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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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projectid2d71c580
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XXXVIII.

Herr von Crosne.

Herr von Crosne, der ein sehr höflicher Mann war, befand sich in höchster Verlegenheit seit der Erklärung des Königs und der Königin.

Es ist nichts so Leichtes um die vollkommene Kenntniß aller Geheimnisse einer Frau, besonders wenn diese Frau die Königin ist und man den Auftrag hat, die Interessen der Krone zu wahren und über einem Rufe zu wachen.

Herr von Crosne fühlte, daß er das ganze Gewicht des Zornes einer Frau und der Entrüstung einer Königin tragen sollte; doch er war muthig in seiner Pflicht verschanzt, und seine wohlbekannte Höflichkeit mußte ihm als Panzer dienen, um die ersten Streiche zu schwächen.

Er trat gemächlich, mit einem Lächeln auf den Lippen ein.

Die Königin lächelte nicht.

»Oh! Herr von Crosne,« sagte sie, »nun ist die Reihe der Erklärungen an uns.«

»Ich bin zu den Befehlen Eurer Majestät.«

»Sie müssen die Ursache von Allem dem, was mir begegnet, wissen, Herr Policei-Lieutenant.«

Herr von Crosne schaute mit einer etwas ängstlichen Miene umher.

»Seien Sie unbesorgt,« fuhr die Königin fort, »Sie kennen vollkommen diese zwei Damen; Sie kennen die ganze Welt.«

»So ungefähr,« erwiderte der Beamte; »ich kenne die Personen, ich kenne die Wirkungen, aber ich kenne die Ursachen dessen nicht, wovon Eure Majestät spricht.«

»Ich werde also das Mißvergnügen haben, sie Ihnen zu offenbaren,« sagte die Königin, ärgerlich über diese Ruhe des Policei-Lieutenant. »Es ist klar, daß ich Ihnen mein Geheimniß, wie dieß gewöhnlich der Brauch ist, leise oder beiseit mittheilen könnte; aber ich bin dahin gekommen, mein Herr, daß ich immer den hellen Tag und die volle Stimme vorziehe. Wohl denn! ich schreibe die Wirkungen, Sie nennen das so, ich schreibe die Wirkungen, über die ich mich beklage, dem schlechten Benehmen einer Person zu, die mir gleicht, und die sich überall, wo Sie selbst oder Ihre Agenten mich zu sehen glauben, zur Schau stellt.«

»Eine Ähnlichkeit!« rief Herr von Crosne, zu sehr beschäftigt, den Angriff der Königin auszuhalten, um die vorübergehende Unruhe Jeanne's und den Ausruf Andrée's zu bemerken.

»Würden Sie diese Annahme für unmöglich halten, Herr Policei-Lieutenant? Würden Sie lieber glauben, ich täusche mich oder ich hintergehe Sie?«

»Madame, ich sage das nicht; wie groß aber auch die Ähnlichkeit zwischen jener Frau und Eurer Majestät sein mag, so besteht doch noch ein solcher Unterschied, daß kein geübtes Auge sich täuschen kann.«

»Man kann sich täuschen, mein Herr, da man sich täuscht.«

»Und ich würde Eurer Majestät ein Beispiel liefern,« sagte Andrée.

»Als wir mit meinem Vater in Taverney-Maison-Rouge wohnten, hatten wir ein Dienstmädchen, das durch eine seltsame Bizarrerie ...«

»Mir glich.«

»Ja, Eure Majestät, es war zum Täuschen.«

»Und was ist aus diesem Mädchen geworden?«

»Wir wußten nicht, in welchem Grade der Geist Eurer Majestät edel und erhaben ist; mein Vater fürchtete, diese Aehnlichkeit könnte der Königin mißfallen, und als wir in Trianon waren, verbargen wir das Mädchen vor den Augen des ganzen Hofes.«

»Sie sehen wohl, Herr von Crosne. Ah! ah! das interessirt Sie.«

»Ungemein, Madame.«

»Hernach, meine liebe Andrée?«

»Dieses Mädchen, ein unruhiger, ehrgeiziger Geist, langweilte sich, daß es so abgeschlossen war; es machte ohne Zweifel eine schlechte Bekanntschaft, und eines Abends, bei meinem Schlafengehen, war ich erstaunt, die Dienerin nicht mehr zu sehen. Man suchte sie. Nichts! Sie war verschwunden.«

»Sie hatte Sie wohl ein wenig bestohlen, meine Liebe?«

»Nein, Madame, ich besaß nichts.«

Jeanne hatte diesem Gespräch mit einer leicht begreiflichen Aufmerksamkeit zugehört.

»Sie wußten dieß Alles also nicht, Herr von Crosne?« fragte die Königin.

»Nein, Madame.«

»Es gibt also eine Frau, deren Aehnlichkeit mit mir auffallend ist; und Sie wissen es nicht? Ein Ereigniß dieser Art kommt im Königreich vor, es veranlaßt ernste Unordnungen, und Sie sind nicht zuerst von diesem Ereigniß unterrichtet? Ah! mein Herr, gestehen Sie, die Policei ist sehr schlecht bestellt.«

»Ich versichere Sie, nein, Madame,« erwiderte der Beamte. »Es steht dem großen Haufen frei, die Functionen eines Policei-Lieutenant bis zu den Functionen eines Gottes zu erheben. Aber Eure Majestät, die hoch über mir in dem irdischen Olymp thront, weiß wohl, daß die Beamten des Königs nur Menschen sind; ich befehle den Ereignissen nicht. Es gibt so seltsame Ereignisse, daß der menschliche Geist kaum genügt, um sie zu begreifen.«

»Mein Herr, wenn ein Mensch alle möglichen Gewalten erhalten hat, um bis in die Gedanken von seines Gleichen einzudringen, wenn er nebst den Agenten Spione bezahlt, wenn er mittelst seiner Spione Alles sehen kann, sogar die Geberden, die ich vor dem Spiegel mache, wenn dieser Mann nicht der Herr der Ereignisse ist ...«

»Madame, als Eure Majestät die Nacht außer ihrer Wohnung zubrachte, habe ich es erfahren. War meine Policei gut bestellt? Ja, nicht wahr? An diesem Tage hat Eure Majestät diese Dame hier, in der Rue Saint-Claude, im Marais, besucht. Das geht mich nichts an. Als Sie bei der Mesmerschen Kufe erschienen, waren Sie, glaube ich, wohl dahin gegangen; meine Policei war gut bestellt, da meine Agenten Sie gesehen haben. Als Sie in's Opernhaus gingen ...«

Die Königin hob lebhaft den Kopf empor.

»Lassen Sie mich sprechen, Madame. Ich sah Sie, wie der Herr Graf von Artois Sie gesehen hat. Täuschte sich der Schwager in den Zügen der Schwägerin, so wird sich noch viel mehr ein Agent täuschen, der einen kleinen Thaler per Tag bezieht. Der Agent hat Sie zu sehen geglaubt, er hat es gesagt. Werden Sie auch behaupten, meine Agenten haben nicht gut die Sache des Zeitungsschreibers Reteau verfolgt, der von Herrn von Charny so schön gestriegelt worden ist?«

»Von Herrn von Charny?« riefen gleichzeitig Andrée und die Königin.

»Das Ereigniß ist nicht alt, Madame, und die Stockschläge sind noch warm auf den Schultern des Zeitungsschreibers. Das ist eines der Abenteuer, die den Triumph des Herrn von Sartines, meines Vorgängers, bildeten, wenn er sie dem seligen König oder der Favoritin in seiner geistreichen Weise erzählte.«

»Herr von Charny hat sich mit diesem Elenden eingelassen?«

»Ich habe es nur durch meine so verleumdete Policei erfahren, und Sie werden zugeben, daß es einigen Scharfsinnes für diese Policei bedurfte, um das Duell zu entdecken, das auf diese Angelegenheit folgte.«

»Ein Duell des Herrn von Charny! Herr von Charny hat sich geschlagen!« rief die Königin.

»Mit dem Zeitungsschreiber?« fragte hastig Andrée.

»Oh! nein, meine Damen; der so geschlagene Zeitungsschreiber hätte Herrn von Charny den Degenstich nicht gegeben, in Folge dessen es ihm in Ihrem Vorzimmer übel geworden ist.«

»Verwundet! er ist verwundet!« rief die Königin. »Verwundet! wann? wie? Ganz gewiß, Sie irren sich, Herr von Crosne.«

»Oh! Madame, Eure Majestät findet mich oft genug schlecht unterrichtet, um mir dießmal zuzugeben, daß ich es nicht bin.«

»So eben war er hier.«

»Ich weiß es wohl.«

»Oh! ich habe wohl gesehen, daß er litt,« sagte Andrée.

Diese Worte sprach sie auf eine Weise, daß die Königin die Feindseligkeit bemerkte und sich rasch umwandte.

Der Blick der Königin war ein Gegenstoß, den Andrée kräftig aushielt.

»Was sagen Sie?« sprach Marie Antoinette. »Sie bemerkten, daß Herr von Charny litt, und Sie haben es nicht gesagt?«

Andrée antwortete nicht. Jeanne wollte der Günstlingin, aus der man sich eine Freundin machen mußte, zu Hilfe kommen und sprach:

»Ich habe auch zu bemerken geglaubt, daß sich Herr von Charny nur mit Mühe während der Zeit, die Ihre Majestät mit ihm zu reden die Gnade hatte, aufrecht hielt.«

»Nur mit Mühe, ja,« sagte die stolze Andrée, die der Gräfin nicht einmal mit dem Blick dankte.

Herr von Crosne, er, den man befragte, schlürfte mit Wohlbehagen seine Beobachtungen über die drei Frauen ein, von denen keine, Jeanne ausgenommen, daran dachte, daß sie vor einem Policei-Lieutenant saß.

Endlich fragte die Königin:

»Mein Herr, mit wem und warum hat sich Herr von Charny geschlagen?«

Während dieser Zeit konnte Andrée wieder Haltung gewinnen.

»Mit einem Edelmanne, der ... Aber, mein Gott! Madame, das ist jetzt sehr unnütz. Die zwei Gegner leben zu dieser Stunde im besten Einvernehmen, da sie so eben noch vor Eurer Majestät mit einander sprachen.«

»Vor mir ... hier?«

»Hier ... von wo der Sieger vor ungefähr zwanzig Minuten zuerst weggegangen ist.«

»Herr von Taverney!« rief die Königin mit einem Blitze der Wuth in den Augen.

»Mein Bruder!« murmelte Andrée, die es sich zum Vorwurfe machte, daß sie selbstsüchtig genug gewesen, um nicht Alles zu begreifen.

»Ich glaube in der That, daß Herr von Taverney es war, mit dem sich Herr von Charny geschlagen hat,« sagte Herr von Crosne.

Die Königin schlug heftig die Hände an einander, was bei ihr das Anzeichen ihres heißesten Zornes war.

»Das ist unschicklich ... unschicklich,« sagte sie. »Wie! ... man bringt die Sitten von America nach Versailles ... Oh! nein, darein werde ich mich nicht fügen.«

Andrée neigte das Haupt, Herr von Crosne ebenfalls.

»Weil man mit Herrn Lafayette und Herrn Wasington,« die Königin affectirte, diesen Namen auf französische Art auszusprechen, »weil man mit diesen Herren herumgelaufen ist, will man meinen Hof in einen Turnierplatz des sechszehnten Jahrhunderts verwandeln; nein, abermals nein! Andrée, Sie mußen wissen, daß sich Ihr Bruder geschlagen hat!«

»Ich erfahre es so eben,« erwiderte Andrée.

»Warum hat er sich geschlagen?«

»Wir hätten dieß Herrn von Charny fragen können, der sich mit ihm geschlagen hat,« versetzte Andrée bleich und mit leuchtenden Augen.

»Ich frage nicht,« entgegnete die Königin hochmüthig, »ich frage nicht, was Herr von Charny gethan hat, sondern was Herr Philipp von Taverney gethan?«

»Hat sich mein Bruder geschlagen, so konnte das nicht gegen den Dienst Eurer Majestät sein,« erwiderte das Mädchen mit langsamer Betonung jedes Wortes.

»Wollen Sie damit sagen, Herr von Charny habe sich nicht für meinen Dienst geschlagen, mein Fräulein?«

»Ich habe die Ehre, Eurer Majestät zu bemerken,« sagte Andrée mit demselben Tone, »daß ich mit der Königin nur von meinem Bruder, und von keinem Andern rede.«

Marie Antoinette hielt sich ruhig. Damit ihr das gelang, bedurfte sie der ganzen Stärke, deren sie fähig war.

Sie stand auf, ging im Zimmer auf und ab, stellte sich, als schaute sie in den Spiegel, nahm einen Band aus einem lackirten Fachkasten, durchlief sieben bis acht Zeilen und warf ihn dann weg.

»Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte sie zu dem Beamten, »Sie haben mich überzeugt. Mein Kopf war ein wenig in Verwirrung durch alle diese Muthmaßungen, durch alle diese Berichte. Ja, die Policei ist sehr gut bestellt, mein Herr, doch ich bitte Sie, denken Sie an die Aehnlichkeit, von der ich gesprochen, nicht wahr? Adieu!«

Sie reichte ihm die Hand mit einer erhabenen Anmuth, und er entfernte sich doppelt glücklich und zehnfach unterrichtet.

Andrée fühlte die Nuance des Wortes: Adieu; sie machte eine lange und feierliche Verbeugung.

Die Königin sagte ihr nachlässig, aber ohne scheinbaren Groll, guten Tag.

Jeanne verbeugte sich wie vor einem heiligen Altar und schickte sich an, Abschied zu nehmen.

Frau von Misery trat ein.

»Madame,« sagte sie zur Königin, »hat Eure Majestät nicht den Herren Böhmer und Bossange Audienz bewilligt?«

»Ah! es ist wahr, meine gute Misery, es ist wahr. Sie mögen eintreten. Bleiben Sie noch, Frau von La Mothe; der König soll einen vollständigeren Frieden mit Ihnen schließen.«

Indem sie dieses sagte, belauerte die Königin in einem Spiegel den Ausdruck des Gesichtes von Andrée, welche langsam auf die Thüre des großen Cabinets zuging.

Durch diese Begünstigung der Neuangekommenen wollte sie vielleicht ihre Eifersucht reizen.

Andrée verschwand unter den Flügeln des Thürvorhangs; sie hatte weder eine Miene verzogen, noch gebebt.

»Stahl! Stahl!« rief die Königin seufzend. »Ja, Stahl, alle diese Taverney, aber auch Gold.«

»Ah! guten Morgen, meine Herren Juweliere. Was bringen Sie mir Neues? Sie wissen wohl, daß ich kein Geld habe.«

 

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