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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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LVIII.

Haushaltungsrechnungen.

Es war zwei Tage vor der ersten von der Königin bestimmten Zahlung. Herr von Calonne hatte sein Versprechen noch nicht gehalten. Seine Rechnungen waren noch nicht vom König unterzeichnet.

Der Minister hatte viel zu thun gehabt und dadurch die Königin ein wenig vergessen. Sie ihrerseits hielt es nicht ihrer Würde angemessen, das Gedächtniß des Controleur der Finanzen aufzufrischen. Da sie seine Zusage erhalten hatte, so wartete sie.

Sie fing indessen an unruhig zu werden und sich zu erkundigen, sie sann eben auf Mittel, Herrn von Calonne, zu sprechen, ohne die Königin zu compromittiren, als ihr ein Billet folgenden Inhalts vom Minister zukam:

»Diesen Abend wird die Sache, mit der mich Eure Majestät gnädigst beauftragt hat, im Rathe unterzeichnet werden, und die Gelder werden morgen früh bei der Königin sein.«

Ihre ganze Heiterkeit kehrte auf Marie Antoinette's Lippen zurück. Sie dachte an nichts mehr.

Man sah sie sogar auf ihren Spaziergängen die einsamsten Alleen suchen, als wollte sie ihre Gedanken von aller materiellen und weltlichen Berührung absondern.

Sie ging noch mit Frau von Lamballe und dem Grafen von Artois spazieren, als der König nach seinem Mittagsmahle in der Sitzung des Rathes erschien.

Der König war von einer wunderlichen Laune. Aus Rußland kamen schlimme Nachrichten. Ein Schiff war im Golf von Lyon untergegangen. Einige Provinzen verweigerten die Steuerbezahlung, Eine schöne, vom König selbst polirte und gefirnißte Weltkugel war vor Hitze zersprungen, und Europa fand sich bei der Vereinigung des 30. Grades der Breite mit dem 55. der Länge in zwei Theile geschnitten. Seine Majestät schmollte mit der ganzen Welt, selbst mit Herrn von Calonne.

Vergebens bot dieser sein schönes parfümirtes Portefeuille mit seiner lachenden Miene an. Schweigsam und verdrießlich kritzelte der König auf ein Stück weißes Papier Schraffirungen, welche Sturm bedeuteten, wie die Gliedermännchen und die Pferde schön Wetter bedeuteten.

Es war eine Manie des Königs, während der Rathssitzungen zu zeichnen. Ludwig XVI. liebte es nicht, den Leuten in's Gesicht zu sehen, er war schüchtern: eine Feder in seiner Hand gab ihm Sicherheit und Haltung. Während er sich so beschäftigte, konnte der Redner seine Beweisgründe entwickeln; der König, indem er das Auge verstohlen aufschlug, gebrauchte von Zeit zu Zeit ein wenig von dem Feuer seiner Blicke – gerade so viel, als nöthig war, um die Idee zu beurtheilen und den Menschen nicht zu vergessen.

Sprach er selbst, und er sprach gut, so benahm seine Zeichnung seiner Rede jedes Ansehen der Anmaßung: er brauchte keine Geberde mehr zu machen; er konnte nach Belieben sich unterbrechen oder erwärmen, der Zug auf dem Papier ersetzte im Nothfall die Zierrathen des Wortes.

Der König nahm also seiner Gewohnheit gemäß die Feder, und die Minister fingen an Entwürfe oder diplomatische Noten vorzulesen.

Der König gab keine Sylbe von sich, er ließ die auswärtige Korrespondenz vorüber gehen, als begriffe er kein Wort von dieser Art von Arbeit.

Aber man kam zum Detail der Rechnungen des Monats; er erhob das Haupt.

Herr von Calonne hatte eine Denkschrift in Beziehung auf das für das folgende Jahr beabsichtigte Anlehen zu lesen angefangen.

Der König machte mit der größten Wuth Schraffirungen.

»Immer entlehnen, ohne zu wissen, wie man es zurückgeben wird,« sagte er; »das ist doch ein Problem, Herr von Calonne.«

»Sire, ein Anlehen ist ein Aderlaß, den man an einer Quelle macht, das Wasser verschwindet hier, um dort im Ueberfluß zu strömen. Mehr noch, es verdoppelt sich durch die unterirdischen Anpumpungen. Und vor Allem, statt zu sagen: wie werden wir bezahlen? müßte man sagen: wie und worauf werden wir entlehnen? Denn das Problem, von dem Eure Majestät sprach, heißt nicht: womit wird man zurückgeben? sondern: wird man wohl Gläubiger finden?«

Der König trieb seine Schraffirungen bis zum undurchsichtigsten Schwarz, doch er fügte kein Wort mehr bei; seine Züge sprachen von selbst.

Nachdem Herr von Calonne seinen Plan, mit dem Gutheißen seiner Collegen, auseinandergesetzt hatte, nahm der König den Entwurf und unterzeichnete ihn, obwohl seufzend.

»Nun, da wir Geld haben, geben wir aus,« sagte Herr von Calonne lachend.

Der König schaute seinen Minister mit einer Grimasse an und machte aus der Schraffirung einen ungeheuren Tintenklecks.

Herr von Calonne gab ihm einen Etat, aus Ruhegehalten, Gratificationen, Aufmunterungen, Geschenken und Besoldungen bestehend.

Die Arbeit war kurz, gut auseinandergesetzt. Der König wandte die Blätter um und eilte zur Gesammtsumme.

»Eine Million und viermal hunderttausend Livres für so wenig! Wie kommt das?«

Und er ließ die Feder ruhen.

»Lesen Sie, Sire, lesen Sie, und wollen Sie bemerken, daß bei den elfmal hunderttausend Livres ein einziger Artikel auf fünfmal hunderttausend Livres gestellt ist.«

»Welcher Artikel, Herr Generalcontroleur?«

»Der Vorschuß für Ihre Majestät die Königin, Sire.«

»Für die Königin!« rief Ludwig XVI. »Fünfmal hunderttausend Livres der Königin! Ei, mein Herr, das ist nicht möglich!«

»Verzeihen Sie, Sire, die Zahl ist vollkommen richtig.«

»Fünfmal hunderttausend Livres der Königin!« wiederholte der König. »Es muß ein Irrthum obwalten. In der vorigen Woche, nein, vor vierzehn Tagen habe ich Ihrer Majestät ihre drei Monate ausbezahlen lassen.«

»Sire, wenn die Königin Geld nöthig hat, und man weiß, wie Ihre Majestät Gebrauch davon macht, so ist es nichts Außerordentliches ...«

»Nein, nein!« rief der König; – er fühlte nämlich das Bedürfniß, von seiner Sparsamkeit sprechen zu machen, um der Königin einiges Jubelgeschrei zu verschaffen, wenn sie in die Oper gehen würde –; »die Königin will diese Summe nicht, Herr von Calonne. Die Königin hat mir gesagt, ein Schiff sei mehr werth, als Juwelen. Die Königin denkt, wenn Frankreich entlehne, um seine Armen zu ernähren, so müssen die reichen Leute Frankreich borgen. Braucht die Königin dieses Geld, so wird ihr Verdienst größer sein, wenn sie darauf wartet; und ich stehe Ihnen dafür, daß sie warten wird.«

Die Minister zollten diesem patriotischen Erguß des Königs, den der göttliche Horaz in diesem Augenblick nicht Uxorius genannt hätte, großen Beifall.

Nur Herr von Calonne, der die Verlegenheit der Königin kannte, beharrte auf der Genehmigung des Postens.

»Wahrhaftig,« sprach der König, »Sie sind mehr für uns interressirt, als wir selbst. Beruhigen Sie sich, Herr von Calonne.«

»Die Königin, Sire, wird mich beschuldigen, ich sei nicht sehr eifrig für ihren Dienst gewesen.«

»Ich werde Ihre Sache bei ihr vertheidigen.«

»Die Königin, Sire, verlangt nie, wenn sie nicht durch die Notwendigkeit gezwungen wird.«

»Hat die Königin Bedürfnisse, so sind sie, wie ich hoffe, minder gebieterisch, als die der Armen, und das wird sie zuerst zugestehen.«

»Sire ...«

»Besagter Artikel ...« sprach der König entschlossen.

Und er nahm die Feder von den Schraffirungen.

»Sie durchstreichen diesen Credit, Sire?« rief Herr von Calonne bestürzt.

»Ich durchstreiche ihn,« antwortete Ludwig XVI. majestätisch. »Und es ist mir, als hörte ich hier die edle Stimme der Königin mir danken, daß ich ihr Herz so gut erkannt.«

Herr von Calonne biß sich auf die Lippen. Mit diesem heldenmütigen persönlichen Opfer zufrieden, unterschrieb der König alles Uebliche in blindem Vertrauen.

Und er zeichnete ein schönes Zebra, umgeben von Nullen, und wiederholte:

»Ich habe heute Abend fünfmal hunderttausend Livres gewonnen, ein schöner Königstag, Herr von Calonne; Sie werden diese gute Kunde der Königin überbringen, Sie werden sehen, Sie werden sehen.«

»Ah! mein Gott, Sire,« murmelte der Minister, »ich wäre in Verzweiflung, wenn ich Ihnen die Freude dieses Bekenntnisses rauben sollte. Jedem nach seinen Verdiensten!«

»Es sei,« erwiderte der König, »heben wir die Sitzung auf. Genug der Arbeit, wenn die Arbeit gut ist. Ah! dort kommt die Königin; gehen wir ihr entgegen, Calonne.«

»Sire, ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, ich habe meine Unterschrift.«

Und er machte sich so schnell als möglich durch den Corridor aus dem Staube.

Der König ging muthig und ganz strahlend Marie Antoinette entgegen, welche, mit ihrem Arm auf den Grafen von Artois gestützt, im Vorhause sang.

»Madame,« sagte er, »nicht wahr, Sie haben einen guten Spaziergang gemacht?«

»Einen vortrefflichen, und Sie, haben Sie eine gute Arbeit gemacht?«

»Beurtheilen Sie selbst, ich habe fünfmal hunderttausend Livres für Sie gewonnen.«

»Calonne hat Wort gehalten,« dachte die Königin.

»Stellen Sie sich vor,« fügte Ludwig XVI. bei, »Calonne hatte Sie für eine halbe Million auf den Credit gesetzt.«

»Oh!« machte Marie Antoinette lächelnd.

»Und ich ... ich habe durchstrichen. So sind fünfmal hunderttausend Livres mit einem Federstrich gewonnen.«

»Wie, durchstrichen?« rief die Königin erbleichend.

»Gerade zu; das wird Ihnen ungeheuer nützen. Guten Abend, Madame, guten Abend «

»Sire! Sire!»

»Ich verspüre gewaltigen Hunger und kehre in meine Gemächer zurück. Habe ich mein Abendbrod nicht wohl verdient?«

»Sire, hören Sie doch.«

Doch Ludwig hüpfte und entfloh, hocherfreut über seinen Scherz. Die Königin blieb erstaunt, stumm und bestürzt zurück.

»Mein Schwager,« sagte sie endlich zum Grafen von Artois, »lassen Sie mir Herrn von Calonne holen, dahinter ist ein schlimmer Streich.«

Gerade in diesem Augenblick brachte man der Königin folgendes Billet des Ministers:

»Eure Majestät wird erfahren haben, daß der Credit vom König verweigert worden ist. Das ist unbegreiflich, Madame, und ich habe mich krank und von Schmerz durchdrungen aus dem Rathe entfernt.«

»Lesen Sie,« sagte sie, das Billet dem Grafen von Artois reichend.

»Und es gibt Leute, welche behaupten, wir verschleudern die Staatseinkünfte, meine Schwägerin!« rief der Prinz. »Das ist das Verfahren ...«

»Eines Ehemanns,« murmelte die Königin. »Guten Abend, mein Schwager.«

»Empfangen Sie meine Beileidsbezeigungen, liebe Schwägerin; ich bin nun gewarnt, denn ich hatte morgen verlangen wollen.«

»Man hole mir Frau von La Mothe,« sagte die Königin nach langem Nachsinnen zu Frau von Misery, »wo sie auch sein mag, und auf der Stelle.«

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