützungen zu besorgen, mit dem Auftrage jedoch, nur mit dem Gutheißen des Herrn Secretärs Zahlungen zu machen oder Rechnungen zu berichtigen.

Diese Herren wollten die Summe von hunderttausend Livres, die Hauptwurzel der ganzen Operation, unberührt erhalten.

Man belehrte den Herrn Gesandten, die Juweliere der Krone wohnen auf dem Quai de l'Ecole, wo sie gegen ein Uhr Nachmittags vorfuhren.

Der Kammerdiener klopfte bescheiden an die Thüre des Juweliers, welche mittelst starker Schlösser verschlossen und wie eine Gefängnißthüre mit großen breiten Nägeln versehen war.

Die Kunst hatte diese Nägel so angebracht, daß sie mehr oder minder angenehme Zeichnungen bildeten. Nur war erwiesen, daß nie Bohrer, Säge oder Feile ein Stück Holz hätte angreifen können, ohne sich einen Zahn auf einem Stück Eisen zu zerbrechen.

Ein Schieber, vor welchem ein Gitter, öffnete sich, und eine Stimme fragte den Kammerdiener, was er zu wissen wünsche.

»Der Herr Gesandte von Portugal will die Herren Böhmer und Bossange sprechen,« antwortete der Kammerdiener.

Alsbald erschien ein Gesicht im ersten Stock, dann vernahm man hastige Schritte auf der Treppe. Die Thüre wurde geöffnet.

Don Manoel stieg mit vornehmer Langsamkeit aus dem Wagen.

Beausire war zueist ausgestiegen, um Seiner Excellenz den Arm anzubieten.

Der Mann, der den beiden Portugiesen mit so großem Eifer entgegenkam, war Herr Böhmer selbst, der, als er den Wagen halten gehört, durch die Fensterscheiben hinausgeschaut hatte und, als das Wort Gesandter zu seinen Ohren gedrungen, fortgeeilt war, um Seine Excellenz nicht warten zu lassen.

Der Juwelier verwickelte sich ganz in Entschuldigungen, während Don Manoel die Treppe hinaufstieg.

Herr Beausire bemerkte, daß hinter ihnen eine stämmige alte Magd Schlösser und Riegel schloß, wovon ein großer Luxus an der Hausthüre vorhanden war.

Da Herr Beausire diese Beobachtungen geflissentlich zu machen schien, so sagte Herr Böhmer zu ihm:

»Verzeihen Sie, mein Herr, wir sind bei unserem unglücklichen Gewerbe dergestalt gefährdet, daß jede Vorsichtsmaßregel in unserem Hause zur Gewohnheit geworden ist.«

Don Manoel war gleichgültig geblieben; Böhmer sah es und wiederholte ihm selbst die Worte, auf welche Beausire ein angenehmes Lächeln gespendet hatte. Als aber der Gesandte sein Gesicht eben so wenig beim ersten Male, als beim zweiten veränderte, sagte Böhmer, aus der Fassung gebracht:

»Verzeihen Sie, Herr Gesandter ...«

»Seine Excellenz spricht nicht Französisch und kann Sie nicht verstehen, mein Herr,« erwiderte Beausire; »ich will ihm aber Ihre Entschuldigung übersetzen, wofern Sie nicht,« fügte er eiligst bei, »wofern Sie nicht selbst Portugiesisch sprechen, mein Herr.«

»Nein, mein Herr, nein.«

»Ich werde also für Sie sprechen.«

Und Beausire wälschte einige portugiesische Worte zu Don Manoel, die dieser in derselben Sprache erwiderte.

»Seine Excellenz der Herr Graf von Suza, Gesandter Ihrer Allergläubigsten Majestät, nimmt gnädigst Ihre Entschuldigungen an, mein Herr, und beauftragt mich, Sie zu fragen, ob es wahr sei, daß Sie ein schönes Halsband von Diamanten noch in Ihrem Besitze haben.«

Böhmer hob den Kopf in die Höhe und schaute Beausire wie ein Mann an, der seine Leute zu messen weiß.

Beausire hielt den Angriff als geschickter Diplomat aus.

»Ein Halsband von Diamanten,« sprach Böhmer langsam, »ein sehr schönes Halsband.«

»Das, welches Sie der Königin von Frankreich angeboten und wovon Ihre Allergläubigste Majestät hat sprechen hören,« fügte Beausire bei.

»Der Herr ist bei der Gesandtschaft angestellt?« fragte Böhmer.«

»Ich bin der Privatsecretär des Herrn Gesandten.«

Don Manoel hatte sich als vornehmer Mann gesetzt und schaute die Malereien eines zierlich schönen Zimmers an, das auf den Quai ging.

Eine herrliche Sonne beleuchtete die Seine, und die ersten Pappelbäume zeigten ihre zartgrünen Schützlinge über dem noch vom Aufthauen angeschwollenen und gelben Wasser.

Don Manoel ging von der Betrachtung der Gemälde auf die der Landschaft über.

»Mein Herr,« sprach Beausire, »es scheint, Sie haben nicht ein Wort von dem, was ich Ihnen gesagt habe, gehört.«

»Wie, mein Herr!« erwiderte Böhmer, etwas verblüfft durch den lebhaften Ton von Beausire.

»Ich sehe, daß Seine Excellenz ungeduldig wird, Herr Juwelier.«

»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Böhmer, »ich darf mein Halsband nicht zeigen, ohne daß mein Associé, Herr Bossange. anwesend ist.«

»Nun. so lassen Sie Ihren Associé kommen.«

Don Manoel näherte sich und begann mit seiner eisigen Miene, der es nicht an einer gewissen Majestät gebrach, in portugiesischer Sprache eine Anrede, bei welcher Beausire wiederholt respektvoll sein Haupt verneigte.

Dann drehte er den Rücken und setzte seine Beschauung an den Fensterscheiben fort.

»Mein Herr, Seine Excellenz sagt zu mir, sie warte schon zehn Minuten, und sie sei nicht gewohnt, irgendwo zu warten, nicht einmal bei den Königen.«

Böhmer verbeugte sich, ergriff eine Klingelschnur und zog daran.

Nach einer Minute trat eine andere Gestalt in das Zimmer. Es war Herr Bossange, der Associé.

Böhmer setzte ihm die Sache mit ein paar Worten aus einander. Bossange warf einen Blick auf die zwei Portugiesen und verlangte dann von Böhmer seinen Schlüssel, um die Casse zu öffnen.

»Mir scheint,« dachte Beausire, »die ehrlichen Leute nehmen eben so viele Vorsichtsmaßregeln gegen einander, als die Diebe.«

Nach zehn Minuten kam Herr Bossange zurück und brachte ein Etui in seiner linken Hand; seine rechte war unter seinem Rock verborgen. Beausire sah sehr deutlich das Relief von zwei Pistolen.

»Wir können gut aussehen,« sagte Don Manoel ernst in portugiesischer Sprache, »aber diese Kaufleute halten uns eher für Spitzbuben, als für Gesandte.«

Und während er diese Worte sprach, schaute er die Juweliere scharf an, um in ihren Gesichtern die geringste Bewegung zu erhaschen, falls sie Portugiesisch verstehen sollten.

Nichts erschien, nichts als ein Halsband, so wunderbar schön, daß der Glanz ihn blendete.

Vertrauensvoll gab man das Etui in die Hände von Don Manoel, doch rasch und zornig sprach dieser zu seinem Secretär:

»Mein Herr, sagen Sie diesen Burschen, sie machen Mißbrauch von der Erlaubniß, die ein Kaufmann hat, dumm zu sein. Sie zeigen mir Straß, während ich die Diamanten von ihnen verlange. Sagen Sie ihnen, ich werde mich beim französischen Ministerium beklagen und im Namen meiner Königin Unverschämte, die einen Gesandten Portugals mystificiren, in die Bastille werfen lassen.«

So sprechend, schleuderte er das Etui mit umgekehrter Hand auf das Comptoir.

Beausire hatte nicht nöthig, alle diese Worte zu übersetzen, die Pantomime genügte.

Böhmer und Bossange überstürzten sich in Entschuldigungen und sagten, in Frankreich zeige man Modelle von Diamanten, falschen Schmuck, Alles, um ehrliche Leute zu befriedigen, aber um nicht Diebe anzulocken oder in Versuchung zu führen.

Herr von Suza machte eine energische Geberde und ging unter den Augen der erschrockenen Kaufleute auf die Thüre zu.

»Seine Excellenz beauftragt mich, Ihnen zu sagen« fuhr Beausire fort, »er sei ärgerlich, daß Leute, die den Titel Juweliere der Krone von Frankreich führen, einen Gesandten nicht von einem Schuft zu unterscheiden wissen, und Seine Excellenz kehrt in ihr Hotel zurück.«

Die Herren Böhmer und Bossange machten sich ein Zeichen und verbeugten sich, wobei sie abermals ihre ganze Achtung betheuerten.

Herr von Suza trat ihnen beinahe auf die Füße und ging hinaus.

Die Kaufleute schauten sich offenbar ängstlich an und bückten sich beinahe bis auf den Boden.

Beausire folgte stolz seinem Gebieter.

Der Alte öffnete die Schlösser der Thüre.

»Nach dem Gesandtschaftshotel, Rue de la Jussienne!« rief Beausire dem Kammerdiener zu.

»Nach dem Gesandtschaftshotel!« rief der Kammerdiener dem Kutscher zu.

Böhmer horchte beim Schieber.

»Ein verfehltes Geschäft,« brummte der Bediente.

»Ein abgemachtes Geschäft,« sagte Beausire; »In einer Stunde werden diese Tölpel bei uns sein.«

Der Wagen rollte fort, als ob er von acht Rossen gezogen würde.

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