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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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projectid2d71c580
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XLIII.

Illusionen und Wirklichkeiten.

Hätte der Portier der Gesandtschaft Beausire, wie ihm Don Manoel befahl, nachlaufen können, er würde, das müssen wir gestehen, viel zu thun gehabt haben.

Beausire hatte, als er kaum das Haus verlassen, in kurzem Galopp die Rue Coquillière und in gestrecktem Galopp die Rue Saint-Honoré erreicht.

Immer argwöhnend, man könnte ihn verfolgen, hatte er seine Spuren dadurch gekreuzt, daß er in den winkeligen, aller Richtung entbehrenden Gassen, welche unsere Getreidehalle umgeben, lavirte; nach einigen Minuten war er beinahe sicher, daß ihm Niemand hatte folgen können; er war auch noch in einem anderen Punkte sicher, darin, daß seine Kräfte erschöpft waren, und daß ein gutes Jagdpferd nicht mehr hätte thun können.

Beausire setzte sich auf einen Getreidesack in der Rue de Biarmes, die sich um die Halle dreht, und stellte sich, als betrachte er mit der größten Aufmerksamkeit die Säule von Medicis, welche Bachaumont gekauft hatte, um sie dem Hammer der Zerstörer zu entziehen und dem Stadthause ein Geschenk damit zu machen.

Es ist gewiß, daß Herr von Beausire weder die Säule von Philibert Delorme, noch die Sonnenuhr, womit Herr von Bingré sie geschmückt, betrachtete. Er zog mühsam aus der Tiefe seiner Lunge einen scharfen, heiseren Athem, ähnlich dem Schnaufen einer ermüdeten Schmiede.

Mehrere Augenblicke gelang es ihm nicht, die Masse des Athems vollständig zu machen, die er aus seiner Luftröhre herausarbeiten mußte, um das Gleichgewicht in seinen Athmungswerkzeugen wieder herzustellen.

Endlich gelang es ihm, und dieß geschah mit einem Seufzer, den die Bewohner der Rue de Biarmes gehört hätten, wären sie nicht mit dem Verkauf oder mit dem Abwägen ihres Getreides beschäftigt gewesen.

»Ah!« dachte Beausire, »also ist mein Traum verwirklicht, ich habe ein Vermögen.«

Und er athmete abermals.

»Ich kann also ein vollkommen ehrlicher Mann sein; mir scheint, daß ich schon fetter werde.«

Und wahrhaftig, wenn er nicht fetter wurde, so schwoll er doch an.

»Ich will,« fuhr er in seinem stillschweigenden Monolog fort, »ich will aus Oliva eine eben so ehrliche Frau machen, als ich ein ehrlicher Manu sein werde. Sie ist schön, sie ist naiv in ihren Neigungen.«

Der Unglückliche!

»Sie wird ein zurückgezogenes Leben in der Provinz nicht hassen; ein Leben in einer Meierei, die wir unser Gut nennen unfern von einem Städtchen, wo man uns leicht für vornehme Leute halten wird.

»Nicole ist gut; sie hat nur zwei Fehler: die Trägheit und die Hoffart.«

Nicht mehr! Armer Beausire, zwei Todsünden!

»Und mit diesen Fehlern, die ich befriedigen werde, ich der zweideutige Beausire, werde ich mir eine vollkommene Frau gemacht haben.«

Er ging nicht weiter, der Athem war ihm wiedergekehrt.

Er wischte seine Stirne ab, versicherte sich, daß er die hunderttausend Livres noch in seiner Tasche hatte, und wollte, freier an Geist, als an Körper, nachdenken.

Man würde ihn nicht in der Rue de Biarmes suchen, doch man würde ihn suchen. Die Herren von der Gesandtschaft waren nicht die Leute, die gutwillig ihren Antheil an der Beute verloren gaben.

Man würde sich in mehrere Banden theilen und mit einer Haussuchung bei dem Dieb anfangen.

Hierin lag die ganze Schwierigkeit. In diesem Haus wohnte Oliva. Man würde sie von der Sache in Kenntniß setzen, vielleicht mißhandeln; wer weiß, man würde es vielleicht so weit treiben, daß man sie als Geißel nahm.

Warum sollten diese Schufte nicht wissen, daß Oliva die Leidenschaft des Herrn von Beausire war, und wenn sie es wußten, warum sollten sie nicht auf diese Leidenschaft speculiren?

Am Rande dieser zwei tödtlichen Gefahren wäre Beausire beinahe ein Narr geworden.

Die Liebe trug den Sieg davon.

Niemand sollte den Gegenstand seiner Liebe berühren. Er lief wie ein Pfeil nach dem Hause der Rue Dauphine.

Uebrigens hatte er ein unbegrenztes Vertrauen zu der Schnelligkeit seines Laufes; seine Feinde, so behend sie auch waren, konnten ihm nicht zuvorgekommen sein.

Er warf sich indessen in einen Fiaker; dem Kutscher zeigte er einen Sechs-Livres-Thaler, und sagte:

»Nach dem Pont-Neuf!«

Die Pferde liefen nicht, sie flogen.

Der Abend kam.

Beausire ließ sich hinter die Statue Heinrichs IV. führen. Es war dieß ein trivialer Ort zu einem Stelldichein, aber er wurde viel benützt.

Hier streckte er seinen Kopf behutsam zu dem Kutschenschlag hinaus und tauchte mit seinen Blicken in die Rue Dauphine.

Beausire war nicht ganz unbekannt mit den Leuten der Policei; er hatte zehn Jahre damit zugebracht, sie kennen zu lernen, um ihnen geeigneten Ortes und zur geeigneten Zeit auszuweichen.

Er bemerkte auf dem Abhang der Brücke, auf der Seite der Rue Dauphine, zwei in einiger Entfernung von einander stehende Männer, welche ihre Halse gegen diese Straße vorstreckten, um darin irgend ein Schauspiel zu betrachten.

Diese Männer waren Spione. Spione auf dem Pont-Neuf waren nichts Seltenes, denn ein Sprüchwort jener Epoche sagt, um zu jeder Zeit einen Prälaten, ein Freudenmädchen und ein weißes Roß zu sehen, könne man nichts Besseres thun, als über den Pont-Neuf gehen.

Die weißen Rosse aber und die Prälatenkleider und die Freudenmädchen sind stets Beobachtungspunkte für die Leute von der Policei gewesen.

Beausire war nur ärgerlich, nur beengt; er machte sich ganz buckelig, ganz hinkend, um seinen Gang zu verdecken, durchschnitt die Menge und erreichte die Rue Dauphine.

Keine Spur von dem, was er für sich befürchtete. Er erblickte schon das Haus, an dessen Fenstern sich die schöne Oliva, sein Gestirn, häufig zeigte.

Die Fenster waren ohne Zweifel geschlossen, sie ruhte auf dem Sopha, oder las irgend ein schlechtes Buch, oder knusperte an einer Leckerei.

Plötzlich glaubte Beausire den Oberrock eines Soldaten von der Scharwache im Gang gegenüber zu sehen.

Mehr noch, er sah einen am Fenster des kleinen Wohnzimmers erscheinen.

Der Schweiß erfaßte ihn wieder: ein kalter Schweiß; dieser ist ungesund. Ein Zurückweichen war unmöglich; man mußte am Hause vorübergehen.

Beausire hatte diesen Muth; er ging vorüber und betrachtete dieses Haus.

Welch ein Schauspiel!

Ein Gang vollgepfropft mit Fußgängern der Garde von Paris, unter denen man einen ganz schwarz angekleideten Commissär des Chatelet erblickte.

Diese Leute ... der rasche Blick Beausire's sah sie unruhig, verblüfft, aufgebracht. Man hat sie oder man hat sie nicht, die Gewohnheit, in den Gesichtern der Policei zu lesen; hat man sie, wie Beausire, so braucht man keinen doppelten Anlauf zu nehmen, um zu errathen, daß diese Herren ihren Streich verfehlt haben.

Beausire sagte sich, ohne Zweifel, gleichviel wie oder von wem unterrichtet, habe Herr von Crosne Beausire verhaften lassen wollen, habe aber nur Oliva gefunden. Inde irae. Daher der Aerger. Hätte sich Beausire unter gewöhnlichen Umständen befunden, hätte er nicht hunderttausend Livres in seiner Tasche gehabt, so würde er sich sicherlich mitten unter die Alguazils geworfen und wie Nisus gerufen haben: Hier bin ich! hier bin ich! Ich bin es, der Alles gethan hat!

Doch der Gedanke, diese Leute würden seine hunderttausend Livres betasten und sich ihr ganzes Leben lang damit lustig machen; der Gedanke, sein so kühn und fein ausgeführter Handstreich würde nur den Agenten des Policei-Lieutenants Nutzen bringen, siegte über alle Bedenklichkeiten und erstickte jeden Liebeskummer.

»Logik ...« sagte er zu sich selbst, »mache ich, daß man mich festnimmt, mache ich, daß man die hunderttausend Livres nimmt, so nütze ich Oliva nichts ... Ich richte mich zu Grunde. Ich beweise ihr, daß ich sie liebe wie ein Wahnsinniger ... Doch ich verdiente, daß sie zu mir sagt: Du hättest mich weniger lieben und mich retten sollen.

»Wir wollen lieber tüchtig ausgreifen und das Geld in Sicherheit bringen, denn das ist die Quelle von Allem: die Quelle der Freiheit, des Glücks, der Philosophie.«

Nach diesen Worten drückte Beausire die Cassenbillets an sein Herz und fing wieder an nach dem Luxembourg zu laufen. Denn seit einer Stunde ging er nur noch durch den Instinct, und da er Oliva hundertmal im Garten des Luxembourg aufgesucht hatte, so ließ er sich von seinen Beinen dahin tragen.

Für einen Menschen, der so sehr für die Logik eingenommen ist, war dieß ein armseliges Raisonnement.

Die Häscher, welche die Gewohnheiten der Diebe so gut kennen, als Beausire die Gewohnheiten der Häscher kannte, hätten natürlich Beausire im Luxembourg aufgesucht.

Doch der Himmel oder der Teufel hatte beschlossen, Herr von Crosne sollte dießmal nichts mit Beausire zu thun haben.

Kaum wandte sich der Liebhaber Nicole's um die Ecke der Rue Saint-Germain-des-Prés, als er durch einen schönen Wagen, dessen Pferde stolz nach der Rue Dauphine liefen, beinahe niedergeworfen worden wäre. Beausire hatte nur Zeit, mit der den übrigen Europäern unbekannten Pariser Leichtigkeit der Deichsel auszuweichen; allerdings wich er dem Fluche und dem Peitschenhiebe des Kutschers nicht aus; doch ein Eigentümer von hunderttausend Livres verweilt nicht bei den Erbärmlichkeiten eines solchen Ehrenpunktes, besonders wenn er die Compagnien der Etoile und die Garden von Paris auf seinen Fersen hat.

Beausire warf sich also auf die Seite; doch indem er sich bog, sah er in diesem Wagen Oliva und einen sehr schönen Mann, welche eifrig mit einander sprachen. Er stieß einen schwachen Schrei aus, der die Pferde nur noch mehr belebte. Wohl wäre er dem Wagen gefolgt, aber dieser Wagen fuhr in die Rue Dauphine, die einzige Straße von Paris, durch welche Beausire in diesem Augenblick nicht gehen wollte.

Und dann, welche Erscheinung war Oliva, die in dem Wagen saß, – Gespenster, Visionen, Albernheiten, das hieß nicht trübe, sondern doppelt sehen, es hieß Oliva sehen, obschon . ..

Wie sollte sich denn das zusammenräumen? Oliva konnte unmöglich in dem Wagen sitzen, da die Häscher in der Rue Dauphine sie verhafteten.

Moralisch und physisch gehetzt, warf sich der arme Beausire in die Rue des Fossés-Monsieur-le-Prince, erreichte das Luxembourg, durcheilte das schon verödete Quartier und kam vor die Barrière, wo er sich in ein kleines Cabinet flüchtete, dessen Wirthin jede Rücksicht für ihn hatte.

Er quartirte sich in dieser Schenke ein, verbarg seine Billets unter einer Fließe des Zimmers, stellte auf diese Fließe den Fuß seines Bettes und legte sich nieder, wobei er schwitzte und fluchte, aber seine Blasphemien mit Danksagungen gegen Mercur, seine fieberhaften Uebelkeiten mit einem Aufguß von Wein, der mit Zimmet und Zucker gewürzt, vermischte, ein Getränke, das ganz geeignet war, die Transspiration bei der Haut und das Vertrauen im Herzen wiederzubeleben.

Er war fest überzeugt, die Policei würde ihn nicht finden. Er war fest überzeugt, Niemand würde ihn seines Geldes berauben. Er war fest überzeugt, Nicole könne, falls sie verhaftet würde, keines Verbrechens schuldig sein, und die Zeit der ewigen Einsperrungen ohne allen Rechtsgrund sei vorüber.

Er war endlich fest überzeugt, die hunderttausend Livres würden ihm, sollte man Oliva, seine unzertrennliche Gefährtin, zurückbehalten wollen, dazu dienen, sie dem Gefängniß zu entreißen.

Es blieben die Gefährten von der Gesandtschaft; mit ihnen war die Rechnung schwieriger abzumachen.

Doch Beausire hatte die Chicanen vorhergesehen; er ließ sie alle in Frankreich und reiste nach der Schweiz, einem freien und moralischen Lande, sobald Oliva frei war.

Viel von dem, was Beausire, während er seinen Glühwein trank, ausdachte, erfolgte nicht nach seiner Vorhersehung: das stand geschrieben.

Der Mensch hat beinahe immer das Unrecht, sich einzubilden, er sehe die Dinge, wenn er sie nicht sieht. Er hat noch viel mehr Unrecht, sich einzubilden, er habe sie nicht gesehen, wenn er sie wirklich gesehen hat.

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