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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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projectid2d71c580
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XLV.

Das öde Haus.

Herr von Cagliostro kam allein nach dem alten Hause der Rue Saint-Claude, das unsere Leser nicht ganz vergessen haben können. Es wurde Nacht, als er vor der Thüre stehen blieb, und man erblickte nur noch einige seltene Wanderer auf der Chaussee des Boulevard.

Der in der Rue Saint-Louis erschallende Tritt eines Pferdes, ein Fenster, das unter dem Geräusch alter Schlösser geschlossen wurde, das Knarren der Querbäume und der Riegel am massigen Thorweg nach der Rückkehr des Herrn vom anstoßenden Hause, dieß waren die einzigen Bewegungen dieses Quartiers zu der Stunde, von der wir sprechen.

Ein Hund bellte oder heulte vielmehr in dem kleinen Gehäge des Klosters, und ein lauer Windstoß rollte bis in die Rue Saint-Claude, als es die schwermüthigen drei Viertel in Saint-Paul schlug.

Es war drei Viertel auf neun Uhr.

Der Graf kam, wie gesagt, vor den Thorweg, zog unter seinem Oberrock einen schweren Schlüssel hervor und zermalmte, um ihn in das Schloß zu bringen, eine Menge von Trümmern, die sich, vom Winde fortgetrieben, darein geflüchtet hatten.

Das dürre Stroh, von dem sich ein Hälmchen in den bogenförmigen Eingang des Schlosses geschoben hatte, das kleine Samenkorn, das nach Süden lief, um eine Mauernelke oder eine Malve zu werden, und sich eines Tages in diesem finstern Behälter eingeschlossen befand, der von einem nahen Gebäude abgesprungene Steinsplitter, die seit zehn Jahren in diesem eisernen Hospital einkasernirten Fliegen, deren Leichname am Ende die Tiefe ausgefüllt hatten, dieß Alles krachte und zermahlte sich unter dem Drucke des Schlüssels in Staub.

Sobald der Schlüssel seine Bewegungen vollendet hatte, handelte es sich nur noch darum, die Thüre zu öffnen.

Aber die Zeit hatte ihr Werk gethan. Das Holz war in den Fugen aufgeschwollen, der Rost hatte in die Angeln eingebissen. Das Gras war in den Zwischenräumen des Pflasters gewachsen und bildete durch seine feuchten Ausströmungen einen grünen Ueberzug an dem untern Theile des Thores; eine Art von Kitt, dem der Schwalbennester ähnlich, verstopfte jeden Zwischenraum, und die kräftige Vegetation der steinartigen Schwammkorallen, die ihre Arcaden über einander legten, hatte das Holz unter dem lebendigen Fleisch ihrer Samenlappen verborgen.

Cagliostro fühlte den Widerstand; er drückte die Faust, dann die Ellenbogen, dann die Schulter darauf und überwältigte alle diese Barricaden, welche eine nach der andern mit übellaunigem Gekrach nachgaben.

Als diese Thüre sich öffnete, erschien der ganze Hof verödet, moosbewachsen, vor Cagliostro's Augen.

Er schloß die Thüre wieder, und seine Tritte drückten sich in das widerspänstige dürre Queckengras ein, das sich auch des Pflasters bemächtigt hatte.

Niemand hatte ihn eintreten sehen, Niemand sah ihn in der Umfriedung dieser ungeheuren Mauer. Er konnte einen Augenblick stille stehen und allmälig in sein vergangenes Leben zurückkehren, wie er in sein Haus zurückgekehrt war.

Das eine war trostlos und leer, das andere in Trümmern und verödet.

Die Freitreppe von zwölf Staffeln hatte nicht mehr drei ganze Stufen.

Durch die Arbeit des Regenwassers unterwühlt, durch das gewaltsame Spiel des Mauerkrauts und des Mohns untergraben und gelockert, hatten die andern Anfangs gewankt und waren endlich fern von ihren Haltpunkten weggerollt. Beim Fallen waren die Steine zerbrochen, das Gras hatte sich auf die Trümmer emporgearbeitet und stolz, wie die Standarten der Verwüstung, seine Federbüsche über denselben aufgepflanzt.

Cagliostro stieg die unter seinen Füßen zitternde Freitreppe hinauf und gelangte mit Hilfe eines zweiten Schlüssels in das ungeheure Vorzimmer.

Hier erst zündete er eine Laterne an, die er vorsichtiger Weise mitgenommen hatte; doch so behutsam er auch das Licht angesteckt, der unheimliche Hauch des Hauses löschte es plötzlich wieder aus.

Der Athem des Todes reagirte gewaltsam gegen das Leben; die Finsterniß tödtete das Licht. Cagliostro zündete seine Laterne noch einmal an und ging weiter.

Im Speisesaal hatten die in ihren Ecken verschimmelten Anrichttische ihre ursprüngliche Form verloren, die klebrigen Platten davon hielten nicht mehr am Fuße fest. Alle inneren Thüren waren geöffnet und ließen den Geist frei mit dem Blick in die finsteren Tiefen eindringen, wo sie schon den Tod durchgelassen hatten.

Der Graf fühlte, wie ein Schauer sein Fleisch beben machte, denn am Ende des Saales, da, wo einst die Treppe anfing, hatte sich ein Geräusch hörbar gemacht.

Dieses Geräusch verkündigte einst eine theure Gegenwart, dieses Geräusch erweckte in allen Sinnen des Herrn dieses Hauses das Leben, die Hoffnung, das Glück. Dieses Geräusch, das in der gegenwärtigen Stunde nichts darstellte, erinnerte an Alles in der Vergangenheit.

Die Stirne gefaltet, langsam athmend, die Hand kalt, wandte sich Cagliostro nach der Statue des Harpokrates, bei der die Feder der ehemaligen Verbindungsthüre spielte, ein geheimnißvoller, ungreifbarer Ort, der das bekannte Haus mit dem geheimen verband.

Die Feder arbeitete ohne Mühe, obschon das wurmstichige Täfelwerk in der Umgegend zitterte. Doch kaum hatte der Graf den Fuß auf die Geheimtreppe gesetzt, als sich dasselbe Geräusch abermals hörbar machte. Cagliostro streckte seine Hand mit der Laterne aus, um die Ursache davon zu entdecken: er sah nur eine große Natter, welche langsam die Treppe herabkam und mit ihrem Schwanz jede Stufe peitschte.

Die Natter heftete ruhig ihr schwarzes Auge auf Cagliostro, schlüpfte dann in das erste Loch des Täfelwerks und verschwand.

Ohne Zweifel war dieß der Geist der Einsamkeit.

Der Graf setzte seinen Gang fort.

Ueberall bei diesem Aufsteigen verfolgte ihn eine Erinnerung oder, besser gesagt, ein Schatten, und wenn das Licht an den Wänden eine bewegliche Silhouette zeichnete, bebte der Graf, denn er dachte, sein eigener Schatten sei ein fremder Schatten, der erweckt worden, um auch diesem geheimnißvollen Ort einen Besuch zu machen.

So weiter schreitend gelangte er bis zu der Platte jenes Kamins, das als Durchgang zwischen dem Waffenzimmer Balsamo's und dem wohlriechenden Cabinet von Lorenza Feliciani gedient hatte.

Die Mauern waren kahl, die Zimmer leer. In dem gähnenden Herd lag noch ein ungeheurer Haufen von Asche, worunter einige kleine Gold- und Silberstangen funkelten.

Diese feine, weiße und duftende Asche war das Zimmergeräthe Lorenza's, das Balsamo bis auf das kleinste Theilchen verbrannt hatte; es waren die Armoires von Schildplatt, das Clavier und das Körbchen von Rosenholz, die schönen Porzellane von Sèvres, deren Staub man glimmerartig, dem Staube des Marmors ähnlich, wiederfand; es waren die beim großen hermetischen Feuer geschmolzenen Gesimse und Ornamente; es waren die Vorhänge und Teppiche von Seidenbrocat; es waren die Schachteln von Aloe und Sandelholz, deren durchdringender, zur Zeit des Brandes durch die Kamine ausströmender Duft die ganze Zone von Paris, über welche der Rauch hingegangen war, mit Wohlgerüchen geschwängert hatte, so daß zwei Tage lang die Vorübergehenden ihre Köpfe in die Höhe hoben, um diese seltsamen, mit der Pariser Luft vermischten Arome einzuathmen, so daß der Ladendiener vom Quartier der Hallen und die Kammerjungfer vom Quartier Saint-Honoré sich berauscht hatten in diesen heftigen, entflammten Aromen, die der Wind den Abhängen des Libanon und den Ebenen Syriens entführt.

Diese Wohlgerüche, sagen wir, bewahrte das öde, kalte Zimmer immer noch. Cagliostro bückte sich, nahm ein Pfötchen voll Asche und roch lange mit wilder Leidenschaft daran.

»Könnte ich so,« murmelte er, »einen Rest von dieser Seele verschlingen, die sich einst diesem Staube mittheilte!«

Dann sah er die eisernen Gitter wieder und die Traurigkeit des benachbarten Hofes, und durch die Treppe die hohen Risse, welche der Brand an diesem inneren Hause gemacht, dessen oberes Stockwerk er vernichtet hatte.

Ein trauriges und schönes Schauspiel, das Zimmer von Althotas war verschwunden; es blieben nur noch von den Mauern sieben bis acht Auszackungen, auf denen das Feuer seine verzehrenden und schwärzenden Jungen hatte umherlaufen lassen.

Für Jeden, der die schmerzliche Geschichte Balsamo's und Lorenza's nicht gekannt hätte, wäre es unmöglich gewesen, diese Ruine nicht zu beweinen.

Alles in diesem Hause athmete die gesunkene Größe, den erloschenen Glanz, das verlorene Glück.

Cagliostro erfüllte sich mit diesen Erinnerungen und Träumen. Der Mann stieg von den Höhen seiner Philosophie herab, um sich neu zu beleben in dem Bischen zarter Menschlichkeit, das man die Gefühle des Herzens nennt, welche kein Raisonnement sind.

Nachdem er die holden Phantome der Einsamkeit heraufbeschworen und mit dem Himmel abgerechnet hatte, glaubte er mit der menschlichen Schwäche quitt zu sein, als seine Augen auf einen unter all diesem Unstern und all diesem Elend noch glänzenden Gegenstand fielen.

Er bückte sich und sah in der Fuge des Bodens, halb unter dem Staub begraben, einen kleinen silbernen Pfeil, der kürzlich erst den Haaren einer Frau entfallen zu sein schien.

Es war eine jener italienischen Nadeln, wie die Damen jener Zeit sie gerne wählten, um die gekräuselten Locken ihres Haares zu halten, das zu schwer wurde, wenn es gepudert war.

Der Philosoph, der Gelehrte, der Prophet, der Verächter der Menschheit, derjenige, nach dessen Willen der Himmel mit ihm abrechnen sollte, dieser Mann, der so viele Schmerzen bei sich zurückgedrängt und so viele Blutstropfen den Herzen Anderer entzogen hatte, Cagliostro, der Atheist, der Charlatan, der skeptische Spötter hob diese Nadel auf, hielt sie an seine Lippen, ließ, sicher, daß man ihn nicht sehen konnte, eine Thräne bis zu seinen Augen aufsteigen und murmelte: »Lorenza!«

Und dieß war Alles. Es war ein Dämon in diesem Menschen.

Er suchte den Kampf und unterhielt ihn zu seinem eigenen Glücke in sich selbst.

Nachdem er glühend diese heilige Reliquie geküßt, öffnete er das Fenster, streckte seinen Arm durch das Gitter und schleuderte dieses zerbrechliche Stück Metall in das Gehäge des nahen Klosters, in Aeste, in die Luft, in den Staub, man weiß nicht wohin.

So bestrafte er sich dafür, daß er von seinem Herzen Gebrauch gemacht.

»Fahre wohl!« sagte er zu dem unempfindlichen Gegenstand, der sich vielleicht für immer verlor. »Fahre wohl, Erinnerung, die mir geschickt worden war, um mich zu erweichen, zu verkleinern, ohne Zweifel. Ich werde fortan nur noch an die Erde denken.

»Ja, dieses Haus wird entheiligt werden. Was sage ich? es ist dieß vielleicht schon. Ich habe die Thüren wieder geöffnet, ich habe das Licht an die Wände gebracht, ich habe das Innere des Grabes gesehen, ich habe die Asche des Todes durchwühlt.

»Entheiligt ist also dieses Haus! Es sei dieß ganz und gar, und zwar für ein gutes Werk.

»Eine Frau wird abermals diesen Hof durchschreiten, eine Frau wird ihre Füße auf die Treppe setzen, eine Frau wird unter diesem Gewölbe singen, wo noch der letzte Seufzer Lorenza's vibrirt.

»Es sei. Doch alle diese Entheiligungen werden zu einem Zwecke stattfinden, zu dem Zwecke, meiner Sache zu dienen. Das Mysterium wird entfliegen; das Hotel wird ein Schlupfwinkel bleiben und aufhören, ein Allerheiligstes zu sein.«

Er schrieb hastig in seine Brieftasche folgende Zeilen: »An Herrn Lenoir, meinen Baumeister.

»Hof und Vorhaus reinigen; Remisen und Ställe wiederherstellen; den innern Pavillon zerstören; das Haus auf zwei Stockwerke zurückführen; acht Tage.«

»Sehen wir nun,« sagte er, »ob man von hier aus das Fenster der kleinen Gräfin erblickt.«

Er näherte sich einem Fenster im zweiten Stock des Hauses.

Man überschaute von hier die ganze entgegengesetzte Façade der Rue Saint-Claude über dem Thorweg.

Gegenüber, auf höchstens sechzig Schritte, sah man die Wohnung, welche Jeanne von La Mothe inne hatte.

»Das ist unfehlbar; die zwei Frauen werden sich sehen,« sagte Cagliostro. »Gut.«

Er nahm wieder seine Laterne und stieg die Treppe hinab.

Nach einer starken Stunde war er nach Hause zurückgekehrt und überschickte dem Baumeister seinen Auftrag.

Schon am andern Morgen bemächtigten sich fünfzig Arbeiter des Hotels: der Hammer, die Säge und die Spitzhauen ertönten überall, das aufgehäufte Gras fing in einer Ecke des Hofes an zu rauchen, und am Abend bei seiner Rückkehr sah der seiner täglichen Inspection getreue Vorübergehende eine fette Ratte an einer Pfote unten an einem Reif im Hof hängen, inmitten eines Kreises von Handarbeitern und Maurern, die ihren grauen Bart und ihren ehrwürdigen Bauch verspotteten.

Die schweigsame Bewohnerin des Hauses war durch den Fall eines Quadersteines in ihr Loch eingemauert worden. Halbtodt, als der Krahn den Stein wieder aufhob, wurde sie am Schwanz gepackt und der Belustigung junger Auvergnaten, die den Kalk einrührten, geopfert; war es Scham, war es Erstickung, sie starb darüber.

Der Vorübergehende hielt ihr folgende Leichenrede:

»Hier ist ein Geschöpf, das zehn Jahre glücklich gewesen! »Sic transit gloria mundi,«

Das Haus war in acht Tagen wiederhergestellt, wie Cagliostro dem Baumeister befohlen.

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