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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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VII.

Der Alkoven der Königin.

Am andern Tag, oder vielmehr an demselben Morgen, denn unser letztes Capitel endigte Nachts um zwei Uhr, an demselben Morgen, sagen wir, klopfte Ludwig XVI. in veilchenblauem Hauskleid, ohne Orden und ohne Puder, kurz so, wie er aus dem Bette gekommen, an die Thüre des Vorzimmers der Königin.

Eine Frau vom Dienst öffnete diese Thüre ein wenig und sagte, als sie den König erkannte:

»Sire...«

»Die Königin?« fragte der König mit barschem Ton.

»Ihre Majestät schläft, Sire.«

Der König machte eine Geberde, als wollte er die Frau entfernen. Doch diese wich nicht von der Stelle.

»Nun!« sagte der König, »wollen Sie sich wohl rühren? Sie sehen, daß ich hinein will.«

Der König hatte in gewissen Augenblicken eine Raschheit der Bewegung, die seine Feinde Brutalität nannten.

»Die Königin schläft,« entgegnete schüchtern die Frau vom Dienst.

»Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie mir Platz machen sollen,« erwiderte der König.

Und bei diesen Worten schob er wirklich die Frau auf die Seite und ging vorbei.

Als er vor die Thüre des Schlafzimmers kam, sah er Frau von Misery, die erste Kammerfrau der Königin, welche die Messe in ihrem Gebetbuche las.

Diese Dame stand auf, sobald sie den König erblickte.

»Sire,« sprach sie mit leiser Stimme und unter tiefer Verneigung, »Ihre Majestät hat noch nicht gerufen.«

»Ah! wahrhaftig!« versetzte der König mit einer spöttischen Miene.

»Sire, es ist, glaube ich, kaum halb sieben Uhr, und Ihre Majestät läutet nie vor sieben Uhr.«

»Und Sie wissen bestimmt, daß die Königin in ihrem Bette ist? Sie wissen bestimmt, daß sie schläft?«

»Ich möchte nicht behaupten, daß Ihre Majestät schläft; aber ich weiß bestimmt, daß sie in ihrem Bette ist.«

»Sie ist dort?«

»Ja, Sire.«

Der König konnte sich nicht mehr bewältigen. Er ging gerade auf die Thüre zu und drehte den vergoldeten Knopf mit einer geräuschvollen Hast.

Das Zimmer der Königin war dunkel, wie mitten in der Nacht; Läden und Vorhänge erhielten darin, hermetisch geschlossen, die dichteste Finsterniß.

Eine in der entferntesten Ecke des Zimmers auf einem Tischchen brennende Nachtlampe ließ den Alkoven der Königin völlig in Schatten getaucht und die ungeheuren weißen Seidenvorhänge mit goldenen Lilien hingen in wogenden Falten auf das ungeordnete Bett herab.

Der König ging mit raschen Schritten auf das Bett zu.

»Oh! Frau von Misery,« rief die Königin, »welchen Lärmen machen Sie... Sie haben mich nun aufgeweckt.«

Der König blieb erstaunt stehen und murmelte:

»Es ist nicht Frau von Misery.«

»Ah! Sie sind es, Sire,« versetzte die Königin, indem sie sich erhob.

»Guten Morgen, Madame,« sprach der König mit sauersüßem Tone.

»Was für ein guter Wind führt Sie hieher, Sire?« fragte die Königin. »Frau von Misery! Frau von Misery, öffnen Sie doch die Fenster.«

Die Frauen traten ein und öffneten nach der Gewohnheit, die ihnen Marie Antoinette beigebracht hatte, sogleich Thüren und Fenster, um die frische Luft einzulassen, welche die Königin beim Erwachen voll Wonne einschlürfte.

»Sie schlafen mit gutem Appetit,« sagte der König, nachdem er seinen forschenden Blick überall hatte umherlaufen lassen.

»Ja, Sire, ich habe lange gelesen, und würde folglich, wenn mich Eure Majestät nicht geweckt hätte, noch schlafen.«

»Woher kommt es, daß Sie gestern nicht empfangen haben, Madame?«

»Wen empfangen? Ihren Bruder, Herrn von Provence?« versetzte die Königin mit einer Geistesgegenwart, die dem Argwohn des Königs entgegentrat.

»Ganz richtig, meinen Bruder; er wollte Sie begrüßen, und man hat ihn nicht eingelassen.«

»Nun?«

»Man sagte ihm, Sie seien abwesend.«

»Hat man ihm das gesagt?« fragte nachlässig die Königin, »Frau von Misery! Frau von Misery!«

Frau von Misery erschien an der Thüre; sie hielt auf einer goldenen Platte eine Anzahl von Briefen an die Königin.

»Ihre Majestät ruft mich?« fragte Frau von Misery.

»Ja. Hat man gestern Herrn von Provence gesagt, ich sei vom Schlosse abwesend?«

Um nicht vor dem König vorüberzugehen, drehte sich Frau von Misery um diesen und reichte der Königin die Platte mit den Briefen. Sie hielt unter ihrem Finger einen dieser Briefe, dessen Handschrift die Königin erkannte.

»Antworten Sie dem König, Frau von Misery,« fuhr Marie Antoinette mit derselben Nachlässigkeit fort, »sagen Sie Seiner Majestät, was man gestern Herrn von Provence erwidert hat, als er vor meiner Thüre erschien; ich meinerseits erinnere mich dessen nicht mehr.«

»Sire,« sagte Frau von Misery, während die Königin den Brief entsiegelte, »Monseigneur der Graf von Provence kam gestern, um Ihrer Majestät seinen Respect zu bezeigen, und ich antwortete ihm, Ihre Majestät empfange nicht.«

»Auf wessen Befehl?«

»Auf Befehl der Königin.«

»Ah!« machte der König.

Während dieser Zeit hatte die Königin den Brief entsiegelt und folgende Zeilen gelesen:

»Sie sind gestern von Paris zurückgekommen und um acht Uhr Abends in das Schloß eingetreten, Laurent hat Sie gesehen.«

Mit derselben gleichgültigen Miene entsiegelte die Königin sodann ein halbes Dutzend Billet-Briefe und Bittschriften, welche unter ihren Eiderdunen lagen.

»Nun?« fragte sie zum König aufschauend.

»Ich danke, Madame,« sagte dieser zu der ersten Kammerfrau.

Frau von Misery entfernte sich.

»Verzeihen Sie, Sire,« sprach die Königin, »geben Sie mir über einen Punkt Aufklärung.«

»Ueber welchen?«

»Steht es mir frei oder nicht frei, Herrn von Provence zu sehen?«

»Oh! vollkommen frei, Madame, aber...«

»Was wollen Sie? sein Geist ermüdet mich; überdieß liebt er mich nicht; es ist wahr, ich gebe es ihm zurück. Ich erwartete seinen verdrießlichen Besuch und legte mich um acht Uhr in's Bett, um diesen Besuch nicht zu empfangen. Was haben Sie denn, Sire?«

»Nichts, nichts.« – »Man sollte glauben, Sie zweifeln.« – »Aber...« – »Was, aber?« – »Aber ich glaubte Sie gestern in Paris.« – »Um wie viel Uhr?« – »In den Stunden, wo Sie zu Bette gegangen zu sein behaupten.« – »Allerdings, ich bin nach Paris gefahren. Kommt man etwa nicht von Paris zurück?« – »Doch. Es hängt Alles von der Stunde ab, zu der man zurückkommt.« – »Ah, ah! Sie wollen genau die Stunde wissen, zu der ich von Paris zurückgekommen bin?« – »Ja.« – »Das ist ganz leicht, Sire!«

Die Königin rief:

»Frau von Misery!«

Die Kammerfrau erschien wieder.

»Wie viel Uhr war es, als ich gestern von Paris zurückkam, Frau von Misery?« fragte die Königin.

»Ungefähr acht Uhr, Eure Majestät.«

»Ich glaube nicht,« versetzte der König, »Sie müssen sich täuschen, Frau von Misery, erkundigen Sie sich.«

Die Kammerfrau drehte sich steif und unempfindlich nach der Thüre um und sagte:

»Madame Duval!«

»Madame!« erwiderte eine Stimme.

»Um wie viel Uhr ist Ihre Majestät gestern Abend von Paris zurückgekehrt?«

»Es mochte acht Uhr sein,« antwortete die zweite Kammerfrau.

»Sie müssen sich täuschen, Madame Duval,« sagte Frau von Misery.

Madame Duval neigte sich aus dem Fenster des Vorzimmers und rief:

»Laurent?«

»Wer ist das, Laurent?« fragte der König.

»Der Concierge des Thores, durch das Ihre Majestät gestern zurückgekommen ist,« antwortete Frau von Misery.

»Laurent,« rief Madame Duval, »um welche Stunde ist Ihre Majestät gestern Abend nach Hause gekommen?«

»Gegen acht Uhr,« erwiderte der Concierge unten von der Terrasse.

Der König ließ den Kopf sinken.

Frau von Misery entließ Madame Duval, die sodann Laurent entließ.

Die beiden Gatten blieben allein.

Ludwig XVI. schämte sich und strengte sich gewaltig an, diese Scham zu verbergen.

Aber statt über den Sieg zu frohlocken, den sie davon getragen, sagte die Königin mit kaltem Ton zu Ludwig:

»Nun, Sire, was wünschen Sie noch zu wissen?«

»Oh! nichts,« rief der König, seiner Frau die Hände drückend, »nichts.«

»Aber...«

»Verzeihen Sie, Madame, ich weiß nicht recht, was mir durch den Kopf gegangen ist. Sehen Sie, meine Freude, sie ist so groß als meine Reue. Nicht wahr, Sie sind mir nicht böse? Schmollen Sie nicht, bei meinem Wort, ich wäre in Verzweiflung.«

Die Königin zog ihre Hand aus der des Königs zurück.

»Nun! was machen Sie, Madame?« fragte der König.

»Sire,« erwiderte Marie Antoinette, »eine Königin von Frankreich lügt nicht.«

»Nun?« fragte der König erstaunt.

»Damit will ich sagen, daß ich nicht gestern Abend um acht Uhr zurückgekommen bin.«

Der König wich erstaunt zurück.

»Damit will ich sagen, daß ich erst diesen Morgen um sechs Uhr nach Hause gekommen bin,« fuhr die Königin mit derselben Kaltblütigkeit fort.

»Madame!«

»Und daß ich ohne den Herrn Grafen von Artois, der mir ein Asyl angeboten und mich in ein ihm gehöriges Haus einquartirt hat, wie eine Bettlerin vor der Thüre geblieben wäre.«

»Ah! Sie waren nicht nach Hause gekommen,« sagte der König mit düsterer Miene, »ich hatte also Recht?«

»Sire, ich bitte um Verzeihung, Sie ziehen aus dem, was ich gesagt habe, den Schluß eines Arithmetikers, aber nicht den Schluß eines galanten Mannes.«

»Inwiefern, Madame?«

»Insofern Sie, um sich zu versichern, ob ich früh oder spät nach Hause gekommen, nicht nöthig hatten, Befehle zu geben, sondern nur mich aufsuchen und fragen durften: »Um welche Stunde sind Sie zurückgekommen, Madame?«

»Ah!« machte der König.

»Es ist Ihnen nicht mehr erlaubt, zu zweifeln; Ihre Spione waren getäuscht, oder bestochen, Ihre Thore forcirt oder geöffnet, Ihre Besorgnisse waren bekämpft worden, Ihren Verdacht hatte man zerstreut; ich sah, daß Sie sich schämten, gegen eine in ihrem Recht befindliche Frau Gewalt gebraucht zu haben. Ich konnte fortfahren, mich an meinem Siege zu weiden. Aber ich finde Ihr Benehmen schmählich für einen König, unanständig für einen Edelmann, und will mir die Befriedigung, Ihnen das zu bemerken, nicht versagen.«

Der König stäubte seinen Jabot ab, wie ein Mensch, der auf eine Erwiderung sinnt.

»Oh! Sie mögen machen, was Sie wollen, mein Herr, es wird Ihnen nicht gelingen, Ihr Benehmen gegen mich zu entschuldigen.«

»Im Gegentheil, es wird mir leicht gelingen,« versetzte der König. »Vermuthete zufällig irgend Jemand im Schloß, Sie wären nicht nach Haus gekommen? Nun wohl, wenn Jedermann wußte, Sie seien zurückgekehrt, so konnte Niemand glauben, mein Befehl, die Thore zu schließen, sei gegen Sie gerichtet. Ob man ihn den Ausschweifungen des Herrn Grafen von Artois oder irgend eines Andern zugeschrieben, darum bekümmere ich mich, wie Sie begreifen, nicht.«

»Weiter, Sire!«

»Ich fasse mich kurz und sage, wenn ich den Schein gegen Sie gerettet, Madame, habe ich Recht, und Sie haben Unrecht, indem Sie nicht so viel für mich thaten, und wenn ich Ihnen ganz einfach eine geheime Lection geben wollte, wenn Ihnen die Lection frommt, was ich nach der Gereiztheit, die Sie gegen mich kundgeben, glaube, nun, so habe ich abermals Recht, und ich nehme nichts von dem zurück, was ich gethan.«

Die Königin hatte die Antwort ihres erhabenen Gemahls angehört, indem sie sich allmälig beruhigte; aber sie wollte alle ihre Kräfte für den Kampf bewahren, der ihrer Meinung nach, statt beendigt zu sein, kaum anfing.

»Sehr gut!« sagte sie. »Sie entschuldigen sich also nicht, daß Sie die Tochter Maria Theresia's, Ihre Frau, die Mutter Ihrer Kinder wie die nächste beste Person vor der Thüre Ihres Hauses schmachten ließen. Nein, das ist Ihrer Ansicht nach ein ganz königlicher Scherz voll attischen Salzes, dessen Moral seinen Werth verdoppelt. In Ihren Augen ist es also nur eine ganz natürliche Sache, daß Sie die Königin von Frankreich gezwungen haben, die Nacht in dem kleinen Hause zuzubringen, wo der Graf von Artois die Operndämchen und die galanten Frauen Ihres Hofes empfängt? Oh! das ist nichts, nein, ein König schwebt über all diesen Erbärmlichkeiten, besonders ein philosophischer König. Und Sie sind Philosoph, Sire! Bemerken Sie wohl, daß Herr von Artois hiebei die schöne Rolle gespielt hat. Bemerken Sie, daß er mir einen ausgezeichneten Dienst geleistet. Bemerken Sie wohl, daß ich dießmal dem Himmel zu danken gehabt habe, daß mein Schwager ein ausschweifender Mensch ist, da seine Ausschweifung meiner Schmach zum Deckmantel gedient hat, da seine Laster meine Ehre geschützt haben.«

Der König erröthete und bewegte sich geräuschvoll auf seinem Stuhle hin und her.

»Oh!« fuhr die Königin mit einem bitteren Lächeln fort, »ich weiß wohl, daß Sie ein moralischer König sind, Sire. Aber haben Sie bedacht, auf welches Resultat Ihre Moral hinausläuft? Niemand hat erfahren, daß ich nicht zurückgekehrt, sagen Sie? Und Sie selbst haben mich hier geglaubt! Werden Sie sagen, Herr von Provence, Ihr Aufhetzer, habe es geglaubt? Werden Sie sagen, meine Frauen, die Sie diesen Morgen auf meinen Befehl belogen, haben es geglaubt? Werden Sie sagen, Laurent, vom Grafen von Artois und mir erkauft, habe es geglaubt? Ah! der König hat immer Recht, doch die Königin kann auch Recht haben. Nehmen wir diese Gewohnheit an, wollen Sie? Sie, daß Sie mir Spione und Schweizer Wachen zuschicken, und ich, daß ich Ihre Schweizer und Ihre Spione besteche, und ich sage Ihnen, ehe ein Monat vergeht, denn Sie kennen mich und wissen, daß ich nicht an mich halten werde, nun wohl! die Majestät des Thrones und die Würde der Ehe, wir addiren das Alles eines Morgens, wie zum Beispiel heute, zusammen, und werden sehen, was uns Beide dieß kostet.«

Diese Worte hatten offenbar eine große Wirkung auf denjenigen hervorgebracht, an den sie gerichtet waren.

»Sie wissen,« sprach der König mit bebender Stimme, »Sie wissen, daß ich aufrichtig bin, und daß ich mein Unrecht stets gestehe. Wollen Sie mir beweisen, daß Sie Recht haben, wenn Sie von Versailles im Schlitten mit Ihren Cavalieren wegfahren? Eine tolle Truppe, die Sie unter den meisten Umständen, unter denen wir leben, compromittirt? Wollen Sie mir beweisen, daß Sie Recht haben, wenn Sie mit ihnen in Paris verschwinden, wie Masken auf einem Ball, und erst in der Nacht, scandalös spät, wieder erscheinen, während sich meine Lampe bei der Arbeit verzehrt und alle Welt schläft? Sie sprechen von der Würde der Ehe, von der Majestät des Thrones und Ihren Eigenschaften als Mutter? Ist das, was Sie gethan haben, einer Gattin, einer Königin, einer Mutter angemessen?«

»Ich erwidere Ihnen hierauf zwei Worte, und ich sage zum Voraus, ich werde Ihnen noch verächtlicher antworten, als ich bis jetzt gethan habe, denn mir scheint in der That, daß gewisse Theile Ihrer Anklage nur meine Verachtung verdienen.

»Ich habe Versailles im Schlitten verlassen, um schneller nach Paris zu kommen; ich bin mit Fräulein von Taverney weggefahren, deren Ruf, Gott sei Dank! einer der reinsten des Hofes ist, und habe mich nach Paris begeben, um mich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß der König von Frankreich, dieser Vater der großen Familie, dieser philosophische König, diese moralische Stütze aller Gewissen, er, der die fremden Armen ernährt, die Bettler erwärmt und die Liebe des Volkes durch seine Wohlthätigkeit verdient hat, ich wollte mich überzeugen, sage ich, daß der König eine Person aus seiner eigenen Familie, eine Abkömmlingin eines der Könige, welche Frankreich regiert, Hungers sterben, in der Vergessenheit verfaulen, allen Angriffen des Lasters und der Dürftigkeit ausgesetzt ließ.«

»Ich!« versetzte der König erstaunt.

»Ich stieg in eine Art von Speicher hinauf,« fuhr die Königin fort, »und sah die Enkelin eines großen Fürsten ohne Feuer, ohne Licht, ohne Geld; ich gab diesem Opfer der Vergessenheit, der königlichen Gleichgültigkeit hundert Louisd'or. Und da ich mich, über die Nichtigkeit unserer Größen nachdenkend, verspätete, denn auch ich bin zuweilen Philosophin, da es hart gefroren war und die Pferde auf dem Eise schlecht gehen, besonders die Fiaker-Pferde...«

»Die Fiaker-Pferde!« rief der König. »Sie sind im Fiaker zurückgekommen?«

»Ja, Sire, in Nro. 167.«

»Ho! ho!« murmelte der König, indem er sein rechtes, über das linke gekreuztes Bein schaukelte, was bei ihm das Symptom einer lebhaften Ungeduld war; »im Fiaker!«

»Ja, und ich durfte noch von Glück sagen, daß ich diesen Fiaker fand,« erwiderte die Königin.

»Madame,« unterbrach sie der König, »Sie haben wohl gethan; Sie haben stets edle Eingebungen, die sich vielleicht nur zu leicht erschließen; daran aber ist die Wärme des Edelmuths Schuld, wodurch Sie sich auszeichnen.«

»Ich danke, Sire,« erwiderte die Königin mit spöttischem Ton.

»Bedenken Sie wohl,« fuhr der König fort, »daß ich Sie nicht im Verdacht von etwas gehabt habe, was nicht vollkommen loyal und ehrlich gewesen wäre; der Schritt allein und das abenteuerliche Aussehen der Königin haben mir nicht gefallen; Sie haben das Gute gethan wie immer, doch indem Sie Andern Gutes erwiesen, haben Sie Mittel gefunden, Ihnen selbst Schlimmes zuzufügen. Das ist es, was ich Ihnen zum Vorwurf mache. Nun habe ich eine Vergeßlichkeit wieder gut zu machen, ich habe über dem Geschick einer Familie von Königen zu wachen. Ich bin bereit: nennen Sie mir diese Mißgeschicke, und meine Wohlthaten werden nicht auf sich warten lassen.«

»Der Name Valois, Sire, ist, denke ich, berühmt genug, daß er Ihrem Gedächtniß gegenwärtig sein muß.«

»Ah!« rief Ludwig mit einem schallenden Gelächter, »ich weiß nun, was Sie beschäftigt. Die kleine Valois, nicht wahr, eine Gräfin von ... Warten Sie doch...«

»Von La Mothe.«

»Von La Mothe, ganz richtig, ihr Mann ist Gendarm?«

»Ja, Sire.«

»Und die Frau ist eine Intrigantin. Oh! ärgern Sie sich nicht; sie setzt Himmel und Erde in Bewegung, sie überläuft die Minister, sie quält meine Tanten, sie erdrückt mich selbst mit Eingaben, mit Bittschriften, mit genealogischen Beweisführungen.«

»Ei! Sire, daraus geht nur hervor, daß sie bis jetzt vergebens reclamirt hat.«

»Ich läugne es nicht.«

»Ist sie ein Valois oder ist sie keine?«

»Ich glaube wohl, daß sie eine ist.«

»Nun denn! eine Pension, eine anständige Pension für sie, ein Regiment für ihren Mann, kurz einen entsprechenden Hausstand, für Sprößlinge von königlichem Stamm.«

»Oh! sachte, Madame, sachte! Teufel! wie rasch Sie zu Werke gehen! Die kleine Valois wird mir immerhin genug Federn ausrupfen, ohne daß Sie bemüht sind, ihr beizustehen. Sie hat ihren Schnabel, die kleine Valois.«

»Oh! ich befürchte nichts für Sie, Ihre Federn halten fest.«

»Eine anständige Pension, da danke ich! Wissen Sie, wie furchtbar sie diesen Winter meiner Cassette zur Ader gelassen hat? Ein Regiment diesem Gendarmen, der die Speculation gemacht, eine Valois zu heirathen? Ich habe kein Regiment mehr zu vergeben, Madame, nicht einmal an diejenigen, welche es bezahlen oder verdienen. Einen Hausstand würdig der Könige, von denen sie abstammen, diesen Bettlern! Gehen Sie doch! während wir Könige selbst nicht einmal mehr einen reicher Privatleute würdigen Hausstand haben! Der Herr Herzog von Orléans hat seine Pferde und seine Maulthiere nach England geschickt, um sie verkaufen zu lassen, und zwei Drittel seines Haushalts aufgehoben. Ich habe mein Wolfszeug aufgegeben. Herr von Saint-Germain hat auch meine Haustruppen verabschieden lassen. Wir Alle, groß und klein, leben von Entbehrungen, meine Liebe.«

»Aber, Sire, Valois können nicht Hungers sterben.«

»Sagten Sie mir nicht, Sie haben hundert Louisd'or gegeben?«

»Ein schönes Almosen!«

»Es ist königlich.«

»Geben Sie eben so viel.«

»Ich werde mich wohl hüten. Was Sie gegeben, ist genug für uns Beide.«

»Eine kleine Pension also!«

»Keineswegs, nichts Fixes; diese Leute werden Ihnen genug für sich selbst auspressen; sie gehören zu der Familie der Nagethiere. Habe ich Lust zu geben, nun, so werde ich geben ohne Vorgänge, ohne Verpflichtungen für die Zukunft. Mit einem Wort, ich werde geben, wenn ich zu viel Geld habe. Die kleine Valois, doch wahrlich, ich kann Ihnen nicht Alles erzählen, was ich von ihr weiß. Ihr gutes Herz hat sich in der Falle fangen lassen, meine liebe Antoinette. Ich bitte Ihr gutes Herz um Vergebung.«

Indem er so sprach, reichte Ludwig seine Hand der Königin, die sie, einer innern Bewegung nachgebend, ihren Lippen näherte.

Doch plötzlich stieß sie seine Hand wieder zurück und rief:

»Sie sind nicht gut gegen mich. Ich grolle Ihnen.«

»Sie grollen mir, Sie! Nun wohl! ich... ich...«

»Oh! ja, sagen Sie mir, Sie seien mir nicht böse, Sie, der Sie mir die Thore von Versailles verschließen lassen; Sie, der Sie um halb sieben Uhr Morgens in mein Vorzimmer kommen; der Sie meine Thüre mit Gewalt öffnen und mit wüthenden Augen bei mir eintreten.«

Der König lachte.

»Nein,« sagte er, »ich grolle Ihnen nicht.«

»Sie grollen mir nicht? gut.«

»Was geben Sie mir, wenn ich Ihnen beweise, daß ich Ihnen nicht einmal grollte, als ich hierher kam!«

»Zuerst will ich den Beweis von dem haben, was Sie sagen.«

»Oh! das ist leicht,« erwiderte der König, »ich habe den Beweis in der Tasche.«

»Bah!« rief die Königin neugierig, indem sie sich aufsetzte, »Sie haben mir etwas zu geben? Oh! dann sind Sie wirklich sehr liebenswürdig; doch verstehen Sie wohl, ich glaube Ihnen nicht, wenn Sie den Beweis nicht sogleich vorlegen. Oh! keine Ausflüchte. Ich wette, daß Sie abermals versprechen wollen.«

Mit einem Lächeln voll Güte steckte der König nun seine Hand in seine Tasche, wobei er mit der Langsamkeit zu Werke ging, die das Kind für sein Spielzeug, das Thier für seine Leckerbissen, die Frau für ihr Geschenk vor Ungeduld zittern macht. Dann zog er aus seiner Tasche ein rothes, künstlich gemodeltes und vergoldetes Safianetui.

»Ein Etui!« rief die Königin, »oh! lassen Sie sehen.«

Der König legte das Etui auf das Bett.

Die Königin ergriff es rasch und zog es an sich.

Kaum hatte sie das Etui geöffnet, als sie, berauscht, geblendet, ausrief:

»Oh! wie schön ist das! mein Gott! wie schön ist das!«

Der König fühlte etwas wie einen Schauer der Freude sein Herz kitzeln.

»Sie finden?« sagte er.

Die Königin war nicht im Stande, zu antworten, sie keuchte nur.

Dann zog sie aus dem Etui ein Halsband von so großen, so reinen, so leuchtenden, so geschickt zusammengestellten Diamanten, daß es ihr vorkam, als sehe sie über ihre schönen Hände einen Fluß von Phosphor und Flammen laufen.

Das Halsband wogte wie die Ringe einer Schlange, von der jede Schuppe ein Blitz gewesen wäre.

»Oh! das ist herrlich,« sagte die Königin, als sie die Sprache endlich wieder fand. »Herrlich,« wiederholte sie mit Augen, die sich, sei es nun bei der Berührung dieser glänzenden Diamanten, sei es, weil sie dachte, keine Frau der Erde könne ein solches Halsband haben, immer mehr belebten.

»Sie sind also zufrieden?« fragte der König.

»Begeistert, Sire. Sie machen mich zu glücklich.«

»Wahrhaftig?«

»Sehen Sie doch diese erste Reihe, die Diamanten haben die Größe von Haselnüssen.«

»In der That.«

»Und zusammengestellt! Man vermöchte sie nicht von einander zu unterscheiden. Wie die Stufenfolge der Größen geschickt geordnet ist! Wie geistreich sind die Proportionen der Verschiedenheiten zwischen der ersten und zweiten und der zweiten und dritten Reihe! Der Juwelier, der diese Diamanten verbunden und dieses Halsband gemacht hat, ist ein Künstler.«

»Es sind zwei.«

»Dann wette ich, es sind die Herren Böhmer und Bossange.«

»Sie haben es errathen.«

»Wahrlich, nur Sie können es wagen, solche Unternehmungen zu machen. Wie schön ist das, oh! Sire, wie schön!«

»Madame,« versetzte der König, »nehmen Sie sich in Acht, Sie bezahlen dieß Halsband viel zu theuer.«

»Oh!« rief die Königin, »oh! Sire!«

Und plötzlich verdüsterte und neigte sich ihre schöne Stirne.

Diese Veränderung in ihrem Gesicht ging so rasch vor sich und verschwand dann so rasch wieder, daß der König nicht einmal Zeit hatte, sie zu bemerken.

»Gönnen Sie mir ein Vergnügen,« sagte er.

»Welches?«

»Dieses Collier an Ihren Hals zu legen.«

Die Königin hielt ihn zurück.

»Nicht wahr,« sagte sie, »es ist sehr theuer?«

»Meiner Treue, ja,« erwiderte der König lachend, »doch, wie gesagt, Sie haben mehr dafür bezahlt, als es werth ist, und es wird erst an seinem Platze, nämlich an Ihrem Hals, seinen wahren Werth erlangen.«

So sprechend näherte sich Ludwig der Königin, in seinen Händen die beiden Enden des prachtvollen Halsbandes haltend, um es mittelst der Agraffe, die selbst aus einem großen Diamant gemacht war, zu befestigen.

»Nein, nein,« sagte die Königin, »keine Kinderei. Legen Sie dieses Halsband wieder in sein Etui, Sire.«

Und sie schüttelte den Kopf.

»Sie weigern sich, mich es zuerst an Ihnen sehen zu lassen?«

»Oh! Gott verhüte, daß ich Ihnen diese Freude versagte, wenn ich es annähme; aber...«

»Aber...« sagte der König erstaunt.

»Aber weder Sie, Sire, noch irgend Jemand wird ein Collier von diesem Preis an meinem Halse sehen.«

»Sie werden es nicht tragen, Madame?«

»Nie.«

»Sie schlagen es mir ab?«

»Ich weigere mich, mir eine Million, vielleicht anderthalb Millionen an den Hals zu hängen, denn ich schätze dieses Halsband zu fünfzehnmal hunderttausend Livres, ist es nicht so?«

»Ich läugne es nicht,« erwiderte der König.

»Ich weigere mich, an meinen Hals anderthalb Millionen zu hängen, während die Cassen des Königs leer sind, während der König genöthigt ist, Unterstützungen abzulehnen und zu den Armen zu sagen: Ich habe kein Geld mehr, Gott stehe Euch bei!«

»Wie, Sie sagen das im Ernste?«

»Sire, Herr von Sartines sagte mir eines Tages, um fünfzehnmal hunderttausend Livres könne man ein Linienschiff haben, und in der That, Sire, der König von Frankreich bedarf mehr eines Linienschiffs, als die Königin von Frankreich eines Halsbandes.«

»Oh!« rief der König entzückt und die Augen von Thränen befeuchtet, »oh, was Sie hier gethan haben, ist erhaben ... Ich danke, ich danke, Antoinette ... Sie sind eine gute Frau.«

Und um auf eine würdige Weise seiner herzlichen, bürgerlichen Kundgebung die Krone aufzusetzen, umschlang er ihren Hals und küßte sie.

»Oh! wie wird man Sie in Frankreich segnen, Madame, wenn man das Wort erfährt, das Sie gesprochen haben!« rief Ludwig.

Die Königin seufzte.

»Es ist noch Zeit,« sagte der König lebhaft. »Ein Seufzer des Bedauerns?«

»Nein, Sire, ein Seufzer der Erleichterung; schließen Sie dieses Etui und geben Sie es dem Juwelier zurück.«

»Ich habe schon meinen Zahlungstermin bestimmt, das Geld liegt bereit; sprechen Sie, was soll ich thun? Seien Sie nicht so uneigennützig, Madame.«

»Nein, ich habe es mir wohl überlegt. Sire, ich will dieses Halsband entschieden nicht haben; doch ich will etwas Anderes.«

»Teufel! meine sechszehnmal hunderttausend Livres werden geschmälert.«

»Sechszehnmal hunderttausend Livres! Ah! ah! so theuer war das?

»Meiner Treue, Madame, es ist mir das Wort entfahren, und ich nehme es nicht zurück.«

»Beruhigen Sie sich, was ich nun von Ihnen erbitte, wird nicht so viel kosten.«

»Was wünschen Sie?«

»Daß Sie mich noch einmal nach Paris gehen lassen.«

»Oh! das ist leicht, und besonders nicht theuer.«

»Warten Sie, warten Sie.«

»Teufel!«

»Nach Paris, auf die Place Vendome.«

»Teufel! Teufel!«

»Zu Herrn Mesmer.«

Ner König kratzte sich am Ohr.

»Nun,« sagte er, Sie haben eine Phantasie von sechszehnmal hunderttausend Livres ausgeschlagen; ich kann diese wohl durchgehen lassen. Gehen Sie also zu Herrn Mesmer; doch ich stelle ebenfalls eine Bedingung.«

»Welche?«

»Sie werden sich von einer Prinzessin von Geblüt begleiten lassen.«

Die Königin dachte nach.

»Ist Ihnen Frau von Lamballe genehm?« sagte sie.

»Frau von Lamballe, gut.«

»Abgemacht.«

»Ich unterzeiche.«

»Meinen Dank.«

»Und auf der Stelle,« sprach der König, »auf der Stelle werde ich mein Linienschiff bestellen, und ich taufe es: Das Halsband der Königin. Sie sind die Pathin, Madame, dann schicke ich es Lapérouse.«

Der König küßte seiner Frau die Hand, und verließ ganz freudig das Gemach.

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