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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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projectid2d71c580
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XL.

Ein doppelter Ehrgeiz, der für eine doppelte Liebe gelten will.

Jeanne war auch Weib, und zwar ohne Königin zu sein.

Daraus ging hervor, daß Jeanne, als sie kaum in ihrem Wagen saß, diesen schönen Palast von Versailles, dieses reiche und glänzende Ameublement mit ihrem vierten Stock in der Rue Saint-Gilles, diese prächtigen Lakaien mit ihrer alten Magd verglich.

Aber sogleich wieder verschwanden die demüthige Mansarde und die alte Magd im Schatten der Vergangenheit, wie eine jener Visionen, die, da sie nicht mehr bestehen, nie bestanden haben, und Jeanne sah ihr kleines Haus im Faubourg Saint-Antoine, so anmuthig, so comfortabel, wie man in unsern Tagen sagen würde, mit Lakaien, an deren Livreen weniger Stickereien sichtbar waren, als an denen von Versailles, die sich aber darum nicht minder ehrerbietig und gehorsam benahmen.

Dieses Haus und diese Lakaien, das war ihr Versailles; sie war hier nicht minder Königin, als Marie Antoinette, und wenn sie Wünsche aussprach, so wurden sie, vorausgesetzt, daß sie dieselben nicht auf das Nothwendige, sondern auf das Vernünftige zu beschränken wußte, eben so rasch erfüllt, als hätte sie den Scepter in der Hand gehalten.

Darum kehrte Jeanne mit glatter Stirne und einem Lächeln auf den Lippen nach ihrem Hause zurück.

Es war noch früh, sie nahm Papier, eine Feder und Tinte, schrieb ein paar Zeilen, legte sie in einen feinen parfümirten Umschlag, schrieb eine Adresse und läutete.

Kaum hatte der letzte Schall der Glocke vibrirt, als die Thüre sich öffnete und ein Bedienter auf der Schwelle stehend wartete.

»Ich hatte Recht,« murmelte Jeanne, »die Königin ist nicht besser bedient.«

Dann streckte sie die Hand aus und sprach:

»Diesen Brief an Monseigneur Cardinal von Rohan.«

Der Lakai schritt herbei, nahm das Billet und entfernte sich wieder, ohne ein Wort zu sagen, mit dem stummen Gehorsam der Diener von gutem Hause.

Die Gräfin versank in eine tiefe Träumerei, eine Träumerei, die nicht neu war, sondern eine Fortsetzung der auf der Straße begonnenen bildete.

Es waren nicht fünf Minuten vergangen, als man an die Thüre klopfte.

»Herein!« sagte Frau von La Mothe.

Derselbe Lakai erschien.

»Nun?« fragte Frau von La Mothe mit einer leichten Bewegung der Ungeduld, als sie sah, daß ihr Befehl noch nicht vollzogen war.

»In dem Augenblick, wo ich wegging, um den Befehl der Frau Gräfin zu vollziehen, klopfte Monseigneur an die Thüre,« meldete der Lakai. »Ich sagte ihm, ich gehe nach seinem Hotel. Er nahm den Brief der Frau Gräfin, las ihn, sprang aus seinem Wagen, trat ein und rief mir zu:

»Es ist gut, melde mich.«

»Weiter?«

»Monseigneur ist da und wartet, daß ihm die gnädige Frau einzutreten erlaube.«

Ein leichtes Lächeln umschwebte die Lippen der Gräfin. Nach zwei Secunden sprach sie mit einem klaren Ausdruck der Befriedigung:

»Lassen Sie ihn eintreten.«

War der Zweck dieser zwei Secunden, einen Kirchenfürsten in ihrem Vorzimmer warten zu lassen, oder bedurfte Frau von La Mothe derselben, um ihren Plan zu vollenden? Der Prinz erschien auf der Schwelle. Als sie nach Hause zurückkehrte, als sie den Cardinal holen ließ, als sie eine so große Freude darüber empfand, daß der Cardinal da war, hatte Jeanne also einen Plan?

Ja, denn einem jener Irrwische ähnlich, welche ein ganzes Thal mit seinen düsteren Abhängen beleuchten, hatte diese Phantasie einer Königin und eines Weibes besonders vor den Blicken der intriganten Gräfin alle Falten einer Seele geöffnet, die zu hoffärtig war, um sie mit großer Vorsicht zu verbergen.

Der Weg von Versailles nach Paris war weit; und macht man ihn Seite an Seite mit dem Dämon der Gierde, so hat dieser Zeit, uns die kühnsten Berechnungen zuzuflüstern.

Jeanne fühlte sich trunken von der auf dem weißen Atlas des Etui der Herren Böhmer und Bossange prangenden Zahl: fünfzehnmal hunderttausend Livres.

Fünfzehnmal hunderttausend Livres, war dieß nicht in der That ein fürstliches Vermögen, besonders für die arme Bettlerin, die noch einen Monat zuvor die Hand nach den Almosen der Reichen ausstreckte?

Es war allerdings eine größere Entfernung von der Jeanne von Valois der Rue Saint-Gilles zur Jeanne von Valois des Faubourg Saint-Antoine, als von der Jeanne von Valois des Faubourg Saint-Antoine bis zur Jeanne von Valois als Besitzerin des Halsbandes.

Sie hatte also schon mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt, der zum Vermögen führte.

Und dieses Vermögen, nach dem Jeanne begehrte, war keine Illusion, wie das Wort eines Vertrages, wie ein Grundbesitz, allerdings Sachen vom ersten Werth, denen sich aber notwendig die Intelligenz des Geistes oder der Augen beifügen muß.

Nein, dieses Halsband war etwas ganz Anderes, als ein Vertrag oder ein Landgut; dieses Halsband war das sichtbare Vermögen; es war auch da, immer da vor ihr, brennend, blendend, bezaubernd; und da die Königin es zu besitzen wünschte, so konnte Jeanne von Valois schon davon träumen; da die Königin desselben zu entbehren wußte, so konnte Frau von La Mothe ihren Ehrgeiz wohl hierauf beschränken.

Tausend unbestimmte Ideen, diese seltsamen Gespenster mit den wolkigen Umrissen, von denen der Dichter Aristophanes sagte, sie verähnlichen sich mit dem Menschen, tausendfacher Neid, tausendfache Wuth, zu besitzen, nahmen für Jeanne auf dem Wege von Versailles nach Paris die Form von Wölfen, von Füchsen und geflügelten Schlangen an.

Der Cardinal der diese Träume verwirklichen sollte, unterbrach sie, indem er durch seine unerwartete Gegenwart dem Wunsch der Frau von La Mothe ihn zu sehen entgegenkam.

Er hatte auch seine Träume, er hatte auch seinen Ehrgeiz, den er unter einer Maske von Eifer, unter einem Anschein von Liebe verbarg.

»Ah! theure Jeanne,« sagte er, »Sie sind es, Sie sind mir in der That so nothwendig geworden, daß sich mein ganzer Tag bei dem Gedanken, Sie seien fern von mir, verfinsterte. Sie sind doch wenigstens gesund von Versailles zurückgekommen?«

»Wie Sie sehen, Monseigneur.«

»Und zufrieden?«

»Entzückt.«

»Die Königin hat Sie also empfangen?«

»Sogleich bei meiner Ankunft wurde ich bei ihr eingeführt.«

»Sie haben Glück; nach Ihrer triumphirenden Miene wette ich, daß Sie die Königin gesprochen.«

»Ich habe ungefähr drei Stunden im Cabinet Ihrer Majestät zugebracht.«

Der Cardinal bebte, und es fehlte nicht viel, daß er ausgerufen hätte:

»Drei Stunden!«

Doch er bewältigte sich..

»Sie sind in der That eine Zauberin, und Niemand vermöchte Ihnen zu widerstehen.«

»Oh ho! Sie übertreiben, mein Prinz.«

»Nein, wahrhaftig nicht; und Sie sagen, Sie seien drei Stunden bei der Königin geblieben?«

Jeanne machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopf.

»Drei Stunden,« wiederholte der Cardinal lächelnd, »wie viele Dinge kann eine Frau von Geist in drei Stunden nicht sagen!«

»Oh! Monseigneur, ich stehe Ihnen dafür, daß ich meine Zeit nicht verloren habe.«

»Ich wette,« versetzte der Cardinal, »während dieser drei Stunden haben Sie nicht eine Minute an mich gedacht.«

»Undankbarer!«

»Wahrhaftig!« rief der Cardinal.

»Ich habe mehr gethan, als an Sie gedacht.«

»Was haben Sie gethan?«

»Ich habe von Ihnen gesprochen.«

»Von mir gesprochen und mit wem?« fragte der Prälat, dessen Herz zu pochen anfing, mit einer Stimme, deren Erschütterung er mit seiner ganzen Selbstbeherrschung nicht zu verbergen vermochte.

»Mit wem anders als mit der Königin!«

Indem sie diese für den Cardinal so kostbaren Worte sprach, hatte Jeanne die Kunst, dem Prinzen nicht in's Gesicht zu schauen, als ob sie sich wenig um die Wirkung bekümmerte, die sie hervorbringen mußten.

Herr von Rohan zitterte.

»Ah!« sagte er, »lassen Sie hören, liebe Gräfin, erzählen Sie mir das. In der That, ich interessire mich so sehr für das, was Ihnen begegnet, daß Sie mir nicht den geringsten Umstand verschweigen sollen.«

Jeanne lächelte; sie wußte, was den Cardinal interessirte, eben so gut, als er selbst.

Doch da diese umständliche Erzählung zum Voraus in ihrem Geiste festgestellt war, da sie dieselbe von selbst zum Besten gegeben haben würde, wenn der Cardinal sie nicht darum gebeten hätte, so fing sie langsam an, und ließ sich jede Sylbe herausziehen; sie erzählte die ganze Zusammenkunft, das ganze Gespräch; sie hob bei jedem Wort den Beweis hervor, daß sie durch einen jener günstigen Zufälle, welche das Glück der Höflinge bilden, in Versailles zu einem der seltsamen Vorfälle geführt worden war, die an einem einzigen Tag eine Fremde zu einer beinahe unentbehrlichen Freundin machen. Jeanne war in der That an einem Tag in alles Unglück der Königin, in alle Ohnmacht des Königthums eingeweiht worden.

Herr von Rohan schien von der Erzählung nur das aufzufassen und zu behalten, was die Königin zu Gunsten von Jeanne gesagt hatte.

Jeanne legte in ihrer Erzählung nur auf das Nachdruck, was die Königin zu Gunsten von Herrn von Rohan gesagt hatte.

Die Erzählung war kaum beendigt, als derselbe Lakai eintrat und meldete, das Abendbrod sei aufgetragen.

Jeanne lud den Cardinal mit einem Blick ein. Der Cardinal nahm mit einem Zeichen an.

Er gab der Gebieterin des Hauses, die sich so schnell daran gewöhnt, die Honneurs desselben zu machen, den Arm und ging in das Speisezimmer.

Als das Abendbrod beendigt war, als der Prälat mit langen Zügen die Hoffnung und die Liebe aus den zwanzigmal wieder aufgenommenen und zwanzigmal von der Zauberin abgebrochenen Erzählungen getrunken hatte, war er genöthigt, endlich mit dieser Frau zu rechnen, welche die Herzen der betheiligten Mächte in ihren Händen hielt.

Denn er bemerkte mit einem Erstaunen, das an Schrecken grenzte, daß sie, statt sich geltend zu machen, wie jede Frau, die man aufsucht und deren man bedarf, seinen Wünschen mit einer Holdseligkeit entgegenkam, welche sehr verschieden war von dem weiblichen Stolze beim letzten Abendbrod, das man an demselben Platz und in demselben Hause eingenommen.

Jeanne machte dießmal die Honneurs als eine Frau, die nicht nur sich selbst, sondern auch Andere zu beherrschen weiß. Keine Verlegenheit in ihrem Blick, keine Zurückhaltung in ihrer Stimme. Hatte sie nicht, um diese hohen Lectionen in der Aristocratie zu nehmen, den ganzen Tag die Blüthe des französischen Adels besucht? hatte nicht eine Königin ohne ihres Gleichen sie meine liebe Gräfin genannt? Unterjocht von dieser Erhabenheit, machte der Cardinal, selbst ein erhabener Mann, nicht einmal einen Versuch zu widerstehen.

»Gräfin,« sagte er, indem er sie bei der Hand nahm, »es sind zwei Frauen in Ihnen.«

»Wie so?« fragte die Gräfin.

»Die von gestern und die von heute.«

»Und welche zieht Eure Eminenz vor?«

»Ich weiß es nicht. Nur ist die von heute Abend eine Armida, eine Circe, etwas Unwiderstehliches.«

»Und dem zu widerstehen Sie hoffentlich nicht versuchen werden, Monseigneur, so sehr Sie auch Prinz sind?«

Der Prinz glitt von seinem Stuhle herab und fiel vor Frau von La Mothe auf die Kniee.

»Sie verlangen ein Almosen?« fragte sie.

»Und ich erwarte, daß Sie es mir geben.«

»Ein Tag der Freigebigkeit,« erwiderte Jeanne; »die Gräfin von Valois hat ihren Rang eingenommen, sie ist eine Frau vom Hofe; binnen Kurzem wird sie unter den stolzesten Damen des Hofes zählen; sie kann folglich ihre Hand öffnen und reichen, wem es ihr gutdünkt.«

»Selbst einem Prinzen?« fragte Herr von Rohan.

»Selbst einem Cardinal,« erwiderte Jeanne.

Der Cardinal drückte einen langen, brennenden Kuß auf diese hübsche, widerspenstige Hand; dann, nachdem er mit den Augen den Blick und das Lächeln der Gräfin befragt, stand er auf, ging in das Vorzimmer und sagte ein paar Worte zu seinem Läufer.

Zwei Minuten nachher hörte man das Geräusch eines Wagens, der sich entfernte.

Die Gräfin schaute empor.

»Meiner Treue, Gräfin,« sprach der Cardinal, »ich habe meine Schiffe verbrannt.«

»Dabei ist kein großes Verdienst, da Sie im Hafen sind,« erwiderte die Gräfin.

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