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Das Halsband der Königin - 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 2 - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 2
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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XXXVII.

Ein Alibi.

Herr von Charny trat, etwas bleich, aber aufrecht und ohne ein scheinbares Leiden ein.

Beim Anblick dieser hohen Gesellschaft nahm er die achtungsvolle und steife Haltung des Weltmannes und des Soldaten an.

»Nehmen Sie sich in Acht, meine liebe Schwägerin,« sagte der Graf von Artois leise zur Königin, »mir scheint, Sie befragen viele Leute.«

»Mein Schwager, ich werde die ganze Welt befragen, bis es mir gelingt, Einen zu treffen, der mir sagt, daß Sie sich getäuscht haben.«

Mittlerweile hatte Charny Philipp gesehen und diesen höflich begrüßt.

»Sie sind ein Henker Ihrer Gesundheit.« sagte Philipp leise zu seinem Gegner. »Verwundet ausgehen! wahrhaftig, Sie wollen sterben!«

»Man stirbt nicht daran, daß man sich an einem Strauch im Bois de Boulogne geritzt hat,« erwiderte Charny, glücklich, seinem Feinde einen moralischen Stich zu geben, welcher wohl schmerzlicher war als der vom Degen.

Die Königin näherte sich, um diesem Gespräche ein Ende zu machen, das mehr ein doppeltes Selbstgespräch als ein Dialog gewesen war.

»Herr von Charny,« sagte sie, »Sie waren, wie diese Herren behaupten, auf dem Opernball?«

»Ja, Eure Majestät,« erwiderte Charny, sich verbeugend.

»Sagen Sie mir, was Sie dort gesehen haben.«

»Fragt mich Eure Majestät, was ich dort gesehen, oder wen ich dort gesehen?«

»Ganz richtig ... wen Sie dort gesehen, und keine Discretion, Herr von Charny, kein gefälliges Verschweigen.«

»Ich soll Alles sagen, Madame?«

Die Wangen der Königin bekamen die Blässe wieder, die an diesem Morgen schon zehnmal an die Stelle einer fieberhaften Röthe getreten war.

»Um nach der Hierarchie, nach dem Gesetze meiner Ehrfurcht zu beginnen ...« sprach Charny.

»Gut, Sie haben mich gesehen?«

»Ja, Eure Majestät, in dem Augenblick, wo die Maske der Königin durch ein Unglück gefallen ist.«

Marie Antoinette zerknitterte in ihren nervigen Händen die Spitzen ihres Halstuches.

»Mein Herr!« sagte die Königin mit einer Stimme, in der ein verständigerer Beobachter ein dem Ausbruche nahes Schluchzen errathen hätte, »schauen Sie mich wohl an, sind Sie Ihrer Sache sicher?«

»Madame, die Züge Eurer Majestät sind in die Herzen aller Ihrer Unterthanen eingegraben. Wer Eure Majestät einmal gesehen hat, sieht sie immer.«

Philipp schaute Andrée an, Andrée tauchte ihre Blicke in die von Philipp. Diese zwei Schmerzen, diese zwei Eifersuchten schloßen ein peinliches Bündniß.

»Mein Herr,« wiederholte die Königin, indem sie sich Charny näherte, »ich versichere Sie, daß ich nicht auf dem Opernball gewesen bin.«

»Oh! Madame!« rief der junge Mann, seine Stirne tief gegen den Boden neigend, »hat Eure Majestät nicht das Recht, zu gehen, wohin es ihr gutdünkt, und wäre es in die Hölle? sobald Eure Majestät den Fuß darein gesetzt hat, ist die Hölle gereinigt.«

»Ich bitte Sie nicht, meinen Schritt zu entschuldigen,« versetzte die Königin; »ich bitte Sie, zu glauben, daß ich ihn nicht gethan habe.«

»Ich werde Alles glauben, was mir Eure Majestät zu glauben befiehlt,« erwiderte Charny, bis in den Grund seines Herzens durch diese Dringlichkeit der Königin, durch diese einnehmende Demuth der stolzen Frau bewegt.

»Meine Schwägerin, das ist zu viel,« flüsterte der Graf von Artois Marie Antoinette in's Ohr.

Denn diese Scene hatte alle Anwesenden zu Eis erstarren gemacht: die Einen durch den Schmerz ihrer Liebe oder ihrer verwundeten Eitelkeit; die Anderen durch die Erschütterung, welche immer eine angeklagte Frau hervorbringt, die sich muthig gegen niederschmetternde Beweise vertheidigt.

»Man glaubt es! man glaubt es!« rief die Königin, außer sich vor Zorn; und entmuthigt sank sie in einen Lehnstuhl und trocknete mit dem Ende ihres Fingers die Spur einer Thräne, die der Stolz am Rande ihres Augenlides versengte. Plötzlich erhob sie sich.

»Meine Schwägerin! verzeihen Sie mir,« sagte zärtlich der Graf von Artois, »Sie sind unter ergebenen Freunden; das Geheimniß, vor dem sie übermäßig erschrecken, kennen wir allein, und aus unseren Herzen, in denen es eingeschlossen ist, wird es Niemand, außer mit unserem Leben, herausziehen.«

»Das Geheimniß! das Geheimniß!« rief die Königin, »ich will keines.«

»Meine liebe Schwägerin!«

»Kein Geheimniß. Einen Beweis!«

»Madame, man kommt,« sprach Andrée.

»Madame, der König,« sagte Philipp langsam.

»Der König!« rief ein Huissier im Vorzimmer.

»Der König! desto besser. Oh! der König ist mein einziger Freund, der König würde mich nicht für schuldig halten, selbst wenn er mich bei einem Fehler gesehen zu haben glaubte; der König ist willkommen.«

Der König trat ein. Sein Blick contrastirte gegen diese ganze Unordnung und Verstörtheit der Gesichter um die Königin her.

»Was gibt es?« fragte der König, vorschreitend.

»Mein Herr, ein Gerücht, ein schändliches Gerücht verbreitet sich. Helfen Sie mir, helfen Sie mir, Sire, denn dießmal sind es nicht mehr Feinde, die mich anklagen, es sind meine Freunde.«

»Ihre Freunde?«

»Diese Herren, mein Schwager, verzeihen Sie; der Herr Graf von Artois, Herr von Taverney, Herr von Charny versichern, sie haben mich auf dem Opernball gesehen.«

»Auf dem Opernball?« rief der König, die Stirne faltend.

»Ja. Sire.«

Ein furchtbares Stillschweigen lastete eine Zeit lang auf der ganzen Versammlung.

Frau von La Mothe sah die düstere Unruhe des Königs; sie sah die Todesblässe der Königin: mit einem Worte konnte sie eine so beklagenswerthe Pein verschwinden machen; sie konnte alle diese Anklagen aus der Vergangenheit vernichten und die Königin für die Zukunft retten.

Doch ihr Herz zog sie nicht dahin; ihr Interesse hielt sie von einer solchen Handlungsweise ab. Sie sagte sich, es sei nicht mehr Zeit, sie habe schon in Beziehung auf die Kufe gelogen, und wenn sie ihr Wort zurücknehme, wenn sie sehen lasse, sie habe einmal gelogen, wenn sie der Königin zeige, sie habe sie bei der ersten Anklage nicht schnell genug unterstützt, so richte sich die neue Günstlingin auf den ersten Schlag zu Grunde, zerstöre den Nutzen ihrer zukünftigen Gunst; sie schwieg.

Da wiederholte der König mit einer Miene voll Bangigkeit:

»Auf dem Opernball? Wer hat hievon gesprochen? Weiß es der Herr Graf von Provence?«

»Aber es ist nicht wahr!« rief die Königin mit dem Ausdruck einer verzweifelten Unschuld. »Es ist nicht wahr; der Herr Graf von Artois täuscht sich; Herr von Taverney täuscht sich. Sie täuschen sich, Herr von Charny. Oh! man kann sich täuschen.«

Alle verbeugten sich.

»Auf!« rief die Königin, »man lasse meine Leute, man lasse alle Welt kommen. Man befrage! Nicht wahr, am Sonnabend war dieser Ball?«

»Ja, meine Schwägerin.«

»Nun! was habe ich am Sonnabend gethan? Man sage es mir, denn ich werde wahrhaftig toll, und wenn das so fortgeht, so werde ich am Ende selbst glauben, ich sei auf diesem infamen Opernball gewesen; doch wenn ich dahin gegangen wäre, meine Herren, so würde ich es sagen.«

Plötzlich näherte sich der König mit fröhlichem Auge, heiterer Stirne, ausgestreckten Händen, und fragte:

»Sonnabend, nicht wahr, meine Herren, Sonnabend?«

»Ja, Sire.«

»Nun wohl!« fuhr er immer ruhiger, immer heiterer fort, »darüber darf man Niemand als Ihre Kammerfrau fragen, Marie. Sie wird sich vielleicht erinnern, zu welcher Stunde ich an diesem Tage bei Ihnen eingetreten bin; es war, glaube ich, gegen elf Uhr Abends.«

»Ah!« rief die Königin, berauscht vor Freude, »ja, Sire.«

Und sie warf sich in seine Arme; dann plötzlich roth und verwirrt, weil sie sich angeschaut sah, verbarg sie ihr Gesicht an der Brust des Königs, der zärtlich ihre schönen Haare küßte.

»Wohl!« sagte der Graf von Artois, ganz verblüfft zugleich vor Erstaunen und Freude, »ich werde mir eine Brille kaufen; doch, bei Gott! ich gäbe diese Scene nicht für eine Million, nicht wahr, meine Herren?«

Philipp war, bleich wie der Tod, an das Täfelwerk angelehnt. Kalt und unempfindlich, hatte Charny seine von Schweiß triefende Stirne abgewischt.

»Darum, meine Herren,« sprach der König, freudig bei der Wirkung verweilend, die er hervorgebracht, »darum ist es unmöglich, meine Herren, daß die Königin in jener Nacht auf dem Opernball war. Glauben Sie es, wenn es Ihnen gutdünkt; ich bin fest überzeugt, die Königin begnügt sich damit, daß ich ihr glaube.«

»Gut,« fügte der Graf von Artois bei, »der Herr Graf von Provence mag davon denken, was er will, aber ich fordere seine Frau heraus, auf dieselbe Art ein Alibi zu beweisen, wenn man sie einmal anklagen wird, sie habe die Nacht auswärts zugebracht.«

»Mein Bruder!«

»Sire, ich küsse Ihnen die Hände.«

»Carl, ich gehe mit Ihnen,« sagte der König, nachdem er der Königin einen letzten Kuß gegeben.

Philipp hatte sich nicht gerührt.

»Herr von Taverney!« sprach die Königin mit strengem Tone, »begleiten Sie den Herrn Grafen von Artois nicht?«

Philipp erhob sich plötzlich. Das Blut strömte nach seinen Schläfen und seinen Augen. Er war einer Ohnmacht nahe. Kaum hatte er die Kraft, zu grüßen, Andrée anzuschauen, einen furchtbaren Blick auf Charny zu werfen und den Ausdruck seines wahnsinnigen Schmerzes zurückzudrängen.

Er ging hinaus.

Die Königin behielt Andrée und Herrn von Charny bei sich.

 

Die Lage Andrée's, welche zwischen ihren Bruder und die Königin, zwischen ihre Freundschaft und ihre Eifersucht gestellt war, hätten wir nicht zu skizziren vermocht, ohne den Gang der dramatischen Scene, worin der König wie eine glückliche Entwickelung erschien, langsamer zu machen.

Nichts verdient indessen mehr unsere Aufmerksamkeit, als das Leiden Andrée's. Sie fühlte, daß Philipp sein Leben gegeben hätte, um dieses Zusammensein von Marie Antoinette und Charny zu verhindern, und sie gestand sich, daß sie selbst ihr Herz brechen gefühlt haben würde, hätte sie, um Philipp zu folgen und ihn zu trösten, wie sie es thun mußte, Charny allein frei mit Frau von La Mothe und der Königin, das heißt freier als allein, gelassen.

Was sie empfand, wie sollte sie es sich erklären?

War es Liebe? Oh! die Liebe, hätte sie sich gesagt, keimt nicht, wächst nicht in der kalten Atmosphäre der Hofgefühle. Die Liebe, diese seltene Pflanze, blüht gern in edlen, reinen, unberührten Herzen. Sie schlägt nicht ihre Wurzeln in einem durch Erinnerungen entheiligten Herzen, in einem Boden, der durch Thränen erweicht worden, welche sich seit Jahren zusammendrängen. Nein, es war nicht Liebe, was Fräulein von Taverney für Herrn von Charny empfand. Sie stieß mit Gewalt einen solchen Gedanken zurück, weil sie sich geschworen hatte, nie etwas auf dieser Welt zu lieben.

Warum hatte sie aber denn so sehr gelitten, als Charny einige Worte der Ehrfurcht und Ergebenheit an die Königin gerichtet? Das war sicherlich Eifersucht.

Ja. Andrée gestand sich, daß sie eifersüchtig, nicht auf die Liebe, die ein Mann für eine andere Frau als sie fühlen mochte, sondern auf die Frau war, die diese Liebe einflößen, empfangen, ermächtigen konnte.

Mit Schwermuth sah sie alle die schönen Verliebten des neuen Hofes um sie hergehen: diese muthigen Leute voll Eifer, die sie nicht begriffen und sich entfernten, nachdem sie ihr einige Huldigungen dargebracht, die Einen, weil ihre Kälte nicht Philosophie war, die Anderen, weil diese Kälte einen seltsamen Contrast mit den alten Leichtfertigkeiten bildete, in welchen Andrée geboren worden sein mußte.

Und dann mißtrauen die Männer, mögen sie das Vergnügen suchen oder von Liebe träumen, der Kälte einer Frau von fünfundzwanzig Jahren, die schön, reich, die Günstlingin der Königin ist, und allein, schweigsam, eisig und bleich, auf einem Wege geht, wo es zum höchsten Glück und zur höchsten Freude gereicht, einen ungeheuren Lärmen zu machen.

Ein lebendiges Räthsel sein ist kein Reiz, kein Anziehungsmittel; das hatte Andrée wohl bemerkt; sie hatte die Augen allmälig sich von ihrer Schönheit abwenden, die Geister ihrem Geiste mißtrauen oder ihn leugnen sehen. Sie sah sogar mehr: diese Vernachlässigung wurde eine Gewohnheit bei den Alten, ein Instinct bei den Neuen; es war ebenso wenig gebräuchlich, Fräulein von Taverney anzureden und mit ihr zu sprechen, als es Gewohnheit war, Latona oder Diana in Versailles in ihrem kalten Gürtel von geschwärztem Wasser anzureden. Jeder, der Fräulein von Taverney gegrüßt, seine Pirouette gemacht und einer andern Frau zugelächelt hatte, hatte auch seine Pflicht erfüllt.

Alle diese Nuancen entgingen dem scharfen Auge Andrée's nicht. Sie, deren Herz allen Kummer empfunden hatte, ohne ein einziges Vergnügen zu kennen; sie, die das Alter mit einem Gefolge von bleichem Verdrusse und schwarzen Erinnerungen vorrücken fühlte, sie rief in der Stille denjenigen, welcher bestraft, mehr an, als denjenigen, welcher verzeiht, und indem sie, in ihren schmerzlichen Schlaflosigkeiten, die den glücklichen Liebenden von Versailles als Futter gebotenen Wonnen an sich vorüberziehen ließ, seufzte sie mit einer tödtlichen Bitterkeit:

»Und ich! mein Gott! Und ich!«

Als sie am Tag der großen Kälte Charny fand, als sie die Augen des jungen Mannes sich neugierig auf sie heften und sie allmälig mit einem sympathischen Netze umgeben sah, da erkannte sie nicht mehr die seltsame Zurückhaltung, welche alle Höflinge ihr gegenüber zeigten. Für diesen Mann war sie eine Frau. Er hatte in ihr die Jugend wiedererweckt und den Tod galvanisirt; er hatte den Marmor Diana's und Latona's erröthen gemacht.

Fräulein von Taverney schloß sich auch rasch an diesen Regenerator an, der ihr selbst ihre eigene Lebenskraft wieder zum Bewußtsein gebracht hatte. Sie fühlte sich glücklich, diesen Mann anzuschauen, für den sie kein Räthsel war. Sie war unglücklich bei dem Gedanken, eine andere Frau werde ihrer azurblauen Phantasie die Flügel abschneiden, ihren Traum rauben, der kaum aus dem goldenen Thore hervorgegangen.

Man wird uns verzeihen, daß wir auf diese Art erklärt haben, warum Andrée Philipp nicht aus dem Cabinet der Königin folgte, obgleich sie unter der ihrem Bruder angethanen Beleidigung gelitten hatte, obgleich dieser Bruder für sie eine Vergötterung, eine Religion, beinahe eine Liebe war.

Fräulein von Taverney, welche nicht wollte, daß die Königin unter vier Augen mit Charny blieb, mischte sich, nachdem man ihren Bruder weggeschickt, nicht mehr in's Gespräch.

Sie setzte sich an die Ecke des Kamins, den Rücken beinahe der Gruppe zugewendet, die die Königin, welche saß, Charny, der halb vorgebeugt stand, und Frau von La Mothe bildeten, die sich aufrecht in der Fenstervertiefung hielt, wo ihre falsche Bescheidenheit ein Asyl, ihre wirkliche Neugierde einen günstigen Beobachtungspunkt suchte.

Die Königin blieb einige Minuten schweigsam; sie wußte nicht, wie sie ein neues Gespräch an die so heikle Erklärung, welche so eben stattgefunden, anknüpfen sollte.

Charny schien leidend, und seine Haltung mißfiel der Königin nicht.

Marie Antoinette brach am Ende das Stillschweigen und sagte plötzlich, sowohl ihren eigenen Gedanken, als den der Andern beantwortend:

»Das beweist, daß es uns nicht an Feinden fehlt. Sollte man glauben, daß so erbärmliche Dinge am Hof von Frankreich vorgehen? Sollte man es glauben?«

Charny erwiderte nichts.

»Welch ein Glück,« fuhr die Königin fort, »welch ein Glück, auf Ihren Schiffen in der freien Luft, auf der See zu leben! Man spricht uns Stadtleuten vom Zorne, von der Bosheit der Wellen vor. Oh! mein Herr, mein Herr, schauen Sie sich an! Haben die Wellen des Oceans, die wüthendsten Wellen nicht den Schaum ihres Zornes auf Sie geworfen? Haben ihre Stürme Sie nicht zuweilen, ja sogar oft auf dem Verdeck Ihres Schiffes umgeworfen? Schauen Sie sich an, Sie sind jung, Sie sind gesund, Sie sind geehrt.«

»Madame!«

»Haben die Engländer Ihnen nicht auch ihren Zorn von Flammen und Kartätschen zugeschleudert, einen für das Leben so gefährlichen Zorn? Doch was ist Ihnen daran gelegen? Sie sind unversehrt, Sie sind stark, und wegen des Zornes der Feinde, die Sie besiegt, hat Sie der König beglückwünscht, geliebkost, das Volk kennt und liebt Sie.«

»Nun! Madame?« murmelte Charny, der mit Bangigkeit sah, daß Marie Antoinette sich allmälig fieberisch exaltirte.

»Worauf will ich kommen?« sagte sie; »ah! ja: Gesegnet seien die Feinde, die auf uns die Flamme, das Eisen, die schäumende Welle schleudern; gesegnet seien die Feinde, die nur mit dem Tode drohen!«

»Mein Gott! Madame,« erwiderte Charny, »es gibt keine Feinde für Eure Majestät; so wenig als es Schlangen für den Adler gibt. Alles, was unten am Boden kriecht, bewegt diejenigen nicht, welche in den Wolken schweben.«

»Mein Herr,« entgegnete rasch die Königin, »ich weiß, Sie sind gesund und unversehrt aus der Schlacht, gesund und unversehrt aus dem Sturme zurückgekommen; Sie sind triumphirend und geliebt zurückgekommen, während diejenigen, deren Ruf ein Feind, wie wir sie haben, mit seinem verleumderischen Geifer beschmutzt, allerdings für ihr Leben keine Gefahr laufen, aber nach jedem Sturme altern; sie gewöhnen sich daran, die Stirne zu beugen, weil sie fürchten müssen, wie ich heute, der doppelten, in einem einzigen Angriff verschmolzenen Beleidigung durch Feinde und Freunde zu begegnen. Und dann, mein Herr, wenn Sie wüßten, wie hart es ist, gehaßt zu werden!«

Andrée erwartete voll Angst die Antwort des jungen Mannes; sie zitterte, er würde mit der liebevollen Tröstung antworten, um welche die Königin anzusuchen schien.

Charny aber wischte, ganz im Gegentheil, mit seinem Sacktuch die Stirne ab, suchte einen Stützpunkt auf der Lehne eines Fauteuil und erbleichte.

Die Königin schaute ihn an.

»Ist es nicht zu warm hier?« fragte sie.

Frau von La Mothe öffnete das Fenster mit ihrer kleinen Hand, welche an der Stange rüttelte, wie es nur die kräftige Faust eines Mannes gethan hätte. Charny schlürfte die Luft nur mit Wonne ein.

»Der Herr ist an den Seewind gewöhnt, er wird in den Boudoirs von Versailles ersticken.«

»Das ist es nicht, Madame, aber ich habe um zwei Uhr einen Dienst, und wenn mir Eure Majestät nicht zu bleiben befiehlt ...«

»Nein, mein Herr,« sagte die Königin, »wir wissen, was ein Befehl ist, nicht wahr, Andrée?«

Dann wandte sie sich gegen Charny um und fügte mit leicht gereiztem Tone bei:

»Sie sind frei, mein Herr.«

Und sie entließ den jungen Mann mit einer Geberde.

Charny verbeugte sich wie ein Mensch, der Eile hat, und verschwand hinter dem Thürvorhang.

Nach einigen Secunden hörte man im Vorzimmer etwas wie eine Klage und wie ein Geräusch, das mehrere Personen machen, die sich drängen.

Die Königin war nahe an der Thüre – ob nun aus Zufall, oder daß sie Charny nachschauen wollte, dessen hastiger Abgang ihr seltsam vorgekommen war.

Sie hob den Thürvorhang auf, stieß einen schwachen Schrei aus und war im Begriff, hinauszustürzen.

Doch Andrée, die sie nicht aus dem Auge verloren hatte, befand sich zwischen ihr und der Thüre.

»Oh! Madame!« rief sie.

Die Königin schaute Andrée starr an, doch diese hielt den Blick fest aus.

Frau von La Mothe streckte den Kopf vor.

Zwischen der Königin und Andrée war ein unbedeutender Zwischenraum, und durch diesen Zwischenraum konnte sie den ohnmächtigen Charny sehen, dem die Diener und die Wachen Hilfe leisteten.

Als die Königin die Bewegung der Frau von La Mothe sah, machte sie rasch wieder die Thüre zu.

Doch zu spät; Frau von La Mothe hatte gesehen.

Mit gefalteter Stirne und nachdenklicher Haltung setzte sich Marie Antoinette wieder in ihren Lehnstuhl; sie war der düsteren Beklemmung preisgegeben, welche auf jede heftige Gemüthsbewegung folgt. Sie schien gar nicht zu ahnen, daß um sie her Leute lebten.

Andrée, obgleich sie stehen geblieben war und sich an eine Wand angelehnt hatte, schien nicht minder zerstreut, als die Königin.

Es herrschte einen Augenblick tiefes Stillschweigen.

»Das ist doch seltsam,« sprach laut und plötzlich die Königin, deren Wort ihre erstaunten Gefährtinnen beben machte, so unerwartet war dieses Wort: «Herr von Charny scheint noch zu zweifeln ...«

»Woran zu zweifeln, Madame? fragte Andrée.

»An meiner Anwesenheit im Schlosse in jener Ballnacht.«

»Oh! Madame!«

»Nicht wahr, Gräfin?« sagte die Königin, »habe ich nicht Recht, Herr von Charny zweifelt noch?«

»Trotz des Wortes Seiner Majestät, oh! Madame, das ist unmöglich!« erwiderte Andrée.

»Man kann denken, der König sei mir aus Eitelkeit zu Hilfe gekommen. Oh! er glaubt nicht! nein, er glaubt nicht! das ist leicht zu sehen.«

Andrée biß sich auf die Lippen.

»Mein Bruder ist nicht so ungläubig, als Herr von Charny,« sagte sie; »er schien wohl zu glauben.«

»Oh! das wäre schlimm,« fuhr die Königin fort, welche die Erwiderung Andrée's nicht gehört hatte. »In diesem Falle hätte der junge Mann kein so redliches, reines Herz, wie ich dachte.«

Dann schlug sie zornig in ihre Hände und rief:

»Aber warum sollte er am Ende glauben, wenn er gesehen hat? Der Herr Graf von Artois hat auch gesehen, Herr Philipp hat auch gesehen, er sagt es wenigstens; alle Welt hat gesehen, und es bedurfte des Wortes meines Gemahls, daß man glaubte, oder daß man sich vielmehr den Anschein gab, als glaubte man. Oh! hinter Allem dem steckt etwas, was ich aufklären muß, da Niemand daran denkt. Nicht wahr, Andrée, ich muß den Grund von Allem dem suchen und entdecken?«

»Eure Majestät hat Recht,« sagte Andrée, »und ich bin fest überzeugt, daß Frau von La Mothe auch meiner Ansicht ist und denkt, Eure Majestät müsse suchen, bis sie findet. Nicht wahr, Madame?«

Unversehens überfallen, bebte Frau von La Mothe und antwortete nicht.

»Denn man sagt auch, man habe mich bei Mesmer gesehen,« sprach die Königin.

»Eure Majestät war dort,« sagte hastig und mit einem Lächeln Frau von La Mothe.

»Gut,« erwiderte die Königin, »aber ich habe dort nicht gethan, was das Pamphlet sagt. Und dann hat man mich im Opernhause gesehen, und da war ich nicht.«

Marie Antoinette dachte nach; dann rief sie plötzlich:

»Oh! ich habe die Wahrheit.«

»Die Wahrheit?« stammelte die Gräfin.

»Oh! desto besser!« sagte Andrée.

»Man lasse Herrn von Crosne kommen!« rief die Königin freudig der eintretenden Frau von Misery zu.

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