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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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VI.

Der Befehl.

In dem Augenblick, wo sie weiter gingen, trugen heftige Windstöße an das Ohr der Reisenden die drei Viertel, die es in der St. Ludwigs-Kirche schlug.

»Oh! mein Gott, drei Viertel auf zwölf Uhr,« riefen gleichzeitig die zwei Frauen.

»Alle Gitter sind geschlossen,« fügte die jüngere bei.

»Oh! das bekümmert mich wenig, liebe Andrée, denn wäre das Gitter auch offen geblieben, so würden wir doch sicher nicht durch den Ehrenhof eingetreten sein. Geschwind, geschwind, gehen wir durch die Réservoirs.«

Beide wandten sich nach der Rechten des Schlosses.

Bekanntlich ist hier ein besonderer Gang, der nach den Gärten fühlt.

Man kam zu diesem Gang.

»Das kleine Thor ist geschlossen, Andrée,« sagte unruhig die ältere.

»Klopfen wir an, Madame.«

»Nein, rufen wir. Laurent muß mich erwarten, ich habe ihn benachrichtigt, ich würde vielleicht spät zurückkommen.«

»Nun, so will ich rufen.«

Andrée näherte sich der Thüre.

»Wer ist da?« fragte eine Stimme im Innern, die nicht einmal wartete, bis man rief.

»Oh! das ist nicht die Stimme von Laurent,« sprach erschrocken die junge Frau.«

»In der That, nein.«

Die andere Frau näherte sich ebenfalls.

»Laurent,« flüsterte sie durch das Thor.

Keine Antwort.

»Laurent,« wiederholte die Dame und klopfte zugleich an.

»Es ist kein Laurent hier,« erwiderte barsch die Stimme.

»Oeffnen Sie immerhin, mag es nun Laurent oder nicht Laurent sein,« rief Andrée mit dringlichem Tone.

»Ich öffne nicht.«

»Aber, mein Freund, Sie wissen nicht, daß uns Laurent zu öffnen pflegt.«

»Ich kümmere mich den Teufel um Laurent, ich habe meinen Befehl.«

»Wer sind Sie denn?«

»Wer ich bin?«

»Ja.«

»Und Sie?« fragte die Stimme.

Die Frage war ein wenig brutal, doch es ließ sich nicht feilschen, man mußte antworten.

»Wir sind Damen vom Gefolge Ihrer Majestät. Wir wohnen im Schloß und möchten gern in unsere Wohnung zurückkehren.«

»Wohl! ich, meine Damen, ich bin ein Schweizer von der ersten Compagnie Salischamade, und ich werde ganz das Gegentheil von Laurent thun, ich werde Sie vor der Thüre lassen.«

»Oh!« murmelten die zwei Frauen, von denen die eine der andern voll Zorn die Hände drückte.

Dann, sich bewältigend, sagte sie:

»Ich begreife, daß Sie Ihre Vorschrift beobachten, das ist die Pflicht eines guten Soldaten und Sie sollen sich nicht dagegen verfehlen. Aber ich bitte Sie, erweisen Sie mir nur den Gefallen, Laurent, der nicht fern sein kann, zu benachrichtigen.«

»Ich kann meinen Posten nicht verlassen.«

»Schicken Sie Jemand.«

»Ich habe Niemand.«

»Ich bitte inständig.«

»Ei! alle Wetter, Madame, schlafen Sie in der Stadt. Ist das nicht eine schöne Geschichte! Oh! wenn man mir das Thor der Kaserne vor der Nase schlösse, ich würde wohl ein Lager finden.«

»Grenadier, hören Sie, sprach entschlossen die ältere der beiden Frauen. »Zwanzig Louisd'or für Sie, wenn Sie öffnen.«

»Und zehn Jahre Kettenstrafe; ich danke. Achtundvierzig Livres jährlich, das ist nicht genug.«

»Ich lasse Sie zum Sergenten ernennen.«

»Ja, und der, welcher mir den Befehl gegeben hat, läßt mich erschießen; ich danke.«

»Wer hat Ihnen denn diesen Befehl gegeben?«

»Der König.«

»Der König!« wiederholten die beiden Frauen erschrocken; »oh! wir sind verloren.«

Die Jüngere schien ganz außer sich zu sein.

»Sagen Sie,« fragte die Aeltere, »gibt es keine andern Thore?«

»Oh! Madame, wenn man dieses geschlossen hat, hat man die andern auch geschlossen.«

»Und wenn wir Laurent an diesem Thor nicht finden, welches das seinige ist, wo glauben Sie, daß wir ihn finden?«

»Nirgends, das ist eine abgekartete Sache.«

»Es ist wahr, und Sie haben Recht. Andrée, Andrée, das ist ein furchtbarer Streich vom König.«

Die Dame betonte die letzten Worte mit einer beinahe drohenden Verachtung.

Das Thor der Reservoirs war in der Dicke einer Mauer angebracht, welche tief genug war, um aus dieser Nische eine Art von Vorhaus zu bilden.

Eine steinerne Bank lief an beiden Seiten hin.

Die Damen sanken darauf in einen Zustand der Aufregung, der an Verzweiflung grenzte.

Man sah unter dem Thor einen leuchtenden Strahl; man hörte hinter dem Thor die Tritte des Schweizers, der sein Gewehr bald aufnahm, bald niedersetzte.

Jenseits dieses dünnen Hindernisses von Eichenholz die Rettung; diesseits die Schande, ein Aergerniß, beinahe der Tod.

»Oh! morgen! morgen! wenn man es erfährt!« murmelte die ältere der beiden Frauen.

»Aber Sie werden die Wahrheit sagen?«

»Wird man es glauben?«

»Sie haben Beweise. Madame, der Soldat wird nicht die ganze Nacht wachen,« sagte die junge Frau, die in demselben Maße Muth zu fassen schien, wie ihre Gefährtin ihn verlor; »in einer oder der andern Stunde wird man ihn ablösen, und sein Nachfolger ist vielleicht gefälliger. Warten wir.«

»Ja, aber die Patrouillen werden nach Mitternacht vorüberkommen; man wird mich da außen wartend und mich verbergend finden. Das ist schändlich! Hören Sie, Andrée, das Blut steigt mir zu Kopfe und erstickt mich.«

»Oh! Muth gefaßt, Madame; Sie sind gewöhnlich so stark, ich war vorhin noch so schwach, und nun muß ich Sie unterstützen!«

»Darunter steckt ein Komplott, Andrée, wir sind die Opfer desselben. Das ist noch nie geschehen, nie ist dies Thor geschlossen worden. Ich werde darüber sterben, Andrée, ich sterbe!«

Und sie warf sich rückwärts, als ob sie wirklich erstickte.

In demselben Augenblick erschollen auf dem zu dieser Stunde so wenig betretenen dumpfen weiten Pflaster von Versailles Schritte.

Gleichzeitig vernahm man eine Stimme, eine leichte, heitere Stimme, die Stimme eines singenden jungen Mannes.

Er sang eines von den manierirten Liedern, welche der Epoche angehören, die wir zu schildern versuchen.

Die Damen lauschten.

»Diese Stimme!« riefen sie.

»Ich kenne sie,« sagte die ältere.

»Es ist die von...«

»Er ist es!« sagte Andrée der Dame in's Ohr, deren Unruhe sich so stark geoffenbart hatte, »er ist es, er wird uns retten.«

In diesem Augenblick trat ein junger Mann, in einen weiten Pelzüberrock gehüllt, in die Nische ein, klopfte, ohne die Frauen zu sehen, an die Thüre und lief:

»Laurent!«

»Mein Bruder!« sagte die ältere der beiden Frauen, den jungen Mann an der Schulter berührend.

»Die Königin!« rief dieser, indem er einen Schritt zurückwich und seinen Hut in die Hand nahm.

»So! Guten Abend, mein BruderEs ist hier zur Verdeutlichung zu bemerken, daß man in Frankreich in der freundlichen Umgangssprache Bruder und Schwester für Schwager und Schwägerin sagt. D. Uebers.

»Guten Abend, Madame; guten Abend, meine Schwester, Sie sind nicht allein?«

»Nein, Fräulein Andrée von Taverney ist bei mir.«

»Ah! schön! guten Abend, mein Fräulein.«

»Hoheit,« murmelte Andrée sich verbeugend.

»Sie gehen aus, meine Damen?« fragte der junge Mann. – »Nein.« – »Sie kommen also nach Hause?« – »Wir möchten gern nach Hause kommen.« – »Haben Sie Laurent nicht gerufen?« – »Doch.« – »Nun?« – »Rufen Sie Laurent ebenfalls ein wenig; und Sie werden sehen.« – »Ja, ja, rufen Sie, Hoheit, und Sie werden sehen.«

Der junge Mann, in dem man ohne Zweifel den Grafen von Artois erkannt hat, näherte sich ebenfalls der Thür, klopfte an und rief:

»Laurent!«

»Gut! nun fängt der Spaß wieder an,« sprach die Stimme des Schweizers; »ich sage Ihnen, daß ich, wenn Sie mich länger quälen, den Officier rufen werde.«

»Was ist das?« fragte der junge Mann verblüfft, indem er sich gegen die Königin umwandte.

»Ein Schweizer, den man an die Stelle von Laurent gesetzt hat.«

»Wer hat dieß gethan?« – »Der König.« – »Der König!« – »Der Schweizer hat es uns selbst so eben gesagt.« – »Und mit einem Befehl?« – »Mit einem sehr strengen wie es scheint.« – »Teufel! capituliren wir!« – »Wie dieß?« – »Geben wir dem Burschen Geld.« – »Ich habe ihm geboten und er hat es ausgeschlagen.« – »Bieten wir ihm die Gallonen an.« – »Ich habe sie ihm angeboten.« – »Und?« – »Er wollte nichts hören.« – »Dann gibt es nur ein Mittel.« – »Welches?« – »Ich werde Lärmen machen.« – »Sie werben uns compromittiren; mein lieber Carl, ich flehe Sie an.« – »Ich werde Sie nicht im geringsten compromittiren.« – »Ah!« – »Sie treten beiseit, ich klopfe wie ein Tauber, ich schreie wie ein Blinder, man wird mir am Ende öffnen und Sie gehen hinter mir hinein.« – »Versuchen Sie es.«

Der junge Prinz rief abermals Laurent, dann klopfte er, dann machte er mit seinem Degengriff einen solchen Lärm, daß der Schweizer wüthend schrie:

»Ah! es ist so. Nun wohl! ich rufe meinen Officier.«

»Ei! bei Gott! rufe ihn, Bursche! Das ist es, was ich schon seit einer Viertelstunde verlange.«

Nach einem Augenblicke hörte man Schritte jenseits der Thüre. Die Königin und Andrée stellten sich hinter den Grafen von Artois, bereit, den Durchgang zu benützen, der ohne Zweifel geöffnet werden würde.

Man hörte den Schweizer die ganze Ursache dieses Lärmens erklären.

»Nein Lieutenant, es sind Damen mit einem Manne, der mich Bursche genannt hat. Sie wollen mit Gewalt herein.«

»Nun, was ist darüber zu wundern, daß wir hinein zu kommen wünschen, da wir aus dem Schlosse sind?«

»Das kann ein natürlicher Wunsch sein, mein Herr, doch es ist verboten,« erwiderte der Officier.

»Verboten! Durch wen?«

»Durch den König.«

»Verzeihen Sie, der König kann nicht wollen, daß ein Officier des Schlosses auswärts schläft.«

»Mein Herr, es ist nicht meine Sache, die Absichten des Königs zu untersuchen; ich bin nur verpflichtet, zu thun, was mir der König befiehlt.«

»Hören Sie, Lieutenant, öffnen Sie ein wenig die Thüre, daß wir anders als durch ein Brett sprechen können.«

»Mein Herr, ich wiederhole, daß ich den Befehl habe, das Thor geschlossen zu halten. Wenn Sie aber Officier sind, wie Sie sagen, müssen Sie wissen, was ein Befehl bedeutet.«

»Lieutenant, Sie sprechen mit dem Obersten eines Regiments.«

»Mein Oberst, entschuldigen Sie, doch mein Befehl ist sehr bestimmt.«

»Der Befehl gilt nicht für Prinzen. Mein Herr, ein Prinz schläft nicht auswärts, ich bin Prinz.«

»Mein Prinz, Sie bringen mich in Verzweiflung, aber der König hat befohlen.«

»Hat Ihnen der König befohlen, seinen Bruder wie einen Bettler oder einen Dieb wegzujagen? Ich bin der Graf von Artois, mein Herr. Alle Teufel! Sie wagen viel, daß Sie mich so vor der Thüre frieren lassen.«

»Monseigneur Graf von Artois,« erwiderte der Lieutenant, »Gott ist mein Zeuge, daß ich all' mein Blut für Eure Königliche Hoheit hingeben würde, doch der König hat mir die Ehre erwiesen, mir, indem er mir die Bewachung dieser Thüre anvertraute, zu sagen, ich dürfe Niemand einlassen, selbst nicht ihn, den König, sollte er sich nach elf Uhr einfinden. Ich bitte Sie also um Verzeihung, Monseigneur, ich bin Soldat, und wenn ich an Ihrer Stelle vor diesem Thor Ihre Majestät die Königin vor Kälte erstarrt sähe, ich würde Ihrer Majestät antworten, was ich zu meinem Schmerz Ihnen antworten mußte.«

Hierauf murmelte der Officier ein äußerst ehrfurchtsvolles Gute Nacht und kehrte langsam nach seinem Posten zurück.

Der Soldat, der mit geschultertem Gewehr dicht am Verschlag stand, wagte nicht mehr zu athmen, und sein Herz schlug so stark, daß der Graf von Artois, der sich ebenfalls am Thor anlehnte, das Pulsiren fühlte.

»Wir sind verloren,« sagte die Königin zu ihrem Schwager, indem sie ihn an der Hand nahm.

Dieser erwiderte nichts.

»Es ist bekannt, daß Sie ausgegangen sind?« fragte er.

»Ach! ich weiß es nicht.«

»Vielleicht hat der König auch nur gegen mich diesen Befehl gegeben. Der König weiß, daß ich bei Nacht ausgehe und zuweilen spät zurückkomme. Die Frau Gräfin von Artois wird etwas erfahren und sich bei Seiner Majestät beklagt haben; daher dieser tyrannische Befehl!«

»Oh! nein, nein, mein Bruder; ich danke Ihnen von ganzem Herzen für die Zartheit, mit der Sie mich zu beruhigen suchen, aber die Maßregel ist meinetwegen oder vielmehr gegen mich getroffen worden.«

»Unmöglich, meine Schwester, der König hat zu viel Achtung...«

»Mittlerweile bin ich vor der Thüre, und ein abscheulicher Scandal wird aus einer ganz unschuldigen Sache entstehen. Ah! ich weiß wohl, ich habe einen Feind beim König.«

»Es ist möglich, daß Sie einen Feind beim König haben, Schwesterchen. Ich aber habe eine Idee.«

»Eine Idee? lassen Sie geschwind hören.«

»Eine Idee, worüber Ihr Feind sich ärgern wird, wie ein Esel, der an seinem Halfter aufgeheult ist.«

»Oh! wenn Sie uns nur von der Lächerlichkeit dieser Lage erretten, mehr verlange ich nicht.«

»Ob ich Sie erretten werde! ich hoffe es wohl. Oh! ich bin nicht alberner als er, obgleich er gelehrter ist als ich.«

»Wer, er?«

»Ei! bei Gott! der Herr Graf von Provence!«

»Uh! Sie erkennen also wie ich, daß er mein Feind ist?«

»Ei! ist er nicht der Feind von Allem, was jung, von Allem, was schön, von allem dem, was kann, was er nicht kann?«

»Mein Bruder, Sie wissen etwas über diesen Befehl?«

»Vielleicht; doch vor Allem bleiben wir nicht unter diesem Thor, es ist eine Hundekälte hier. Kommen Sie mit mir, Schwester.«

»Wohin?«

»Sie werden es sehen, an einen Ort, wo es wenigstens minder kalt ist. Kommen Sie; und unter Wegs sage ich Ihnen, was ich von dem Thorschluß denke. Ah! Herr von Provence, mein theurer und unwürdiger Bruder! Geben Sie mir Ihren Arm, meine Schwester; nehmen Sie meinen andern Arm, Fräulein von Taverney, und wenden wir uns rechts.«

Man brach auf.

»Und Sie sagten also, Herr von Provence?« fragte die Königin.

»Ah! ja wohl. Diesen Abend, nach dem Mahle des Königs, kam er in das große Cabinet; der König hatte im Verlaufe des Tages viel mit dem Grafen von Haga gesprochen, und man hatte Sie nicht gesehen.«

»Um zwei Uhr bin ich nach Paris abgefahren.«

»Ich wußte es wohl, erlauben Sie mir, Ihnen das zu sagen, liebe Schwester. Der König dachte eben so wenig an Sie, als an Harun al Raschid und seinen Großvezier Giaffar, und unterhielt sich über Geographie. Ich hörte ziemlich ungeduldig zu, denn ich hatte auch auszugehen. Ah! verzeihen Sie, wir gingen ohne Zweifel nicht aus derselben Ursache aus, somit hatte ich Unrecht...«

»Immerzu, immerzu.«

»Wenden wir uns links.«

»Wohin führen Sie uns denn?«

»Nur noch zwanzig Schritte. Nehmen Sie sich in Acht, es liegt hier ein Schneehaufen. Ah! Fräulein von Taverney, wenn Sie meinen Arm loslassen, werden Sie fallen, das sage ich Ihnen zum Voraus. Kurz, um auf den König zurückzukommen, er dachte nur an die Längen und Breiten, als Herr von Provence zu ihm sagte: »Ich möchte doch gern der Königin meine Ehrfurcht bezeigen.«

»Oh! oh!« machte Marie Antoinette.

»Die Königin speist in ihren Zimmern zu Nacht,« erwiderte der König.

»Ah! ich glaubte, sie wäre in Paris,« fügte mein Bruder bei.

»Nein, sie ist zu Hause,« antwortete ruhig der König.

»Ich komme von ihrer Wohnung her, und man hat mich dort nicht empfangen,« entgegnete der Graf von Provence.

»Da sah ich, wie der König die Stirne faltete. Er entließ uns, meinen Bruder und mich, und erkundigte sich wohl, als wir weggegangen waren. Ludwig ist eifersüchtig, wie Sie wissen, wenn ihn gerade der Schuß ankommt; er wird Sie haben sehen wollen, man hat ihm wohl den Eintritt verweigert, und er hat dann etwas gemuthmaßt.«

»Ganz richtig, Frau von Misery hatte den Befehl.«

»So ist es; und um sich Ihrer Abwesenheit zu versichern, wird er die strenge Verordnung erlassen haben, die uns hinausschließt.«

»Oh! Sie müssen gestehen, Graf, das ist ein abscheulicher Streich.«

»Ich gestehe es, doch wir sind an Ort und Stelle.«

»Dieses Haus?«

»Mißfällt Ihnen, meine Schwester?«

»Oh! ich sage das nicht, es entzückt mich im Gegentheil. Doch Ihre Leute?«

»Nun?«

»Wenn sie mich sehen.«

»Meine Schwester, treten Sie immerhin ein, und ich bürge Ihnen dafür, daß Niemand Sie sieht.«

»Nicht einmal der, welcher mir die Thüren öffnet?« fragte die Königin.

»Nicht einmal der.«

»Unmöglich.«

»Wir wollen es versuchen,« erwiderte lachend der Graf von Artois.

Und er näherte seine Hand der Thüre.

Die Königin hielt seinen Arm zurück.

»Ich flehe Sie an, mein Bruder, nehmen Sie sich in Acht.‹

Der Prinz drückte mit seiner andern Hand in eine zierlich geschnitzte Füllung.

Die Thüre öffnete sich.

Die Königin konnte eine Bewegung der Angst nicht unterdrücken.

»Treten Sie doch ein, meine Schwester, ich beschwöre Sie,« sagte der Prinz; »Sie sehen wohl, daß bis jetzt Niemand da ist.«

Die Königin schaute Fräulein von Taverney wie eine Person an, die sich der Gefahr aussetzen will; dann trat sie über die Schwelle mit einer jener Geberden, welche den Damen so reizend zu Gesicht stehen und besagen wollen:

»Unter der Obhut Gottes.«

Die Thüre schloß sich geräuschlos hinter ihr.

Sie befand sich dann in einem Vorhaus von Stuck mit marmornen Unterlagen: die Platten bildeten ein Mosaik, Blumensträucher vorstellend, während auf marmornen Wandtischchen hundert niedrige, buschige Rosenstöcke ihre, um diese Jahreszeit so seltenen, wohlriechenden Blumenblätter aus ihren japanesischen Gefäßen regnen ließen.

Eine sanfte Wärme, ein süßer Duft fesselten die Sinne dermaßen, daß die zwei Damen, als sie in das Vorhaus kamen, nicht nur einen Theil ihrer Befürchtungen, sondern auch einen Theil ihrer Bedenklichkeiten vergaßen.

»Nun ist es gut; nun sind wir unter Obdach, und das Obdach ist sogar ziemlich bequem, wenn ich es Ihnen gestehen soll,« sagte die Königin. »Doch wäre es nicht ersprießlich, wenn Sie sich mit Einem beschäftigten, mein Bruder?«

»Womit?«

»Damit, daß Sie Ihre Diener entfernen.«

»Oh! das läßt sich leicht machen.«

Und der Prinz ergriff ein Glöckchen, das in der Auskehlung einer Säule stand, und ließ es nur einmal ertönen, dieser einzige Anschlag vibrirte aber geheimnißvoll in den Tiefen der Treppe.

Die zwei Frauen gaben einen schwachen Angstschrei von sich.

»Auf diese Art entfernen Sie Ihre Leute, mein Bruder?« fragte die Königin; »ich hätte im Gegentheil geglaubt, Sie würden dieselben so herbeirufen.«

»Läutete ich zum zweiten Mal, so würde allerdings Jemand kommen; da ich aber nur einmal geläutet habe, so können Sie unbesorgt sein, meine Schwester, Niemand wird kommen.«

Die Königin lachte.

»Sie sind ein Mann der Vorsicht,« sagte sie.

»Sie können nun nicht in einem Vorhaus wohnen, meine Schwester,« fuhr der Prinz fort, »wollen Sie sich die Mühe nehmen, hinaufzugehen?«

»Gehorchen wir,« sprach die Königin; »der Hausgeist scheint mir nicht zu böswillig zu sein.«

Und sie stieg hinauf.

Der Prinz ging ihr voran.

Man hörte nicht einen einzigen Tritt auf den Ambusson-Teppichen, mit denen die Treppe geschmückt war.

Im ersten Stock angelangt, ließ der Prinz ein zweites Glöckchen ertönen, bei dessen Geräusch die Königin und Fräulein von Taverney, da sie nicht darauf aufmerksam gemacht worden waren, abermals bebten.

Doch ihr Erstaunen verdoppelte sich, als sie die Thüren dieses Stockes sich allein öffnen sahen.

»In der That, Andrée,« sagte die Königin, »ich fange an zu zittern; und Sie?«

»Ich, Madame, werde, so lange Eure Majestät vorangeht, voll Vertrauen folgen.«

»Meine Schwester, nichts kann einfacher sein, als das, was hier vorgeht,« sagte der junge Prinz: »Die Thüre Ihnen gegenüber ist die Ihrer Wohnung. Sehen Sie?«

Und er bezeichnete der Königin ein reizendes Plätzchen, dessen Beschreibung wir nicht unterlassen dürfen.

Ein kleines Vorzimmer von Rosenholz mit zwei Etagèren von Boule, Plafond von Boucher, Fußboden von Rosenholz ging in ein Boudoir von weißem Caschemir, gestickt mit Blumen, aus der Hand gearbeitet von den geschicktesten Stickerinnen.

Die Ausstattung dieses Zimmers war eine Tapisserie mit kleinem Seidenstich, mit jener Kunst nüancirt, welche aus einer Gobelins-Tapete in jener Zeit ein Meisterstück machte.

Nach dem Boudoir ein schönes, blaues Schlafzimmer mit Spitzen und Seide von Tours geschmückt, ein kostbares Bett in einem dunklen Alkoven, ein blendendes Feuer in einem Kamin von weißem Marmor, zwölf wohlriechende Kerzen, die auf Candelabern von Clodion brannten, ein Windschirm von lasurblauem Lack mit feinen goldenen Verzierungen in chinesischem Styl – dieß waren die Wunder, welche vor den Augen der Damen erschienen, als sie schüchtern in diesen eleganten Winkel eintraten.

Kein lebendes Wesen zeigte sich; überall Wärme, Licht, ohne daß man in irgend einer Hinsicht die Ursachen so vieler glücklichen Wirkungen errathen konnte.

Die Königin, welche schon mit einer gewissen Zurückhaltung in das Boudoir eingetreten war, blieb einen Augenblick auf der Schwelle des Schlafzimmers.

Der Prinz entschuldigte sich sehr verbindlich wegen der Nothwendigkeit, die ihn antreibe, seine Schwester in ein ihrer unwürdiges Vertrauen zu ziehen.

Die Königin antwortete durch ein Halblächeln, das viel mehr ausdrückte, als alle Worte, die sie hätte aussprechen können.

»Meine Schwester,« fügte der Graf von Artois bei, »Sie sehen hier meine Junggesellenwohnung; ich komme allein herein, und zwar immer allein.«

»Beinahe immer,« sagte Marie Antoinette.

»Nein, immer.«

»Ah!« sagte die Königin.

»Ueberdieß,« fuhr er fort, »überdieß finden sich in diesem Boudoir ein Sopha und eine Bergère, worauf ich sehr oft, wenn mich die Nacht auf der Jagd überraschte, so gut als in meinem Bett geschlafen habe.«

»Ich begreife, daß die Frau Gräfin von Artois zuweilen unruhig ist,« sagte die Königin.

»Allerdings, doch gestehen Sie, meine Schwester, daß die Frau Gräfin, wenn sie über mich unruhig ist, heute Nacht sehr Unrecht haben wird.«

»Heute Nacht, ich leugne es nicht, doch die anderen Nächte...«

»Meine Schwester, wer einmal Unrecht hat, hat immer Unrecht.«

»Fassen wir uns kurz,« sagte die Königin, während sie sich auf ein Fauteuil setzte. »Ich bin furchtbar müde, und Sie, meine arme Andrée?

»Oh! ich, ich breche vor Müdigkeit zusammen, und wenn Eure Majestät mir erlaubt...«

»Sie erbleichen in der That, mein Fräulein,« rief der Graf von Artois.

»Immerzu, meine Liebe,« sprach die Königin, »setzen Sie sich, legen Sie sich sogar nieder, der Herr Graf von Artois tritt uns diese Wohnung ab, nicht wahr, Carl?«

»Als volles Eigenthum, Madame.«

»Einen Augenblick, Graf, ein letztes Wort.«

»Nun?«

»Wenn Sie weggehen, wie sollen wir Sie zurückrufen?«

»Sie bedürfen meiner nicht; einmal hier einquartiert, verfügen Sie über das ganze Haus.«

»Es hat also noch andere Zimmer als dieses?«

»Allerdings; es hat vor Allem ein Speisezimmer, zu dessen Besuch ich Sie einlade.«

»Ohne Zweifel mit einer vollkommen besetzten Tafel?«

»Ei! gewiß, worauf Fräulein von Taverney, die mir dessen sehr zu bedürfen scheint, eine Kraftbrühe, ein Hühnerflügelchen und etwas Xeres finden wird, und wo Sie, meine Schwester, verschiedene Sorten von gekochten Früchten finden, die Sie so sehr lieben.«

»Und dieß Alles ohne Bedienten?«

»Ohne den geringsten.«

»Wir werden sehen. Doch hernach.«

»Hernach?«

»Ja, um in das Schloß zurückzukehren.«

»Sie dürfen gar nicht daran denken, in der Nacht zurückzukehren, da der Befehl gegeben ist. Doch der für die Nacht gegebene Befehl fällt mit dem Eintritt des Tages; um sechs Uhr öffnen sich die Thore. Gehen Sie um drei Viertel auf sechs Uhr von hier weg. Sie finden in den Schränken Mäntel von allen Farben und Formen, wenn Sie sich verkleiden wollen; gehen Sie in's Schloß hinein, wie ich Ihnen sage, begeben Sie sich in Ihr Gemach, legen Sie sich zu Bette und bekümmern Sie sich nicht um das Uebrige.«

»Aber Sie?«

»Wie, ich?«

»Ja, was werden Sie thun?«

»Ich verlasse das Haus.«

»Wie, wir vertreiben Sie, mein armer Bruder?«

»Es wäre nicht schicklich, daß ich die Nacht unter einem Dache mit Ihnen zugebracht hätte, meine Schwester.«

»Aber Sie müssen doch ein Lager haben, und wir berauben Sie des Ihrigen.«

»Oh! es bleiben mir noch drei ähnliche.«

Die Königin lachte.

»Und er sagt, die Frau Gräfin von Artois habe Unrecht, wenn sie sich beunruhige; ich werde sie in Kenntniß setzen,« sprach sie mit einer reizenden Geberde der Drohung.

»Dann werde ich dem König Alles sagen,« versetzte der Prinz in demselben Tone.

»Er hat Recht, wir sind von ihm abhängig.«

»Ganz und gar: das ist demüthigend: doch was kann man machen?«

»Sich unterwerfen. Sie sagen also, um morgen früh wegzugehen, um Niemand zu begegnen?« – »Einmal läuten an der Säule unten.« – »An welcher? an der rechts oder an der links?« _ »Gleichviel.« – »Die Thüre wird sich öffnen?« – »Und wieder schließen.« – »Ganz allein?« – »Ganz allein.«

– »Ich danke. Gute Nacht, mein Bruder.« – »Gute Nacht, meine Schwester.«

Der Prinz verbeugte sich. Andrée schloß die Thüre hinter ihm und er verschwand.

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