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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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projectid2d71c580
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XLIV.

Worin Mademoiselle Oliva sich zu fragen anfängt, was man mit ihr wolle.

Hätte Herr Beausire auf seine Augen vertrauen wollen, welche vortrefflich waren, statt seinen Geist arbeiten zu lassen, den damals Alles verblendete, so würde er sich vielen Verdruß und viele Täuschungen erspart haben. Es war in der That Mademoiselle Oliva, die er in dem Wagen an der Seite eines Mannes gesehen, den er nicht erkannt, weil er ihn nur einmal angeschaut hatte, und den er erkannt haben würde, hätte er ihn zweimal angeschaut: Oliva, die am Morgen wie gewöhnlich ihren Spaziergang im Garten des Luxembourg gemacht hatte und, statt um zwei Uhr zum Mittagessen nach Hause zu gehen, von dem seltsamen Freund, den sie am Tage des Opernballs kennen gelernt, getroffen, angeredet und befragt worden war.

In der That, in dem Augenblick, wo sie ihren Sessel bezahlte, um zurückzukehren, und dem Cafetier zulächelte, dessen beständige Kundin sie war, kam Cagliostro aus einer Allee hervor, lief auf sie zu und nahm sie beim Arm.

Sie stieß einen schwachen Schrei aus.

»Wohin gehen Sie?« sagte er.

»Nach unserer Wohnung in der Rue Dauphine.«

»Das entspricht ganz und gar den Wünschen der Leute, die Sie dort erwarten,« erwiderte der unbekannte Herr.

»Leute ... die mich erwarten? wie so? Niemand erwartet mich.«

»Oh! doch, ungefähr ein Dutzend Besuche.«

»Ein Dutzend Besuche!« versetzte Oliva lachend; »warum nicht sogleich ein ganzes Regiment?«

»Meiner Treue! wäre es möglich gewesen, ein Regiment in die Rue Dauphine zu schicken, so befände es sich dort.«

»Sie setzen mich in Erstaunen.«

»Ich werde Sie noch viel mehr in Erstaunen setzen, wenn ich Sie in die Rue Dauphine gehen lasse.«

»Warum?«

»Weil man Sie dort verhaften wird, meine Liebe.«

»Verhaften, mich!«

»Sicherlich! die zwölf Herren, die Sie erwarten, sind von Herrn von Crosne abgeschickte Häscher.«

Oliva bebte: gewisse Leute haben immer Angst vor gewissen Dingen. Nichtsdestoweniger richtete sie sich nach einer etwas gründlicheren Gewissensinspection hoch auf und erwiderte:

»Ich habe nichts gethan. Warum sollte man mich verhaften?«

»Warum verhaftet man eine Frau? Wegen Intriguen, wegen Lappereien.«

»Ich habe keine Intriguen.«

»Sie haben vielleicht viele gehabt.«

»Oh! ich leugne das nicht.«

»Kurz, man hat ohne Zweifel Unrecht, Sie zu verhaften, doch man sucht dieß zu thun, das ist gewiß. Gehen wir immer noch nach der Rue Dauphine?«

Oliva blieb bleich und beklommen stehen.

»Sie spielen mit mir, wie eine Katze mit einer armen Maus,« sprach sie. »Wissen Sie etwas, so sagen sie es mir. Nicht wahr, man will an Beausire?«

Und sie heftete auf Cagliostro einen flehenden Blick.

»Vielleicht wohl. Ich habe halb und halb den Verdacht, daß sein Gewissen minder rein ist, als das Ihrige.«

»Armer Junge! ...«

»Beklagen Sie ihn, doch wenn er festgenommen wird, ahmen Sie sein Beispiel nicht dadurch nach, daß Sie sich ebenfalls festnehmen lassen.«

»Welches Interesse haben Sie denn, mich zu beschützen? welches Interesse haben Sie dabei, daß Sie sich mit mir beschäftigen? Hören Sie!« rief sie kühn, »es ist nicht natürlich, daß ein Mann wie Sie ...«

»Vollenden Sie nicht, Sie würden eine Albernheit sagen und die Augenblicke sind kostbar, weil die Agenten Crosne's, wenn sie Sie nicht zurückkehren sehen, im Stande wären, Sie hier aufzusuchen.«

»Hier! man weiß, daß ich hier bin!«

»Eine schöne Aufgabe, das zu wissen, ich weiß es wohl. Ich fahre fort. Da ich mich für Ihre Person interessire und Ihnen wohlwill, so geht Sie das Uebrige nichts an. Geschwind, eilen wir nach der Rue d'Enfer, mein Wagen erwartet Sie dort. Ah! Sie zweifeln noch?«

»Ja.«

»Wohl! wir sind im Begriff, etwas sehr Unvorsichtiges zu thun. was Sie aber hoffentlich ein- für allemal überzeugen wird. Wir fahren in meinem Wagen an Ihrem Hause vorüber, und haben Sie diese Herren von der Policei fern genug gesehen, um nicht festgenommen zu werden, und nahe genug, um ihre Stimmung zu beurtheilen, dann werden Sie meine guten Absichten nach ihrem wahren Werth schätzen.«

Wahrend er so sprach, führte er Oliva bis zum Gitter der Rue d'Enfer.

Der Wagen kam herbei, nahm das Paar auf und führte Cagliostro und Oliva in die Rue Dauphine zu der Stelle, wo Beausire Beide erblickt hatte.

Hätte er in diesem Augenblicke geschrieen, wäre er dem Wagen nachgelaufen, so würde Oliva sicherlich Alles gethan haben, um sich ihm zu nähern, um ihn, wenn er verfolgt wurde, zu retten, oder, wenn er frei war, mit ihm zu entfliehen.

Cagliostro sah aber diesen Unglücklichen und lenkte die Aufmerksamkeit Oliva's dadurch ab, daß er ihr die Menge zeigte, welche sich schon aus Neugierde um die Scharwache versammelte.

Sobald Oliva die Policeisoldaten erkannt hatte, sobald sie gesehen, daß ihr Haus belagert war, warf sie sich in die Arme ihres Beschützers, was jeden andern Menschen, als diesen Eisenmann gerührt hätte.

Er beschränkte sich darauf, daß er der jungen Frau die Hand drückte und sie selbst durch das Herablassen des Vorhangs verbarg.

»Retten Sie mich! retten Sie mich!« wiederholte mittlerweile das arme Mädchen.

»Ich verspreche es Ihnen,« erwiderte er.

»Doch da Sie sagen, diese Menschen von der Policei wissen Alles, so werden sie mich immer finden.«

»Nein, nein! an dem Orte, wo Sie sein werden, entdeckt Sie Niemand, denn wenn man Sie auch in Ihrem Hause festnehmen will, so wird man Sie doch nicht bei mir festnehmen.«

»Oh!« rief sie mit einem Schrecken, »bei Ihnen ... wir gehen also zu Ihnen?«

»Sie sind verrückt,« erwiderte er, »man sollte glauben, Sie erinnern sich dessen nicht mehr, was wir verabredet haben. Ich bin nicht Ihr Liebhaber, meine Schöne, und will es nicht sein.«

»So bieten Sie mir also das Gefängniß an?«

»Ziehen Sie das Hospital vor, so sind Sie frei.«

»Wohl denn!« sprach sie voll Bangigkeit, »ich überlasse mich Ihnen; machen Sie aus mir, was Sie wollen.«

Er führte sie nach der Rue Neuve-Saint-Gilles in das Haus, wo wir ihn Philipp von Taverney empfangen sahen.

Als er sie fern vom Gesinde und von jeder Überwachung in einer kleinen Wohnung im zweiten Stock einquartirt hatte, sagte er:

»Es ist mir daran gelegen, daß Sie hier glücklich sein mögen.«

»Glücklich! Wie so?« versetzte sie tief betrübt. »Glücklich, ohne Freiheit, ohne Spaziergang! Es ist traurig hier. Nicht einmal ein Garten. Ich werde darüber sterben.«

Und sie warf einen irren, verzweifelten Blick auf das Aeußere.

»Sie haben Recht,« sagte er, »es ist mein Wille, daß es Ihnen an nichts fehle. Sie wären hier schlimm, und überdieß würden meine Leute Sie hier sehen und beengen.«

»Oder gar verkaufen,« fügte sie bei.

»Was das betrifft, seien Sie unbesorgt, meine Leute verkaufen nur, was ich ihnen abkaufe, mein liebes Kind. Damit Sie aber jede wünschenswerthe Ruhe haben, werde ich darauf bedacht sein, Ihnen eine andere Wohnung zu verschaffen.«

Oliva zeigte sich ein wenig getröstet durch diese Versprechungen. Uebrigens gefiel ihr der Aufenthalt in ihrer neuen Wohnung. Sie fand hier Behaglichkeit und unterhaltende Bücher. Als ihr Beschützer sie verließ, sagte er zu ihr:

»Ich will Ihnen den Brodkorb nicht hoch hängen, mein liebes Kind. Wollen Sie mich sehen, so läuten Sie mir, ich komme auf der Stelle, wenn ich mich zu Hause befinde, und sogleich nach meiner Rückkehr, wenn ich ausgegangen sein sollte.«

Er küßte ihr die Hand und verließ sie.

»Ah!« rief Oliva, »lassen Sie mir besonders Nachricht von Beausire zukommen.«

»Vor Allem,« erwiderte der Graf.

Und er schloß sie in ihr Zimmer ein.

Dann, als er träumerisch die Treppe hinabstieg, sagte er:

»Es ist eine Entheiligung, wenn ich sie in dem Hause der Rue Saint-Claude einquartiere. Doch Niemand darf sie sehen, und in diesem Hause wird Niemand sie sehen. Muß es dagegen sein, daß sie eine einzige Person erblickt, so wird sie diese Person nur in dem Hause der Rue Saint-Claude allein erblicken. Wohl denn, auch noch dieses Opfer. Löschen wir diesen letzten Funken der Fackel aus, die einst brannte.«

Der Graf nahm einen weiten Oberrock, suchte Schlüssel in seinem Secretär, wählte mehrere davon, die er mit gerührter Miene anschaute, verließ allein und zu Fuß sein Hotel und ging die Rue Saint-Louis im Marais hinauf.

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