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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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XXV.

Die Academie des Herrn von Beausire.

Beausire hatte den Rath des blauen Domino buchstäblich genommen und sich an den Ort begeben, den man seine Academie nannte.

Lüstern gemacht durch die ungeheure Zahl von zwei Millionen, hatte der würdige Freund Oliva's ganz besonders bange vor der Art von Ausschließung, die sich seine Collegen dadurch erlaubt, daß sie ihm keine Mittheilung von einem so vortheilhaften Plan machten.

Er wußte, daß man sich unter Leuten von der Academie nicht besonders viel mit Gewissenszweifeln trägt, und das war für ihn ein Grund, sich zu beeilen, denn die Abwesenden haben immer Unrecht, wenn sie aus Zufall abwesend sind, und noch viel mehr, wenn man ihre Abwesenheit benutzen will.

Beausire hatte sich unter den Verbündeten der Akademie einen Ruf als furchtbarer Mann erworben. Das war weder zum Erstaunen, noch schwierig; Beausire war Gefreiter gewesen; er hatte die Uniform getragen; er wußte eine Hand auf die Hüfte, die andere auf das Stichblatt seines Degens zu setzen. Er hatte die Gewohnheit, beim geringsten Wort seinen Hut auf seine Augen niederzudrücken. Lauter Manieren, die für nur mittelmäßig beherzte Leute erschreckend genug sind, besonders wenn diese Leute den Lärmen eines Duells und die Neugierde der Justiz zu fürchten haben.

Beausire gedachte sich also für die Verachtung, die man gegen ihn kundgegeben, dadurch zu rächen, daß er seinen Genossen vom Spielhause der Rue du Pot-de-Fer etwas Angst machen würde.

Von der Porte Saint-Martin bis zur Saint-Sulpice-Kirche ist es weit; doch Beausire war reich; er warf sich in einen Fiaker und versprach dem Kutscher fünfzig Sous, das heißt ein Gnadengeschenk von einem Livre. Die Fahrt bei der Nacht kostete nach dem Tarif jener Zeit, was sie heute bei Tag kostet.

Die Pferde entfernten sich rasch. Beausire verlieh sich ein wüthendes Gesicht, und in Ermangelung eines Hutes, den er nicht hatte, da er einen Domino trug, in Ermangelung des Degens setzte er sich eine Miene zusammen, händelsüchtig genug, um jeden verspäteten Wanderer, der ihm begegnete, zu beunruhigen.

Sein Eintritt in die Academie brachte einen gewissen Eindruck hervor.

Es fanden sich hier im ersten Salon, einem schönen, ganz grauen Salon mit Kronleuchtern und vielen Spieltischen, etwa zwanzig Spieler, welche Bier und Syrup tranken und zähnefletschend sieben bis acht abscheulich geschminkten Weibern zulächelten, welche die Karten anschauten.

Man spielte Pharo am ersten Tisch; die Einsätze waren mager, die Belebtheit nach Maßgabe der Einsätze.

Bei der Ankunft des Domino, der sich an seiner Capuze rieb, während er sich in den Falten des Rockes aufblähte, kicherten einige Weiber, was halb als Spott, halb als Anlockung betrachtet werden konnte. Herr Beausire war ein Schönling und die Damen mißhandelten ihn nicht.

Er trat indessen vor, als ob er nichts gesehen, nichts gehört hätte, und erwartete, sobald er beim Tisch war, stillschweigend eine Erwiderung auf seine schlechte Laune.

Einer der Spieler, ein zweideutiger Finanzmann, dessen Gesicht es nicht an einer gewissen Treuherzigkeit gebrach, war die erste Stimme, welche Beausire ansprach.

»Alle Wetter, Chevalier,« sagte dieser brave Mann, »Sie kommen mit einem sehr verdrießlichen Gesicht vom Ball.«

»Es ist wahr,« sagten die Damen.

»Ei, lieber Chevalier!« rief ein anderer Spieler, »verwundet Sie der Domino am Kopf?«

»Es ist nicht der Domino, was mich verwundet,« antwortete Beausire mit hartem Tone.

»Ah! ah!« sagte der Banquier, der eben ein Dutzend Louisd'or zusammengeschaufelt hatte, »der Herr Chevalier von Beausire hat eine Untreue an uns begangen: sehen Sie nicht, daß er auf dem Opernball gewesen ist? in der Gegend des Opernhauses hat er einen guten Einsatz gefunden und verloren.«

Jeder lachte oder bemitleidete, je nach seinem Character; die Frauen hatten Mitleid.

»Es ist nicht wahr, daß ich eine Untreue an meinen Freunden begangen habe,« entgegnete Beausire, »dazu bin ich unfähig. Eine Untreue, ich! Das taugt für gewisse Leute von meiner Bekanntschaft, Treulosigkeiten gegen ihre Freunde zu begehen.«

Und um seinen Worten mehr Gewicht zu geben, nahm er Zuflucht zu einer Geberde, das heißt, er wollte seinen Hut auf seinen Kopf drücken. Zu seinem Unglück plattete er nur ein Stück Seide, was ihm eine lächerliche Breite gab, so daß er statt einer ernsten Wirkung nur eine komische hervorbrachte.

»Was wollen Sie damit sagen, lieber Chevalier?« fragten einige von den Verbündeten.

»Ich weiß, was ich damit sagen will,« antwortete Beausire.

»Aber das genügt uns nicht,« erwiderte der heitere Alte.

»Das geht Sie nichts an, Sie, mein Herr Finanzmann!« entgegnete Beausire tölpelhaft.

Ein ziemlich ausdrucksvoller Blick belehrte Beausire, seine Phrase sei übel angebracht gewesen. Man durfte in der That in dieser Gesellschaft keine Grenzscheidung zwischen denjenigen, welche bezahlten, und denjenigen, welche das Geld einsackten, vornehmen,

Beausire begriff das, aber er war einmal verrannt; die falschen Beherzten halten schwerer inne, als die erprobten Beherzten.

»Ich glaubte Freunde hier zu haben,« sagte er.

»Ja,« antworteten mehrere Stimmen.

»Wohl! ich habe mich getäuscht.«

»Worin?«

»Darin, daß viele Dinge ohne mich geschehen.«

Ein neues Zeichen vom Banquier, neue Betheuerungen von Seiten derjenigen Verbündeten, welche anwesend waren.

»Es genügt, daß ich es weiß,« versetzte Beausire, »und die falschen Freunde sollen bestraft werden.«

Er suchte den Griff seines Degens, fand aber nichts, als seine Hosentasche, welche voll von Louisd'or war und einen verrätherischen Ton von sich gab.

»Ho! ho!« liefen zwei Damen, »Herr von Beausire ist heute Abend in guter Stimmung.«

»Ja, wohl,« sagte der Banquier hinterhältisch; »mir scheint, daß er, wenn er verloren, nicht Alles verloren hat, und daß, wenn er eine Untreue gegen die Legitimen begangen hat, dieß keine Untreue ohne Umkehr ist. Auf, setzen Sie, lieber Chevalier.«

»Ich danke!« erwiderte Beausire trocken, »da Jeder behält, was er hat, so behalte ich auch.«

»Was Teufels willst Du damit sagen?« flüsterte ihm einer der Spieler in's Ohr.

»Wir werden uns sogleich erklären.«

»Spielen Sie doch!« rief der Banquier.

»Einen einfachen Louisd'or,« sagte eine Dame, indem sie Beausire die Schulter streichelte, um sich so viel als möglich seiner Hosentasche zu nähern.

»Ich spiele nur um Millionen,« sprach Beausire voll Kühnheit, »und wahrhaftig, ich begreife nicht, daß man hier um elende Louisd'or spielt. Millionen!... Auf, meine Herren, da es sich um Millionen handelt, ohne daß man es vermuthet, fort mit den Einsätzen von einem Louisd'or! Millionen, Millionäre!«

Beausire hatte den Augenblick der Exaltation erreicht, der den Menschen über die Grenzen des gemeinen Menschenverstandes hinaustreibt. Eine Trunkenheit, gefährlicher als die vom Weine, belebte ihn. Plötzlich erhielt er von hinten an die Beine einen Stoß, der heftig genug war, daß er sich sogleich unterbrach.

Er wandte sich um und sah an seiner Seite eine große, olivenfarbene, steife, löcherige Figur mit schwarzen Augen, welche leuchteten wie glühende Kohlen.

Auf die zornige Geberde Beausire's antwortete dieser seltsame Mensch durch einen ceremoniösen Gruß, begleitet mit einem Blick so lang wie ein Raufdegen.

»Der Portugiese!« sagte Beausire, erstaunt über diese Begrüßung von Seiten eines Mannes, der ihm so eben einen Stoß gegeben hatte.

»Der Portugiese!« wiederholten die Damen. Und sie verließen Beausire, um den Fremden zu umflattern.

Dieser Portugiese war in der That der Liebling der Damen, denen er unter dem Vorwand, er spreche nicht Französisch, beständig Leckereien brachte, die zuweilen in ein Kassenbillet von fünfzig bis sechzig Livres eingewickelt waren.

Beausire kannte den Portugiesen als einen der Verbündeten. Der Portugiese verlor beständig bei den Stammgästen des Spielhauses. Er bestimmte seine Sätze auf ungefähr hundert Louisd'or in der Woche, und regelmäßig nahmen ihm die Stammgäste seine hundert Louisd'or ab.

Das war der Lockvogel der Gesellschaft. Wahrend er sich hundert goldene Federn ausrupfen ließ, plünderten die andern Genossen die angeköderten Spieler.

Die Verbündeten betrachteten daher den Portugiesen als den nützlichen Mann, die Stammgäste als den angenehmen Mann. Beausire hegte für ihn die stillschweigende Hochachtung, die sich stets an das Unbekannte anschließt, sollte auch das Mißtrauen einen Antheil daran haben.

Beausire, der also den kleinen Fußtritt empfangen, den ihm der Portugiese an die Waden ertheilt hatte, wartete, schwieg und setzte sich.

Der Portugiese nahm beim Spiel Platz, legte zwanzig Louisd'or auf den Tisch, und in zwanzig Coups, die einen Kampf von einer Viertelstunde kosteten, war er von seinen zwanzig Louisd'or durch sechs hungrige Pointeurs befreit, welche einen Augenblick die Krallen des Banquiers und der anderen Genossen vergaßen.

Es schlug drei Uhr Morgens. Beausire leerte vollends ein Glas Bier.

Zwei Bedienten traten ein, der Banquier ließ sein Geld in den doppelten Boden des Tisches fallen, denn die Statuten der Verbindung hatten so sehr das Gepräge des Vertrauens gegen die Mitglieder, daß man nie einem von ihnen die vollständige Verwaltung des Fonds der Gesellschaft übertrug.

Das Geld fiel am Ende der Sitzung durch eine kleine Oeffnung in den doppelten Grund des Tisches, und es war als Nachschrift diesem Artikel der Gesellschaftsstatuten beigefügt, daß der Banquier nie lange Aermel haben dürfe, wie er auch nie Geld bei sich tragen könne.

Was bedeutete, daß man ihm verbot, zwanzig Louisd'or in die Aermel schlüpfen zu lassen, und daß sich die Gesellschaft das Recht vorbehielt, ihn zu durchsuchen, um ihm das Geld wegzunehmen, das er in seine Tasche spazieren zu lassen gewußt hatte.

Die Bedienten, sagen wir, brachten den Mitgliedern der Gesellschaft die Oberröcke, die Mäntel und die Degen; mehrere von den glücklichen Spielern gaben den Damen den Arm; die unglücklichen stiegen in eine Sänfte, was damals in diesen friedlichen Quartieren noch Mode war, und es wurde Nacht im Spielsaal.

Beausire hatte sich zum Schein auch in seinen Domino gehüllt, als wollte er eine ewige Reise antreten; aber er ging nicht über den ersten Stock hinab, sondern kehrte, sobald die Hausthüre wieder geschlossen war, in den Salon zurück, in den auch zwanzig von den Verbündeten zurückgekehrt waren.

»Endlich werden wir uns erklären,« sagte Beausire.

»Zünden Sie Ihre Zuglaterne wieder an und sprechen Sie nicht so laut,« erwiderte kalt und in gutem Französisch der Portugiese, der seinerseits eine auf dem Tisch stehende Laterne ansteckte.

Beausire brummte ein paar Worte, auf die Niemand Acht gab. Der Portugiese setzte sich an den Platz des Banquier. Man untersuchte, ob die Läden, die Vorhänge, die Thüren gut geschlossen seien. Man setzte sich sachte, die Ellenbogen auf dem Tisch, mit einer verzehrenden Neugierde.

»Ich habe eine Mittheilung zu machen,« sagte der Portugiese; »glücklicher Weise bin ich zu rechter Zeit eingetroffen, denn Herrn von Beausire juckt heute Abend die Zunge ganz unmäßig ...«

Beausire wollte aufschreien.

»Friede! Friede!« sagte der Portugiese; »keine verlorenen Worte! Sie haben Worte ausgesprochen, welche mehr als unklug sind. Sie hatten Kenntniß von meinem Gedanken, gut! Sie sind ein Mann von Geist, Sie können ihn errathen haben, doch meiner Ansicht nach darf es die Eitelkeit nie dem Interesse zuvorthun.«

»Ich verstehe nicht.« versetzte Beausire.

»Wir verstehen nicht,« sprach die ehrenwerthe Versammlung.

»Doch wohl: Herr von Beausire wollte beweisen, er habe zuerst das Geschäft gefunden.«

»Welches Geschäft?« fragten die Betheiligten.

»Das Geschäft mit den zwei Millionen!« rief Beausire mit mächtigem Nachdruck.

»Zwei Millionen!« wiederholten die Verbündeten.

»Vor Allem,« fiel hastig der Portugiese ein, »Sie übertreiben; das Geschäft kann sich unmöglich so hoch belaufen, das werde ich Ihnen sogleich beweisen.«

»Niemand weiß hier, was Sie meinen!« rief der Banquier.

»Ja, wir sind aber nichtsdestoweniger ganz Ohr,« fügte ein Anderer bei.

»Sprechen Sie zuerst,« sagte Beausire.

»Das will ich wohl,« erwiderte der Portugiese.

Und er schenkte sich ein Glas Orgeatsyrup ein, das er ruhig trank, ohne etwas an seinem Wesen als eiskalter Mann zu ändern.

»Erfahren Sie,« sprach er, »ich sage es nicht wegen des Herrn von Beausire, daß das Halsband nicht mehr als fünfzehnmal hunderttausend Livres werth ist.«

»Oh! wenn es sich um ein Halsband handelt!« versetzte Beausire.

»Ja, mein Herr, ist das nicht Ihr Geschäft?«

»Vielleicht.«

»Er spielt den Diskreten, nachdem er der Indiscrete gewesen ist.«

Und der Portugiese zuckte die Achseln.

»Zu meinem Bedauern sehe ich Sie einen Ton annehmen, der mir mißfällt.« sprach Beausire mit dem Ausdruck eines Hahns, der sich auf seine Sporen erhebt.

»Mira! mira!« sprach der Portugiese kalt wie Marmor, »Sie werden nachher sagen, was Sie sagen wollen, ich sage vorher, was ich zu sagen habe, und die Zeit drängt, denn Sie müssen wissen, daß der Gesandte spätestens in acht Tagen ankommt.«

»Das wird verwickelt,« dachte die Versammlung, bebend vor Interesse, »das Halsband, die fünfzehnmal hunderttausend Livres, ein Gesandter... was ist das?«

»Vernehmen Sie Alles mit zwei Worten,« sprach der Portugiese. »Die Herren Böhmer und Bossange haben der Königin ein Halsband von Diamanten im Werth von fünfzehnmal hunderttausend Livres anbieten lassen. Die Königin hat es ausgeschlagen. Die Juweliere wissen nicht, was sie damit thun sollen und verbergen es. Sie sind sehr in Verlegenheit, denn dieses Halsband kann nur durch ein königliches Vermögen erkauft werden; nun wohl! ich habe die königliche Person gefunden, die dieses Halsband kaufen und aus dem Kasten der Herren Böhmer und Bossange herausbringen wird.«

»Das ist?« fragten die Verbündeten.

»Es ist meine allergnädigste Gebieterin, die Königin von Portugal.«

Bei diesen Worten warf sich der Portugiese gehörig in die Brust.

»Wir begreifen weniger als je,« sagten die Verbündeten.

»Ich begreife gar nicht mehr,« dachte Beausire.

»Erklären Sie sich rein heraus, mein lieber Herr Manoel,« sagte er, »denn die Privatzwistigkeiten müssen vor dem öffentlichen Interesse weichen. Sie sind der Vater der Idee, ich muß es offenherzig anerkennen. Ich verzichte auf jedes Recht der Vaterschaft, aber um Gottes willen! Seien Sie klar.«

»Gut, gut,« erwiderte Manoel. Und er leerte einen zweiten Napf Orgeat. »Ich will die Frage durchsichtig machen.«

»Wir sind schon sicher, daß ein Halsband von fünfzehnmal hunderttausend Livres existirt,« sagte der Banquier. »Das ist ein wichtiger Punkt.«

»Und dieses Halsband befindet sich im Kasten der Herren Böhmer und Bossange. Das ist der zweite Punkt,« fügte Beausire bei.

»Aber Don Manoel hat gesagt, Ihre Majestät die Königin von Portugal kaufe das Halsband. Das führt uns irre.«

»Es kann doch nichts klarer sein,« versetzte der Portugiese. »Sie brauchen nur meinen Worten Aufmerksamkeit zu schenken. Der Gesandtschaftsposten ist erledigt; es findet ein Interim statt; der neue Gesandte, Herr von Suza, kommt frühestens in acht Tagen.«

»Gut,« sagte Beausire.

»Wer verhindert es, daß dieser Gesandte, den es drängt, Paris zu sehen, in acht Tagen ankommt und sich installiert?«

Die Anwesenden schauten einander mit offenem Munde an.

»Begreifen Sie doch,« rief Beausire lebhaft, »Don Manoel will Ihnen sagen, es könne ein falscher oder ein wahrer Gesandter kommen.«

»Ganz richtig,« fügte der Portugiese bei. »Hätte der Gesandte, der sich einfinden wird, Lust zu dem Halsband für Ihre Majestät die Königin von Portugal, wäre er nicht berechtigt dazu?«

»Bei Gott!« riefen die Anwesenden.

»Und dann unterhandelt er mit den Herren Böhmer und Bossange. Das ist das Ganze.«

»Das Ganze!«

»Nur muß man bezahlen, wenn man unterhandelt hat,« bemerkte der Banquier vom Pharo.

»Oh! bei Gott! ja,« erwiderte der Portugiese.

»Die Herren Böhmer und Bossange werden das Halsband nicht in die Hände eines Gesandten übergehen lassen, und wäre es auch ein ächter Suza, ohne gute Garantien zu haben.«

»O! ich habe wohl an eine Garantie gedacht,« antwortete der zukünftige Gesandte.

»Welche?«

»Der Gesandtschaftsposten ist verlassen, haben wir gesagt?«

»Ja.«

»Es ist nur noch ein Kanzler vorhanden, ein braver Mensch von einem Franzosen, der die portugiesische Sprache so schlecht als irgend Jemand in der Welt spricht und entzückt ist. wenn die Portugiesen Französisch mit ihm sprechen, weil er sich dann nicht plagen muß; wenn die Franzosen Portugiesisch mit ihm reden, weil er glänzt.«

»Nun?« fragte Beausire.

»Nun! meine Herren, wir erscheinen vor diesem braven Mann mit dem ganzen Aeußern der neuen Gesandtschaft.«

»Das Aeußere ist gut.« entgegnete Beausire, »doch die Papiere sind mehr werth.«

»Man wird die Papiere haben,« erwiderte Don Manoel laconisch.

»Es wäre vergeblich zu bezweifeln, daß Don Manoel ein kostbarer Mann ist,« sagte Beausire.

»Sobald das Aeußere und die Papiere den Kanzler von der Identität der Gesandtschaft überzeugt haben, setzen wir uns auf dem Posten fest ...«

»Ho! ho! das ist stark.« unterbrach ihn Beausire.

»Es ist nothwendig!« fuhr der Portugiese fort.

»Es ist ganz einfach,« versicherten die anderen Verbündeten.

»Aber der Kanzler?« warf Beausire ein.

»Wir haben es gesagt: Ueberzeugt.«

»Wäre er zufällig minder gläubig, so würde man ihn zehn Minuten, ehe er zweifelte, entlassen. Ich denke, ein Gesandter hat das Recht, mit seinem Kanzler zu wechseln?«

»Offenbar.«

»Wir sind also Herren der Gesandtschaft, und unsere erste Operation ist, daß wir den Juwelieren Böhmer und Bossange einen Besuch machen.«

»Nein, nein,« entgegnete Beausire lebhaft, »Sie scheinen mir einen Hauptpunkt nicht zu kennen, der mir vollkommen bekannt ist, da ich an den Höfen gelebt habe. Eine Operation, wie Sie es nennen, wird nicht von einem Gesandten vorgenommen, ohne daß er, vor jedem andern Schritt, in feierlicher Audienz empfangen worden ist, und hierin liegt eine Gefahr. Der berüchtigte Riza Bey, der in der Eigenschaft eines Gesandten des Schach von Persien Ludwig XIV. vorgestellt wurde und die Dreistigkeit hatte, Seiner allerchristlichsten Majestät für dreißig Franken Türkisse anzubieten, Riza Bey, sage ich, war sehr stark in der persischen Sprache, und der Teufel soll mich holen, wenn es in Frankreich Gelehrte gab, welche im Stande waren, ihn zu überweisen, er komme nicht von Ispahan. Aber wir würden sogleich erkannt werden. Man würde uns auf der Stelle sagen, wir sprechen das Portugiesische in reinem Gallisch, und zum Vorstellungsgeschenk schickte man uns in die Bastille. Nehmen wir uns in Acht.«

»Ihre Einbildungskraft reißt Sie zu weit fort, lieber College,« sagte der Portugiese, »wir werden uns nicht allen diesen Gefahren entgegenwerfen; wir bleiben jeder in unserm Hotel.«

»Dann wird Herr Böhmer nicht so fest glauben, daß wir Gesandte, daß wir Portugiesen seien, als dieß nothwendig wäre.«

»Herr Böhmer wird begreifen, wir seien mit dem ganz einfachen Auftrag, das Halsband zu kaufen, nach Frankreich gekommen, da der Gesandte gewechselt worden, während wir unter Weges gewesen. Es ist uns nur der Befehl, ihn zu ersetzen, zugestellt worden. Nun, diesen Befehl zeigt man, wenn es sein muß, Herrn Bossange, dann wird man ihn auch wohl dem Herrn Kanzler der Gesandtschaft gezeigt haben; nur muß man bemüht sein, diesen Befehl den Ministern nicht zu zeigen, denn die Minister sind neugierig, sie sind mißtrauisch, sie würden uns mit einer Menge kleiner Einzelnheiten belästigen.«

»Oh! ja,« rief die Versammlung, »setzen wir uns nicht mit dem Ministerium in Verbindung.«

»Verlangen aber die Herren Böhmer und Bossange ...«

»Was?« fragte Manoel.

»Eine Abschlagszahlung,« antwortete Beausire.

»Das würde die Sache verwickelt machen,« sagte der Portugiese verlegen.

»Denn,« fuhr Beausire fort, »denn es ist gebräuchlich, daß ein Gesandter mit Creditbriefen, wenn nicht mit baarem Geld, ankommt.«

»Das ist richtig,« sagten die Verbündeten.

»Die Angelegenheit würde hier scheitern,« fügte Beausire bei.

»Sie finden immer Mittel, das Geschäft scheitern zu machen,« entgegnete Manoel mit einer eisigen Schärfe. »Sie werden keine finden, um es gelingen zu machen.«

»Gerade weil ich solche finden will, erhebe ich Schwierigkeiten,« erwiderte Beausire. »Und... halt, halt, ich finde sie.«

Alle Köpfe näherten sich in einem Kreise.

»In jeder Kanzlei ist eine Casse.«

»Ja, eine Casse und ein Credit.«

»Sprechen wir nicht vom Credit,« erwiderte Beausire; »nichts ist so theuer, um es sich zu verschaffen. Um Credit zu bekommen, müßten wir Pferde, Equipagen, Bediente, Möbel und Geräthe aller Art haben, was die Grundlage jedes möglichen Credits ist. Reden wir von der Casse. Was denken Sie von der Ihrer Gesandtschaft?

»Ich betrachtete meine Gebieterin, Ihre Allergläubigste Majestät, immer als eine herrliche Königin. Sie muß die Dinge gut gemacht haben.«

»Das werden wir sehen; und dann nehmen wir an, es sei nichts in der Casse.«

»Das ist möglich,« sprachen seufzend die Verbündeten.

»Dann gibt es keine Verlegenheit mehr, denn sogleich fragen wir, der Gesandte, die Herren Böhmer und Bossange, wer ihr Correspondent in Lissabon sei, und wir unterzeichnen, stempeln, siegeln ihnen Wechsel auf diesen Correspondenten für die verlangte Summe.«

»Ah! das ist gut,« sagte Don Manoel majestätisch, von der Erfindung eingenommen, »ich war nicht zu den Details hinabgestiegen.«

»Welche köstlich sind,« rief der Banquier vom Pharo, indem er mit der Zunge über seine Lippen hinstrich.

»Nun laßt uns bedacht sein, die Rollen unter uns aufzutheilen,« sprach Beausire. »Ich sehe Don Manoel im Gesandten.«

»Oh! gewiß, ja,« rief im Chor die Versammlung.

»Und ich sehe Herrn von Beausire in meinem Secretär-Dolmetscher,« fügte Don Manoel bei.

»Wie so?« fragte Beausire ein wenig ängstlich.

»Ich darf kein Wort Französisch sprechen, ich, der ich Herr von Suza bin; denn ich kenne ihn, diesen Herrn, und wenn er spricht, was selten vorkommt, so ist es höchstens das Portugiesische, seine Muttersprache. Sie, im Gegentheil, Herr von Beausire, der Sie gereist sind, der Sie eine große Uebung in den Pariser Unterhandlungen haben, der Sie das Portugiesische angenehm sprechen ...«

»Schlecht,« unterbrach Beausire.

»Genug, daß man Sie nicht für einen Pariser hält.«

»Das ist wahr ... Aber ...«

»Und dann,« fügte Don Manoel, sein schwarzes Auge auf Beausire heftend, bei, »den nützlichsten Agenten der größte Vortheil.«

»Gewiß!« sprachen die Verbündeten.

»Abgemacht, ich bin Secretär-Dolmetscher.«

»Sprechen wir sogleich hiervon,« unterbrach der Banquier; »wie wird man die Sache vertheilen?«

»Ganz einfach,« antwortete Don Manoel, »wir sind unser zwölf.«

»Ja, zwölf,« wiederholten die Verbündeten, die sich zählten.

»In Zwölfteln also,« sagte Don Manoel, »mit dem Vorbehalt indessen, daß Gewisse unter uns anderthalb Theile bekommen sollen; ich, zum Beispiel, als Vater der Idee und als Gesandter: Herr von Beausire, weil er den Streich gewittert hatte und von Millionen sprach, als er hierher kam.«

Beausire machte ein Zeichen der Beipflichtung.

»Und endlich auch anderthalb Theile demjenigen, welcher die Diamanten verkaufen wird,« fügte der Portugiese bei.

»Oh!« riefen einstimmig die Verbündeten, »diesem nichts, nichts als einen halben Theil.«

»Warum denn?« fragte Don Manoel erstaunt; »dieser scheint mir viel zu wagen.«

»Ja,« sagte der Banquier, »aber er wird die Weinkäufe, die Prämien, die Rimessen bekommen, wodurch ihm ein herrliches Stück zufällt.«

Alle lachten; diese ehrlichen Leute verstanden sich vortrefflich.

»So ist also die Hauptsache geordnet,« sprach Beausire, »morgen die einzelnen Punkte, es ist spät.«

Er dachte an Oliva, welche auf dem Ball allein mit dem blauen Domino geblieben war, für den, so leicht er auch Louisd'or verschenkte, der Liebhaber von Nicole sich nicht durch ein blindes Vertrauen eingenommen fühlte.

»Nein, nein, endigen wir sogleich,« riefen die Verbündeten, »was sind die einzelnen Punkte?«

»Ein Reisewagen mit dem Wappen von Suza,« antwortete Beausire.

»Das Malen und besonders das Trocknen wird zu viel Zeit kosten,« entgegnete Manoel.

»Ein anderes Mittel also,« rief Beausire. »Der Wagen des Herrn Gesandten wird unter Weges gebrechen und er genöthigt gewesen sein, den seines Secretärs zu nehmen.«

»Sie haben also einen Wagen, Sie?« fragte der Portugiese.

»Ich habe den ersten besten.«

»Aber Ihr Wappen?«

»Das erste beste.«

»Oh! das vereinfacht Alles. Viel Staub, viele Kothspritzer auf den Feldern bei der Stelle, wo das Wappen angebracht ist, und der Kanzler wird nichts sehen, als Staub und Kothspritzer.«

»Aber der übrige Theil der Gesandtschaft?« fragte der Banquier.

»Wir kommen am Abend an, das ist bequemer für ein Debüt, und Sie, Sie treffen am andern Morgen ein, wenn wir schon Alles vorbereitet haben.«

»Sehr gut!«

»Jeder Gesandte braucht, außer seinem Secretär, einen Kammerdiener,« bemerkte Manoel, »eine delicate Function.«

»Mein Herr Commandeur,« sprach der Banquier, indem er sich an einen der Schlauköpfe wandte, »Sie werden die Rolle des Kammerdieners übernehmen.«

Der Commandeur verbeugte sich.

»Und die Gelder für die Einkäufe?« sagte Don Manoel; »ich bin auf dem Trockenen.«

»Ich habe Geld,« sprach Beausire, »aber es gehört meiner Geliebten.«

»Wie viel ist in der Casse?« fragten die Verbündeten.

»Ihre Schlüssel, meine Herren,« rief der Banquier.

Jeder von den Verbündeten zog aus seiner Tasche ein Schlüsselchen, das einen der zwölf Riegel öffnete, mit denen der doppelte Grund des trefflichen Tisches verschlossen war, so daß in dieser ehrlichen Gesellschaft keiner die Casse ohne die Erlaubniß seiner elf Collegen untersuchen konnte.

Man schritt zur Beurkundung.

»Hundert und achtundneunzig Louisd'or außer dem Reservefonds,« sagte der Banquier, der überwacht worden war.

»Geben Sie diese Summe Herrn von Beausire und mir,« sprach Manoel, »das ist nicht zu viel.«

»Geben Sie uns zwei Drittel, lassen Sie das übrige Drittel dem Rest der Gesandtschaft,« sprach Beausire mit einer Großmuth, durch die er alle Stimmen für sich gewann.

»Auf diese Art bekommen Don Manoel und Beausire hundert und zweiunddreißig Louisdor, und sechsundsechzig bleiben für die Andern.«

Man trennte sich, nachdem man sich auf den andern Tag Rendez-vous gegeben hatte; Beausire rollte hastig seinen Domino unter seinen Arm und lief nach der Rue Dauphine, wo er Mlle. Oliva im Besitz alles dessen, was sie an alten Tugenden und neuen Louisd'or hatte, wiederzufinden hoffte.

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