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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100725
projectid2d71c580
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LVII.

Gläubiger und Schuldner.

Der Cardinal sah seinem Gaste mit einer beinahe verdutzten Miene zu.

»Nun!« sagte Cagliostro, »da wir unsere Bekanntschaft erneuert haben, Monseigneur, plaudern wir, wenn es Ihnen beliebt.«

»Ja,« erwiderte der Prälat, der sich allmälig erholte, »ja sprechen wir von der Deckung, welche ... welche ...«

»Die ich in meinem Briefe bezeichnet habe. Nicht wahr, Eure Eminenz wünscht eiligst zu erfahren ...«

»Oh! das war ein Vorwand ... so denke ich wenigstens.«

»Nein, mein Herr, durchaus nicht, es war eine Wirklichkeit, und zwar eine höchst ernste. Diese Deckung lohnt sich wohl der Mühe, bewerkstelligt zu werden, da es sich um fünfmal hunderttausend Livres handelt und fünfmal hunderttausend Livres eine Summe sind.«

»Und zwar eine Summe, die Sie mir zuvorkommend geliehen haben!« rief der Cardinal, auf dessen Gesicht eine leichte Blässe erschien.

»Ja, Monseigneur, die ich Ihnen geliehen habe,« sprach Balsamo; »ich sehe mit Vergnügen bei einem so großen Fürsten wie Sie ein so gutes Gedächtniß.«

Der Cardinal hatte den Schlag empfangen; er fühlte einen kalten Schweiß von seiner Stirne nach seinen Wangen herabrieseln.

»Ich glaubte einen Augenblick,« sagte er, indem er zu lächeln suchte, »Joseph Balsamo, der übernatürliche Mann, habe seine Schuldforderung in sein Grab mitgenommen, wie er meinen Schein in's Feuer geworfen hatte.«

»Monseigneur,« erwiderte der Graf mit ernstem Tone, »das Leben von Joseph Balsamo ist unzerstörbar, wie dieses Blatt Papier, das Sie für vernichtet hielten. Der Tod vermag nichts gegen das Lebenselixir, das Feuer vermag nichts gegen den Asbest.«

»Ich verstehe nicht,« sagte der Cardinal, dem eine Blendung vor den Augen vorüberzog.

»Sie werden verstehen, Monseigneur, dessen bin ich sicher.«

»Wie so?«

Und er gab dem Prinzen ein zusammengelegtes Papier, und dieser rief, sogar ehe er es geöffnet:

»Mein Schein!«

»Ja, Monseigneur, Ihr Schein,« erwiderte Cagliostro mit einem leichten Lächeln, das noch durch eine kalte Verbeugung gemildert wurde.

»Sie verbrannten ihn doch, ich sah die Flamme davon.«

»Ich habe das Papier allerdings in's Feuer geworfen, aber, wie gesagt, Monseigneur. der Zufall wollte, daß Sie auf ein Stück Asbest geschrieben hatten, statt auf ein gewöhnliches Papier, so daß ich den Schein unversehrt auf den verbrannten Kohlen gefunden habe.«

»Mein Herr,« sprach der Cardinal mit einem gewissen Stolz, denn er glaubte in der Vorweisung des Scheins ein Zeichen von Mißtrauen zu sehen, »mein Herr, glauben Sie mir, daß ich diese Schuld eben so wenig ohne dieses Papier geläugnet hätte, als ich sie mit diesem Papier läugne. Sie hatten also Unrecht, daß Sie mich täuschten.«

»Ich, Sie täuschen? Ich hatte nicht einen Augenblick diese Absicht, das schwöre ich Ihnen.«

»Sie haben mich glauben gemacht, das Unterpfand sei vernichtet.«

»Um Ihnen den ruhigen und glücklichen Genuß der fünfmal hunderttausend Livres zu lassen,« erwiderte Balsamo mit einer leichten Bewegung der Schultern.

»Aber, mein Herr,« fuhr der Cardinal fort, »warum haben Sie zehn Jahre lang eine solche Summe ausgesetzt gelassen?«

»Monseigneur, ich wußte, bei wem ich sie angelegt hatte. Die Ereignisse, das Spiel, die Diebe haben mich allmälig aller meiner Güter beraubt. Da ich aber wußte, daß ich dieses Geld in Sicherheit hatte, so wartete ich geduldig bis zum letzten Augenblick.«

»Und der letzte Augenblick ist gekommen?«

»Ach! ja, Monseigneur.«

»So, daß Sie sich weder mehr gedulden, noch warten können?«

»Das ist mir in der That unmöglich,« antwortete Cagliostro.

»Sie verlangen also Ihr Geld von wir zurück?«

»Ja, Monseigneur.«

»Schon heute?«

»Wenn es Ihnen beliebt.«

Der Cardinal beobachtete ein verzweiflungsvolles Stillschweigen.

Dann sprach er mit bebender Stimme:

»Herr Graf, die unglücklichen Fürsten der Erde improvisiren nicht so rasche Vermögen, wie Ihr Zauberer, die Ihr über die Geister der Finsterniß und des Lichtes gebietet.«

»Oh! Monseigneur, glauben Sie mir, ich würde diese Summe nicht von Ihnen gefordert haben, hätte ich nicht vorher gewußt, daß Sie dieselbe besitzen.«

»Ich habe fünfmal hunderttausend Livres, ich?« rief der Cardinal.

»50.000 Livres in Gold, 10.000 in Silber, das Uebrige in Bankscheinen.«

Der Cardinal erbleichte.

»Welche dort in jenem Schranke von Boule sind,« fügte Cagliostro bei.

»Oh! mein Herr, Sie wissen das?«

»Ja, Monseigneur, und ich kenne auch alle die Opfer, die Sie bringen mußten, um sich diese Summe zu verschaffen. Ich hörte sogar sagen, Sie haben dieses Geld um seinen doppelten Werth gekauft.«

»Oh! das ist wahr.«

»Doch ...«

»Doch?« rief der unglückliche Prinz.

»Doch ich, ich wäre seit zehn Jahren zwanzigmal beinahe vor Hunger oder in Verlegenheit neben diesem Papier gestorben, das für mich eine halbe Million darstellte, und dennoch habe ich, um Sie nicht zu beunruhigen, gewartet. Ich glaube daher, daß wir so ungefähr quitt sind, Monseigneur.«

»Quitt, mein Herr!« rief der Prinz, »oh! sagen Sie nicht, wir seien quitt, da Ihnen der Vortheil bleibt, mir so großmüthig eine Summe von dieser Bedeutung geliehen zu haben; quitt! oh! nein, nein! ich bin und bleibe ewig Ihr Schuldner. Nur frage ich Sie, Herr Graf, warum Sie, der Sie seit zehn Jahren diese Summe von mir zurückverlangen konnten, geschwiegen haben? Seit zehn Jahren hätte ich zwanzigmal Gelegenheit gehabt, Ihnen dieses Geld zurückzugeben, ohne daß es mir schwer gefallen wäre.«

»Während heute?« ... fragte Cagliostro.

»Oh! heute verberge ich Ihnen nicht, daß diese Wiedererstattung, die Sie fordern, denn nicht wahr, Sie fordern sie ...«

»Leider, Monseigneur.«

»Mir gewaltig schwer fällt.«

Cagliostro machte mit dem Kopf und den Schultern eine kleine Bewegung, welche bedeutete: Was wollen Sie, Monseigneur? es ist einmal so und kann nicht anders sein.

»Aber Sie, der Sie Alles errathen!« rief der Prinz, »Sie, der Sie im Grunde der Herzen wie im Grunde der Schränke, was zuweilen noch viel schlimmer ist, zu lesen vermögen, Sie brauchen ohne Zweifel nicht erst zu erfahren, warum mir so viel an diesem Gelde liegt, und was der geheimnißvolle und heilige Gebrauch ist, zu dem ich es bestimme?«

»Sie irren sich, Monseigneur.« erwiderte Cagliostro mit einem eisigen Ton, »nein, ich habe keine Ahnung, und meine Geheimnisse haben mir Betrübniß, Täuschungen und Jammer genug zugezogen, daß ich mich durchaus nicht um die Geheimnisse Anderer bekümmere, wenn sie mich nicht interessiren. Es interessirte mich, zu wissen, ob Sie Geld hatten oder ob Sie keines hatten, insofern ich von Ihnen zu fordern befugt war. Als ich aber einmal wußte, daß Sie hatten, lag mir wenig daran, zu erfahren, wozu Sie es bestimmten. Ueberdieß, Monseigneur, wenn ich in diesem Augenblick die Ursache Ihrer Verlegenheit wüßte, würde sie mir vielleicht gewichtig genug und so achtenswerth erscheinen, daß ich die Schwäche hätte, noch zuzuwarten, was mir unter den gegenwärtigen Umständen, ich wiederhole es Ihnen, den größten Nachtheil brächte. Ich ziehe es daher vor, nichts zu wissen.«

»Oh! mein Herr!« rief der Cardinal, dessen Stolz und Empfindlichkeit diese letzten Worte wieder erweckt hatten, »glauben Sie wenigstens nicht, ich wolle Ihr Mitleid in Beziehung auf meine persönlichen Verlegenheiten erregen; Sie haben Ihre Interessen, sie sind vertreten und garantirt durch diesen Schein, dieser Schein ist von meiner Hand unterzeichnet, das ist genug. Sie sollen Ihre fünfmal hunderttausend Livres bekommen.«

Cagliostro verbeugte sich.

»Ich weiß wohl.« sprach der Cardinal, verzehrt von dem Schmerz in einer Minute so viel mühsam aufgehäuftes Geld zu verlieren, »ich weiß, daß dieses Papier nur eine Anerkennung der Schuld ist und keine Verfallzeit für die Bezahlung bestimmt.«

»Eure Eminenz wolle mich entschuldigen,« erwiderte der Graf, »ich berufe mich auf den Buchstaben des Scheins und sehe hier geschrieben:

»Ich bescheinige, von Herrn Joseph Balsamo die Summe von 500,000 Livres empfangen zu haben, die ich ihm auf seine erste Forderung zurückbezahlen werde.

»Unterz. Louis von Rohan

Der Cardinal schauerte an allen seinen Gliedern; er hatte nicht nur die Schuld, sondern auch die Worte, in denen sie bescheinigt war, vergessen.

»Sie sehen, Monseigneur, daß ich nicht das Unmögliche verlange,« fuhr Balsamo fort. »Sie können nicht, gut. Nur bedaure ich, daß Eure Eminenz zu vergessen scheint, daß die Summe aus freien Stücken von Joseph Balsamo in einer bedeutungsvollen Stunde gegeben worden ist, und dieß wem? Herrn von Rohan, den er nicht kannte. Das ist, wie mir scheint, das Benehmen eines vornehmen Mannes, das Herr von Rohan, in jeder Hinsicht ein so vornehmer Mann, bei der Wiedererstattung hätte nachahmen können. Doch Sie dachten, das müßte nicht so geschehen, sprechen wir also nicht mehr davon; ich nehme meinen Schein zurück. Gott befohlen, Monseigneur.«

Nach diesen Worten legte Cagliostro das Papier kalt zusammen und schickte sich an, es wieder in seine Tasche zu stecken.

Der Cardinal hielt ihn zurück.

»Herr Graf,« sagte er, »ein Rohan duldet nicht, daß ihm irgend Jemand in der Welt Lectionen in der Großmuth gibt. Ueberdieß wäre es hier ganz einfach eine Lection der Redlichkeit. Ich bitte Sie, mein Herr, geben Sie mir den Schein, damit ich ihn bezahle.«

Nun war es Cagliostro, der seinerseits zu zögern schien.

Das bleiche Gesicht, die angeschwollenen Augen, die bebende Hand des Kardinals schienen in der That ein lebhaftes Mitleid in ihm zu erregen.

Der Cardinal, so stolz er war, begriff diesen guten Gedanken von Cagliostro. Einen Augenblick hoffte er, es würde ein gutes Resultat daraus hervorgehen.

Plötzlich aber verhärtete sich das Auge des Grafen, eine Wolke lief über seine gefaltete Stirne hin und er streckte die Hand und den Schein gegen den Cardinal aus.

Im Herzen getroffen, verlor Herr von Rohan nicht einen Augenblick; er wandte sich nach dem Schranke, den Cagliostro bezeichnet hatte, und zog daraus ein Bündel Anweisungen auf die Wasser- und Forstkasse; dann bezeichnete er mit dem Finger mehrere Säcke Silber und öffnete eine Schublade voll Gold.

»Herr Graf,« sagte er, »hier sind Ihre fünfmal hunderttausend Livres! nur bin ich Ihnen zu dieser Stunde noch weitere zweimal hundert und fünfzig tausend Livres schuldig, indem ich annehme, daß Sie Zins auf Zins aufschlagen, was eine noch viel beträchtlichere Summe machen würde. Ich will die Rechnungen durch meinen Intendanten stellen lassen und Ihnen Sicherheiten für diese Bezahlung geben, wobei ich Sie bitte, mir Zeit bewilligen zu wollen.«

»Monseigneur,« erwiderte Cagliostro, »ich habe Herrn von Rohan fünfmal hunderttausend Livres geliehen. Herr von Rohan ist mir fünfmal hunderttausend Livres schuldig und nicht mehr. Hätte ich Interessen ziehen wollen, so würde ich sie in dem Schein ausbedungen haben. Mandatar oder Erbe von Joseph Balsamo, wie es Ihnen beliebt, denn Joseph Balsamo ist wirklich todt, darf ich nur die in der Schuldurkunde ausgesprochenen Summen annehmen. Sie bezahlen mir dieselben, dafür sage ich Ihnen meinen ehrerbietigen Dank. Ich nehme also die Anweisung an, Monseigneur, und da ich noch am heutigen Tage der ganzen Summe bedarf, so werde ich das Gold und das Silber, was ich Sie bereit zu halten bitte, abholen lassen.«

Nach diesen Worten, auf welche der Cardinal nichts zu erwidern wußte, steckte Cagliostro das Bündel mit den Papieren in die Tasche, verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Prinzen, in dessen Hände er den Schein legte, und entfernte sich.

»Das Unglück,« seufzte der Prinz, nach dem Abgang Cagliostro's, »das Unglück trifft nur mich, da die Königin zu bezahlen im Stande ist, und zu ihr wenigstens kein unerwarteter Joseph Balsamo kommen wird, um einen Rückstand von fünfmal hunderttausend Livres zu fordern.«

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