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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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V.

Straße nach Versailles

Die beiden Damen befanden sich außerhalb der Angriffe der Menge. Doch es war zu befürchten, daß einige Neugierige, die ihnen gefolgt, sie erkennen und eine Scene erneuern möchten, der ähnlich, welche so eben stattgefunden und der sie dießmal vielleicht mit mehr Schwierigkeit entkommen würden.

Der junge Officier begriff diese Alternative: man sah es an der Thätigkeit, womit er den auf seinem Sitz mehr angefrorenen als eingeschlafenen Kutscher aufzuwecken bemüht war.

Es herrschte eine so furchtbare Kälte, daß gegen die Gewohnheit der Kutscher, die darin wetteifern, daß sie einander durch alle möglichen Mittel die Kunden zu stehlen suchen, keiner von den Kutschern zu vierundzwanzig Sous die Stunde sich rührte, nicht einmal derjenige, an welchen man sich wandte.

Der Officier nahm den Kutscher am Kragen seines armseligen Oberrocks und schüttelte ihn so gewaltig, daß er ihn seiner Erstarrung entriß.

»Hollah! he!« rief ihm der junge Mann in's Ohr, als er sah, daß er ein Lebenszeichen von sich gab.

»Hier, Herr, hier,« sagte der Kutscher, noch träumend und wie ein Trunkener auf seinem Sitze wankend.

»Wohin wollen Sie, meine Damen?« fragte der Officier immer deutsch.

»Nach Versailles,« antwortete die ältere der zwei Frauen in derselben Sprache.

»Nach Versailles!« rief der Kutscher, »Sie haben gesagt, nach Versailles?«

»Allerdings.«

»Oh! ja wohl, nach Versailles. Vier und eine halbe Meile, bei einem solchen Eis! Nein, nein, nein.«

»Man wird gut bezahlen.« versetzte die ältere Dame.

»Man wird bezahlen,« wiederholte der Officier französisch dem Kutscher.

»Und wie viel wird man bezahlen?« fragte dieser von seinem Bock herab, denn er schien kein ungeheures Vertrauen zu haben. »Damit ist es nicht abgemacht, mein Officier, daß man nach Versailles fährt; ist man einmal dort, so muß man auch zurückkehren.«

»Einen Louisd'or, ist das genug?« sagte die jüngere der Damen, fortwährend deutsch sprechend, zu dem Officier.

»Man bietet Dir einen Louisd'or,« wiederholte der junge Mann.

»Ein Louisd'or, das ist nicht mehr als billig,« brummte der Kutscher, »denn ich laufe Gefahr, daß meine Pferde die Beine brechen.«

»Bursche! Du hast nur ein Recht auf drei Livres für die Fahrt von hier bis zum Schlosse der Muetten, was die Hälfte des Weges ist. Du siehst also, daß Du bei dieser Berechnung, wenn man Dir die Hin- und Herfahrt bezahlt, nur zwölf Livres ansprechen kannst, und statt zwölf sollst Du vierundzwanzig bekommen.«

»Oh! handeln Sie nicht,« sagte die ältere von den zwei Damen; »zwei Louisd'or, drei, zwanzig, wenn er nur auf der Stelle abgeht und, ohne anzuhalten, fortfährt.«

»Ein Louisd'or genügt,« entgegnete der junge Officier.

Dann kehrte er zu dem Kutscher zurück und rief ihm zu:

»Vorwärts, Bursche, von Deinem Bocke herab und öffne den Schlag.«

»Ich will zuerst bezahlt sein,« versetzte der Kutscher.

»Du willst!«

»Das ist mein Recht.«

Der Officier machte eine Bewegung vorwärts.

»Bezahlen wir voraus, bezahlen wir,« sagte die ältere der Damen.

Und sie stöberte rasch in ihrer Tasche. »Oh! mein Gott,« sprach sie leise zu ihrer Gefährtin, »ich habe meine Börse nicht.«

»Wahrhaftig?«

»Und Sie, Andrée, haben Sie die Ihrige?«

Die jüngere Dame stöberte ebenfalls mit derselben Angst.

»Ich... ich auch nicht.«

»Suchen Sie in allen Ihren Taschen.«

»Vergebens,« rief die junge Frau voll Aerger, denn sie sah den Officier ihnen während dieser Erörterung mit dem Auge folgen, und der pöbelhafte Kutscher öffnete schon den Mund, um zu lächeln, denn er wünschte sich Glück zu dem, was er vielleicht leise eine glückliche Vorsicht nannte.

Die Damen suchten umsonst, weder die eine, noch die andere fand einen Sou.

Der Officier sah sie ungeduldig werden, erröthen, erbleichen; die Lage der Dinge verwickelte sich.

Die Damen waren eben im Begriff, eine Kette oder irgend ein Juwel als Pfand zu geben, als der Officier, um ihnen jeden Verdruß zu ersparen, der ihr Zartgefühl verletzt hätte, einen Louisd'or aus der Tasche zog und ihn dem Kutscher reichte.

Dieser nahm den Louisd'or, beschaute ihn, wog ihn auf der Hand, während eine der beiden Damen dem Officier dankte: dann öffnete er seinen Kutschenschlag und die Dame stieg, gefolgt von ihrer Gefährtin ein.

»Und nun, Bursche,« sagte der junge Mann zu dem Kutscher, »führe diese Damen und zwar tüchtig und redlich besonders, hörst Du?«

»Oh! Sie brauchen mir das nicht zu empfehlen, das versteht sich von selbst.«

Während dieses kurzen Gesprächs beriethen sich die Damen.

Sie sahen in der That ihren Führer, ihren Beschützer bereit, sie zu verlassen.

»Madame,« sagte leise die jüngere zu ihren Gefährtin, »er darf sich nicht entfernen.«

»Warum das? fragen wir ihn nach seinem Namen und seiner Adresse: morgen schicken wir ihm seinen Louisd'or mit einem Wörtchen des Dankes, das Sie ihm schreiben werden.

»Nein, Madame, nein, ich flehe Sie an, behalten wir ihn; wenn der Kutscher unredlich ist, wenn er unter Weges Schwierigkeiten macht ... Bei einer solchen Witterung sind die Wege schlecht; an wen könnten wir uns wenden, um Beistand zu verlangen?«

»Oh! wir haben seine Nummer und den Buchstaben der Regie.«

»Sehr gut, Madame, und ich leugne nicht, daß Sie ihn später kennen und lahm schlagen lassen würden; mittlerweile aber kommen Sie heute Nacht nicht nach Versailles, und was wird man dann sagen, großer Gott!«

Die ältere von den zwei Damen dachte nach.

»Es ist wahr,« sagte sie.

Doch schon verbeugte sich der Officier, um Abschied zu nehmen.

»Mein Herr, mein Herr,« sagte Andrée in deutscher Sprache, »erlauben Sie nur noch ein Wort.«

»Zu Ihren Befehlen, Madame, erwiderte der Officier, sichtbar mißstimmt, wahrend er indessen in seiner Miene und im Ton seiner Stimme die äußerste Höflichkeit beobachtete.

»Mein Herr,« fuhr Andrée fort, »nach den vielen Diensten, die Sie uns schon geleistet, können Sie uns eine Gefälligkeit nicht abschlagen.«

»Sprechen Sie!«

»Nun denn! wir müssen Ihnen gestehen, wir haben bange vor dem Kutscher, der die Unterhandlung auf eine so ärgerliche Weise angefangen hat.«

»Sie haben Unrecht, wenn Sie Besorgnisse hegen,« erwiderte der Officier. »Ich weiß seine Nummer 107, den Buchstaben der Regie Z. Sollte er Ihnen eine Unannehmlichkeit bereiten, so wenden Sie sich an mich.«

»An Sie?« entgegnete Andrée, die sich vergaß, französisch; »wie sollen wir uns an Sie wenden, da wir nicht einmal Ihren Namen kennen?«

Der junge Mann machte einen Schritt rückwärts.

»Sie sprechen französisch!« rief er ganz erstaunt, »Sie sprechen französisch und verdammen mich seit einer halben Stunde, deutsch zu radebrechen! Oh! wahrhaftig, Madame, das ist boshaft!«

»Entschuldigen Sie, mein Herr,« erwiderte französisch die andere Dame, die ihrer verblüfften Gefährtin muthig zu Hilfe kam. »Sie sehen wohl, daß wir, ohne vielleicht Fremde zu sein, in Paris in einem Fiaker besonders nicht heimisch sind. Sie sind Weltmann genug, um zu begreifen, daß wir uns nicht in einer natürlichen Stellung befinden. Uns nur zur Hälfte verbinden, hieße uns unverbindlich begegnen. Minder discret sein, als Sie es bis jetzt gewesen sind, hieße indiscret sein. Wir urtheilen gut von Ihnen, mein Herr; wollen Sie nicht schlecht von uns urtheilen, und wenn Sie uns einen Dienst erweisen können, nun! so thun Sie es ohne Rückhalt, oder erlauben Sie uns, Ihnen zu danken und einen andern Beistand zu suchen.«

»Madame,« antwortete der Officier, betroffen von dem zugleich edlen und reizenden Ton der Unbekannten, »verfügen Sie über mich.«

»Dann haben Sie die Gefälligkeit, zu uns einzusteigen.«

»In den Fiaker?«

»Und uns zu begleiten.«

»Bis Versailles?«

»Ja, mein Herr.«

Ohne etwas zu erwidern, stieg der Officier ein, nahm Platz auf dem Vordersitz und rief dem Kutscher: »Vorwärts!« zu.

Sobald die Kutschenschläge geschlossen, die Mäntelchen und Pelze zu gemeinschaftlicher Benützung gelegt waren, schlug der Fiaker den Weg durch die Rue Saint-Thomas du Louvre ein, und fuhr dann über die Place du Carroussel und die Glacis entlang.

Der Officier kauerte sich, seinen Ueberrock sorgfältig über seinen Schooß ausgebreitet, in eine Ecke, der älteren von den zwei Damen gegenüber.

Es herrschte das tiefste Stillschweigen im Innern.

Der Kutscher, wollte er nun getreulich dem Vertrag nachkommen, oder hielt ihn die Gegenwart des Officiers durch eine ehrerbietige Furcht im Kreise der Redlichkeit, der Kutscher ließ seine mageren Rosse mit Beharrlichkeit auf dem schlüpfrigen Pflaster der Quais und des Conférence-Weges laufen.

Der Hauch der drei Reisenden erwärmte indessen unmerklich den Fiaker. Ein zarter Geruch verdichtete die Luft und führte nach dem Gehirn des jungen Mannes Eindrücke, welche sich mit jedem Augenblick günstiger für seine Gefährtinnen gestalteten.

»Es sind,« dachte er, »es sind Frauen, die sich bei einem Rendezvous verspätet haben und nun, ein wenig erschrocken, ein wenig beschämt, nach Versailles zurückkehren.

»Warum,« sprach der Officier in seinem Innern weiter, »warum fahren diese Frauen, wenn es Damen von einiger Distinction sind, in einem Cabriolet, und warum fahren sie besonders selbst?«

»Oh! darauf gibt es eine Antwort.«

»Das Cabriolet war zu eng für drei Personen, und zwei Frauen werden sich keinen Zwang anthun, um einen Lakai zu sich sitzen zu lassen.

»Doch weder bei der Einen noch bei der Andern Geld! ein ärgerlicher Einwurf, der Ueberlegung verdient.

»Ohne Zweifel hatte der Lakai die Börse. Das Cabriolet, das nun in Stücke gegangen sein muß, war von einer vollkommenen Eleganz. Und das Pferd! ... wie ich mich auf Pferde verstehe, hatte es einen Werth von hundertundfünfzig Louisd'or.

»Nur reiche Frauen können ein solches Cabriolet und ein solches Pferd ohne Bedauern preisgeben. Der Mangel an Geld bedeutet also durchaus Nichts.

»Ja, doch die Manie, eine fremde Sprache zu sprechen, wenn man Französin ist!

»Gut; doch dieß beweist gerade eine ausgezeichnete Erziehung. Es ist nicht natürlich für Abenteurerinnen, daß sie Deutsch mit einer ganz germanischen Reinheit und Französisch wie Pariserinnen sprechen.«

»Ueberdieß ist eine angeborne Distinction bei diesen Frauen bemerkbar.

»Die Bitte der jüngeren war rührend.

»Das Ersuchen der älteren war edel, gebieterisch.

»Dann, wahrhaftig,« fuhr der junge Mann fort, wahrend er seinem Degen im Fiaker eine solche Richtung gab, daß er seine Nachbarinnen nicht belästigte, »sollte man nicht glauben, es sei gefährlich für einen Militär, zwei Stunden in einem Fiaker mit zwei hübschen Frauen zuzubringen?

»Hübsch und discret,« fügte er bei; denn sie reden nicht und warten, daß ich ein Gespräch anknüpfe.«

Die zwei Frauen dachten ohne Zweifel an den jungen Officier, wie der junge Officier an sie dachte; denn in dem Augenblick, wo er seine Gedanken vollends abgeschlossen hatte, wandte sich die eine der beiden Damen an ihre Gefährtin und sagte englisch:

»Meine liebe Freundin, dieser Kutscher führt uns wahrhaftig wie Todte; wir werden nie nach Versailles kommen. Ich wette, unser armer Gefährte langweilt sich zum Sterben.«

»Unsere Unterhaltung ist auch nicht sehr belustigend,« erwiderte lächelnd die jüngere.

»Finden Sie nicht auch, daß er das Aussehen eines durchaus anständigen Menschen hat?«

»Gewiß, Madame.«

»Ueberdieß haben Sie bemerkt, daß er Marine-Uniform trägt?«

»Ich verstehe mich nicht viel auf Uniformen.«

»Wohl! er trägt, wie ich Ihnen sage, die Uniform eines Marine-Officiers, und alle Officiere der Marine sind von gutem Haus; die Uniform steht ihm schön, und er ist ein hübscher Cavalier, nicht wahr?«

Die junge Frau wollte antworten und wahrscheinlich ihrer Gefährtin beipflichten, als der Officier eine Geberde machte, die ihr den Mund schloß.

»Verzeihen Sie, meine Damen,« sagte er in vortrefflichem Englisch, »ich glaube, Ihnen bemerken zu müssen, daß ich das Englische ziemlich leicht spreche und verstehe; doch Spanisch verstehe ich nicht, und wenn Sie dieser Sprache mächtig sind und sich darin unterhalten wollen, so sind Sie wenigstens sicher, daß ich den Sinn Ihrer Worte nicht zu erfassen vermag.«

»Mein Herr,« erwiderte die Dame lachend, »wir wollten nicht schlimm von Ihnen sprechen, wie Sie bemerken konnten; wir thun uns auch keinen Zwang mehr an und sprechen nun Französisch, wenn wir uns etwas zu sagen haben.«

»Ich danke für diese Gunst, Madame; sollte übrigens meine Gegenwart Sie belästigen...«

»Sie können das nicht voraussetzen, mein Herr, da wir Sie gebeten haben.«

»Aufgefordert sogar,« sagte die jüngere von den zwei Frauen.

»Beschämen Sie mich nicht, Madame, und verzeihen Sie mir einen Augenblick der Unentschiedenheit; nicht wahr, Sie kennen Paris? Paris ist voll vor Schlingen, Täuschungen und Widerwärtigkeiten.«

»Sie hielten uns also für? – Sagen Sie es offenherzig.«

»Der Herr hat uns ganz einfach für Schlingen gehalten.«

»Oh! meine Damen,« erwiderte der junge Mann, sich demüthigend, »ich schwöre Ihnen, daß mir nichts dergleichen eingefallen ist.«

»Verzeihen Sie, was gibt es denn? der Fiaker hält an.«

»Was ist geschehen?«

»Ich will nachsehen, meine Damen.«

»Ich glaube, wir werden umgeworfen, nehmen Sie sich in Acht, mein Herr,« sagte die jüngere Dame.

Und ihre Hand streckte sich mit ungestümer Bewegung aus und verweilte auf der Schulter des jungen Mannes.

Der Druck dieser Hand machte ihn beben.

Durch einen ganz natürlichen Antrieb suchte er sie zu fassen, schon aber hatte sich Andrée, die einer ersten Bewegung der Angst nachgegeben, wieder in den Hintergrund des Fiakers zurückgeworfen.

Der Officier, den nun nichts mehr zurückhielt, sprang aus dem Wagen und fand den Kutscher beschäftigt, eines von seinen Pferden aufzuheben, das sich in der Deichsel und den Strängen verwickelte.

Man war in der Nähe der Brücke von Sèvres.

Durch die Hilfe, die der Officier dem Kutscher leistete, war das arme Thier bald wieder auf seinen Beinen.

Der Kutscher, der sich zu einem liebenswürdigen Kunden Glück wünschte, ließ seine Peitsche, ohne Zweifel in der doppelten Absicht, seine Rosse und sich selbst wieder zu beleben, lustig knallen.

Doch man hätte glauben sollen, die durch den offenen Schlag eindringende Kälte habe das Gespräch vereist und die zunehmende Vertraulichkeit gefrieren gemacht, worin der junge Mann einen Reiz zu finden anfing, von dem er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte.

Man erkundigte sich einfach bei ihm nach dem Vorfall; er erzählte, was sich ereignet hatte.

Dieß war Alles und das Stillschweigen lastete abermals auf dem reisenden Trio.

Der Officier, den diese warme, zitternde Hand ungemein in Anspruch genommen hatte, wollte wenigstens einen Fuß dafür haben.

Er streckte daher das Bein aus, doch so geschickt er auch war, er traf nichts, oder vielmehr, wenn er etwas traf, so hatte er den Schmerz, das, was er vor sich getroffen, fliehen zu sehen.

Einmal sogar, als er am Fuß der älteren von diesen beiden Frauen anstreifte, sagte diese mit der größten Kaltblütigkeit:

»Nicht wahr, ich beenge Sie furchtbar, mein Herr? verzeihen Sie.«

Der junge Mann erröthete bis über die Ohren und wünschte sich Glück, daß die Nacht finster genug war, um seine Röthe zu verbergen.

Dann war Alles gesagt, und hier endigten die Unternehmungen.

Wieder stumm, unbeweglich und ehrerbietig geworden, als befände er sich in einem Tempel, fürchtete er sich zu athmen, und machte sich klein wie ein Kind.

Allmälig aber und unwillkürlich bemächtigte sich ein seltsamer Eindruck seines ganzen Geistes, seines ganzen Wesens.

Er fühlte die zwei reizenden Frauen, ohne sie zu berühren, er sah sie, ohne sie zu sehen; nach und nach gewöhnte er sich daran, in ihrer Nähe zu leben, und es kam ihm vor, als verschmelze sich ein Theilchen von ihrem Dasein mit dem seinigen. Um Alles in der Welt hätte er das erloschene Gespräch wieder anknüpfen mögen, allein er wagte es nicht, denn er fürchtete die Alltäglichkeiten, er, der es beim Abgang verachtete, nur eines von den einfachsten Worten der Weltsprache anzubringen. Er besorgte, albern oder frech vor diesen Frauen zu erscheinen, denen er eine Stunde zuvor viel Ehre zu erweisen glaubte, wenn er ihnen das Almosen eines Louisd'or und eine Artigkeit spende.

Mit einem Wort – alle Sympathien in diesem Leben erklären sich durch die Verwandtschaft der zu geeigneter Zeit in Berührung gesetzten Fluida, und so war es auch hier: ein mächtiger Magnetismus, den Düften und der jugendlichen Wärme dieser drei durch den Zufall zusammengebrachten Körper entströmt, beherrschte den jungen Mann, erschloß ihm den Geist und erweiterte zugleich sein Herz.

So entstehen, leben und sterben zuweilen binnen einigen Augenblicken die ächtesten, wonnigsten und glühendsten Leidenschaften.

Sie haben den Zauber, weil sie ephemer sind, sie haben die Stärke, weil sie im Raume gehalten werden.

Der Officier sagte nicht ein einziges Wort mehr. Die Damen sprachen leise unter sich.

Da indessen sein Ohr beständig offen war, so faßte er unzusammenhängende Worte auf, welche jedoch seiner Einbildungskraft einen Sinn boten.

Er hörte:

»Die vorgerückte Stunde ... die Thore ... der Vorwand für die Fahrt...«

Der Fiaker hielt abermals an.

Dießmal war es weder ein gefallenes Pferd, noch ein zerbrochenes Rad. Nach drei Stunden muthiger Anstrengung hatte sich der brave Kutscher die Arme erwärmt, das heißt, er hatte seine Rosse vor Schweiß triefen gemacht und Versailles erreicht, dessen lange, düstere, öde Alleen unter dem röthlichen Schimmer einiger durch den Reif weiß gewordenen Laternen wie eine doppelte Procession schwarzer, fleischloser Schatten erschienen.

Der junge Mann begriff, daß man angelangt war. Durch welchen Zauber war ihm die Zeit so kurz vorgekommen?

Der Kutscher neigte sich gegen das Vorderfenster und sagte:

»Herr, wir sind in Versailles.«

»Wo soll er anhalten, meine Damen?« fragte der Officier.

»Auf der Place d'Armes.«

»Nach der Place d'Armes,« rief der junge Mann dem Kutscher zu.

»Ich soll nach der Place d'Armes fahren?« fragte dieser.

»Ja, da man es Dir sagt.«

»Es wird ein kleines Trinkgeld geben?« versetzte grinsend der Auvergnat.

»Immer zu.«

Die Peitschenhiebe fingen wieder an.

»Ich muß doch sprechen,« dachte der Officier. »Ich werde für einen Dummkopf gelten, nachdem ich für einen frechen Menschen gegolten habe.«

»Meine Damen,« sagte er, nicht ohne abermals zu zögern, »Sie sind nun zu Hause.«

»Durch Ihren edelmüthigen Beistand.«

»Welche Mühe haben wir Ihnen gemacht!« sprach die jüngere der beiden Damen.

»O! ich habe das mehr als vergessen. Madame.«

»Aber wir, mein Herr, wir werden es nicht vergessen. Ihr Name, wenn es gefällig wäre, mein Herr?«

»Mein Name? Oh!«

»Es ist dieß das zweite Mal, daß man Sie darum bittet. Nehmen Sie sich in Acht!«

»Und nicht wahr, Sie wollen uns kein Geschenk mit einem Louisd'or machen?«

»Oh! wenn dem so ist,« versetzte der Officier etwas gereizt, »so gebe ich nach: ich bin der Graf von Charny, dabei, wie Madame bemerkt hat, Officier in der königlichen Marine.«

»Charny!« wiederholte die ältere der beiden Damen in einem Ton, mit dem sie etwa gesagt hätte: »Es ist gut, ich werde es nicht vergessen.«

»Georges, Georges von Charny,« fügte der Officier bei.

»Georges,« murmelte die jüngere Dame.

»Und Sie wohnen?«

»Hotel des Princes, Rue de Richelieu.«

Der Fiaker hielt an.

Die ältere von den Damen öffnete selbst den Schlag zu ihrer Linken, sprang behend zur Erde und reichte ihrer Gefährtin die Hand.

Der junge Mann aber, der ihnen zu folgen sich anschickte, rief:

»Meine Damen, nehmen Sie wenigstens meinen Arm an, Sie sind noch nicht zu Hause, und die Place d'Armes ist keine Wohnung,«

»Rühren Sie sich nicht von der Stelle,« sagten gleichzeitig die zwei Frauen.

»Wie, ich soll mich nicht rühren?«

»Nein, bleiben Sie im Fiaker.«

»Aber allein gehen, bei Nacht, bei diesem Wetter? unmöglich!«

»Gut, nachdem Sie sich beinahe geweigert haben, uns zu verbinden, wollen Sie uns durchaus zu sehr verbinden,« versetzte mit heiterem Tone die ältere der beiden Damen.

»Aber...«

»Es gibt kein Aber. Seien Sie bis an's Ende ein artiger und biederer Cavalier. Ich danke Ihnen, Herr von Charny. ich danke Ihnen aus dem Grund meines Herzens, und da Sie ein artiger und biederer Cavalier sind, wie ich Ihnen so eben sagte, so verlangen wir nicht einmal Ihr Wort von Ihnen.«

»Mein Wort? wofür?«

»Daß Sie den Schlag schließen und den Kutscher nach Paris zurückkehren heißen; was Sie thun werden, nicht wahr, ohne nach uns umzuschauen.«

»Sie haben Recht, meine Damen, und mein Wort wäre unnütz. Kutscher, mein Freund, kehren wir zurück.«

Und der junge Mann drückte dem Kutscher noch einen Louisd'or in seine plumpe Hand.

Der würdige Auvergnat bebte vor Freude.

»Alle Teufel,« sagte er, »die Pferde mögen darüber krepiren, wenn sie wollen.«

»Ich glaube das wohl, sie sind bezahlt,« murmelte der Officier.

Der Fiaker rollte, und er rollte rasch. Er erstickte durch das Geräusch der Räder einen Seufzer des jungen Mannes, einen wollüstigen Seufzer, denn der Sybarite hatte sich auf die noch von den zwei unbekannten Schönen warmen Kissen gelegt.

Sie aber waren auf derselben Stelle geblieben, und erst als der Fiaker verschwunden, wandten sie sich nach dem Schloß.

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